Eichmann 2 part 1, Eichmann Adolf

/1/

G”tzen

/2/

I. Teil

/3/
,G”tzen” Teil I.
Inhalt:
Quellenverzeichnis zum Teil I —- 4 Seiten
Teil I (Nummeriert von 1-220;
aber durch a,b,c,d, usf.
Einfgungen) Total 228 Seiten
(unterteilt in
20 Abschnitte.)
Achtung!
Bei der Quellenverzeichnisnummer /39/
fehlt die Dokumenten Nummer. Es handelt sich um den Wetzelschen-Handschrift-
Entwurf. Darf ich Dr. Servatius bitten, diese No. In das Quellenverzeichnis unter
/39/ einsetzen zu wollen.
Adolf Eichmann
6 – 9 – 61.

/4/
G”tzen
Inhalt:
Worte fr den Lektor
Leitspruch + Widmung
Vorwort – – – – – – – – – 8 Seiten.

Adolf Eichmann
Haifa, den
6 – 9 – 61

/5/ AE: 1

Beim Anlesen und šberfligen(sic) dieses Manuskriptes, muá ich feststellen, daá
es mir zu leer und zu oberfl„chlich erscheint. Auch habe ich die Absicht, mich mit
dem ,Antisemitismus” n„her auseinanderzusetzen. Hierzu aber ben”tige ich noch
einiges Quellenstudium. Aus diesen Grnden weiá ich nicht, und habe ich nicht
den Mut zu entscheiden, ob dieses so bleiben kann wie es ist und in einem zweiten
Manuskript – gewissermaáen als Fortsetzung – das mir fehlend Erscheinende zu
bringen, oder ob ich dieses Manuskript gelegentlich vervollst„ndigen soll.
An Dr. Servatius m. d. B. um Kenntnisnahme und Beurteilung.
(Unterschriftskrzel) XI. 61.
P.S. Es ist eben doch nicht so leicht, als Gefangener ein Manuskript von sich zu
geben, welches dann erst noch einer Zensur unterzogen wird; da fhlt man sich
beim Schreiben nicht frei genug; dies muá man bercksichtigen. W„re es nur eine
,Lektorenzensur”; oder w„re ich zurck, dann wrde es sicherlich fr mich als
Skribent einfacher sein.
Am liebsten w„re mir, ich k”nnte es ausfhrlicher u. freundlicher neufassen.
(Unterschriftskrzel)
/6/

/The page numbered /19/ with Eichmann`s
instructions to the censor and instructions
regarding the use of this manuscript, should,
in my opinion, be here.
E. Friesel,10/1999/

/7/ AE: (2)
Meine pers”nliche Meinung zuvor:
Die Art meines ,Schreibens” ist eher ,sddeutsch-bajuvarisch” zu nennen. Sollte
der Lektor aus diesem Raume stammen, ist es m”glich, daá es fr das Buch von
Vorteil w„re. (Es m”ge lediglich ein Hinweis sein; meine Meinung ist nicht
kompetent.)
Betr.: Vermerk fr den Lektor:
1.) Ich kann dieses Geschehen – so sehr ich mich anfangs auch bemhte es anders
stilistisch zu formen – nicht anders wiedergeben, als in einem sachlich-nchternen
,Amtsstil”. Heitere Sachen zu schildern, liegen mir mehr; aber selbst eine
leichtere, beschwingtere Feder ist hier, die Natur der Sache respektierend,
abwegig.
Wenn andere eine gewisse ,Satzauflockerung” vornehmen wollen, bin ich damit
einverstanden, denn es ist m”glich, daá es dadurch leichter lesbar wird; doch ist es
mir am liebsten, wenn es so bleiben kann.
2.) Ich habe einfach darauf los geschrieben, so wie der Schreibstift es wollte; auf
Interpunktionen und Absatzbildung nicht sonderlich geachtet. Solange der Sinn
nicht ver„ndert wird, bin ich mit textlicher Umgestaltung einverstanden. Auch
Streichungen k”nnen vorgenommen werden; keinesfalls aber Hinzufgungen. z.B.
das Vorwort k”nnte gestrichen werden.
3.) Der Teil I behandelt Schwerpunkte im seinerzeitigen Geschehen im Altreich +
™sterreich + B”hmen M„hren + Generalgouvernement, verbunden damit, die
Stellung des Befehlsempf„ngers im Durcheinander mit seiner Innenschau.
Der Teil II befaát sich mit den Reparationsangelegenheiten in 12 europ„ischen
L„ndern. Die Kristallpunkte sind dokumentarisch belegt und fhren von
Schwerpunkt zu Schwerpunkt.
Der Teil III spiegelt das Verh„ltnis zwischen
/8/ AE: (3)
dem „uáeren Geschehen von damals und meinen inneren Gefhlen wieder und
letzlich(sic), nach dem Sturz des eben noch Gltigen, sehe ich mich langsam und
nach und nach, zu einer mich befriedigenden Weltbildvorstellung gelangen.
4.) Als Titel schwebt mir ,G”tzen” vor. Ich dachte auch schon an ,Gnothi seauton”.
Jedenfalls wnsche ich nicht, daá dem Buch ein anderer Titel gegeben wird, ohne
mich vorher zu befragen. Ich stelle diese beiden daher zur Wahl frei. Ich bin auch
damit einverstanden, falls Uneinigkeit bezglich eines Titels entstehen sollte, statt
meiner, die Einverst„ndniserkl„rung meines Verteitigers(sic) Hr. Dr. Servatius
einzuholen.
5.) Der Einband und Schutzumschlag m”ge einfarbig gehalten sein; etwa Perl.- oder
Taubengrau, mit klarer liniensch”ner Schrift. Es ist klar, daá ich kein Pseudonym
wnsche, da es nicht in der Natur der Sache liegt.
6.) Die Quellenangaben sind so zu verstehen:
Eins.) Teil I.
Eckige Umrandung mit fortlaufender Nummeration. Die Nummern geben im
Anhang des Buches dann die Dokumentennummern der israelischen
Staatsanwaltschaft wieder.
z.B. [1] Dokument 1182
/9/ AE: (4)
b.) Teil II.
Hier ist genau dasselbe wie unter a.), nur habe ich fr das Manuskript die runde
Umrandung (1) gew„hlt, aus dem einzigen Grunde, damit die Nummern nicht
verwechselt werden.
Aber da beim Druck unter Umst„nden ja fortlaufend durchnummeriert wird, f„llt
sowohl runde, wie eckige Umrandung fort und es bleibt im Druck lediglich die
Hinweisnummer auf das Quellenverzeichnis im Anhang stehen.
Die den Dokumentennummern vorausgesetzten Buchstaben besagen:
N = von Gericht angenommenes Beweisstck der Verteitigung(sic).
T = von Gericht angenommenes Beweisstck der Anklage.
(Viele der unter T laufenden Dokumente wurden auch seitens der
Verteitigung(sic) eingebracht; sie behielten(sic) aber, da das Gericht das Stck ja
schon hatte, mit der T-Nummer stehen).
Es fehlen mir bei einer ganzen Anzahl
/10/ AE: (5)
der Dokumenten-Nummern die Gerichtsnummeration; ich habe sie leider auch
nicht. Aber Hr. Dr. Servatius resp. Herr RA Westenbruch sind im Besitze einer
Liste, aus der diese sofort zu entnehmen sind.
7.) Ob die von Herrn Dr. zur Verfgung gehaltene Zeittafel zu den 5 Skizzen
ebenfalls dem Anhang zugefgt werden sollen, berlasse ich Hr. Dr. Servatius.
8.) Ich bitte Herrn Doktor Servatius, dem Verlag Auftrag geben zu wollen, an meinen
Freund, dem(sic) Prior des Pr„m. Klosters (Fr. Bernardus) ein Exemplar zu
schicken, ebenfalls der Studentin nach Kanada, mit freundl. Gráen von mir.
Meine Brder m”gen bitte dafr sorgen, daá meine Frau zehn Exemplare
bekommt, die sie in meinem Namen an meine Freunde, die sie nach eigener Wahl
bestimmen mag, sowie an meine S”hne mit der Bemerkung versieht:
Eins.) ,Im Auftrage meines Mannes mit freundlichen Gráen und der Bemerkung
,So war es”, bersandt
Name m. Frau.
Zwei.) ,Im Auftrage Deines Vaters lieber (Name des Sohnes) mit herzlichen Gráen
gewidmet.”
9.) Ein Exemplar fr mich.
Adolf Eichmann
Haifa, den 10-9-61.

/11/ AE: 3
/Pages /11/ to /17/ were found here, although
they seem to belong to the drafts.
E. Friesel, 10/1999/

,—- und er wrde seine Schattenwelt
fr wahr, die wahre Welt aber fr
unwirklich halten.”
Aus Platon`s H”hlengleichnis,
,Staat”; 7. Buch.
/12/ AE: 4
Bemerkung: Dies Manuskript (Vorw., Teil I-III) gilt solange als noch nicht
abgeschlossen, bis ich eine letzte Lesung vorgenommen habe; es ist dies eine von
mir eingebaute Sicherung, damit nicht Wortkonstellationen, zu meinem Nachteil
falsch ausgelegt und gedeutet werden k”nnen. /Satz gestrichen, aber noch lesbar:
Die letzte Lesung erfolgt erst nach der Besprechung mit Dr. Servatius./
Vorwort
/von hier bis S. 15 unten durchgestrichen, einzelne Zeilen unleserlich gemacht/
Ich befinde mich im Gef„ngnis in Israel. Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen
und in acht Tagen folgen die Pl„doyers des Generalstaatsanwaltes und meiner
Verteitigung(sic). Es werden sodann etwa zwei bis drei Monate vergehen, bis der
Gerichtshof zu einem Urteil gelangen wird. M”glicherweise geht es dann weiter
an die h”here Instanz; m”glicherweise auch nicht. Wie dem auch sei; ich sagte
w„hrend des Prozesses einmal auf eine Frage des Ankl„gers im Kreuzverh”r,
darauf werde ich antworten, wenn ich mich eines Tages hinsetzen werde um an
die jetzige und kommende Jugend, zu ihrer Warnung, einige Kapitel zu schreiben.
Vorausgesetzt, daá ich dazu die Genehmigung erhalte. Dann wrde ich ,das Kind
beim Namen nennen”.
Nun, der Pr„sident des Gerichtshofes verlangte die ,Nennung” bereits w„hrend
des Verfahrens von mir. Ich gehorchte und sagte, daá das Geschehen mit den
Juden, welches die damalige deutsche Reichsregierung w„hrend der Jahre des
letzten groáen Krieges in`s Werk setzte, das kapitalste Verbrechen in der
Menschheitsgeschichte darstelle. –
Ich habe mich also entschlossen, die Zeit des Wartens auf das Urteil zu bentzen,
besser gesagt auszuntzen, und daá(sic) in die Tat

/13/ AE: 5
umzusetzen, was ich verkndete. Es drfte kaum schaden; eher hingegen zum
Nachdenken anregen, wie es einem Menschen so im Leben ergehen kann. Ich war
von tausend Idealen beseelt und schlitterte gleich vielen anderen in eine Sache
hinein, aus der man nicht mehr herausfand. Ich habe heute einen zeitlichen
Abstand von den Geschehnissen, der zwischen 16-29 Jahren liegt. Und vieles
ehemals Gltiges ist ungltig geworden. Ehemals ,weltanschauliche Werte” habe
ich als Germpel, allm„hlich im Laufe der Jahre ber Bord geworfen. /8 Zeilen
bis Ende des Abschnitts unleserlich gemacht/
Weil ich H”lle, Tod und Teufel sah, weil ich dem Wahnsinn der Vernichtung
zusehen muáte, weil ich als eines der vielen Pferde in den Sielen mit eingespannt
war und gem„á dem Willen und den Befehlen der Kutscher weder nach links noch
nach rechts ausbrechen konnte, fhle ich mich berufen und habe das Verlangen,
hier zu erz„hlen und Kunde zu geben von dem, was geschah. Es ist sicher ein
trauriges Resum‚e, wenn ich feststellen muá, daá ich in der Lage bin, das

/14/ AE: 6
ungeheure Volumen alleine der organisatorischen Voraussetzungen, welche das
Geschehen erm”glichten, zu umfassen und zu bersehen. Die meisten jener
Akteure, die ja nun so oder so in die Geschichte eingehen werden, kannte ich,
sprach zum Teil mit ihnen und vermag sie ann„hernd zu beurteilen.
/2 Abschnitte von 8 bzw. 5 Zeilen unleserlich gemacht/
Ich werde das Leben jener Zeit schildern, so wie es war, so wie ich es erlebte und
gesehen habe. Nichts werde ich zu besch”nigen versuchen. Ich schreibe zu
niemandes Ruhm und Ehre; was sind es fr verlogene, selbstbeweihr„uchernde
Begriffe! Was ich gestern noch glaubte anbeten zu máen, liegt heute im Schutt
des Gestrzten.
Ich werde den V”lkermord am Judentum schildern, wie er geschah und gebe dazu
meine Gedanken von gestern und heute. Denn nicht nur die Felder
/15/ AE: 7
des Todes muáte ich sehen mit eigenen Augen, die Schlachtfelder auf denen das
Leben erstarb, ich sah weit Schlimmeres. Ich sah, wie durch wenige Worte, durch
den einzigen knappen, kurzen Befehl eines Einzelnen, dem die Staatsfhrung als
Befehlsgeber dazu die Macht verlieh, solche Lebensausl”schungsfelder
geschaffen wurden. Und ich sah die Unheimlichkeit des Ablaufens der
Todesmaschinerie; R„dchen in R„dchen greifend, gleich dem Werk einer Uhr.
Und ich sah jene, die da achteten auf den Gang des Werkes; auf den Fortgang. Ich
sah sie, das Werk stets von neuem aufziehen; und sie beobachteten den Zeiger der
Sekunden, welche eben dahineilten; dahineilten, wie die Leben zum Tode.
Den grӇten und gewaltigsten Totentanz aller Zeiten.
Den sah ich.
Und ihn zu beschreiben, zur Warnung schick ich mich an. Adolf
Eichmann
6 – 9 – 61.
/3 nachtr„gliche Zus„tze:
(Siehe dazu meine Fuánote bezglich der Wortw„gung. Gilt sinngem„á fr alle
Kapitel.)
(Anschlieáend folgt mein Schluáwort, welches ich in meinem Prozess zu
Jerusalem gehalten habe.)
Bemerkung: Man darf diese und andere schriftstellerischen Worte keinesfalls mit der
Waage der juristischen Paragraphen w„gen.
/16/
,G”tzen”
Dieses ist mein Schluáwort, welches ich in dem Prozess zu Jerusalem am /Platz
fr Datum offengelassen/ 1961, gem„á meinen Erfahrungen und gem„á meinen
Empfindungen, gehalten habe:
/17/ AE: 8.
/I. Teil, unleserlich gemacht/
/18/ AE: 1
Teil I
-(1)-
/3 Zeilen samt Zus„tzen unleserlich gemacht, die 4. durchgestrichen, aber
leserlich:
weiá, mit wem man es zu tun hat./
Als ein Menschenkind, trat ich am 19. M„rz 1906 in das Leben. In Solingen, im
Rheinland, wurde ich geboren, als erster Sohn der Eheleute Wolf und Maria
Eichmann. Wenige Tage nach meiner Geburt wurde ich auf den Namen Adolf
Otto, nach dem Ritus der evangelischen Konfession, helvetischer Richtung,
getauft. Noch als kleines Kind zog ich mit meinen Eltern nach Linz a/Donau,
Ober”sterreich, wo mein Vater als kaufm„nnischer Direktor der Linzer
Straáenbahn und Elektrizit„tsgesellschaft t„tig war und sich glaublich(sic) in den
zwanziger Jahren pensionieren lieá um ein Elektrowarenunternehmen zu grnden.
Nach Besuch der Volksschule und vier Jahren Realschule absolvierte ich
zwei Jahrg„nge einer h”heren technischen Bundeslehranstalt. In den Jahren 1925
bis 1927 war ich als Verkaufsbeamter der ,Ober”sterreichischen Elektrobau
A.G.” in Linz a/Donau, sodann bis Juni 1933, als Verkaufsbeamter der
,™sterreichischen Vacuum Oil Company A.G.”, Filialdirektion Linz und
Salzburg, t„tig gewesen.
Das damalige Linz a/Donau war ein vertr„umtes, kleines, liebliches und
sauberes Provinzhauptst„dtchen, im Zentrum des vorwiegend b„uerlichen
Ober”sterreich. Da war das weizenschwere Innviertel, das
/19/
/Found here. – In my opinion, belongs
to page numbered /6/.
E. Friesel, 10/1999/

Bemerkung fr die Zensur:
1.) Diese schriftstellerische Arbeit kann nicht mit der Waage der Rechtsparagraphen
gewogen werden. /Signaturkrzel/

2.) Dieser Manuskriptverband darf ohne der Zustimmung von Dr. Servatius, nicht
ver”ffentlicht werden. (Gilt fr das gesamte Manuskript).
Ich bin mit Dr. Servatius dahingehend verblieben, daá, falls er dieses Manuskript
nicht zur Ver”ffentlichung ausgeh„ndigt bekommt, (und zwar bis zu seiner
Rckkehr nach Deutschland vor Weihnachten) ihm Gelegenheit gegeben sein
m”ge, bei der Vernichtung des Geschriebenen, anwesend zu sein.
/Signaturkrzel/

/20/ AE: 2
braunkohlenreiche Hansruckviertel, das damals schon dem Fremdenverkehr sehr
erschlossene Traunviertel mit seiner Perle Gmunden am Traunsee, und dem
ober”sterreichischen Hausberg, dem Traunstein, dem W„chter der beginnenden
Hochalpenwelt.
Ganz besonders verliebt aber war ich in das reizvolle Mhlviertel. Das Viertel, der
vielen sagenumwobenen Ruinen und Burgen. Und hier war es das obere
Mhlviertel, daá(sic) ich ganz besonders in mein Herz geschlossen habe.
Die Heimat eines Adalbert Stifter; der ewige B”hmerwald, dessen Ausl„ufer tief
in das Obere Mhlviertel hineingreifen, mit den romantischen, braunw„sserigen,
kleinen linken Fláchen. Die vielen hurtigen forellenbewohnten B„che, die sich
durch das, gegen die Donau zu abfallende, b”hmisch-m„hrische Granitplateau,
seit undenklichen Zeiten ihren Weg zum groáen Wassersammler Donau, bahnen.
Diesen herrlichen Fleck der Erde durfte ich meine zweite Heimat nennen und in
diesem Kleinod Ober”sterreich, verlebte ich dank der steten Frsorge meiner
Eltern eine herrliche, unbeschwerte Jugendzeit.
Und auch als junger Mann – wie man zu sagen pflegte – waren es Tage von
Liebe, Lenz und Leben, die mir geboten wurden. Motorsport, Bergsport, Arbeit,
Kaffeehaus, Freunde auch Freundinnen – warum auch nicht – fllten die Tage und
Jahre aus.
Gar manche heimelige Weinstube lockte

/21/ AE: 3
zur Einkehr und in ihren alten Gem„uern lieá es sich gut sitzen. Eine solche
Weinstube kannte ich, deren Existenz bis in das dreizehnte Jahrhundert
zurckzuverfolgen war. Und der ,Gumpoldskirchner” schmeckte nach jedem
Viertel besser auch ohne Schrammeln und Zigeunermusik. Man lebte im
Ph„akenland; eben in Ober”sterreich. Und fuhr man auf den Postlingberg, das
Wahrzeichen von Linz, dann war der erste Weg mit der kleinen Freundin, zu
Meister Bugele, dem Oberg„rtner der herrlich-sch”nen Gartenanlagen auf diesem
Berg, mit seinen tausend oder mehr Rosenst”cken. Ihn um einen Strauá Rosen fr
die Angebetete zu bitten, war fr diesen Meister der Blumen, Str„ucher und
B„ume stets groáe Freude, kannte er mich doch schon als kleinen Lausbuben,
wenn ich Samstags an der Hand meines Vaters, die Anlagen besuchte. Mein alter
Herr hatte seinerzeit viel zur Hebung dieser Augenweide, welche damals zum
Besitztum der Linzer Straáenbahn- und Elektrizit„tsgesellschaft geh”rte, getan
und meinen Freund Bugele, zum Oberg„rtner dieses Paradises(sic) bestellt. –
Nichts h„tte diese heiter-frohe und unbeschwerte Lebenslust zu st”ren vermocht
w„ren die ,G”tter” nicht auch bis nach Ober”sterreich gekommen. Bei mir
klopften sie bereits seit 1931 an, und ab und an auch schon frher; sie
vereinnahmten mich dann genau am 1. April 1932.
/22/ AE: 4
Ja Freunde, heute zurckschauend, es sind bald 30 Jahre her, muá ich sagen
,wenn es dem Esel zu gut geht, dann geht er auf`s Eis, um zu tanzen.”
-(2)-
Nun ja, es gab damals verschiedenartig eingestellte junge Leute, so wie es solche
zu allen Zeiten gegeben haben mag und immer geben wird. Ich war durch die
Schule und Gesellschaft in der ich mich bewegte, kurz durch meine Umgebung
die mich beeinfluáte – und welche Umgebung vermag einen jungen Menschen
nicht zu formen – zur nationalistischen Richtung hin gelenkt worden.
Und welchem Nationalisten brannten nicht /gestrichen: die Worte/ das Wort
,Versailles”. Natrlich verstand man im Anfang nichts davon. Aber das
Verst„ndnis hierfr wurde schon geweckt; Zeitungen, Gespr„che und Bcher
sorgten dafr. Und man erz„hle einem jungen Menschen in dieser Richtung
tendierend, von nationaler Schmach, von Verrat, vom Dolchstoá, welcher der
deutschen Armee zuteil ward, von nationaler Not und Elend; Herrgott, da packt es
einen halt, da ger„t das Blut in Wallung. Und dann h”rt man durch die
Propaganda, daá da eine Partei ist, welche die Schmachbeseitigung auf ihr Banner
geschrieben hat. Die Beendigung der nationalen N”te versprach, den Dolch aus
der Wunde zu ziehen sich anschickte, die Gleichberechtigung auf dem
wehrm„áigen Sektor zu erk„mpfen bestrebt war und die Arbeitlosgkeit in die
unterste H”lle verdammte. Und dann
/23/ AE: 5
sitzt man in solch einem Weinstberl, vor seinem ,Viertel”, im Bierstberl vor
seinem ,Krgerl” oder im Caffee vor seinem ,Schwarzen” und liest den
,V”lkischen Beobachter”, man liest vom Tod der SA und SS-M„nner; man
lieát(sic) heldische Worte ber heldischen Tod; ber mannhaftes Sterben und
furchtlose Treue. Und ich sag es noch einmal, welchen Burschen, nationalistischer
Tendenz, ,packte” es da nicht.
Da war kein Wort von Jude und Judentum; und laá(sic) man es ab und zu in
besonderen Artikeln, wer nahm solches ernst? Wer machte sich dieserhalb
berhaupt šberlegungen. Mag sein die Žlteren und Alten. Uns Burschen
interessierte alleine, und einzig und alleine, das Heldische. Mit zu helfen an der
Beseitigung, an der Ausrottung einer Schmach.
Rot sah man beim Wort ,Versailles”. Bereit zu allem, dieses Wort, im Sinne von
Schmach, zu vernichten, zu zerstampfen; dafr auch wenn es sein muá zu leiden.
Es muáte ausgel”scht werden. Und diejenigen, welche dazu aufforderten waren
unsere G”tter.
So muá es in alten, in uralten Zeiten gewesen sein, wenn man den Heldensagen
trauen konnte.
Aber warum sollte man ihnen denn nicht trauen?

/24/ AE: 6
Die >Herz”ge<, die >Gefolgschaft<; die Herzogstreue und Gefolgschaftstreue.
Ich verschrieb mich den G”ttern mit Haut und mit Haren(sic). Ja, teilweise diesen
G”ttern zuliebe verlieá ich das ,Landel ob der Enns”, mein geliebtes
Ober”sterreich. Freilich war der Abschied vom Landl schwer, der Abschied von
Eltern und Geschwistern; der Abschied von meiner Verlobten. Vorbei war das
regelm„áige Wochendverleben(sic) in fr”hlicher Zweisamkeit, sei es in
Sdb”hmen, sei es in Ober”sterreich. Vorbei war es, eigener Herr seiner Zeit zu
sein. Fremdes, Unbekanntes lag vor mir. Aber Dienst an den G”ttern, meinem
Vaterland zuliebe schien mir gleichwichtig zu sein, denn sonst w„re ich ja
geblieben.
Tausend und mehr Str„nge zogen mich zu bleiben, aber ebenso viele zogen mich
zu den G”ttern.
Und ich diente ihnen.
Ich diente ihnen mit dem ganzen Glauben den ich aufzubringen vermochte;
kein Opfer schien mir zu gering.
Keine Strapaze zu groá.
Ja, je grӇer Opfer und Strapazen und Entbehrungen, desto grӇer schien mir die
Tat fr das Werk, welches die G”tter versprachen zu tun.

Schlafen auf nackter Erde, im Stroh, auf Strohs„cken, scharfer und sch„rfster
/25/ AE: 7
Exerzierdienst bei der Truppe; vom Robben abgeschundene Ellenbogen und Knie;
Kadavergehorsam und Einschr„nkung der Freizgigkeit tauschte ich ein, gegen
das gutbrgerlich eingerichtete behagliche Elternhaus, gegen Kaffeehaus und
Weinstberl, gegen Motorsport, Bergsport und dem Zusammensein Jungverlobter.
Wahrlich, ich diente den G”ttern aus freien Stcken; wahrlich ich opferte ihnen
zuliebe viel.
Aber was galt es schon; wenn nur das Vaterland frei werden konnte und Not und
Elend der Deutschen ein Ende fand.
Im Jahre 1934, an einem sonnigen Herbstmorgen kam ich von dem ersten
Bataillon des Regimentes SS 1 nach Berlin, zum SD-Hauptamt versetzt, am
Anhalter Bahnhof an. Nach durchfahrener Nacht war eine kleine Erfrischung sehr
wichtig und brauchbar. Ich begab mich in einem(sic), dem Bahnhof
gegenberliegenden, Friseurladen und lieá mir nach erfolgter Rasur, heiáe
Kompressen auf`s Gesicht legen, um die šbern„chtigkeit zu verscheuchen. Und
schlenderte sodann in eine ,Aschinger-Kneipe”, gleich neben dem Friseur. Einige
Mollen Helles und ebensoviele Schn„pslein, dazwischen ein ordentliches
Gullasch(sic)
/26/ AE: 8
mit frischen, knusprigen Br”tchen, waren just das richtige Frhstck fr einen
Unteroffizier in der SS-Verfgungstruppe, der Vorl„uferin der sp„teren Waffen
SS.
Als solcher hatte ich mich freiwillig zum Sicherheitsdienst des Reichsfhrers SS,
gemeldet. Sicherheitsbegleitpersonal fr die G”tter. Warum auch nicht; ich stellte
es mir sehr interessant vor. Erst sp„ter sollte ich draufkommen, daá ich einem
Irrtum zum Opfer gefallen war. Das Begleitpersonal fr die G”tter hieá
Reichssicherheitsdienst. Der Sicherheitsdienst des Reichsfhrers SS, war etwas
ganz anderes.
Vorl„ufig ahnte ich aber noch nichts.Vorl„ufig suchte ich ein Kaffeehaus. Kaffee
war fr alles gut. Gut zum d”sen, gut um den Geruch von Aschingers Biermollen
zu t”ten und bei der Truppe benutzten wir ihn Jahr und Tag zum Fleckenputzen an
unseren schwarzen Uniformen. Freilich, zum Exerzierdienst hatten wir feldgrau
oder was am l„stigsten war, hellgraue bis fast an das Weiáliche grenzende
Drilliche, welche leicht schmutzten.
Mit souver„ner Unteroffiziersruhe im Bauch, begab ich mich nun zu der mir
befohlenen Dienststelle, ein Palais in der Wilhelmstraáe 102, um mich zum
/27/ AE: 9
Dienst zu melden. Ob ich verheiratet oder ledig sei. Dies war die erste Frage, die
mir der Offizier vom Dienst stellte. Ledig. Natrlich, meine Braut war ja in
Sdb”hmen, und an eine Heirat wegen meiner vorbergehenden Verhinderung im
Augenblick nicht zu denken.
Ledige sind kaserniert; wenn Sie heiraten, k”nnen Sie drauáen wohnen, gab man
mir zur Antwort.
Na sch”n dachte ich mir, irgendwo muá der Mensch ja hingeh”ren. Zu den Eltern,
in die Kaserne oder zur Ehefrau.
Also ging ich zum Kammerbullen. Bisher hatten wir Unteroffiziere stets so eine
Art stillschweigend geduldeter Ordonanzen zur pers”nlichen Dienstleistung zur
Verfgung gehabt; je vier Unteroffiziere eine Ordonnanz(sic). Er trank frei,
rauchte frei auf unsere Kosten und hatte seine vier Unteroffiziere zu Freunden, die
ihn gegen Tod und Teufel verteitigten(sic), fraá er etwas gegen das
Dienstreglement aus. Auáerdem hatte er nur allerleichtesten Exerzierdienst. Aber
meistens verstand er es, sich sogar von diesem zu drcken.
Hier aber schmiá mir der Kammerbulle meine blauweiákarrierten Bettklamotten
an meinen pers”nlichen Kragen; Decken und Leintuch folgten und dann damit auf
die Stube.
Was dann noch an Kramzeug mehr war,
/28/ AE: 10
war der bliche Kasernenzinober(sic), war altbekannt und nichts Neues.
Nachmittags wurde ich vereidigt. Zwar hatte ich beim Tode des
Reichspr„sidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg den Fahneneid auf
Fhrer, Reichskanzler und Vaterland geleistet; jetzt also nochmal, aber in einer
anderen Form; mit der Geheimhaltungsverpflichtung.
Mich hatte es an sich schon mehr als stutzig gemacht, als ich zwecks
Eidesleistung im Dienstanzug mit Stahlhelm, zu einem SS-Offizier gefhrt wurde
und dabei einige museum„hnliche R„ume durchschreiten muáte, auch sah ich
einen Sarg in einem dieser R„ume stehen, mit groáer Glasplatte, indem(sic) ein
menschliches Gerippe lag, aber ich hatte zu sehr auf meine Fáe zu achten, denn
meine schweren Stiefel vertrugen sich nicht mit dem glatt gewichsten, gl„nzenden
Fuáboden und bei Kurven hatte ich Mhe nicht auszurutschen.
Merkwrdig dachte ich mir; alles sehr merkwrdig. Aber m”glicherweise war der
Stab in einem Museum untergebracht, ging es mir durch den Sinn. Man fand die
Dienststellen in jener Zeit ja an allen Ecken und Enden, wo man sie nie vermutet
h„ttte. Auáerdem kam ich von der Truppe und hatte mich um solchen Kram

/29/ AE: 11
nicht zu kmmern. Behandelt wurde ich ohnedies, als sei ich Rekrut, der eben erst
frisch eingezogen war. Und es ist erstaunlich, zu welchem Maá an Leiden,
einem(sic) eingedrillter Kadavergehorsam mit einem geh”rigen Schuá Idealismus
gepaart, f„hig macht. Natrlich muá es jedem rechtschaffenen Unteroffizier
schwer, sehr schwer fallen, wenn er im Verein der elf weiteren Stubengef„hrten,
mit denen er zusammenwohnte, von denen nur zwei, ebenfalls gediente
Unteroffiziere waren, der Rest aber eine Kaserne h”chstens vom
H”hrensagen(sic) kannte – allenfalls, auf Grund eines ,Schnellsiederkurses” von
acht Wochen, – Samstag fr Samstag den Boden zu schruppen, die Hocker und
Tische zu scheuern hatte und im Spind nach einer anderen, neuartigen Ordnung
die Klamotten zu legen kamen (sic). Und sich dabei von einem Feldwebel der
,allgemeinen SS” also zivilen SS, der ebenfalls als ,Waffentr„ger der Nation”
seine Dienstzeit noch nicht einmal angefangen hatte, sondern seinen Rang in dem
SD, von der allgemeinen SS, also Zivil SS, mitbrachte, kommandieren zu lassen,
wobei ihm seine herzliche Genugtuung, es den ,Herrn Unteroffizieren von der
Truppe” einmal ,geben” zu k”nnen, auf tausend Meter Entfernung, anzumerken
war.
Es war auch keine Freude, frh morgens im Park des Palais, zum Exerzieren

/30/ AE: 12
anzutreten. Nicht des exerzieren Wegens (sic); dies war im Gegenteil noch das
einzig erfreuliche(sic) an dem ganzen Dienstbetrieb. Nein, das Wurmende und der
nagende Zorn kam daher, daá Hanswrste denen selbst die Bedienung an einem
Maschienengewehr(sic) fremd war, Sonntagsexerziermeister der allgemeinen SS
also, uns hier die ”desten und bl”desten Bewegungen machen lieáen; wir drei
Gedienten der ,Stube zw”lf”, wurden durch diese Taktik zwar bis an den Rand
unserer Geduld getrieben; aber wir parierten; wir gehorchten.
Nach wenigen Tagen kam ich dahinter, daá ich an der verkehrten Stelle gelandet
war, und ein Abgang zum Reichssicherheitsdienst, nicht gestattet wurde.
Jetzt war der Galeerenstr„fling fertig. Mit unsichtbaren Ketten fhlte ich mich an
einen Karteitrog angebunden und hatte die Aufgabe, im Verein mit einem halben
Dutzend anderer Kameraden, die Freimaurerkartei, aus Zehntausenden von
Karteikasten bestehend, zu schreiben, zu ordnen und einzuordnen.
Der schwerste Kampf, der in diesen Tagen auszufechten war, war der Kampf
gegen den Schlaf.
Man wird einwerfen, ja groáer Herrgott, wenn ich irgendwo gegen mein Wollen
mit einer Arbeit, welche mir gegen den

/31/ AE: 13
Strich geht, als freier Mensch, eingespanntt werden soll, da macht man einfach
Schluá damit, oder man ist ein Waschlappen, dem eben nichts besseres gebhrt.
Kaserne na ja, gut und sch”n; da hat man zu gehorchen, daá(sic) weiá ein jeder.
Aber in einer Kanzlei, in einem Amt, da hau ich einfach auf den Tisch, sage
meine Meinung und wetze aus dem Tempel raus. Noch dazu wenn man
inzwischen ein Kerl von 28 Jahren geworden ist.
Genau dieselben Gedanken hatte auch ich um jene Zeit und mit mir eine Anzahl
meiner Stubengef„hrten.
Aber da waren die G”tter, denen ich ja dienen wollte.
Und die weltanschauliche Schulung, der man uns am Anfange unterzog, brachte
uns noch n„her an sie.
Das Leben des alten Preuáenk”nigs, Friedrich des Groáen wurde uns in den
lebendigsten Formen, von Meistern auf diesem Gebiete, lebensnahe gebracht.
Volksbindung und Blutsbande in den leuchtendsten Farben idealisiert.
Der Dienst am Volk, der Dienst am Fhrer als ein geheiligtes Privilegium
gepredigt. Fr die Freiheit des Vaterlandes alles hinzugeben, als h”chste
Verpflichtung und freudiges, jederzeitiges Wollen, eingeh„mmert.
Und ich glaubte es; mit allen Fasern

/32/ AE: 14
meines Glaubens, den aufzubringen ich in der Lage war.
So tat ich denn meinen Dienst; Schreibtischdienst, der mir weder physisch noch
psychisch lag; der fr mich eine Qual bedeutete; zu dem ich mich jeden Tag auf`s
Neue selbst k„mpfend besiegen muáte, ehvor ich an das befohlene Tagewerk
ging.
(3)
Der Mensch gew”hnt sich an alles, wenn es sein muá. Und nachdem die Macht
der Gewohnheit groáe Prozents„tze des Widerwillens an der nichtbehagenden
T„tigkeit verschluckt hatte, die weltanschaulichen Belehrungen einen weiteren
Teil unter den Tisch schlug(sic), blieben relativ nur noch geringe Rckst„nde des
Widerwillens an der Oberfl„che und auch diese wurden alsbald bertncht durch
die nicht ableugbaren Erfolge der Fhrung des Reiches, die sie fr das deutsche
Volk erlangten. Die groáe politische Linie sah unsereiner ja nicht.
Auslandsmeldungen durch Presse und Rundfunk gelangten noch nicht zu uns;
dazu waren wir zu geringe Diener an Volk und Staat. Die internationalen
Verflechtungen im politischen Geschen(sic), waren damals auch mir noch
,B”hmische D”rfer”.
Aber auch ich sah das Verschwinden der Arbeitslosenarmeen, die Militarisierung
der Rheinlandzone,

/33/ AE: 15
die Wiederherstellung der Wehrhoheit; den frenetischen Jubel der
Millionenmassen, wenn die G”tter sich zeigten. Und meine Verhaftung an diese
war eine stets fhlbarere.
Aber es waren schlieálich doch nur irdische G”tter. Bewuát und unbewuát wehrte
ich mich, ihnen mit meinem allerletzten inneren Ich zu verfallen. Das Vaterland,
die Freiheit, ja.
Bedingungslos!
Die Seele, daá(sic) was dann kommt, wenn die Stunde da ist, und diese irdischen
Werte aufh”ren Gegenstand des Hoffens, Glaubens und Wirkens zu sein, dies
behielt ich als ein Privatissimum, ber welches ausschlieálich nur ich selbst
entscheiden konnte und wollte. Hier lieá ich auch die G”tter nicht heran, so sehr
ich ihnen sonst gl„ubig verfallen war.
Hier war die elterliche Erziehung und die innere Bindung an die von Generation
zu Generation berlieferten Werte noch zu stark, um dem
Einbruchsversuchen(sic) nachzugeben. Hier war ich stur.
Stur wie die neuen schweren Panzer, welche eben zur Hebung der Herzensfreude
und als sichtbare Garanten der Freiheit, in Erscheinung traten.
Stur wie die Kurse der neuen Bombengeschwader, welche unbeirrbar am

/34/ AE: 16
berliner Himmel dahindonnerten.
Meine Bindung an die Kirche! Fast alle meine Kameraden waren l„ngst aus den
Religionsgemeinschaften ausgetreten und wetzten nun den Schnabel in Zoten und
Verleumdungen gegen Kirche und Klerisei.
Und hatten sie Alkohol im Bauch, dann wollte damit einer den anderen, im
Wettstreit mit ihrer Dummheit, bertrumpfen. Natrlich war ich dann stets
besonders eine willkommene Zielscheibe, freilich nicht b”se gemeinten,
Kameradenspottes. Schon in der Kaserne fing es an. Es geh”rte zum neuen Ton,
selbstverst„ndlich den Kirchenaustrittschein zu bringen. Nicht daá von seiten der
Obrigkeit darauf gedr„ngt wurde; dies w„re unwahr. Mag sein, daá dies im
Parteileben blich war. Bei den SS-Verfgungstruppen und selbst auch im SD-
Hauptamt, war es nicht blich. Aber der Kameradenspott grob, ja saugrob, freilich
landserhaft gutmtig, doch nicht ohne Stachel und Dorn, der sorgte dafr und
auch die Hoffnung auf schnelles Avancement tat das ihre, diese Austrittsscheine
im allgemeinen baldigst zu holen.
Bei der Truppe hatte ich dieser halb bald Ruhe.
Denn wie es unter jungen Menschen schon einmal so blich ist, z„hlte alles
andere oftmals nicht halb so viel,

/35/ AE: 17
wenn der Betreffende ein guter Sportler ist.
Das gefrchtete Ger„t in jener Zeit, war die Eskladierwand. Eine zwei Meter und
einiges, hohe und starke Bretterwand, ber die es in mehr oder weniger eleganter
Weise hinber zu wetzen galt. Hier arbeiteten die Hintern, Knie und Fuáspitzen,
verzweifelt mit der Muskulatur der Arme, um die runden 70 Kilogramm
Landserlebendgewicht, auf die andere Seite zu bef”rdern.
Die ,Taugenichtse” gingen in das Vermerkbuch des ,Spieá”; zwecks
Dienstleistung in der Kche zum verhaáten Kartoffelsch„len, zum
Abortbrillenputzen, denn gelernte Optiker gab es stets nur sehr wenige, oder gar
keine, und diese T„tigkeit wurde dann meistens von diesen Nichtsk”nnern
verlangt, wenn die brige Kompanie Ausgang hatte, und mit Fr„ulein Braut in`s
Grne abhauen konnte.
Ich hatte den Vorzug – in jener Zeit hatte ich noch eine turnerische und sportliche
,Ader” – mhelos und sogar elegant ber jene Wand zu kommen und wurde
auszeichnungshalber, zwecks leichter Hilfeleistung, welche nur mit Fingerspitzen
gegeben werden durfte, vom Kompaniechef abgestellt. Dies war eine bliche
Erleichterung.

/36/ AE: 18
Aber in der Regel hatten die Hilfeleister ihre allergrӇte Freude an einer
Behinderung und Erschwerung, statt umgekehrt. Dies geh”rte ebenfalls zum
allgemeinen ,Flachs” und Ulk. Freude auf Kosten anderer. Ja, das Kasernhofleben
war eben rauh aber herzlich. Ich leistete damals in Wahrheit, vorzgliche
Hilfestellung. Es gengte meist ein leichter Druck auf eine der in der Luft
herumorgelnden Hinternbacken, und der Kerl war drber. Das Znglein an der
Wage(sic) gewissermaáen. Und da gerade Samstag vormittag war und der
Stabsfeldwebel keine Notierungen zu machen hatte, kamen die Herren der
Kompanie alle mit ihren geehrten Br„uten zu ihrem Wochenendvergngen.
Ich wurde seit damals, so wenig die Motive selbst auch zusammenhingen, in
religi”sen Dingen nicht mehr bel„stigt.
Als ich 1935 Hochzeit machte, fand diese in der evangelischen Kirche zu Passau
statt; in Uniform.
Hier freilich versuchten meine damaligen Vorgesetzten zu intervenieren und
wiesen auf die Unm”glichkeit hin.
Aber die Panzer waren ja auch stur. –
Erst im Herbst 1937, ich war jedenfalls schon seit einer kleinen Ewigkeit
Hauptfeldwebel, trat ich ohne Druck oder Zwang, aus freien Stcken und in voller
šberlegung aus dem evangelischen Religions-

/37, 38/ AE: 19
Verband aus und bezeichnete mich ab dieser Zeit, als ,gottgl„ubig”. Daran hat
sich bis heute nichts ge„ndert. Ich wurde weder ein Kirchenfeind, noch war ich je
antiklerikal. Ich sah die Notwendigkeit religi”ser Gemeinschaften aus ethischen
und aus Grnden der Erziehung als wichtig an, aber ich wollte frei und ohne
kirchliche Bindung im Verkehr zwischen meinem Herrgott und mir sein.
Auáerdem widerte mich der seinerzeitige Kampf innerhalb der evangelischen
Kirche so an, daá ich nichts mehr von ihr wissen wollte. Die eine Seite war Feuer
und Flamme fr die neuen G”tter und ihr Tun; die andere Seite bek„mpften sie
auf Tod und Teufel.
/Der folgende Abschnitt ist gegenber von S. 17 nachtr„glich notiert, geh”rt
offenbar hierher:
Nicht die Tatsache des Kampfes gegen den damaligen Staat selbst war es, der
mich zur Distanzierung zwang, als vielmehr die šberlegungen, ,daá es kaum
g”ttlichen Wnschen entsprechen mochte”, wenn seine verordneten Diener sich
derart eifernd und gegenseitig verunglimpfend, in irdische Belange einlieáen und
sich gegenseitig ,in die Wolle” bekamen. Hinzu kamen meine Zweifel in
glaubensm„áiger Hinsicht, die ich an anderer Stelle noch einmal streife./
Da lobte ich mir damals die r”misch-katholische Kirche; sie holte ihren
Wertmaástab erst gar nicht aus der Kiste. Sie war gewohnt in Jahrhunderten zu
denken, zu messen und zu w„gen. W„re ich damals Katholik gewesen und nicht
Protestant, ich w„re stur als solcher im Kirchenverbande geblieben. Man hatte
sich ja schon seit drei langen Jahren daran gew”hnt gehabt, daá ich einer der ganz
wenigen, wenn nicht der einzige war, der hier so lange stur blieb. Freilich muá ich
einschr„nkend hinzufgen, daá ich auf der anderen Seite aber auch in keiner

/39/ AE: 20
Form etwa missionierend oder sonst irgendwie predigend t„tig geworden bin.
Solches h„tte ich nie und nimmer getan. Ich verteitigte(sic) ausschlieálich meine
eigene pers”nliche Stellung zu den mir anerzogenen Werten und šberlieferungen;
bis auf den Tag, an dem ich aus eigener Erkenntnis, die Dinge in einer mich
innerlich befriedigenderen anderen Helle sah.
Ja, und wie war es mit der Judenfrage in jener Zeit und wie stand ich zu ihr.
Als ich im Herbst 1934 in das SD-Hauptamt versetzt wurde, gab es dort berhaupt
noch kein Referat und keinen Sachbearbeiter, der sich mit Juden zu besch„ftigen
hatte. Dies war erst im Laufe des Jahres 1936 der Fall.
W„hrend des Prozesses, und zwar innerhalb des etwa 10 Tage dauernden
Kreuzverh”res, frug mich einer der drei Richter, oder war es der
Generalstaatsanwalt, bezglich meiner seinerzeitigen Einstellung zum Programm
der ,Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei”, ob es mir bekannt
gewesen sei, und ich doch zweifelsohne gewuát haben muáte, daá diese Partei
den Kampf gegen das Judentum, als einen nicht zu bersehenden Faktor ebenfalls
auf ihr Panier geschrieben hatte; also máte ich doch auch Antisemit gewesen
sein.
Ich konnte diese Frage sehr einfach und wahrheitsgem„á beantworten, indem ich

/40/ AE: 21
sagte, daá ich den Judenprogrammpunkt wohl gekannt habe, doch niemals
Antisemit war. Nun, diejenigen der israelischen Polizeibeamten, mit denen ich
w„hrend der Voruntersuchung laufend zu tun hatte, kannten die n„heren
Umst„nde, die mich berechtigten, eine solche Antwort zu geben. Auch mit einem
Psychiater unterhielt ich mich ber diese Frage. Es ist blich, daá Angeklagte in
gr”áeren Prozessen im Laufe der Voruntersuchung sich mit solchen Fach„rzten
zusammensetzen, der(sic) dann auf Grund der Unterhaltung, seine Teste macht.
Diese Unterhaltung setzt natrlich eine freiwillige Bereitschaft seitens des
Angeklagten voraus, denn sonst w„re der Test ja schlieálich auch wertlos.
Nun, ich will zu dieser Frage jetzt auch hier Stellung nehmen; und ich muá auf
eine kleine Sekunde in mein Elternhaus zurckgehen.
Meine erste Mutter starb sehr frh; mein Vater heiratete zum zweiten Mal. Er
muáte es, denn wir waren fnf kleine Kinder und es gab mit den
Wirtschafterinnen, K”chinnen und Stubenm„dchen, die in einer zweij„hrigen
,mutterlosen” Zeit den Haushalt meines Vaters zu fhren hatten viel Žrger. Wie
es schon so geht. –
Mit der zweiten Mutter, die selbst keiner jdischen Familie entstammte, kam aber
jdische Verwandtschaft in unsere Familie.

/41-42/ AE: 22
Tanten, Onkel, sp„ter Cousinen. Wenn man klein ist, dann w„chst man
automatisch in seine Umgebung hinein. Unsere Familie, nicht nur die engere, ich
meine die gesamte Sippschaft, geh”rte zu den seltenen Familienverb„nden, von
denen man behaupten konnte, daá niemand dem anderen seine W„sserchen trbte.
Es war ein fr”hliches, herzliches Verbundensein ohne Arglist, Lug oder Trug.
Egal, ob Jude, jdisch versippt oder Nichtjude.
/1. Zusatz von Seite gegenber: Meine Eltern und damit meine Familie war weder
judenfreundlich, noch judenfeindlich. Das Problem als solches, war eben ein
v”llig Familienfremdes gewesen; es stand niemals in irgend einer Form zu(sic)
Debatte./
Mein alter Herr selbst hatte u.a. auch Juden zu Freunden.
/2. Zusatz von Seite gegenber: W„ren es keine Juden gewesen, w„ren sie auch
befreundet gewesen. Mein Vater kmmerte sich um diese Dinge ebensowenig,
wie etwa, was es am Abend zu essen g„be./
Ich erinnere mich noch des jdischen Hopfenh„ndlers Taussig aus Urfahr bei
Linz. Ich glaube es war der Nachbar unseres damaligen Gartens am Hang des
P”stlingbergs. Und wir Kinder kamen zur Erdbeerzeit aus unserem Garten in
Taussig`s Gehege und schnabelten dort, mit seinem Einverst„ndnis und
Einladung, allm„lig(sic) die Erdbeerbeete leer, nachdem unsere schon l„ngst von
uns Kindern abgeerntet waren.
Ich war noch ein sehr kleiner Lausbub, aber ich erinnere mich zu genau, eines
anderen jdischen Freundes meines Vaters, der mir, war er Gast meiner Eltern,
auf dem Flgel stets sehr feurig die Marseillaise vorspielte /3. Zusatz von Seite
gegenber: und vorsang ,Allons enfants de la patrie”./ Er war gebrtiger
Franzose, aber l„ngst

/43/ AE: 23
naturalisierter ™sterreicher. In der Volksschule kam ich neben einem Juden zu
sitzen; wir wurden Freunde. Ich in seinem Elternhaus, wie das schon so geht, er in
dem meinen. Die Freundschaft hielt eigentlich lange an. Genau gesagt, bis wir uns
aus den Augen verloren, durch meinen Abgang von Linz a/Donau, im Jahre 1933.
Eingemale trafen wir uns auch auf der Reise, letztmalig in Grnau im Almtal, bei
einem Raseur. Es machte ihm offenbar nichts aus, daá ich das Abzeichen der
NSDAP angesteckt hatte und mir machte es nichts aus, daá er Jude war. Im
Gasthof tranken wir unser Getr„nk und kmmerten uns den Teufel ob Jude oder
Nichtjude. /6 Zeilen gestrichen, noch lesbar: Mein Religionslehrer, der
evangelische Pfarrer Tiebel in Linz, ein Junggeselle aus Ostpreuáen, erz„hlte uns
w„hrend des Religionsunterrichts oftmal von seinem Amtsbruder – wie er ihn
nannte – dem Rabbiner in [Ortsname]./ Noch als SS-Obersturmbannfhrer, káte
ich sehr herzlich meine halbjdische Cousine, die mich mit ihrem Vater in Berlin
auf meiner Dienststelle besuchte und man brach am Abend in einer netten
Weinstube in Berlin, einigen netten Flaschen den Hals.
Und warum sollte ich meine bildhbsche

/44/ AE: 24
zwanzigj„hrige halbjdische Cousine nicht káen, sagte ich zu meinem
,st„ndigen Vertreter”, dem SS-Sturmbannfhrer Gnther; so was kann doch
unm”glich Reichsverrat sein. Er hatte diesbezglich strengere Auffassungen.
In Budapest hatte ich auch entfernte Verwandte sitzen. Meine dortige Cousine,
eine Psychiaterin, war mit einem jdischen Schuhindustriellen verheiratet, von
dem sie aber geschieden war und just um die Zeit, als ich 1944 nach Budapest
befohlen wurde, war sie mit einem jdischen Dozenten an der Universit„t
Budapest, verlobt.
Gemeinsam tafelten wir zu Abend. Meine Tante, meine Cousine, ihr jdischer
Verlobter und ich in der Uniform eines SS-Obersturmbannfhrers. So, wie es mir
mit den Juden in der Verwandtschaft meiner zweiten Mutter erging, „hnlich
erging es mir mit der Verwandtschaft meiner Frau bezglich der Cechen. Ich
feiere brigens in wenigen Tagen hier im Gef„ngnis in Israel, den dreiáigsten
Jahrestag unserer Verlobung; seit 26 Jahren bin ich verheiratet.
Die Verwandtschaft meiner Frau besteht aus Cechen und ehemaligen
™sterreichern, also B”hmen mit der Muttersprache Deutsch. Seit 1648 ist ihre
Familie in

/45-46/ AE: 25
Sdb”hmen ans„áig gewesen. Und ein Holzbalken im Hofe zeigt eine noch
frhere Jahreszahl.
Als ich dienstlich im Jahre 1939, nach Prag versetzt wurde hatte ich genau
dasselbe herzliche Zusammenleben mit meinen cechischen Schw„gern, es waren
die Ehem„nner der Schwestern meiner Frau, wieder aufgenommen. Der eine
davon war w„hrend der Zeit des(sic) cechoslovakischen Republik
Artillerieoffizier gewesen, der andere zur Zeit der Besatzung durch uns, aktives
Widerstandsmitglied und Kommunist. Seine Tochter, meine Nichte also, studierte
irgendwann nach 1945, Welthandel in Moskau.
Ich weiá, daá meine beide Schw„ger glhende cechische Patrioten waren und ich
achtete ihren Nationalismus. Ich h„tte mir eher die Zunge abgebissen, als das(sic)
ich sie angezeigt h„tte, oder selbst eine Verhaftung vornahm, zu der ich berechtigt
gewesen w„re. Die verwandtschaftlichen Bande waren st„rker als die zu meinen
G”ttern; obgleich sie auch durchaus nicht schwach waren.
Ich haáte weder den Cechen, noch den Juden, noch irgend jemanden anderen.
/Zusatz von Seite gegenber: Ich hatte auch nie von irgend jemanden(sic)
pers”nliches Leid erfahren./
Die ganze Erziehung die ich genoá feite mich darber hinaus vor solchen
Gefhlen. Ich kannte sie nicht. Ich lebte in einer Welt, die gegens„tzlich
beispielsweise von der, junger Corpsstudenten der schlagenden Verbindungen

/47/ AE: 26
war. Hier n„hrte(?) diese, der Geist eines Ritter von Sch”nerer mit seinen
antisemitischen Ges„ngen und Predigten. Hier wurde das Wort Arier, betont und
deutlich ausgesprochen, ein Wort, welches erst sp„t, sehr sp„t berhaupt in
meinen Wortschatz gelangte.
H„tte ich nicht innerhalb eines solch innigen und herzlichen Familienverbandes
gelebt, ein Verband, zu dem sich dann die Familien meiner Frau hinzugesellten,
m”glich daá auch ich von solchen Gedankeng„ngen angesteckt worden w„re.
Aber ich wurde es nicht und dies ist entscheidend.
/zweieinhalb Zeilen unleserlich gemacht/ Als in Linz einmal Pfadfinderfhrer, von
irgendeiner Tagung kommend in unserem sch”nen Landeshauptst„dtchen einige
Tage verweilten und die einzelnen ausl„ndischen Pfadfinder auf Brgerfamilien
aufgeteilt wurden, da brachte mein Vater einen franz”sischen Pfadfinderfhrer als
Gast mit nach Hause. Ich sprach um jene Zeit – genau wie mein zweit„ltester
Bruder Emil – recht ordentlich franz”sisch, da unsere Mutter, ein gutes
franz”sisch und englisch sprach und uns durch Conversation, die Sprache
mhelos eintrichtern wollte.
Dieser junge Franzose war ein pr„chtiger

/48/ AE: 27
Mensch und ich fhlte mich nach Art der Halbwchsigen glcklich, ihn zum
Freunde gewonnen zu haben. Wir verlebten gemeinsam frohe unbeschwerte Tage,
schwelgend in Romantik, Bubenfreundschaft und P”stlingbergroseng„rten und
tauschten unsere bndischen Lieder aus dem ,Zupfgeigenhansel” des
Wandervogels, und aus anderem aus. Und sp„ter, als auch fr mich die Franzosen
mit die Verk”rperung von Versailles schlechtwege wurden, selbst da gelang es
keiner Macht, in mir auch nur die leisesten Haágefhle gegen auch nur irgend
einen Franzosen als solchen zu erzeugen.
Und ich lernte eigentlich schon recht frh, daá das Einzelindividuum keinesfalls
zu identifizieren ist mit Nation oder Glauben oder gar Politik.
Die Worte Rasse, Volkstum und „hnliche gelangten gleichermaáen erst sp„t in
meinen Wortschatz, so wie ich es bezglich des Wortes ,Arier”, schon feststellte.
Und auch da, klassifizierte ich das Verh„ltnis zwischen dem Individuum und den
fr mich neuen Begriffen nicht anders, als wie ich es bis dahin zwischen
Individuum und Nation tat.
Selbstverst„ndlich bin ich kein Heiliger; als w„hrend des Krieges der
Bombensegen ganze Stadtviertel in Null komma Nichts in Schutt und Asche legte,
und tausende Deutscher verreckten und ver-

/49-50/ AE: 28
kamen, verschmorten und zerrissen wurden, da habe auch ich in der Hitze-
Leidenschaft ungez„hlte derbe und derbste Flche gegen die Bombenwerfer vom
Stapel gelassen.
Auch ich bin kein Heiliger und habe als die Israeler mit den Franzosen und
Engl„ndern Žgypten angriffen in der Hitze der durch die Presse entfesselten
Leidenschaften, derbe und derbste Worte gegen die Angreifer gebraucht. Ich bin
nicht anders als andere auch. Aber dies ist eben eine Reaktion die ausgel”st wird,
der man sich je nach Temperament hingibt und die dann mit Worten ihr Ende
findet. Dies bezieht sich weder auf den einzelnen Engl„nder, Franzosen, Juden
oder Nordamerikaner; weder auf den einzelnen Ruáen, Polen, Jugoslawen, noch
auf einzelne andere.
Sie ist – es kommt mir jedenfalls so vor – irgendwie natrlich; denn nur kranke
oder teilnahmslose Menschen, oder der Weise, die sind gefeit von(sic) diesen
menschlichen Schw„chen; andere nicht, besonders dann nicht, wenn sie
/Fortsetzung gestrichen und ersetzt durch Zusatz von Seite gegenber: anl„álich
der Beispiele die ich nannte, durch Zerst”rung praktisch, und durch die Presse
knstlich, in einem erweckt, ausgel”st werden./
So also konnte ich sagen, ich bin nie ein Antisemit gewesen, denn es stimmt. Und
w„hrend der sogenannten Kampfzeit der NSAP, nahm weder ich, noch die mir
geistig verwandten Meinesgleichen, den Judenbek„mpfungsprogrammpunkt der
Partei auch nur im leisesten ernst. Ja,

/51/ AE: 29
man beachtete ihn nicht einmal. Seinetwegen fhlte man sich ja auch in gar keiner
Form mit der Partei verbunden. Die Anziehungspunkte lagen, wie ich schon sagte,
auch fr mich, auf einem ganz anderen Sektor. Wenigstens war es so im
”sterreichischen Bergland. Ich beachtete ihn ebenso wenig und er war fr mich
ganz genau so bedeutungslos, wie die ,Bek„mpfung” der Kirche und Klerus.
——- ———-
Dies also war mein Ich, als ich meine Anfangszeit im SD-Hauptamt zu Berlin
verbrachte.
Unverbildet, unkompliziert, nicht faul und nicht fleiáig; und eine derbe
Kasernenhofschale nach auáen, schtzte mein Innenleben.
Zwar war meine T„tigkeit nicht nach meinem Geschmack, aber die steten
weltanschaulichen Hinweise auf Eid und Verpflichtung, lieáen in mir nach und
nach keine anderen šberlegungen mehr aufkommen.
Ich gehorchte und blieb meinen G”ttern verbunden, indem ich mich befehlen lieá
und gegen den Stachel nicht l”ckte.
-(4)-
Ein halbes Jahr nach meiner Versetzung nach Berlin, heiratete ich. Seit dem 15.
August 1931, war ich verlobt und die Hochzeit fand am 21. M„rz 1935 in Passau
statt.
Bis der M”belwagen meiner Frau aus der

/52/ AE: 30
Cechoslowakei nach Berlin kam, und die Zoll- und sonstigen Formalit„ten
erledigt waren wohnten wir – es waren etwa drei Wochen – in einer Pension und
bezogen dann ein nettes, kleines, einstockhohes Einfamilienh„uschen mit Garten,
in dem es sich ruhig und gemtlich leben lieá.
Tagsber schob ich meinen Dienst, mit der Gleichf”rmigkeit eines Uhrwerks und
Abends und Wochenende arbeitete ich im Garten oder wir rekognoszierten und
inspizierten in Berlin und n„here Umgebung herum.
Ich lieá mir ber einen Kameraden manches F„álein guten Pf„lzerweines aus
seinem Heimatgau kommen. Und je nach Witterung und Jahreszeit, verdrckte ich
manches Tr”pflein unter dem Schatten einer japanischen Blutbuche oder
innerhalb des geschmackvollen Mobiliars, dem Ausstattungsgut meiner Frau, im
Living(?). Ab dem Augenblick der Dienst fr mich vorbei war, lieá ich die G”tter
sein, wo sie waren und mein ausschlieáliches Interesse galt dem famili„ren
Beisammensein.
Meine dienstliche T„tigkeit war auch – wie ich zu sagen pflegte – zum
Knochenkotzen. Tausende von Freimaurersiegeln und Mnzen muáte ich
katalogisieren und einordnen; meine kmmerlichen, allerletzten Lateinreste
feierten in jener Zeit noch einmal fr”hliche Urst„nd. Mein Chef war

/53/ AE: 31
ein dienstgradgleicher, verbummelter Student an der Berliner Universit„t und
selbst Berliner; ungedient und nie bei der Truppe gewesen; aus der zivilen, bzw.
allgemeinen SS, kommend.
Er war als ,Museumdirektor”, als Referent des Freimaurermuseums in der
Wilhelmstraáe 102 t„tig, und ich war ihm als einer seiner ,Sachbearbeiter”
zugeteilt worden. Viel Wrdezeigen und Dreischrittvomleibetaktik waren die
hervorstechensten(sic) Eigenschaften des ,Direktors”, und wir Kasernhofblten
nahmen ihn gewaltig auf die Schippe. Besonders, wenn er mit tierischem Ernst
seine surrealistischen ,halbverwesten” Leichen aus Modellierpaste formte und sie
mit berdimensionalen Wrmern und Asseln garnierte. Und war ihm solch ein
Prunkstck gelungen, dann hinein in einen Sarg und aufgestellt, zur Schau; etwa
in den ,Andreassaal”.
Und Professor Schwarz-Bostaunitzel, der stocktaube ehemalige Verteitiger(sic)
am Appellationsgerichtshof in Kiew, zur Zarenzeit, und nunmehrige Leiter der
Abteilung Freimaurerei des SD-Hauptamtes machte mit dem donnernden Baá
seiner Stimme und in seiner deutsch-russischen Aussprachsweise, die offiziellen
Besucher des Museums anl„álich der Fhrungen durch dieses, mit kurzem
Hinweis auf die ,Geschmacklosigkeit und das Verworren-Dekadente der
freimaurerischen Geistesverbildung” aufmerksam; nicht ohne

/54-55/ AE: 32
bissigen Nebenbemerkungen, wobei durch pl”tzliches Kopfheben sein spitz
auslaufender Knebelbart wie eine Parallele, zur Decke und Fuáboden gebracht
wurde und gleichsam als kleiner Keil von ihm abstand: ,und so etwas waren dann
Studienr„te und Studiendirektoren, verantwortlich fr die Erziehung unserer
Kinder”, war sein sarkastischer Abschluá und seine /Fortsetzung auf der Seite
gegenber: Physiognomie erinnerte stark an einen eifernden babylonisch-
assyrischen Priester./
Ich sah, wie hier b”ser Heck-Meck getrieben wurde, um die Freimaurerei ad
absurdum zu fhren und dachte in meinem Sinn, na, wenn sie nichts anderes
finden und Wurmkram und Leichen mit Ton und Modellin pr„parieren máen,
dann scheint mir nicht viel dahinter zu sein. Ich hatte das Wort Freimaurerei zum
allerersten mal genau am 1. 4. 1932, geh”rt. Ich meine, wissentlich zum ersten
mal geh”rt, und das kam so:
Ich wurde durch Kollegen so etwa Anfang 1932 als Gast der Linzer ,Schlaraffia”
im ,Vereinshaus” zu Linz eines Ortsverbandes der sogenannten ,Allmutter-
Praga” eingefhrt. Kaufleute, Žrzte, Rechtsanw„lte, Knstler usf. z„hlten zu ihren
Mitgliedern. Der Brauch dort war witzig und das V”lkchen war harmlos-humorig.
Narrenkappen„hnliche Kopfbedeckungen, mit vielen Orden und
Verbandsauszeichnungen, zierten die K”pfe der Mitglieder. Einen ausgestopften
Vogel, einen Uhu, der in einer Ecke, auf bevorzugtem Platze aufgestellt war,
muáte man beim

/56/ AE: 33
Eintritt, die H„nde ber die Brust gekreuzt, und sich verneigend, begráen. Ein
Erzmarschall leitete den offiziellen Teil des Beisammenseins und Klavizimbel
hieá das Klavier. Na, wie ich schon sagte, harmlos-fr”hlich; Jude wie Christ saáen
hinter Bier und Wein, das heiát man h„tte nicht gewuát wer Jude war, wer Christ,
aber in so einer kleinen Stadt, kannten ja viele, Viele.
Am 1. 4. 1932 trat ich in die SS ein. Der damalige SS-Oberscharfhrer Dr. Ernst
Kaltenbrunner, Rechtsanwalt in der Kanzlei nach seinem Vater, war schon eine
bedeutende Pers”nlichkeit innerhalb der ”sterreichischen NSDAP. Er wollte
wissen, ob ich in irgendwelchen Vereinen oder Verb„nden w„re, wenn ja in
welchen und warum.
Und ich sagte ihm, daá ich als Gast bei den Schlaraffen verkehre. Raus aus dem
Freimaurerhaufen, das ist eine ganz gef„hrliche Bande, sagte er mir. Nun er war
damals noch nicht Chef der Sicherheitspolizei und des SD, noch kein General der
Polizei und der WaffenSS, und noch nicht Mitglied des Reichstages. Ich konnte
ihm daher sagen, von der Freimaurerei wáte ich nichts, da ich davon bisher nie
etwas geh”rt h„tte, aber eine gef„hrliche Bande ist es ganz bestimmt nicht, so viel
wáte ich inzwischen sehr genau. Kaltenbrunner und ich kannten uns schon viele
Jahre von der Straáe her.

/57/ AE: 34
Man gráte sich und sprach, so wie es der Tag und die Stunde mit sich brachte.
Unsere V„ter hatten gesch„ftlich ”fter miteinander zu tun.
Aber ich kann die ganze Sache kurz abtun, indem ich erkl„re, daá auf mein
weiteres Kommen als Gast bei der ,Schlaraffia” Linz gerade um diese Zeit herum
kein Wert mehr gelegt wurde, weil ich in vorgerckter Stunde und in vorgerckter
Laune, den ebenfalls um jene Zeit in vorgerckter Laune befindlichen
ober”sterreichischen humoristischen Schriftsteller Franz Resl, im Rosenstberl zu
Linz auf eine Flasche Wein eingeladen hatte. Er war Erzschlaraffe, ich war nur ein
lausiger Gast; ich war damals 26 Jahre alt und er so zwischen fnfzig und sechzig;
ich war ein Niemand, er aber war ein bedeutender Schriftsteller; wenn auch ber
™sterreichs Grenzen hinaus eigentlich wenig bekannt. Aber trotz allem: diese
meine Frechheit berstieg den Rahmen des Gewohnten. Dies war mein erstes
Erlebnis mit der ,Freimaurerei”.
-(5)-
Obwohl also der Antisemitismus in einem der Parteiprogrammpunkte fixiert
wurde, blieb ich demgegenber unempf„nglich; nicht einmal aus Wissen oder
Wollen, sondern ganz einfach aus dem Grunde, weil er nicht zu meiner
Vorstellungswelt geh”rte, und weil ich nichts mit ihm anzufangen wuáte.

/58/ AE: 35
Zum vielen Bcherlesen hatte ich es in jenen Jahren nicht gebracht. Sehr zum
Kummer meines Vaters. Mit irgendwelchen ,ismen” hatte ich mich aus Indolenz
nicht auseinander gesetzt; und pers”nlich hatte ich keine Feinde; weder Juden
noch Nichtjuden.
Die Gnthersche Rassenlehre habe ich bis zum heutigen Tage nicht gelesen,
ebenso wenig den Rosenberg’schen ,Mythus des 20. Jahrhunderts” oder Mathilde
Ludendorff. Dem Mystizismus war ich nie verfallen. Fr mich haben bis zur
Gegenwart weder die klar„ugig-nordischen Rassevertreter das Licht, noch die
dunkel„ugigen Semiten die Finsternis oder umgekehrt verk”rpert. Ich habe
solches stets fr einen ausgesprochenen Kohl gehalten und halte solches noch
immer dafr.
Freilich, in dieser Vorstellung whlten und bohrten Himmler und andere. Auch
kleine Diener, wie besagter Professor Schwarz-Bostaunitzel, schwelgte in seiner
mystischen Vorstellungswelt und pendelte in seinen verschiedenartigen
geometrischen Figuren herum, um einem diese ganze Angelegenheit nach Art der
alten Alchimisten schmackhaft zu machen. Seine Diagramme, seine Pentagramme
und Hexagramme, dargestellt in den verschiedenartigsten Formen und
Bedeutungen geschmckt mit Dutzenden von weiteren Symbolen, fanden in
meinem wein- und bierfrohen Soldatengemt keinen Platz. –
Als ich um jene Zeit im SD-Hauptamt war, hatte Himmler einem solchen
modernen Alchimisten

/59/ AE: 36
in dem Park, in dem wir unsere morgendlichen Exerzierbungen absolvierten, ein
kleines Laboratorium eingerichtet. Er sollte darin Gold machen. Angeblich konnte
er es. Dieser Goldmacher hieá merkwrdigerweise Tausend.
Himmler war auf dem Wege, die SS zu einem Orden mit besonderem Brauchtum
zu formen, in dem sich Gedankengut der alten Germanen mit dem des Deutschen
Ritterordens, Materialismus, Romantik, Gottgl„ubigkeit und anderes mehr
mengte. Die Brauer dieses Gemisches saáen im SS Rasse- und
Siedlungshauptamt, und von dort aus wurde dieses Geistesgut in den Orden
gepumpt. –
-(6)-
Im Jahre 1936 sprach mich ein SS-Untersturmfhrer von Mildenstein an, der seit
kurzer Zeit ebenfalls im SD-Hauptamt t„tig war. Er hatte eine Judenabteilung
eingerichtet und suchte nun Personal, um seine Sachgebiete zu besetzen. Er
erz„hlte mir, daá er Diplom Ingenieur von Beruf sei, in Pal„stina gewesen w„re
und nun noch einen Sachbearbeiter gen”tige, ob ich Lust h„tte. Ich hatte Lust. Ich
h„tte alles angenommen um jene Zeit, wenn ich dadurch nur von meinen
verdammten Mnzen und Siegeln, die mir schon beim Halse heraushingen,
fortgekommen w„re.
Und so kam ich fort.
Die Abteilung hieá II 112; der Hauptabteilungschef blieb derselbe wie bisher,
infolgedessen war die Personalabteilung des SD-Hauptamtes nicht erst groá zu
befragen, sondern es brauchte

/60/ AE: 37
ihr lediglich eine formlose Ordnungsmeldung gemacht werden.
Herr v. Mildenstein hatte sich die Bearbeitung der Zionisten vorbehalten, ich hatte
die jdische Orthodoxie und ein dritter Mann die Assimilanten zu bearbeiten.
Dazu kamen noch drei Hilfskr„fte, als Schreiber und Aktenschieber. Herr von
Mildenstein leitete das Ganze. [1]
Meine erste T„tigkeit in diesem neuen Laden, war das Lesen eines Werkes von
Adolf B”hm. Es war eine ausfhrliche Schilderung des Wirkens und Wollens der
Zionistischen-Weltorganisation.
Ich sollte eine Kurzdarstellung des Inhaltes herausarbeiten.
Dies war meine erste bewuáte Kontaktaufnahme mit dem Judentum.
Mildenstein war ein liberaler und toleranter Geist; fern allem Fanatismus,
Mystizismus und Radikalismus; und aus der Znaimer Gegend, aus M„hren,
stammend; er war stets freundlich, ruhig, und hatte ein mildes Gemt. Er sah die
Judenfrage nicht vom rassischen und nicht vom religi”sen Standpunkt, sondern
einzig und alleine von der politischen Warte aus. Er war mein erster und zugleich
mein bedeutenster(sic) Meister und Lehrer auf diesem Gebiet und seine
Anschauungen von den Dingen habe ich mir zu eigen gemacht, da sie mich
beeindruckten und berzeugten. Ich habe diese Anschauung bis zum Ende
beibehalten.
Leider schied von Mildenstein bereits nach einigen Monaten aus. Er war einer der

/61-62/ AE: 38
wenigen, dem es gelang. Freilich, sein Beruf kam ihm dabei zu Hilfe, sonst w„re
es sicher nicht gegangen. Er war Straáenbaufachmann; als solcher erhielt er den
Befehl, in Nordamerika die Autobahnen zu studieren. Als er von seiner
Studienreise zurckkam, wurde er von irgend einem anderen Ministerium
vereinnahmt, da um jene Zeit der Reichsautobahnbau, mit aller Macht
vorangetrieben werden muáte.
/Abschnitt gestrichen, noch lesbar: Seine Stelle als Abteilungsleiter bernahm ein
junger Mann, der aber bereits nach kurzer Zeit zu(sic) Milit„r eingezogen wurde
und mit der šbernahme der Judenabteilung im SD-Hauptamt durch Wisliceny,
und sp„ter durch Six kam auf l„ngere Zeit eine gewisse Stabilit„t in den Laden./
/ersetzt durch Zusatz von Seite gegenber: Es wechselten dann in der Folgezeit
kurz hintereinander die Abteilungsleiter. Jeder hatte sein eigenes System soeben
als gltige Norm von sich gegeben, schon war er wieder abgel”st und ein anderer
trat an seine Stelle. Schlieálich bernahm Prof. Dr. Six die Zentralabteilung und
setzte einen seiner Vertrauten als Leiter der Abteilung ,Judentum”, ein./
Es wurde im Laufe dieser Zeit mit der Anlage von Sachakten begonnen, eine
Sachkartei wurde aufgestellt, eine Generalaktenhaltung aufgezogen und laufende
Berichterstattung fr die Vorgesetzten, bildete die Hauptarbeit, der wir
nachzukommen hatten. Dem Berichterstattungswesen, waren alle anderen
Arbeiten unterzuordnen.
Himmler und Heydrich máen in jener Zeit auf ihren Nachrichtenapparat, dem
SD-Hauptamt, sehr stolz gewesen sein. Ein mir vorliegendes Dokument aus jener
Zeit, zeigt die stattgefundenen Besichtigungen auf, und man ersieht, daá

/63/ AE: 39
die Dienststelle innerhalb weniger Tage von 150 Offizieren der Kriegsakademie
besucht wurde, daá Heydrich den(sic) Reichsauáenminister v. Ribbentrop das SD-
Hauptamt zeigte, ferner sind 150 Offiziere des Reichskriegsministeriums
verzeichnet sowie der Besuch des Chef(sic) der jugoslawischen
Geheimpolizei. [2]
In jener Zeit bestand meine Hauptarbeit im Lesen von Fachzeitungen und
Zeitschriften sowie im Verdauen der einschl„gigen Werke. In rauhen Mengen
lagen die Zeitungen auf und ich „rgerte mich jedesmal, wenn ich die in
hebr„ischen Lettern gedruckten jiddischen Zeitungen sah, denn die konnte kein
Mensch lesen. Also ging ich eines Tages daran und kaufte mir in einer
Buchhandlung ein Lehrbuch zum Studium der hebr„ischen Sprache. ,Hebr„isch
fr Jedermann” hieá es und ein gewisser Samuel Kaleko hatte es verfaát. Nach
einem Jahr Selbststudium kam ich nicht mehr zgig weiter, auch war mir das
Alleinebffeln l„ngst zu langweilig geworden und ich suchte auf dem Dienstweg
um die Genehmigung nach, die weitere Unterrichtserteilung durch einen
Rabbiner, gegen ortsbliches Stundengeld von drei Reichsmark, zu gestatten.
Offenbar aus politischer Sorge, wurde mir diese Genehmigung nicht erteilt.
M”glicherweise w„re der Bescheid ein positiver gewesen, wenn ich gesagt h„tte,
dann sperrt man

/64/ AE: 40
eben einen Rabbiner solange ein, bis er mir die Sprachte vermittelt hat. Es wurde
ja in der damaligen Zeit durch die Geheime Staatspolizei am laufenden Bande
eingesperrt. Aber mir kam nicht einmal die Idee zu einem solchen Tun,
geschweige denn, daá es mir ein Vergngen bereitet h„tte, auf diese Art und
Weise, mir fehlendes Wissen zuzulegen. [3]
-(7)-
Jedes Jahr einmal, im Herbst, hielten die G”tter Heerschau. Sie stiegen von ihrem
Olymp herab und zeigten sich in breiter Front den Massen, die sie aufboten.
Milit„rparaden, Paraden der SA u. SS, Aufm„rsche der anderen
Parteiorganisationen. Konferenzen, Kongresse, Resolutionen, Ansprachen und
Paroleausgabe. Die Fhrung teilte ihren Gl„ubigen mit, was sie geschafft hatte
und was sie plante.
Es w„re ungerecht zu sagen, sie h„tte nichts getan. Sie lag wahrlich nicht auf der
faulen Haut. Und sie hatte in krzester Frist fr das deutsche Volk soviel getan,
besonders in wirtschaftlicher Hinsicht, daá der gewaltige, jubelnde Beifall der
Masse, echt war. So etwas an rauschender, impulsiver Begeisterung konnten(sic)
selbst Goebbels nicht knstlich hervorrufen.
Ich war zum ersten mal auf einem solchen Parteitag, der jeweils in Nrnberg
stattfand; ich wurde dienstlich dorthin

/65/ AE: 41
geschickt. Nicht um an Paraden und Aufm„rschen teilzunehmen, nicht um mir
Reden anzuh”ren und Versammlungen zu besuchen, sondern um
nachrichtendienstlich t„tig zu sein. Denn das SD-Hauptamt war um jene Zeit
nichts anderes, als eine einzige groáe, straff gelenkte und organisierte
Spionageorganisation. Sie war niemanden anderen unterstellt, als Himmler und
auf dessen Befehl, hatte sie ihr Grnder Heydrich, zu leiten.
Eine groáe m„chtige Boykottbewegung mit der Zentrale in Nordamerika k„mpfte
gegen das nationalsozialistische Deutsche Reich. Nicht grundlos; dies war selbst
mir damals schon klar geworden. Wenn wir w„hrend der Truppenausbildungszeit
aus irgendwelchen Grnden dermaáen geschliffen wurden, daá uns das Wasser
am Arsch zu kochen anfing, wie wir im rauhen Landserjargon zu sagen pflegten,
dann erzeugten die augenblicklichen Leiden in uns Landser frchterliche
Vorstellungen im Hinblick auf Vergeltung an die uns schleifenden Ausbilder,
nach der Dienstzeit. Zwar khlten diese furchtbaren Vors„tze nach beendeter
Tagesdienstleistung, nach dem Motto ,gehabte Schmerzen hat man gerne” ebenso
rasch wieder ab, als sie aufflammen konnten, und verbrannten bei einem oder
auch mehreren halben Liter Bier in der Kantinie(sic), restlos.

/66-67/ AE: 42
Aber wenn ich so sah, besser gesagt gelesen hatte, was die Abteilung I des
Reichsaussenministeriums an Judengesetzen seit 1935 erlassen hatte, dann konnte
ich die Boykottbewegung gut verstehen. Sie war eine ganz natrliche Reaktion.
Wenn ich bedenke, daá in jener Zeit, sich ein Berliner Rabbiner namens Prinz von
seiner Gemeinde verabschiedete, um nach Nordamerika auszuwandern und sagte,
er wolle drben mitarbeiten an der Schaffung eines m„chtigen Reservoirs aus dem
das Judentum Kraft und Hilfe erhalte, dann wuáte ich, der ich mich unter den
Zuh”rern befehlsgem„á befand, sehr wohl, was Prinz damit meinte; und ich
konnte ihm gar nicht Unrecht geben. Der anwesende Kriminalbezirkssekret„r
/Zusatz von Seite gegenber: der Geheimenstaatspolizeileitstelle Berlin/, welcher
die Versammlung auftragsgem„á zu berwachen hatte, verlieá sich auf mich und
ich mich auf ihn, bezglich einer allf„llig notwendig sein sollenden Aufl”sung
und Inhaftnahme des Sprechers. Ich tat nichts dergleichen, denn meine
šberlegungen verboten mir, mich diesbezglich an den Kriminalbeamten zu
wenden, da ich wie gesagt dem Sprecher von seinem Standpunkt aus gesehen
Recht geben muáte und es tausendmal tausend Prinzen gegeben hat, so daá eine
Inhaftnahme

/68/ AE: 43
eines einzelnen, das Problem ohnedies nicht l”ste. Gem„á dem Befehl den ich
erhielt, machte ich sp„ter meinen Bericht, indem ich alles wahrheitsgem„á
schilderte und auch meinen šberlegungen breiten Raum lieá. Ich habe nie wieder
etwas darber geh”rt; Prinz wanderte nach Nordamerika aus.
Ich hatte die Nrnberger Gesetze ja nicht geschaffen; nicht dabei mitgeholfen und
hatte auch als ausfhrendes Organ nichts damit zu tun, denn ich geh”rte einer
Nachrichteninstitution an und keinem exekutiv-t„tigen Polizeiapparat.
Daá die G”tter hier einem verh„ngnisvollen Irrtum anheimgefallen waren schien
klar, aber Auswchse gibt und gab es nach jeder Revolution und dann sagte man
sich immer noch, daá nie etwas so heiá gegessen werde, wie es gekocht wrde.
Selbst groáe Teile der Judenschaft sagten und dachten genau dasselbe. Und dann
sollte das Ziel der Maánahmen sein, die Auswanderung der Juden aus dem Reich
anzukurbeln; freilich waren diese Maánahmen dazu nicht sehr geeignet. Die
L”sung durch eine planvoll gelenkte Auswanderung ging auch mir in’s Hirn ein.
Denn inzwischen hatte ich ja nun gelesen, daá die Juden im Laufe der Geschichte
in vielen europ„ischen L„ndern

/69/ AE: 44
dann stets als Sndenb”cke herzuhalten gehabt haben, wenn ber ihren Rcken
oder auf ihre Kosten, die Masse von augenblicklichen Schwierigkeiten oder
šbelst„nden irgendwelcher Art abgelenkt werden konnte.
Also war eine gelenkte und planm„áig organisierte Auswanderung von allen
šbeln, noch das kleinste; und dem abgewanderten Juden taten die Gesetze ja nicht
mehr weh. Viel schlimmer war es mit der Bedr„ngnis, denen(sic) sie unterworfen
waren, bis zur Zeit der Auswanderung. Aber ich konnte hier weder den G”ttern
noch ihren Unterg”ttern hindernd in den Arm fallen, dazu fehlte mir jede
M”glichkeit. Ich hatte auf meinem Sektor nachrichtendienstlich t„tig zu sein und
die erhaltenen Meldungen und Mitteilungen in Berichtsform auf dem Dienstwege
weiter zu geben. Meine Vorgesetzten verarbeiteten diese Mosaiksteinchen aus
vielen Referaten und Sachbearbeitungen kommend, zu einem Bild und legten es
den Unterg”ttern zur gef„lligen Kenntnisnahme vor. Dergestalt, konnten sich auch
die G”tter selbst jederzeit solche ,Bilder” betrachten.

Nun also war ich in Nrnberg. Es war das Jahr 1937. Festliche
Parteitagsatmosph„re, groáe gewaltige Sportfelder, Stadione, Hunderttausende

/70/ AE: 45
fassend, l„rmendes Gedr„nge in den alten, heimeligen Gassen und G„ss’chen
innerhalb der Mauern des mittelalterlichen Nrnberg. Das Rot der tausend und
abertausend Fahnen leuchtete im Schein der pr„chtigen Frh-Herbstsonne.
Ein Nachrichtenmann muá, will er etwas h”ren und Agenten, Mitarbeiter,
Vertrauensm„nner oder Zutr„ger, wie alle die Fachausdrcke auf diesem Gebiet
lauten, werben, berall herumkriechen. Zur damaligen Zeit waren es fr
unsereinen insonderheit die netten kleinen verrauchten biergeschw„ngerten
Br„ustuben in denen ganze Ausl„ndergruppen von den ihnen zur Verfgung
gestellten Betreuern gastlich bewirtet, gefhrt, eben so richtig betreut wurden.
Hier galt es also mit mehr oder weniger Glck, durch Verbindungen und
Beziehungen, Kontakt mit den Besuchern aus fernen L„ndern zu bekommen.
Aus einem Dokument, welches mir hier vorliegt entnehme ich folgende Worte,
die ich damals in meinem Dienstreisebericht u.a. verwendete:
,Der Groáteil machte den Eindruck von mehr oder minder fragwrdigen
Existenzen, die zum Teil von der fixen Idee besessen sind, als Fhrer von Parteien
und Organisationen in ihren L„ndern

/71/ AE: 46
einstmals berufen zu sein.” Lediglich ein einziger fand ,Gnade vor meinen
Augen”, ein nordamerikanischer Staatsangeh”riger, welcher ausgezeichnete
Verbindungen zu dem Leiter der ,Anti-Nazi-Liga”, der Befehlsstelle der
Boykottorganisation gegen Deutschland, haben wollte.
Aber da dieser Fall auch nicht ganz klar war insbesondere bezglich der Frage ob
das SD-Hauptamt hierfr noch zust„ndig sei, bemerkte ich abschlieáend, daá ich
um Weisung b„te, ob der SD diese Angelegenheit selbst bearbeiten soll, oder ob
sie dem Propagandaministerium abzutreten ist.
Ich habe nie mehr etwas darber geh”rt, so daá ich annehme, daá meine
Vorgesetzten in ihrem Ratschluá entschieden, die Sache abzutreten. [4]
(8)
Einige Tage sp„ter, trat ich zusammen mit meinem mir vorgesetzten
Abteilungsleiter eine Dienstreise nach Pal„stina und Žgypten an. Der Zug brachte
uns durch Polen und Rum„nien nach Constanza und von hier aus ging es mit der
,Romania” nach Konstantinopel, Pir„us, Beyruth, Haifa und Alexandrien.
Moscheen, Akropolis, der Berg Carmel, das graeco-romanische Museum in
Alexandrien wurden besucht, ebenso das „gyptologische Museum in

/72/ AE: 47
Cairo. Die Pyramiden von Gizeh sahen wir ebenso wie die von Sakarat; die
ehemals heiligen Stiergr„ber; ein Abstecher in die „gyptische Wste ein anderer in
die lybische Wste wurde unternommen. Der vor 3 einhalb Jahrtausenden
verstorbenen(sic) Pharao Tutenchamon samt seinen Sch„tzen, welche dank der
Kunstfertigkeit der Arch„ologen ihrem langen Schlaf entrissen wurden und einer
staunenden Nachwelt zur Schau gestellt sind, erfreute auch mein Auge und
Wissen und auch ich konnte nur staunen. Staunen ber die hohe Kultur der
Menschen jener grauen Vorzeit und meine Gedanken verloren sich weitab vom
,Staats- und Gegenwarts-Bejahenden”, in Zonen und Regionen, in denen die
Wandelbarkeit und das ewige Werden und Vergehen allen Lebens, ja schlieálich
allen Sein`s, die fhrende Rolle spielten. Alles eitle Hoffen und Streben, scheint
einem beim Anblick vergangener Jahrtausende, nichts als flchtiger
Menschentand zu sein; und ich beneidete in diesem Augenblick alle Arch„ologen
und Geologen, denen es meiner Meinung nach verg”nnt sein muáte, in solchen
Gedanken und šberlegungen ungest”rt Tag fr Tag schwelgen zu k”nnen, dieweil
es fr unsereinem(sic), im Trubel des Alltags, lediglich oasenhafte
Glcksmomente sein durften.
Aber unsere Chefs hatten uns ja nicht all dieser Dinge wegen auf Dienst-

/73/ AE: 48
reise geschickt sondern – wie immer – hatte die Sache ihren Grund in einer
informativen Bereicherung, in einer politischen Nachrichtensammlung.
Durch Vermittlung des Vertreters der offiziellen ,Deutschen-Nachrichten-
Agentur” in Jerusalem, Dr. Reichert, besuchte mich Monate vor unserer Reise, in
Berlin ein jdischer Funktkon„r auf Pal„stina. Gem„á Weisung meiner
Vorgesetzten wurde der Besucher zum Gast des Reichssicherheitshauptamtes
erkl„rt und ich erhielt den Befehl, ihn zu betreuen. Wir aáen zusammen in der
,Traube” am Zoo und unterhielten uns, denn jeder wollte ja vom anderen daá(sic)
wissen, was ihm an Wissen zu seiner gegenst„ndlichen Sache fehlte. Mein
Interesse galt dem zionistischen Leben in Pal„stina. Das Ende vom Lied war eine
Einladung des Gastes an mich, ihn in Pal„stina zu besuchen.
Ich erhielt Befehl, diese Einladung anzunehmen. So also kam es zur Reise, der
sich mein damals unmittelbar vorgesetzter Abteilungsleiter anschloá. Ich fuhr als
,Schriftleiter des Berliner Tageblattes” und mein Vorgesetzter als ,Student der
Auslandwissenschaftlichen Fakult„t der Universit„t zu Berlin”, deren Dekan unser
gemeinsamer n„chsth”herer Vorgesetzter in jener Zeit war. Als Angeh”rige des
Sicherheitshauptamtes h„tte man ja damals

/74/ AE: 49
schlieálich und endlich auch fahren k”nnen, denn der mich Einladende wuáte ja,
wer ich war und letztlich hat es der englische Geheimdienst ohnehin
herausgebracht, aus welchem Nest diese beiden V”gel waren; genauso, wie uns
ein Mitglied des Secret-Service, oder ein solches des 2-eme Bureau, wenn sie
nach Deutschland kamen, in der Regel ja auch sehr schnell bekannt wurden. Man
tat sich gegenseitig nichts, man war sehr h”flich zueinander, nur man erleichterte
dem Kollegen von der anderen Seite nicht gerade seine Arbeit, oder wenn, dann
hatte es schon seinen besonderen Grund, der auf Gegenseitigkeit lag. Aber es war
ja schlieálich Frieden.
Wir waren etwa sechs Stunden in Haifa, und fuhren dann programmgem„á mit
unserem rum„nischen Dampfer nach Alexandrien und gedachten innerhalb der
n„chsten 14 Tage, drei Wochen, zum eigentlichen Pal„stina-Besuch zu starten.
Aber da bedauerte man es englischerseits, daá man nicht in der Lage w„re, ein
diesbezgliches Visum erteilen zu k”nnen. Gut, dann muá eben der Berg zu
Mohamed kommen. Dr. Reichert und der jdische Funktion„r wurden von uns
nach Žgypten eingeladen. Zu uns gesellte sich noch der Vertreter des DNB in
Cairo, so daá wir alle fnf Mann hoch eine ganz sch”ne Nachrichtenbande
bildeten.

/75/ AE: 50
Wir tafelten im Mena-Hotel, bei den Pyramiden von Gizeh und ferne von uns
waren ,Nrnberger Gesetze”. –
Ich selber kam allerdings nicht auf meine Kosten bei dieser Dienstreise in den
,Nahen Orient”, will ich den dienstlichen Sektor betrachten, weil ich das jdische
Leben in Pal„stina durch das englische Einreiseverbot ja nicht zu sehen bekam.
Privat und pers”nlich hatte ich durch die Flle des Erlebten eine sch”ne
Bereicherung erfahren.
Mein mir vorgesetzter Reisegef„hrte, ursprnglich aus dem Zeitungswesen
kommend, hatte mehr Erfolg in dienstlicher Hinsicht fr sich buchen k”nnen,
denn ihm gengten ja auch die wirtschaftlichen und politischen Meldungen, die er
aus erster Hand, soweit sie den Nahen Orient betrafen, bekam. [5]

Nun, nach diesem mehrw”chischem(sic) Aufenthalt in sonnigen Landen, kamen
wir wieder in die sp„therbstliche, ja fast schon winterliche Landschaft unserer
,Festung” Deutschland zurck. Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er auch
erz„hlen, heiát es; aber er kann auch Vergleiche anstellen. šber Italien und die
Schweiz fuhren wir nach Berlin zurck. Viel Tolernaz, viel Liberalismus sah ich
und es war daá(sic), was mir am meisten auffiel. Ich kannte es aus meiner langen
™sterreich-

/76/ AE: 51
zeit her; vom Elternhaus, aus der Schule, kurz das ganze Leben in ™sterreich war
ein einziges groáes Toleranzpatent gewesen, so wie Kaiser Joseph II es sich wohl
ertr„umt haben mag, will ich die Zeit bis etwa 1932, ansetzen.
Aber es war bei mir durch die inzwischen verlebten, ber fnf Jahre
Totalitarismus bereits leicht bertncht worden. Nicht ausgel”scht; im Gegenteil,
die Reiseerlebnisse verwischten wieder einen Groáteil der Tnche. Ich sah den
,Strmer” mit einem Male wieder deutlicher – obgleich er im SD-Hauptamt
weder gesch„tzt noch beachtet oder gelesen wurde; ich sah sein Herumwhlen im
Pornographischen; im verworrenen mittelalterlichen Mystizismus schlimmer
Pr„gung. Ich sah das Reichsinnenministerium bei seiner fleiáigen Gesetzes- und
Verordnungsfabrikation, die Geheime Staatspolizei bei ihren
Verhaftungsbefehlen, das Propagandaministerium bei der Herausgabe des
Verbotes fr Juden die ,Bank im Park” zu benutzen, das
Reichswirtschaftsministerium bei seiner T„tigkeit die Juden aus dem
Wirtschaftsleben auszuschalten und das Ausw„rtige Amt bei seiner
Behinderungsarbeit, bezglich einer an sich gewnschten Auswanderung der
Juden.
Das Reich, bzw. dessen Fhrung wollten es doch – so nahm ich stets an – und die
Mehrzahl der Juden trachtete im Hinblick auf die Lebenserschwerung dasselbe

/77/ AE: 52
Ziel anzustreben.
Und das Sicherheitshauptamt besorgte sich die Nachrichten und fabrizierte
Berichte. Das alles schien mir gleich wie eine Katze, welche sich in ihren eigenen
Schwanz beiát.
Da fand beispielsweise 1938 in Evian ein(sic) internationale Konferenz statt und
der britische Botschafter in Berlin sprach den Deutschen Reichsauáenminister v.
Ribbentrop darauf an, ob die Rechsregierung bereit sei, bei der L”sung der
Emigrantenfrage, insbesondere bei der F”rderung der Auswanderung von Juden
deutscher Staatsangeh”rigkeit, mit den brigen interessierten Staaten
zusammenzuarbeiten. Denn kein Land sei bereit, die auswandernden deutschen
Juden aufzunehmen, wenn sie mittellos w„ren. Ob daher die Reichsregierung
bereit sei, bei der Transferierung von Kapital in jdischen H„nden, mitzuwirken.
Nachdem die Reichsregierung einer F”rderung der Auswanderung eigentlich
grunds„tzlich keinerlei Hemmnisse in die Wege legte, h„tte man annehmen
máen, daá eine solche Anfrage seitens offizieller britischer Stellen, freudige
Zustimmung gefunden h„tte.
Nicht so bei Ribbentrop.
Er teilte dem britischen Botschafter mit, daá er eine Zusammenarbeit mit anderen

/78/ AE: 53
interessierten Staaten ablehnen máe, da es sich um ein innerdeutsches Problem
handele. Auch die Frage, ob Deutschland eine Transferierung von Kapital in
jdischen H„nden erleichtern k”nne, máe verneint werden.
Es k„me daher eine Zusammenarbeit mit den in Evian tagenden M„chten fr
Deutschland nicht in Frage. Der Staatssekret„r Weizs„cker schickte diese
Stellungnahme am 8. Juli 1938 an zehn in Frage kommende deutsche Botschaften
und Gesandtschaften, zur Kenntnisnahme ab.
Also, statt Auswanderungserleichterung, ein Handicap, eine Erschwerung. [6]
Statt dessen aber erging an alle diplomatischen und berufskonsularischen
Vertretungen im Ausland eine Aufforderung des Ausw„rtigen Amtes, ber alle
Regierungsmitglieder, Parlamentarier, Wirtschaftler, Wissenschaftler, hohe
Offiziere und Journalisten, soweit sie als jdisch, jdisch versippt, oder als
Freimaurer galten, zum Zwecke der Errichtung einer Kartothek, zu berichten. [7]
Und in einem Telegramm Kennedy`s an das Staatssekretariat in Washington vom
Dezember 1938, kommt Ribbentrop infolge seiner gegen das Judentum
geschleuderten, h”chst undiplomatischen Verbalinjurien, alles andere, als gut
weg. [8]

/79/ AE: 54
Wir Referenten im SD-Hauptamt, erhielten Anfang 1938 von unserem
Abteilungsleiter die Weisung, Material fr eine Denkschrift zusammen zu stellen,
in der darzulegen sei, daá die Judenfrage auf der augenblicklichen Basis nicht zu
l”sen ist, wegen finanzieller Schwierigkeiten usw., und daá man daran herantreten
máe, eine auáenpolitische L”sung zu finden, wie sie bereits zwischen Polen und
Frankreich verhandelt wurde. Ich schrieb damals folgendes:
1.) ,Das Ergebnis der Volksz„hlung abwarten.”
2.) ,In 10 Jahren giebt(sic) es in Deutschland bei gleichbleibender Tendenz nur noch
etwa 60.000 Juden.”
(Unter gleichbleibender Tendenz verstand ich die stagnierende Haltung des
Ausw„rtigen Amtes im Hinblick auf die Auswanderung von Juden, in Verbindung
mit der Verproletarisierung der Juden, durch die gesetzgeberische T„tigkeit der
hierfr zust„ndigen Zentralinstanzen.)
3.) ,Wenn die mittellosen Juden abgewandert sind kommen die Kapitalisten an die
Reihe, die durch wirtschaftliche Maánahmen bis dahin langsam entkapitalisiert
sein k”nnen, mit Hilfe von Stapomaánahmen.”
(Darunter war zu verstehen, die von der Geheimen Staatspolizei in jener Zeit
durchgefhrten Beschlagnahmen und Einziehungen der Verm”genschaften).

/80/ AE: 55
So war der Status, so wurde es praktiziert. Es war die Katze, die sich ewig im
Kreise drehend in ihren eigenen Schwanz biá.

Ich schrieb dann weiter als Vorschlag:
,Sie ist ferner dann zu l”sen, wenn dem SD-Hauptamt keinerlei Hemmungen
auferlegt werden”; und ich nahm als Beispiel ein gerade in jenen Tagen
aufgetretenes Problem im Hinblick auf das Jugenderziehungsclearing. Ich lebte
damals gerade im Kampf mit den wirtschaftlichen Einschr„nkungen, welche den
Juden auferlegt wurden, worunter auch die auswanderungshemmenden
Devisenvorschriften z„hlten.
Ich vertrat den Standpunkt der ,arme” Jude will genau so gerne und so schnell
auswandern wie der ,reiche” Jude. Einem jeden war es lieber, je schneller, desto
besser; n„mlich das Ausland zu gewinnen. Und an sich wollte es ja auch die
Reichsregierung. Sei es aus Neid oder Knickrigkeit, sei es aus Dummheit oder
Unverst„ndnis, oder aus blindem Haá, die meisten dieser Stellen f”rderten diese
Auswanderung nicht, sondern hemmten sie; bewuát und unbewuát.
Was nutzte es, in Fragen des Jugenderziehungsclearings devisentechnische
Schwierigkeiten zu machen, die obendrein meistens nur formeller und rein
paragraphenm„áiger Natur waren? Weder dem Deutschen noch dem Juden war
dabei gedient.
Und warum muáte das Reich dem reichen

/81/ AE: 56
Juden das Geld abnehmen, und dem Reichsfiskus einverleiben, anstatt mit einem
Teil dieses Geldes die Auswanderung zu finanzieren. Natrlich – so dachte ich –
sollte der ,reiche” Jude mehr bekommen, denn es war ja sein Geld, aber ein Teil
seines Geldes sollte er zwecks Finanzierung der jdischen Kultusgemeinden und
der Finanzierung der Auswanderung verm”gensloser Juden zur Verfgung stellen.
Denn eine Auswanderung war teuer. Reisekosten, Vorzeigegeld usf. An Stelle
eines zehn Jahre langen elenden Dahintreibens, konnte nach meiner Idee eine
Auswanderung zgig und flott in die Wege geleitet werden und die Juden
dergestalt im Besitze ihrer Gesundheit und physischen Kraft neues Land betreten.
Einen durch jahrelanges, zermrbendes Warten krank Gewordenen, nahmen die
Einwanderungsl„nder ohnedies kaum auf.
Nein, so wie dies damals praktiziert wurde ging es nicht; und Ribbentrop irrte hier
sehr, obgleich er Reichsauáenminister war, und es h„tte wissen sollen. Bei jedem
Reisebroinhaber h„tte er sich dieserhalb besser informieren k”nnen, als bei
seinen Legationsr„ten und Unterstaatssekret„ren.

Auáerdem schlug ich in diesem L”sungsvorschlag als letzten Punkt, allmonatliche
Besprechungen in dieser Angelegenheit zwischen

/82/ AE: 57
allen an der Sache beteiligten Stellen vor, damit das hemmende Gegeneinander
innerhalb der Beh”rden in Fortfall k„me und schlieálich Zurverfgungstellung
von L„ndereien fr die Juden, und setzte dazu in Klammer, das Wort
,Madagaskar”. [9]

Aber all dies war hoffnungslos, bei der Sturheit der deutschen Brokratie. Ich will
nicht einmal sagen deutsche Brokratie, eine jede Brokratie ist egal weg, gleich
stur. Nur die Nachrichtendienste aller L„nder neigen eher zur Beweglichkeit; es
liegt in der Natur ihrer Aufgabe.
Auch das SD-Hauptamt war um jene Zeit noch lange nicht so verbrokratisiert,
wie es sp„ter werden sollte. Natrlich verlangt eine jede Beh”rdenarbeit ihr Maá
an Schematismus, dies ist klar; aber er drfte keinesfalls zum Selbstzweck
ausarten.
-(9)-
Kurze Zeit nach der ,Wiedervereinigung ™sterreichs mit dem Deutschen Reich”,
wurde ich nach Wien versetzt, um dort als Referent des SD-Oberabschnittes
,Donau”, die Auswanderung der Juden lenkend zu betreiben. Es war Frhjahr
1938. Aber was sah ich, als ich nach Wien kam; ein zerschlagenes jdisch-
organisatorisches Gebilde. Von der Geheimen Staatspolizei geschlossen und
versiegelt. Die jdischen Funktion„re saáen in Haft. Die Juden wollten
auswandern, aber keiner kmmerte sich um sie.

/83/ AE: 58
Sie wurden von Beh”rde zu Beh”rde geschickt. Standen halbe Tage lang und
mehr Schlange, und muáten dann h”ren, daá diese Stelle seit gestern nicht mehr
fr ihren Fall zust„ndig w„re.
Systemlos, ordnungslos; das Resultat war Verdruá, Žrger und Verstimmung auf
beiden Seiten, wenn nicht noch Žrgeres.
Als erstes hielt ich den Assessoren und Regierungsr„ten der Staatspolizeileitstelle
Wien, Vortr„ge, wie sie am besten jede Auswanderung behindern und verhindern
k”nnen. Darber war nicht viel mehr zu sagen als wie: ,gleichbleibende
Tendenz”. Dann entwickelte ich ihnen meinen von meinen Vorgesetzten
genehmigten Plan. Enthaftung der jdischen Funktion„re, Wiederer”ffnung all
jener jdischen Organisationen, soweit sie der Auswanderung dienlich waren.
Ferner die Genehmigung einer jdischen Zeitung in welcher alles Wissenswerte
ber die Auswanderung und der damit verbundenen Dinge zu lesen war.
Auftreibung von Reichsmarkbetr„ge(sic) zur Anfangsfinanzierung der jdischen
Organisationen, Einstellung von Hilfskr„ften und Errichtung jdischer
Wohlfahrtsstellen zwecks Betreuung der Kranken und Alten. –
Nach all den unwahren Vorwrfen, die ich in den letzten fnfzehn Jahren ber
mich habe ergehen lassen máen, mag es der Leser schwerlich glauben, daá ich
solches tat. Daher setzte ich jetzt im Anschluá an diese Zeile eine

/84/ AE: 59
Nummeration. Sie weist auf die Quellen hin. Und dies sind die Dokumente, in
denen alles viel ausfhrlicher steht, als ich dieses hier mit mageren Worten zu
schildern in der Lage bin. [10]

Als ich das jdisch-organisatorische Leben so in Gang gebracht hatte und bei der
Geheimen Staatspolizei – Wien, auf Verst„ndnis bezglich der ,neuen Linie” traf,
da bewarb ich mich um eine freigewordene Abteilungsleiterstelle beim SD-
Unterabschnitt in Linz a/Donau. In dieser Stadt wohnten meine Eltern, dort war
ich aufgewachsen. Nach dorthin wollte ich nun wieder zurck.
Freilich, es war die unterste Instanz innerhalb des Gebildes des
Sicherheitsdienstes, aber ich w„re wieder zu Hause gewesen und wer weiá,
vielleicht h„tte ich wegen šbernahme des elterlichen Gesch„ftes die
Genehmigung bekommen, meinen Dienst eines Tages zu quittieren. Schicksal. Ich
sage immer, es kann niemand ber seinen eigenen Schatten springen.
Denn mein Chef in Berlin Prof. Dr. Six hatte von meinem Vorhaben Kenntnis
erhalten und so schrieb er am 16. Mai 1938 meinem damaligen Vorgesetzten, dem
SS-Oberfhrer Naumann nach Wien, daá ich keinesfalls von Wien fortzugehen
habe, da er mich, falls ich in Wien nicht bleiben wolle, notfalls durch den Chef
des SD -Hauptamtes, wieder nach Berlin zurckversetzen lassen wrde.

/85/ AE: 60
Ja, so war es schon 1938; im Frieden. Ich war nicht mehr Herr meiner
Freizgigkeit; ich hatte zu gehorchen und daá(sic) zu tun, was mir befohlen
wurde.
Ich habe meinen S”hnen sp„ter oft und oft gesagt, seht zu, daá ihr nie Offiziere
werdet, denn dann seid ihr nicht mehr frei. Inzwischen war ich n„mlich l„ngst
zum Offizier avanciert und meine Verhaftung an die G”tter war noch bindender,
als vorher geworden.

Ich hatte also befehlsgem„á in Wien zu bleiben. Die Einschr„nkungen, denen die
Juden unterworfen wurden, waren immer fhlbarere. Das Amt des
Reichskommissars fr die Wiedervereinigung ™sterreichs mit dem Deutschen
Reich war fleissig t„tig, auch auf dem Sektor ,Juden”, Verordnung um
Verordnung herauszugeben.
Die Beh”rden behandelten die Juden gelinde gesagt schroff und unsachlich,
gem„á den von h”heren Orten ergangenen Weisungen, sodaá der seine
Auswanderungspapiere komplett machen Wollende, hier nie auf einen grnen
Zweig kam. Denn ein Teil der Dokumente, wie zum Beispiel die ,Steuerliche
Unbedenklichkeitsbescheinigung” hatte lediglich eine Laufzeit von sechs
Wochen, nach der sie ungltig wurde und die Schlangensteherei zur Erlangung
einer neuen Bescheinigung, von vorne angefangen werden muáte. Dazwischen

/86/ AE: 61
aber wurden dann wieder andere Papiere ungltig, so daá es einer Schraube ohne
Ende gleichkam.
Die jdisch-politischen Funktion„re klagten mir ihre Not. Dr. L”wenherz, Dr.
Rottenberg und Kom. Rat Storfer hatten t„glich neue Anliegen, die sie mir
vorbrachten.
Die Anklage gegen mich sagte, daá die Dokumente es ja beweisen wrden, daá
ich fr alles, in des Wortes wahrster Bedeutung, die zust„ndige und
verantwortliche Stelle im Hinblick auf Judenfragen in Wien, gewesen w„re.
Obwohl es, wie ich sofort nachweisen werde nicht zutraf, so kann ich der Anklage
rein augenscheinlich, so Unrecht nicht einmal geben.
Denn man braucht ja nur einmal die Flle der von Dr. L”wenherz dem
Amtsdirektor der israelitischen Kultusgemeinde Wien gefertigten
Aktennotitzen(sic) ber die jeweils mit mir gehabten Rcksprachen in jener Zeit –
soweit es sich um solche handelt, welche damals, und nicht erst nach 1945
angefertigt wurden – vornehmen.
Er kam buchst„blich mit allem und jedem zu mir.
Nun, es liegt mir ferne, mich besser machen zu wollen, als ich war. Warum aber
mag L”wenherz, Rottenberg, Storfer und andere, hohe jdisch-politische
Funktion„re denn ausgerechnet zu

/87/ AE: 62
mir gekommen sein? Ich war zu jener Zeit im Range eines Leutnant, sp„ter
Oberleutnant und dann Hauptmann; es gab ja Stellen von entscheidenderer
Bedeutung. Meine Dienstellung(sic) war lediglich die eines Referenten bei einem
SD-Oberabschnitt; also nicht einmal im exekutiven, sondern nur im
nachrichtenm„áigen Dienst.
Mein Jargon soll hart gewesen sein, so sagen die Zeugen von 1960 und 1961. In
der Tat, ich muá es zugeben, mein Ton war kasernhofm„áiger Natur. Und
trotzdem weiá ich, daá er frei war von beleidigendem Tenor, frei war von
Rpeleien, frei war von Gebrll, kurz frei war von jener Begleitmusik, die der
Wald- und Wiesenzivilist zu gerne jedem ,Kasernhofton”, unterstellt.
Wie denn w„re es sonst m”glich, daá man heute noch in einer solchen
L”wenherz’schen Aktennotitz(sic) lesen kann, wie er bei mir beschwerdefhrend
vorspricht und mir klagend mitteilt, die Juden wrden auf dem Wohnungsamt der
Stadt Wien, ,schroff” behandelt. [12]
Dies setzt doch voraus, daá die Juden weder von mir, noch von meinen mir
damals unterstellten Offizieren, Unteroffizieren und M„nnern, schroff behandelt
wurden.
Und berall dort, wo ich sachlich fr mich keine Zust„ndigkeit erblicken konnte,
/88/ AE: 63
ja darber hinaus nicht einmal die Polizei zust„ndig war, setzte ich mich an das
Telephon oder sprach bei der federfhrenden Beh”rde vor, um, auch dort in
meinem ,Kasernhofton”, daá(sic) abstellend zu erbitten, was L”wenherz drckte.
Nicht immer gelang es mir; ich versuchte es.
Aber die jdischen Funktion„re muáten letztlich mit der Kasernhofpflanze
manierlich ausgekommen sein; denn auch sie konnten mit mir frei von der Leber
weg sprechen, ohne sich ihre Worte zehnmal berlegen zu máen, ehvor sie das
Gehege ihrer Z„hne verlieáen.
Und man konnte dies in jener Zeit nicht berall tun, ohne Gefahr zu laufen, dies
wuáten die Funktion„re. –
Das Reich drckte auf Auswanderung. Die Juden wollten auswandern. Und alles
was dem dienlich war tat ich, war ich zust„ndig fr den einen oder anderen Fall,
dann war es ohnedies klar; war ich nicht zust„ndig, dann wetzte ich ab, und
versuchte es zu erledigen.
So kam es, daá man mir in den Ohren lag, und mir die Sprnge eines lahmen
Amtsschimmels darlegte, der vor lauter Paragraphenreiterei berhaupt nicht mehr
geradeaus marschieren konnte. Und man schlug mir jdischerseits eine

/89/ AE: 64
gewisse Zentralisierung der beh”rdlichen Arbeit vor.
Na, dies war ja nun gerade daá(sic), wo man bei den Beh”rden, egal welchen
Landes auf unserer Erde, stets in das Fettn„pfchen trat.
So etwas, was ich mir nun durch mein Kasernhofgehirn gehen lieá, war auch in
der preuáisch-deutschen Verwaltungsgeschichte noch nicht dagewesen.
Ich dachte so in meinem Sinn, alles was beh”rdlicherseits mit der Ausstellung von
Papieren an auswandernwollende Juden, zu tun hat, ran(sic) unter ein einziges
Dach, und dann unter SD-Leitung. Dann muá doch solch ein verdammter
Reisepaá anstatt in 10 oder 12 Wochen oder noch l„nger, in gut und gerne 2mal
24 Stunden fertig sein k”nnen.
Gedacht getan. Ich meldete dies alles meinem Chef, dem Inspekteur der
Sicherheitspolizei und des SD, der in Personalunion gleichzeitig den SD-
Oberabschnitt ,Donau” fhrte.
Er machte die n”tigen Wege, fhrte die notwendigen Verhandlungen mit dem
Reichskommissar Brckel; und auf dem Verordnungswege wurde die
,Zentralstelle fr jdische Auswanderung in Wien”, geschaffen, zu der alle in
Frage

/90/ AE: 65
kommenden Beh”rden ihre Sachbearbeiter abzustellen hatten.
Die Leitung hatte der SD-Fhrer des Oberabschnittes Donau. Ich wurde von ihm
mit der Durchfhrung der Aufgabe betraut, wie der Befehl es in der damaligen
Terminologie besagte. [13]
Tats„chlich wurden Reisep„sse jetzt in zwei, h”chstens drei Tagen fertig.
Einhundertdreiáigtausend oder einhundertvierzigtausend solcher Reisep„áe
konnten in etwa Jahresfrist ausgefolgt werden.
Nun, wenn die Anklage in dem Prozess gegen mich behauptet, es w„re eine
Zwangsauswanderung gewesen mit all ihren blen Begleiterscheinungen, so hat
sie damit eigentlich recht. Ich kann es auch nicht anders bezeichnen.
Aber zu bedenken w„re doch auch dieses: ich habe die for‡ierte Auswanderung ja
nicht befohlen, wenngleich ich sie unter den gegebenen Umst„nden als die noch
beste Alternative ansah und auch als beste L”sungsm”glichkeit im Hinblick auf
die von der Reichsregierung eingenommene Stellung, den Juden gegenber.
Die jdisch-politischen Funktion„re, mit denen ich ja am laufenden Bande diese
Angeheiten(sic) besprach, waren in Anbetracht der den Juden entgegengebrachten
Tendenz, ja derselben Meinung.

/91, 92/ AE: 66
Auf meinem eigenen Mist ist die Sache nicht gewachsen. Irgendwo her muá ich ja
die Anregungen bezogen haben. Von den Reichsstellen aber konnte ich solches
nicht beziehen; dazu brauche ich nur auf die offizielle Stellungnahme
Ribbentrop`s hinweisen. Und wenn man ferner sagt, ja damals ist weit und breit
von einer Vernichtung der Juden noch keine Spur gewesen und trotzdem hat
dieser Eichmann hier ein Auswanderungstempo vorgelegt, daá einer Sau grauste,
dann muá ich nur sagen, daá das Ergebnis alleine z„hlt. Und kein ,h„tte” und kein
,wenn” und kein ,aber”.
Ich setze den Fall, die Auswanderung in jener Zeit w„re durch mich behindert
worden, wie die Ribbentrop’sche Haltung es ja automatisch im Gefolge hatte,
dann wrde man mir heute dieserhalb den Strick drehen.
Also wie man sieht, was immer ich auch tat, ,gefangen wird der Kerl auf alle
F„lle”. – Hay que tener paciencia!
/Zusatz auf Seite gegenber: Hay que tener paciencia! (Man muá Geduld haben;
span. Sprichwort in Argentinien wird es fr alles Unklare gebraucht, hat also
eine(sic) spezifischeren Sinn, als die bloáe šbersetzung)/
Bueno, was tat sich in jener Zeit also weiter.
Die Paáausstellung und die dazu notwendigen Papierkramgeschichten liefen jetzt
in einer unkomplizierteren Maschinerie. Das Komplizierte, hatte ich l„ngst nach
Kasernenhofart abgeschliffen.
Aber die Auswanderung kostet viel Geld; sehr viel Geld sogar. Und woher sollte
man

/93/ AE: 67
solches bei der allgemeinen Verarmung der jdischen Massen nehmen. Sie waren
ja aus dem gesamten wirtschaftlichen und gewerblichen Leben, sagen wir es kurz,
aus allen Lebensgebieten schlechtweg, hinausgedr„ngt.
Da sollten Vorzeigegelder in Devisen vorhanden sein; die Reisekosten waren zu
bezahlen; fr die dringensten(sic) Untersttzungsf„lle muáten von der jdischen
Kultusgemeinde Wien ber ihr Wohlfahrtsamt Mittel aufgebracht werden; der
Beamten- und Angestelltenk”rper dieser jdischen Kultusgemeinde in der H”he
von etwa 500 K”pfen muáte bezahlt werden und vieles andere mehr.
Keine Reichsstelle half; allen war dieses schnurz und egal. Diese Stellen befahlen
nur ,Raus mit den Juden”.
L”wenherz kam zu mir. Ich h„tte ja sagen k”nnen, was geht dies alles mich an.
Ich h„tte dieses schon viel frher sagen k”nnen. Vielleicht stnde ich heute besser
da, denn ich h„tte mich von Haus aus nie so tief in diese Dinge eingelassen. Ich
mochte L”wenherz und Rottenberg und Storfer gut leiden; sie mochten
zweifelsohne auch mich. So lernte man sich immer n„her kennen. Und so luden
sie alles bei mir ab. Alles. Buchst„blich alles.
Sie hatten in mir einen Menschen gefunden, der sie anh”rte; stundenlang, ohne die
Geduld zu verlieren. Nicht so wie sie

/94/ AE: 68
dies bei anderen Beh”rdenvertretern gew”hnt waren. Dazu kam dann, daá
dasjenige, was miteinander abgesprochen wurde, dann auch irgendwie tats„chlich
funkte.
Also, jetzt war der Geldjammer an der Reihe. Ich selbst habe kein Geld; ich
pers”nlich war immer schon verm”genslos gewesen und blieb es. Ich habe
keinerlei buchhalterische St„rken; Kontobcher und dererlei Dinge, sind mir stets
ein Greuel gewesen. Und ob ich pers”nlich hundert oder fnfhundert Mark in der
Tasche hatte, war mir egal. Ich hatte zum Geld kein pers”nliches Verh„ltnis. In
meinem Haushalt schaltete und wirtschaftete meine Frau; darber war ich froh
und so brauchte ich mich selbst um diese Dinge nicht zu kmmern.
Und jetzt auf einmal wurde ich mit solchem Greuel angegangen. Aber ich muá es
sagen, wenn es sein muá, dann befaát man sich auch mit Dingen, die man nicht
versteht. Und in meinem finanztechnischen Unverstand – denn nur solcher konnte
in seiner Harmlosigkeit solchen Dingen gegenber, so etwas zustande bringen,
was ich nun in die Wege leitete – stellte ich mir die Angelegenheit gar nicht
einmal so schwierig vor. Die jdischen Funktion„re muáten nur

/95/ AE: 69
in das Ausland fahren, dazu verschaffte ich ihnen die Genehmigung, von den
jdischen Hilfsorganisationen Dollars erbitten und damit nach Wien
zurckkommen. Dann verkauft die Kultusgemeinde einen Teil dieser
Dollarbetr„ge an Juden, welche noch viel Geld hatten zu einem Mehrfachen des
amtlichen Kurswertes und mit diesem Reichsmarkerl”s bezahlte sie Geh„lter fr
ihre Angestellten, Untersttzung, Reisekosten fr die verm”genslosen Juden und
gab ihnen jenen Dollarbetrag als Darlehen, welchen sie als Vorzeigegelder
ben”tigten.
Manche der Einwanderungsl„nder witterten darin ein Gesch„ft und erh”hten diese
nun laufend.

So war alles gut und sch”n, aber ich dachte nicht daran, daá wir unter strengster
Devisenbewirtschaftung standen.
Nun, auch dieses konnte ich dann endlich mit ,H„ngen und Wrgen” einer
Erledigung zufhren, indem ich den Reichsbankrat Wolf aus Berlin, er war im
Reichwirtschaftsministerium, in der Devisenbewirtschaftungsabteilung t„tig, nach
Wien eingeladen hatte. Wir kannten uns schon von Berlin her. Ich erkl„rte ihm
meinen Plan. Er besprach dann diese Angelegenheit mit seinem Staatssekret„r,
welcher sie genehmigte. Es war dies auch gut so,

/96/ AE: 70
denn mir wurde bereits vorgeworfen, daá meine Praktiken zu einer theoretischen
Unterbewertung der Reichsmark fhren máe(sic), indem hier der Dollar
gewissermaáen offiziell, zu Schwarzmarktpreisen in Reichsmark verh”kert
wrde.
Damit und wie man aus den L”wenherz’schen Aktennotitzen(sic) weiter
entnehmen kann, mittels anderer finanzieller Angelegenheiten, wurde der
geldliche Teil dieser Dinge erledigt. [14]

Am 10. November wurde von der politischen Fhrung des Reiches auf dem
j„hrlichen Treffen in Mnchen, am 9. Nov. 1938, als Vergeltung fr die
Niederschieáung eines deutschen Botschaftsrates in Paris durch einen Juden, zu
einer Vergeltungsaktion im ganzen Reichsgebiet aufgerufen.
Die offizielle Berichterstattung in jener Zeit durch den SD-Oberabschnitt Donau
zeigt dokumentarisch, daá, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die
Dienstellen(sic) der Geheimen Staatspolizei und des SD, scheinbar durch einen
Fehler in der Nachrichtenbermittlung, erst dann dieserhalb verst„ndigt wurden,
als die Synagogen und die H„user der israelitischen Kultusgemeinden bereits
brannten. Jdische Gesch„fte wurden zertrmmert und die Juden zu Tausenden
eingesperrt.
—— Die G”tter wandelten sich offensichtlich zu

/97/ AE: 71
G”tzen. Diese Befehle waren nicht nur unsinnig, sie waren verbrecherisch.
Die Gesetzesfabrikation, die sah derjenige nicht, der nichts damit zu tun hatte. Die
praktische Durchfhrung der gesetzlich verankerten Maánahmen, betraf nicht den
SD-Angeh”rigen, denn er hatte keinerlei exekutive Vollmachten.
Aber die folgen der ,Reichskristallnachtbefehle”, die trafen in ihrer Unsinnigkeit
diesmal auch mich. Denn was ich mit Mhe in ™sterreich wieder aufgebaut hatte,
n„mlich ein funktionierendes jdisch-organisatorisches Leben, freilich mit
Blickpunkt auf Auswanderung, wurde in einer einzigen Nacht wieder zerschlagen.
Das Bromaterial, Karteikarten, Akten, die Auslandskorrespondenz, kurz alles
wurde ein Raub der Flammen. Dazu kam(sic) die Verhaftungen von Funktion„ren
der jdischen Organisationen. Ich tat interessenbedingt was ich konnte, um zu
retten was noch zu retten war. Aber viel war es nicht. Die Funktion„re bekam ich
allm„lig(sic) frei.
Ich erspare mir das Anfhren von Einzelheiten, denn es s„he mir zu sehr nach
Selbstbeweihr„ucherung aus. Ich muáte nun wieder einmal aufbauend t„tig
werden.
Scharfe und sch„rfste Bestimmungen gegen die Juden, hatten diese
Zerst”rungsbefehle obendrein zur Folge. Auch in finanzieller Hinsicht. Eine
Verfgung des Devisenfahndungsamtes in Wien besagte, daá Juden von ihren

/98/ AE: 72
Konten monatlich nur noch Betr„ge bis zum H”chstwert von vierhundert
Reichsmark abheben k”nnen.
Dies w„re fr den Betrieb der jdischen Kultusgemeinde ein vernichtender Schlag
gewesen, w„re diese Verfgung auch auf sie ausgedehnt worden.
Aber sie wurde ausgenommen und konnte von ihren Konten, Summen in jeder,
dem Bedarf entsprechenden H”he abheben. Die Zentralstelle fr jdische
Auswanderung gab bei Abhebung gr”áerer Betr„ge jeweils ihre Befrwortung
dazu. – [15]
Bei jungen Juden war oftmals der Nachweis ber einen erlernten praktischen
Beruf die Voraussetzung fr die Erteilung einer Einwanderungsgenehmigung.
Also muáten auch solche Stellen geschaffen, und hier bei den ”rtlichen Staats-
und Parteistellen um Verst„ndnis dafr geworben werden. Natrlich blieb auch
solches Bemhen, bei der uneinheitlichen Ausrichtung der diversen Amtstr„ger
schlieálich an mir h„ngen.
Da heiát es beispielsweise in einer Aktennotitz(sic) von Dr. L”wenherz ber eine
Rcksprache mit mir, am 9. M„rz 1939, ,Der Leiter des Pal„stinaamtes erhielt
den Auftrag einen Bericht ber die M”glichkeit der Errichtung einer
landwirtschaftlichen Hachscharah (Umschulung) auf dem Gute Markhof zu
erstatten und darauf

/99/ AE: 73
hinzuweisen, welche staatlichen und Parteistellen, fr und gegen die Errichtung
dieser Hachscharah sind.”

In demselben Aktenvermerk von Dr. L”wenherz und Dr. Rottenberg heiát es dann
weiter: ,Herr SS-Hauptsturmfhrer Eichmann erkl„rte sich bereit, die Gebeine
Herzl’s zwecks šberfhrung nach Pal„stina freizugeben, jedoch unter der
Voraussetzung, daá aus diesem Anlaá die jdischen maágebenden Organisationen
neue Einwanderungsm”glichkeiten fr 8.000 Personen aus der Ostmark verschafft
werden (sic), und beauftragte die Gefertigten, diesbezglich gelegentlich ihrer
Anwesenheit im Auslande, die erforderlichen Verhandlungen zu fhren.”

Natrlich konnte ich hier nicht selbst freigeben. Wie jedermann weiá, sind fr
solche Exhumierungsgenehmigungen viele Wege bei den hierfr zust„ndigen
Beh”rden erforderlich. Und um jene Zeit der ,Nachreichskristallnacht”, hatte auch
ich bei den verschiedensten Beh”rden, in allen Dingen wenn es sich um Juden
handelte, groáe Schwierigkeiten.

Es ist nachtr„glich immer sehr leicht, jemanden – ich spreche jetzt von mir – mit
diktatorischen Vollmachten ausgestattet darzustellen und die Konstruktion so zu
fhren, daá dieser Mensch dann

/100-101/ AE: 74, 74a
einfach in Bausch und Bogen verantwortlich fr alles gemacht wird. Es ist
interessanter, es liest sich leichter und es ist unter Umst„nden auch gar nicht
inopportun.
Nur – wieder meine Person herangezogen – es trifft nicht zu und ist daher nicht
wahr. [16]

Wenn ich heute, nach 22 Jahren so die Dokumente jener Zeit betrachte, dann muá
ich mich fragen, wie ein vernnftiger Mensch ausgerechnet mir Haá und
Vernichtungswillen unterstellen kann. Im Gegenteil, ich muá den jdisch-
politischen Funktion„ren gegenber doch sicherlich wohlwollend eingestellt
gewesen sein; frei ohne jeden pers”nlichen Haá, denn man k”nnte ja fast von
einem gegenseitigen dienstlich bedingten Vertrauen sprechen, daá(sic) unschwer
aus und zwischen den Zeilen jener Dokumente herauszulesen ist.
/Einschub Text von Seite gegenber:
Da kam einmal an einem Vormittag der von der israelitischen Kultusgemeinde,
Wien, mit brigen jdischen Beamten dieser Institution, in die Zentralstelle fr
jdische Auswanderung, eingebaute Jurist zu mir. Ein Dr. Sowieso; den Namen
habe ich vergessen.
W„hrend der Nacht hatte die Staatspolizei, Verhaftungen vorgenommen. Wir
besprachen das Ereignis und er meinte dann: ,frecher Judenlmmel greift
harmlosen deutschen L”wen an”. Und im selben Atemzuge meinte er, aber er
wáe, zu wem er solches sagen k”nne.
Ich sagte ihm, da habe er zwar recht mit seinem Wissen, aber wenn er solches
anderw„rts anbringe, máe er sich nachher unter Umst„nden in einer Polizeizelle
sagen ,H„ttest du das Maul gehalten, w„rest du ein Weiser geblieben”; diese
šbersetzung hatte mir einer meiner Lateinlehrer fr ,Si tacuisses philosophus
mansisses” gegeben. Wohingegen einmal mein Maschinenbauprofessor anl„álich
einer Statikprfung zu mir sagte: ,Gehirn ausgeschaltet, Schnauze l„uft leer mit”.
Und ich sagte dem Juristen, ich m”chte nicht gerne haben, daá er sich solche
Selbstvorwrfe eines Tages machen máe, weil uns beiden damit nicht gedient
w„re; denn es ,s„áe”, und ich máte fr ihn intervenierend t„tig werden./
Aber meine Aufgabe soll es nicht sein, auf diese Stellen im einzelnen
hinzuweisen; m”gen dies Berufenere eines Tages tun oder auch lassen, mir ist es
egal. Ich war daneben f”rmlich so etwas wie eine Beschwerdestelle, zu der man
mit allen Anliegen kommen konnte, und ich wahrte sicherlich eine tendenzlose
Korrektheit gegenber den Juden und Nichtjuden; und ganz sicher kamen sie
nicht zu mir

/102/ AE: 75
voll, von pers”nlicher Angst.
Freilich l„át es sich nicht leugnen, daá sp„ter mit zunehmenden Kriegsgeschehen
die Verordnungen und Befehle auch meiner Vorgesetzten, welche ich an die in
Frage kommenden Dienststellen weiterzuleiten hatte stets sch„rfer und radikaler
wurden.
Aber noch war es in Wien nicht so weit. Wenngleich der zunehmende Druck der
staatlichen und parteilichen Leitung in ™sterreich, nach einer beschleunigten
Entjudung, stets fhlbarer wurde.
W„re ich wirklich der “Haáer”, der ,Bluthund”, der ,ordin„re Fletz” gewesen, so
wie mich manche Zeitgenossen nach 1945 gerne darstellten, dann wrde man dies
zweifelsfrei irgendwie sogar zwischen den Zeilen der L”wenherz’schen
Aktennotitzen lesen k”nnen, aber mir will wirklich scheinen, als ob es das
Gegenteil w„re. Ich spreche hier natrlich von den Dokumenten, die vor der
Beendigung des Krieges angefertigt wurden. Und dabei ist der Stil beispielsweise
von Dr. L”wenherz als durchaus trocken und sachlich zu bezeichnen.
Das damalige amtliche Deutschland, an seiner Spitze das Ausw„rtige Amt,
schufen eine ,Schraube ohne Ende”, ,eine sich in den Schwanz beiáende Katze”,
und es hatte schlieálich als seiner Weisheit letzten Schluá, kaum andere Befehle
zu erteilen als solche, wie sie zur Reichskristallnacht fhrten. Andere M„chte, zu
deren Sprecher sich in Berlin der britische Botschafter machte, erkl„rten, ,keine
Juden ohne Kapital”.
Ja, in drei Teufels Namen, was sollte denn da noch an M”glichkeiten zur
Verfgung stehen. Ich habe es oft fast schon beweint, in jener Zeit meine

/103/ AE: 76
H„nde nicht in die Tasche gesteckt und die Stellungnahme vieler anderer, auch
mir zu eigen gemacht zu haben. Ich stnde wahrlich heute besser da.
/gestrichen: Bueno, ich habe sie aber nun einmal wie man sieht nicht ,in die
Tasche gesteckt”. Ein weiterer Satz unleserlich gemacht./
/nachtr„glicher Zusatz zum Schluá des Abschnitts: Ob aber dann die Mehrzahl der
Juden aus ™sterreich h„tte auswandern k”nnen, m”gen andere berprfen./
Ich ging in Wien damals den Mittelweg zwischen jenen beiden Extremen,
n„mlich: der Auswanderungsbehinderung auf der einen Seite, verbunden mit
versch„rftem gesetzgeberischen Druck durch die amtlichen deutschen Stellen; und
der Erkl„rung des Auslandes andererseits, keine verm”genslosen Juden
aufnehmen zu wollen.
-(10)-
W„hrend des Prozesses gegen mich, wurde einige Male der Hitler’sche Ausspruch
in seiner Rede vor dem deutschen Reichstag am 30. Januar 1939 erw„hnt:
,Ich will heute wieder ein Prophet sein. Wenn es dem internationalen
Finanzjudentum in- und auáerhalb Europas gelingen sollte, die V”lker noch
einmal in einen Weltkrieg zu strzen, dann wird das Ergebnis nicht die
Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die
Vernichtung der jdischen Rasse in Europa.” [17]
/zwei Zeilen unleserlich gemacht/
Es passt zum M„rchen ,der Protokolle der Weisen von Zion” und den
,Ritualmordm„rchen”.
Natrlich ist das internationale private Groákapital zu einem guten Hauptteil

/104/ AE:
77
mitschuldig, ja urs„chlich verantwortlich an der Not der V”lker, fr den Kummer
und das Leid, als Gefolge der von ihm heraufbeschworenen Kriege. Aber t”richt
ist es, hier von einem jdischen internationalen Finanzblock sprechen zu wollen.
Soferne es sich hier um Juden handelt, die auch in den gewaltigen internationalen
Finanzkartellen mit drin saáen, handelte es sich ganz zweifellos um Juden, denen
ihr Judentum genau so wenig oder so viel bedeutete, als die katholischen oder
protestantischen Finanzmagnaten sich um Katholizismus oder Protestantismus
gekmmert haben m”gen. Das vorherrschende Charakteristikum gerade dieser
Juden war ihre assimilatorische Einstellung. Nicht immer zur Freude des wirklich
berzeugten Juden.
Nein, die internationale Hochfinanz war und ist mit das gr”áte aller šbel; daran
gibt es nichts zu rtteln. Aber hier den Tenor auf das Wort ,Jude” zu legen, heiát
die Sachlage verkennen.
Und Hitler verkannte die Sachlage, wie so oft, so verh„ngnisvoll oft; so auch hier.

/105/ AE:
77a
Ich will daá(sic), was ich eben sagte, genauer erkl„ren. Es m”gen die Jahre 1936
und 1937 gewesen sein; da ging eine Abteilung des damaligen SD-Hauptamtes
der Angelegenheit ,Internationales Finanzjudentum”, Internationale jdische
Hochfinanz” nach. Ich pers”nlich hatte sachlich nichts damit zu tun, denn der
Schwerpunkt lag hier bei der ,Wirtschaftsforschung”. Aber ich habe manche Akte
gelesen, die im Zusammenhang mit diesem Nachforschen entstand. Auch hatte ich
Gelegenheit, zu jener Zeit mit dem einen oder anderen hierfr zust„ndigen
Referenten ab und an ber diese Fragen zu sprechen. Ich entsinne mich noch, daá
gerade das Ergebnis der Untersuchungen ber den ,Unilever-Konzern” vorlag; es
war ein gewaltiges Margarine und Seifenkartell und es waren diesem noch weitere
groáe Unternehmungen angeschlossen. Seine wirtschaftlichen Verflechtungen
waren wahrhaft internationale. Seine Aktienpaketinhaber, wenn ich nicht irre auch
Teile seiner Verwaltungsratsvorsitzenden, waren zum Teil Juden, oft und oft
genannt, mit ebenfalls internationalem Klang. Ja, man sprach Teile des Unilever-
Konzernes direkt als Familiengebilde an.
Es stimmte auch, daá einzelne Namenstr„ger innerhalb dieses Wirtschaftsgebildes
lebhafte Beziehungen beispielsweise zur ,Anti-Difamations-Liga”, zur ,Anti-
Nazi-Liga”, zu dem Leiter der Boykottbewegung gegen Deutschland, Samuel
Untermyr, hatten und auch zu vielen anderen politischen und wirtschaftlichen
Zentren, wie das nun eben einmal so das Getriebe der Multi-Million„re in der
Hochfinanz, mit sich bringt.
Nun, meine Einstellung zur Boykottbewegung habe ich geschildert. –
Es konnte trotz eifrigen Nachforschens – der Hebel dieser Ermittlungst„tigkeit
wurde damals in Holland angesetzt und erstreckte sich auf eine ganze Reihe von
L„ndern, ein-
Fortsetzung siehe auf dem
Beiblatt No 1 !!!

/106/ AE: 77b
1. Beiblatt zur Seite 77a
schlieálich der USA, – nichts anderes ,gefunden” und festgestellt werden, was
nicht ebenso auch auf irgend einen Wald und Wiesenkaufmann, welche sich
dieser Boykottbewegung angeschlossen hatte, festgestellt h„tte werden k”nnen.
Sicherlich sind ihre finanziellen Untersttzungen gr”áer gewesen, als die jener
minderer(sic) Bemittelten. Dafr aber auferlegten ihnen die Rcksichtnahme(sic)
auf ihre Wirtschaftsbetriebe ein ungleich h”heres Maá an Vorsicht und
Zurckhaltung, als solches die kleinen Leute notwendiger Weise zu beachten
gehabt h„tten.
Mit anderen Worten: nichts Belastendes ergab sich, was der Mhe wert gewesen
w„re, es lauthals in alle Welt hinauszuposaunen. Und das SD-Hauptamt saá
damals – wie man fachm„nnischerweise zu sagten(sic) pflegte – sehr gut im
Unilever-Konzern drin.
W„re wirklich etwas festgestellt worden, dann w„re dies unter Anfhren aller
Einzelheiten sp„testens bei der Besetzung Hollands durch Goebbels Vermittlung
einer internationalen Presse und sicher auch dem diplomatischen Korps in Berlin
bekannt gegeben worden; wie dies nun einmal so blich war. Daá es bis 1945
aber nicht geschah, ist eine Best„tigung der Richtigkeit meines Geschilderten.

Natrlich war es ein ,geflgeltes Wort”, das internationale ,Finanzjudentum”.
Aber man nehme doch einmal die Summe aller Multimillion„re

/107/ AE: 77c
mit Dollarbasis her, und dann sehe man nach wie hoch die Zahl der jdischen und
wie hoch die Zahl der nichtjdischen Dollar-Multimillion„re ist; unter Beachtung
der von ihnen vertretenen Dollarsummen.
Ebenso mache man es mit den Vorsitzenden der Aufsichtsr„te von
Unternehmungen, Konzernen und Kartellverb„nden, denen einige Bedeutung in
internationaler Hinsicht zuzumessen ist; zwar ist nicht unbedingt und
notwendigerweise Aufsichtsr„ten, Mitgliedern der Exekutivkomitees(sic) und
Vorsitzenden solcher K”rperschaften der Status eines Multimillion„rs
zuzusprechen, wohingegen ihr wirtschaftlicher Einfluá ein enormer sein kann.

Was sieht man? Sicher nichts anderes, als daá(sic), was auch wir seinerzeit im
SD-Hauptamt sahen. Die Zahl der Juden, war im Vergleich zur Zahl der
Nichtjuden sehr gering.
Der einzelne Konzern, der einzelne jdische Finanzmagnat, der einzelne
nichtjdische Aufsichtsratvorsitzende oder Dollar-Multimillion„r, vermochte
gegen das Reich nicht mehr zu unternehmen, wie eine Stecknadelspitze gegen
eine Elefantenhaut.
Erst in ihrer Zusammenballung, in dem Einigsein des Groáteiles der
internationalen Hochfinanz zur Zielerreichung, da wird diese Macht finster und
gef„hrlich.
Aber ab diesem Augenblick hat der Jude als solcher damit nichts mehr zu tun; er
ist nur noch ein Prozentsatz im Volumen ,Einhundert”; ein Prozentsatz, der
haushoch entfernt von einer Majorit„t ist.

/108/ AE: 77d
So war es jedenfalls in jenen Jahren, von denen ich spreche.
Und nachdem mir solches, als kleiner Referent bekannt war, um wieviel mehr
muáte es den Fhrungsspitzen bekannt gewesen sein. Denn fr sie wurden ja
diese Nachrichtenuntersuchungen gefhrt und an sie gingen ja die
Berichterstattungen.
Wenn ich sage, daá wir Referenten im Reichssicherheitshauptamt, bei einer
solchen Rede Hitlers, daher nur an die Erzielung einer propagandistischen
Wirkung glaubten, dann mag dies seine Richtigkeit haben. Am 30. Januar 1939
hat meines Erachtens in ganz Deutschland im Ernst niemand an eine physische
Vernichtung des Judentums gedacht. Der Gedanke selbst schon w„re auch zu
absurd gewesen; und ich wage dies zu behaupten trotz aller wirklich sehr scharfen
Maánahmen, welche bis dahin gegen die Juden Anwendung fanden.
Denn, daá jede Politik in allen L„ndern eine einzige groáe Lge und ein einziger
groáer Betrug ist, dies wuáte auch damals schon ein jeder Mensch in allen
L„ndern, sofern er nur Zeitung lesen konnte.
Der Jude wurde – wie schon so oft in seiner Geschichte – auch von der obersten
Fhrung des Reiches als Katalysator benutzt, an dem sich alle ihre Miáerfolge
und prophylaktisch auch alle eventuell kommenden Schwierigkeiten und
Ungelegenheiten, niederzuschlagen hatten.
An dieser Grundeinstellung hat sich nichts ge„ndert; so entstand das
Propagandabild der ,Protokolle der Weisen von Zion”, so entstand das
,Ritualmordm„rchen”, zu seiner Zeit. Es ist dies beileibe nicht erst meine
Einstellung zu den Dingen, seit ich hier als

/109/ AE: 77e
Staatsgefangener in einem israelischen Gef„ngnis sitze. Ich verdanke diese meine
Kenntnis im Wesentlichen der Erkenntnis meines Lehrer auf diesem Gebiet, dem
Freiherrn von Mildenstein. Er sah die Dinge leidenschaftslos und nchtern, so wie
sie in Wahrheit lagen. Frei von Mystizismus, frei von ,Strmerauffassung” und
frei von propagandistischen Truggebilden.
Die Richtigkeit seiner Auffassung konnte ich in langen Jahren, an Hand der
amtlichen Unterlagen best„tigt finden.
Daá der einzelne jdischen Finanzmagnat genau so schlecht oder genau so gut
wie der einzelne nichtjdische Finanzmagnat gewesen ist – und alle zusammen
noch immer so sein werden – ist eine sonnenklare Angelegenheit, hat aber mit
Judentum nichts zu tun.
Ich denke in diesem Augenblick an eine andere Geschichte, die man mir erz„hlte,
deren Glaubwrdigkeit oder Nichtglaubwrdigkeit sehr leicht nachzuprfen ist.
(Zusatz fr den Lektor: sollte es nicht stimmen, dann bitte diesen Absatz in
Fortfall kommen zu lassen. Der Gew„hrsmann, der es mir erz„hlte war ein zwar
gediegener Wirtschaftler, aber ich habe es mit eigenen Augen nicht amtlich
gesehen. Daher meine Vorsicht.)
Als dem Volkswagenwerk in Deutschland von der englischen Besatzungsbeh”rde
die Wiederingangsetzung des Betriebes erlaubt wurde, geschah dies mit der
Auflage, fr jeden verkauften Volkswagen ,Eintausend Deutsche Mark” an
England abzuliefern.
Dies ist zum Beispiel solch ein Raubzug der Hochfinanz. Konkurrenzneid und
Wirtschaftsangst diktieren hier dem einzelnen Verbraucher den mittelalterlichen

/110/ AE: 77f
2. Beiblatt zu 77a.
,Zehent” auf. Diese Summen flieáen netto in die Taschen der daran interessierten
englischen Kapitalistenkreise. Daá das englische Volk, der englische Arbeiter,
davon keinen Pfennig sieht, ist klar. Es ist der Tribut, den der Volkswagenk„ufer
dafr zu bezahlen hat, daá die englische Kleinwagenindustrie eben einen gewissen
Prozentsatz weniger Wagen abstoáen kann. Soviel ich weiá, haben Juden
beispielsweise hier nicht mit zu tun gehabt.
Aber man wird mir vorhalten, daá es doch unleugbar sei, daá den Juden im
Vergleich zu seiner Gesamtbev”lkerung in Deutschland, ein
unverh„ltnism„áighoher Anteil an Bank und B”rse, an Kunst, Schriftum(sic),
Film und Theater zukam; ferner am Handel im allgemeinen, an gewissen
Berufssparten wie Žrzten usf., auf dem Gebiete der Rechtssprechung und
Erziehung und was dergleichen nochmehr sein mag.
Jawohl, da muá ich sagen, daá dies stimmt. Und es war ja auch die Masche, in
welche die nationalsozialistische Propaganda immer wieder hineinhaute.
Es war dies wohl mit gewissen zeitgeschichtlichen Abweichungen in der einen
und anderen Form so, seit Jahrhunderten und noch l„nger.
Es fhrte diese Tatsache auch immer wieder mit zu Pogromen und
Wirtschaftsdruck auf die Juden.
Viele schlachteten diese Tatsache zu ihrem Vorteil aus; die Landesfrsten zum
Wohle ihrer
/111/ AE: 77g
Privatschatulen(sic); und die Politiker zum Fange der Stimmen die sie ben”tigten,
um ,an den Drcker zu kommen”. Alle bentzten diese fr ihre pers”nlichen
Ambitionen willkommene Gelegenheit, um unter spekulativer Ausntzung
erwachter Neidtriebe im Menschen, ihr Ziel zu erreichen, daá(sic) sie sonst
mangels eigener Geistesgaben kaum oder viel schwerer h„tten erreichen k”nnen.
/ein Satz unleserlich gemacht/
Zweierlei Ursachen sind es, denen die Juden ihr Los zu beklagen hatten.
Die Jahrhunderte w„hrenden Exile, in welche die Juden lange vor der
Zeitenwende abgefhrt wurden. Nach Babylonien, nach Žgypten. Gewisse
Berufszweige waren ihnen hier gestattet, andere untersagt. Selbst in
Mittelalterlicher(sic) Zeit war es oft noch so. Und wenn man nachsieht, was ihnen
damals erlaubt war, betreiben zu drfen, dann waren es in der Mehrzahl der F„lle,
jene Berufe in welchen die Juden der Neuzeit einen grӇeren Anteil hatten, als es
ihrer Gesamtzahl zur Einwohnergesamtzahl entsprach. Es war ganz klar, sie
waren darauf zwangsl„ufig spezialisiert worden.
Zum anderen trug Schuld daran die Tatsache, daá den Juden die M”glichkeit zur
Eigenstaatlichkeit verwehrt war.
Und da nun jeder Nationalismus potenzialer Egoismus ist, so sollte anf„nglich das
Problem in Deutschland durch Auswanderung gel”st werden. Dies war nicht neu,
dies hatte zahlreiche Pr„zedenzf„lle in der Geschichte, ich erinnere nur an die
Judenaus-
/112/ AE: 77h
treibungen Isabellas der Katholischen. Die „uáeren Deklarationen der Motive
wechselten im Laufe der Zeiten. Das Motiv selbst blieb sich stets gleich.
/nachtr„glicher Zusatz: Ich pers”nlich wies stets und nachdrcklich darauf hin,
daá nur Eigenstaatlichkeit das Problem l”se. Aber hier unterlag ich
stellungsm„áig sowohl als auch im Kampf mit Lgen und Gegenpropaganda./
Und ich behaupte heute, daá das ganze menschliche Zusammenleben, zumindest
in seiner zweitausendj„hrigen neueren Zeit – aber sicherlich auch vordem – eine
einzige groáe und gewaltige Betrugs- und Lgensymphonie ist. Bernard Shaw,
der Menschenkenner und Sp”tter, erz„lt(sic) uns eine nette Geschichte:
,Sobald eine Lge popul„r geworden ist, daá(sic) werden alle M„rchen, ist es
unm”glich sie einzuholen, wenn sie einmal einen Vorsprung hat.
Von Lord Melbourne, dem Mentor der K”nigin Victoria, als diese den Thron
bestieg, erz„hlt man sich, er habe bei einer Zusammenkunft mit seinen
Ministerkollegen, mit seiner Person die Tre des Beratungszimmers verstellt und
ihnen zugerufen: ,Es ist mir ganz egal, was fr eine gottverdammte Lge wir
erz„hlen máen, aber nicht einer von Ihnen verl„át dieses Zimmer, bevor wir uns
auf eine und dieselbe gottverdammte Lge geeinigt haben.”

So viel zu diesem Kapitel. –
_____________
/104+113, 114/ AE: 77+78

-(11)-
Die deutschen Panzer rasselten durch Prag. Die goldene Stadt an der Moldau.
>Slata Praha<, wie der Ceche zu seiner Hauptstadt, der baulich sch”nsten aller
mitteleurop„ischen Hauptst„dte, wenn nicht darber hinaus, sagt. Wer an der
Moldau steht und seine Blicke ber die steinernen Heiligen der Karlsbrcke,
hinauf zum Hradschin und Veitsdom gleiten l„át
und hierbei nicht dem Zauber der Jahrhunderte sinnierend erliegt, kann kein
Lebender mehr sein.
Ich kannte Prag noch aus tiefster Friedenszeit. Ich kannte Prag, als es noch zur
K.u.k.”sterreich-ungarischen Monarchie /verschrieben, Korrektur gegenber auf
S. 113/ geh”rte und ganz besonders verstehend und liebend lernte ich diese
reizvolle Feste an der Moldau in den Jahren 1931 bis 1933, kennen.
Aus den vertr„umten G„s’chen(sic) der Altstadt und des Hradschin, umwehte
einen der Hauch des Mittelalters; von Gewerbefleiá und Baukunst kndend.
Und tausend alte Sagen und mehr raunten sich durch das lauschende
/verschrieben, Korrektur gegenber auf S. 113/ Ohr. Und vergoldet leuchteten
hundert Trme und Kuppeln in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne.
Oh, wie liebte ich Prag.
Doppelt heimelig war sie mir, diese Stadt; als st„dtebauliches Kleinod und meine
Verlobte in jenen Jahren, meine sp„tere Frau, war obendrein in der
Cechoslowakei beheimatet.
In wenigen Tagen, werden dreiáig Jahre vergangen sein, seit jener Zeit, da ich
Prag zu lieben anfing.
________________

Mitte 1939 erhielt ich Befehl nach Prag zu fahren und mich bei dem dortigen
Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD, zu melden. Es sollte das
Spiegelbild der ,Zentralstelle

/115/ AE: 79
fr jdische Auswanderung, Wien”, aufgezogen werden.
Genau war es der 28. Juli 1939, an dem in Prag die Zentralstelle zu arbeiten
anfing.
Bis dahin gab es noch keine einheitlich geregelte Auswanderung. Wer von den
Juden auswandern wollte, muáte sich die notwendigen beh”rdlichen Dokumente
selbst beschaffen. Damit ging er zur Durchlaáscheinstelle der Geheimen
Staatspolizei, die darber entschied, ob dem Betreffenden die Auswanderung
genehmigt wurde oder nicht.
Nach Errichtung dieser ,Zentralstelle fr jdische Auswanderung Prag”, wurde
der jdischen Kultusgemeinde Prag bertragen, dafr zu sorgen, daá die
auswandernden Juden die gesetzlichen Voraussetzungen erfllten. Der
Durchlaáschein, der zum Verlassen des ,Protektoratsgebietes” berechtigte, wurde
nunmehr von dieser Zentralstelle ausgegeben. Es waren eine groáe
Anzahl Dokumente notwendig, um in jener Zeit in das Ausland auswandern zu
k”nnen und ich gehe kaum fehl, wenn ich sage, daá diese Anzahl fr Juden und
Nichtjuden so ziemlich die gleiche war. Dazu geh”rten:
1.) Wohnungsnachweis von der Polizeidirektion;
2.) Polizeiliches Fhrungszeugnis;
3.) Sichtvermerkerteilung durch den Oberlandrat Prag;
4.) Gesuch um Ausstellung eines Reisepasses, an die Polizeidirektion Prag und an das
Oberlandratsamt in Prag;

/116/ AE: 80

5.) Formblatt fr einen Auswanderungspaá, von der Polizeidirektion in Prag;
6.) Best„tigung des Magistrates der Stadt Prag, ber die Bezahlung der
Gemeindeabgaben;
7.) Gesuch an die Gruppe VII/Wirtschaft/ des Reichsprotektors;
8.) Gesuch und Fragebogen an die Steueradministration zwecks Erlangung einer
,Steuerlichen Unbedenklichkeitsbescheinigung”;
9.) Ausgefllter Fragebogen des staatl. Gebhrenamtes;
10.)Antrag auf Mitnahme des Umzugsgutes an die Revisionsabteilung des
Finanzministeriums und an die Nationalbank;
11.)Verzeichnis des Umzugsgutes an die Revisionsabteilung des Finanzministeriums;
12.)Verm”gensbekenntnis fr das Devisenschutzkommando der Zollfahndungsstelle.
13.)Best„tigung der Bezahlung der Auswanderungssteuer, Abgaben bezglich des
Umzugsgutes usf. im Sinne der Regierungsverordnung No 287/1939;
und anderes mehr.

Wie man sieht, war es – nicht nur in Prag – alleine schon schwer, diese Vielfalt
von Bestimmungen zu erfllen. Fr den Einzelmenschen oft eine Qual. Es hatte
die Schaffung einer zentralen Stelle schon recht viel fr sich; freilich hatte sie
auch ihre Nachteile.
Und es m”gen diejenigen werten und bewerten zwischen Vorteil und Nachteil,

/117/ AE: 81
die in die Notwendigkeit kamen, im(sic) Besitze solcher Bescheinigungen zu
gelangen. Sie werden es wissen.
Ich sagte diejenigen, welche in die Notwendigkeit kamen.
Ja, und da geht mir durch den Sinn:
Ich trat der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei bei, weil sie gegen
das Unrecht von Versailles k„mpfte,
/eine Zeile unleserlich gemacht/
Gegend(sic) das Diktat;
Gegen Besatzung;
Gegen nationale Schmach;
/eine Zeile unleserlich gemacht/
Gegen Landraub.

Und was brachten wir?
Unrecht;
Diktat;
Besatzung;
Nationale Schmach;
/eine Zeile unleserlich gemacht/
Landraub.
Es ist wahr; genau daá(sic), brachten wir!
Genau daá(sic), alles, rasselte im Gefolge unserer Panzer, gegen daá(sic) wir
einstens uns erhoben und aufstanden.
Alles dies und noch viel mehr diktierten wir anderen V”lkern auf.
Es ist wahr: ein Unrecht schafft das andere Unrecht nicht aus der Welt.
Und unsere damalige Fhrung h„tte solches erkennen máen. Sie waren die
verantwortlichen Politiker.
/118/ AE: 82
/gestrichen, offenbar daraufhin als Schluásatz auf die vorige Seite gesetzt: Sie
waren die verantwortlichen Politiker./
/7 Zeilen bis zum Schluá des Abschnitts unleserlich gemacht/
/weitere 6 Zeilen unleserlich gemacht/
/6 Zeilen bis zum Schluá des Abschnitts gestrichen, zum Teil noch lesbar: . Form
geworden w„re; nicht daá ich predigend oder schreibend diese Ideologie landein,
landab verkndet h„tte, etwa einem Reichsredner gleichend. Nein, dies nicht./
/weiterer Abschnitt von 5 Zeilen unleserlich gemacht/
/9 Zeilen bis Ende der Seite gestrichen, noch lesbar: Und diese Einstellung war
es, die mich weiterhin als Diener im Tanz um die G”tter verharren lieá. Freilich,
es war damals schon schwer, sehr schwer aus diesen Reihen zu brechen; selbst
wenn man es wollte.
Aber ich muá es gestehen, ich dachte um jene Zeit nicht mehr und noch nicht von
neuem an eine Losl”sung von meinem Dienst, nachdem mein/

/119/ AE: 83
/2 Zeilen bis zum Abschnitt unleserlich gemacht/

Am 27. September 1941 wird Heydrich zum Stellvertretenden Reichsprotektor fr
B”hmen und M„hren ernannt.
Des Ehrgeizigen und sehr Machthungrigen Wunsch, ist erfllt: sein Sprung in das
grӇere politische Geschehen.
Ich h”rte ihn bei irgendeiner Gelegenheit einmal sagen, daá es ihm eine
Genugtuung bedeute, aus dem Negativum der polizeilichen ,T„tigkeit”, nunmehr
in eine ,positive Aufbauarbeit” gestellt zu sein.
Doch scheint diese, seine Erkl„rung ohne weiteren Belang gewesen zu sein, denn
er behielt seine Stellung als Chef der Sicherheitspolizei und das SD auch
weiterhin, in Personalunion, bei.
Darber hinaus war er SS-Obergruppenfhrer und General der Polizei, Mitglied
des Deutschen Reichstages, zeitweilig Vorsitzender der ,Internationalen
Kriminalpolizeilichen Kommission”, um einige seiner wichtigsten Funktionen
und Titel zu nennen.
Sein geheimes Ziel aber war die Verdr„ngung Ribbentrops, und sich selber als
Reichsauáenminister sehend. Dazu sollte ihm das Sprungbrett in die hohe Politik,
als des Reiches Protektor fr B”hmen und M„hren, dienen.
Er hatte sich als ,Architekt” das Gebilde eines Reichssicherheitshauptamtes
geschaffen, daá(sic)

/120/ AE: 84
er in z„her Kleinarbeit, aus kmmerlichen Anf„ngen heraus, zu jener m„chtigen
Institution ausbaute und als dessen Chef und Beherrscher er als Person
schlechterdings unangreifbar wurde.
Mut und Entschlossenheit, gepaart mit Draufg„ngertum war ihm keineswegs
abzusprechen gewesen, besonders wenn es sich darum handelte seinem Ehrgeiz
und seiner Eitelkeit zu fr”nen.
Er wollte sich in den Besitz von Tapferkeitsauszeichnungen setzen.
Zu diesem Zweck lieá er sich in seiner knappen Freizeit ber seine Beziehungen,
in die Uniform eines Luftwaffenmajors stecken und an einer ,Messerschmitt”
ausbilden. Tats„chlich beteiligte er sich dann auch als J„ger an K„mpfen ber dem
Kanal, schoá einige Feindflugzeuge ab, und erhielt Frontflugspange und Eisernes
Kreuz. Himmler verbot ihm daraufhin jedwede weitere Fliegerei. –
Auch diesen Wunsch hatte er sich also erfllt.

Auf einer Pressekonferenz in Prag, hatte Heydrich sich in seiner impulsiven Art
dazu hinreiáen lassen, einen unm”glich kurzen Termin fr die ,Entjudung
B”hmens und M„hrens” zu nennen.
Um seinen Worten einigermaáen nachkommen zu k”nnen, wurde in der Folgezeit
Theresienstadt von deutschen Truppen, welche dort in Garnison lagen ger„umt
und die cechische Zivilbev”lkerung durch das

/121/ AE: 85
zust„ndige Ministerium der Protektoratsregierung, umgesiedelt.
Ein vorliegendes Dokument, beschreibt die Besprechung mit Heydrich, an der
auch ich teilnahm. Ich habe das Original nicht gesehen. Das mir zur Verfgung
stehende Dokument – eine Ablichtung – zeigt weder Briefkopf noch
Tagebuchnummer, weder Signum noch Unterschrift, so daá ich nicht zu ersehen
vermag, wer diese Notitzen(sic) machte, von welcher Dienststelle sie gemacht
wurden; kurz, ich kann dieses Dokument solange nicht als amtlich ansehen,
solange ich das Original nicht gesehen habe. Hinzu kommt, daá ich die
Angelegenheit anders in Erinnerung habe; wenngleich ich nicht behaupten will,
daá nach so langer Zeit, es sind inzwischen zwanzig Jahre mit all ihrer Turbulenz
darber hinweggegangen, meine Erinnerung untrglich w„re. [18]
Heydrich frug auch mich in jener Zeit um meine Meinung, wie ich mir – nun er
sich einmal als Reichsprotektor festgelegt habe – eine L”sung vorstelle. Er frug
Dutzende von Personen und Stellen. Ich sagte ihm, er m”ge eine Stadt mit
gengendem Hinterland zur Verfgung stellen. In diese(sic) Stadt k”nnten die
Juden von B”hmen und M„hren angesiedelt werden; das Hinterland hat die
ben”tigten landwirtschaftlichen Produkte zu liefern. Die laufende Auswanderung
wrde im Laufe der Jahre das Problem

/122/ AE: 86
sodann von selbst l”sen. So geschah es dann auch; jedoch ohne Hinterland.
/1 nachtr„glich hinzugefgte Zeile gestrichen und unleserlich gemacht/
Die wenigen hundert Hektar Land waren zu wenig und die Auswanderung war
inzwischen auch verboten worden. Hinzu kam, daá in der Folgezeit alle
m”glichen Partei- und Staatsdienststellen des Reichsgebietes, in der Dr„ngelei,
ihre Juden los zu werden, Himmler in den Ohren lagen, ihrerseits Juden nach
Theresienstadt schicken zu k”nnen. Hinzu kam ferner, daá Himmler /1 Zeile
unleserlich gemacht/ eines Tages befahl, Theresienstadt zu einem Muster-Alters-
Ghetto umzugestalten, um hier dem Ausland zu zeigen, wie das Deutsche Reich
die Judenfrage l”se. Es war dies eine der von Himmler befohlenen Tarnungen.
/zweieinhalb Zeilen bis Ende des Abschnitts unleserlich gemacht/
Theresienstadt war dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD, in Prag
unterstellt. [19] Der Befehlshaber wiederum unterstand einmal fr
Angelegenheiten des Protektoratsbereiches, dem H”heren SS- und Polizeifhrer
fr B”hmen und M„hren, als dem bevollm„chtigten Vertreter Himmlers, des
Reichsfhrers SS und Chefs der Deutschen Polizei;
zum anderen demselben, in seiner Eigenschaft als Staatssekret„r fr das
Sicherheitswesen in B”hmen und M„hren. Es war dies der SS-Gruppenfhrer und
Generalleutnant der Polizei und der Waffen SS, K. H. Frank.

/123-124/ AE: 87
Zum dritten hatte der Befehlshaber der Sicherheitspolizei in Prag die Befehle des
Reichssicherheitshauptamtes zu beachten, soferne ihnen Reichshorizont
zuzumessen war, und Frank kein Veto einlegte.
Bis zum Tage, an dem gegen Heydrich die Bombe geworfen wurde, an deren
Splitterverwundung er am 5. Juni 1942 starb, befahl auch Heydrich als Chef der
Sicherheitspolizei und Reichsprotektor, seinem Befehlshaber der
Sicherheitspolizei in Prag, unmittelbar.
/Zusatz von Seite gegenber: Es war eine komplizierte Stellung, alleine schon im
Hinblick auf die Befehlswege und die dadurch bedingten Kontrollm”glichkeiten./
Von Zeit zu Zeit traten die Dienststellen der Sicherheitspolizei auf Dr„ngen der
”rtlichen Vorgesetzten oder der parteilichen Instanzen, an das
Reichssicherheitshauptamt heran, eine vorgeschlagene Anzahl von Juden zwecks
Auflockerung der Besiedlungsdichte in Theresienstadt, nach dem Osten zu
deportieren, denn die Auswanderung von Juden in europ„ische oder
auáereurop„ische L„nder, war von Himmler mit Wirkung vom 10. Oktober 1941,
verboten worden.
Solche Ansuchen konnte nur Himmler pers”nlich entscheiden und daher wurden
sie entweder vom Amtchef IV des Reichssicherheitshauptamtes, meinem
inzwischen unmittelbaren Vorgesetzten, SS Gruppenfhrer und Generalleutnant
der Polizei Mller, oder von dem Nachfolger Heydrichs, dem SS
Obergruppenfhrer und General der Polizei und der Waffen SS, Dr.
Kaltenbrunner, als Chef der

/125/ AE: 88
Sicherheitspolizei und des SD, unterschrieben, an Himmler weitergeleitet.
Dieser genehmigte oder verwarf. [20]

Ich sagte, daá die Einrichtung und der Betrieb des Ghettos Theresienstadt von
Himmler zur Tarnung befohlen wurde. Also wurden alle Ansuchen, welche die
Dienststellen des Roten Kreuzes, bei den zust„ndigen Reichsstellen, wie dem
Ausw„rtigen Amt, insoweit es sich um das Internationale Rote Kreuz handelte
oder bei der Kanzlei des Fhrers oder Reichskanzlei, sofern der Antrag vom
Deutschen Roten Kreuz ausging, ber Himmler geleitet, der als letzte Instanz
erlaubte oder verbot. So wurde Theresienstadt im Juni 1943 von dem
Generalhauptfhrer des Deutschen Roten Kreuzes, Hartmann besucht, als
Vertreter des Herzogs von Koburg, /fast 2 Zeilen unleserlich gemacht/ und am 5.
April 1944, von einer Kommission des Internationalen Roten Kreuzes selbst. [21]
Auch ich nahm an diesen Besichtungen(sic) befehlsgem„á teil. Es ist natrlich
heute leicht zu sagen, ja h„tten Sie denn damals den Kommissionen nicht sagen
k”nnen, ist ja alles Schwindel, ist ja alles Tarnung Himmlers, der damit die
Welt”ffentlichkeit irre fhren will.
Abgesehen davon, daá ich unter Eid stand; abgesehen davon, daá die Tatsache der
Judent”tungen im Juni 1943 auch im Ausland unwiderlegbar bekannt war und es
im April 1944 bereits alle Spatzen vom Dach pfiffen; abgesehen von der Tatsache
ferner, daá ich an die n„chste Mauer gestellt worden w„re, um erschoáen zu
werden, abgesehen von

/126-127/ AE: 89
diesem allen, was h„tte es der Sache gentzt? Ich konnte ja nichts abstellen,
genauso, wie ich nichts in Gang setzen konnte.
Es waren in der ganzen Judenangelegenheit zu viele Befehlsgeber eingeschaltet.
Angefangen von Hitler ber Himmler, Heydrich und Kaltenbrunner, ber Krger,
dem H”heren SS- u. Polizeifhrer im Generalgouvernement; den
Einsatzgruppenchefs im Osten, den SS Generalen Nebe, Rasch, Ohlendorf,
Stahbecker(?), Jaeckeln und andere; den SS Generalen Globocnigy, Katzmann
und andere im Generalgouvernement; dem Oberdienstleiter Brack /Schreibung
dieses Namens auf Seite gegenber verdeutlicht/ in der Kanzlei des Fhrers; dem
SS General Pohl, den H”heren SS- und Polizeifhrern im Reichsgebiet und den
besetzten Gebieten; den Gauleitern und Reichsstatthaltern, den Reichsleitern, dem
Reichsminister des Ausw„rtigen; dem Reichspropaganda- und
Reichsjustizminister; dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht; und andere
mehr.
Was schon h„tte hier ein Mann mit dem Dienstgrad eines Oberstleutnants zu tun
vermocht?
Nichts!
Die doppelte und dreifache jederzeitige Kontrollm”glichkeit, seitens der
Vorgesetzten, denen ein jeder Befehlsempf„nger, ohne jede Ausnahme, innerhalb
des Gebildes der Sicherheitspolizei unterworfen war, sorgte ebenfalls fr eine
linientreue Beibehaltung des von der Fhrung vorgeschriebenen Kurses.
Und dieses automatisch arbeitende Kontrollsystem – die Skizzen welche dieser
Arbeit angehangen sind, veranschaulichen dies – nicht nur innerhalb der
Sicherheitspolizei, erm”glichten es den G”ttern mit, zu G”tzen zu werden.
/am Rand Verweis auf: Skizzen/
—–,——

/128-129/ AE: 90-90a
-(12)-
Aus Grnden der besseren šbersicht bin ich mit meinen Betrachtungen, soweit es
sich um B”hmen und M„hren handelte, der Zeit vorausgeeilt. Ich muá daher jetzt
wieder etwas zurckschalten, um den Betrachtungen nachkommen zu k”nnen,
was sich inzwischen auáerhalb des Protektoratsbereiches zugetragen hatte.
Wir schreiben den 1. September 1939.
Um fnf Uhr frh haben sich die deutschen Divisionen in Richtung auf Polen in
Bewegung gesetzt.
Deutsche Sturzkampfbombergeschwader belegen die polnischen
Bereitschaftsstellungen mit Bomben.
Die Summe der deutschen, englischen und franz”sischen Unvernunft in der
Polenfrage, lieáen(sic) es zum Kriege gegen dieses Land kommen. Die Tragik des
Schicksals hatte den polnischen Marschall Pilsudsky zu frh sterben lassen. Unter
seiner Staatsfhrung, w„re es nie und nimmer zum Kriege gegen dieses Land
gekommen.
Die Furie des Krieges raste durch Polen und nach einigen Wochen standen sich an
der Demarkationslinie sowjetrussische MWD-Beamte, deutsche Geheime
Staatspolizeistellen, sibirische Infanterieregimenter und deutsche
Grenadiereinheiten, in fast friedensm„áiger Grenzsicherung gegenber.
/Einschub von Seite gegenber (gekennzeichnet als 90a):
Am 21. September hatte Heydrich seine Amtchefs und in Polen t„tigen
Einsatzgruppenchefs zu einer Besprechung nach Berlin zusammengerufen.
Auch ich bin in der Anwesenheitsliste eines Protokolls erw„hnt, aber ich war um
diese Zeit noch gar nicht in Berlin und ebensowenig war ich Einsatzgruppenchef.
(Dieses Dokument tr„gt im brigen auch weder Unterschrift noch Signum.
Freilich lag mir nicht das Original, sondern nur eine Photokopie vor.)
Es muá sich um einen Irrtum handeln; ich habe an dieser Besprechung nicht
teilgenommen. Mein ehemaliger Vorgesetzter, Prof. Dr. Six, der an dieser
Besprechung teilnahm, wurde dieserhalb als Zeuge 1961 in Deutschland befragt.
Er erkl„rte, daá ich an keinerlei Amtchefbesprechungen teilgenommen habe. Mein
Vorg„nger in Berlin, ein Regierungsrat Lischka unterschrieb noch am 16. Oktober
des gleichen Jahres, Schreiben seines Dezernates, die Reichszentrale fr jdische
Auswanderung betreffend. Dr. L”wenherz stellte in seiner Aktennotitz(sic) vom
17. Dezember 1939 erstmalig fest, daá ich ihm mitgeteilt habe, daá ich nunmehr
die Reichszentralstellengesch„fte zu bearbeiten habe.
Also hatte ich vordem dienstlich in Berlin nichts zu suchen. Ich arbeitete in Wien
und Prag in den Auswanderungszentralstellen.
Heydrich hatte in dieser angefhrten Besprechung die Ghettoisierung der Juden
im Generalgouvernement befohlen./

Am 6. Oktober verkndet Hitler die Nationalisierung der neu zum Reich
hinzugekommenen Ostprovinzen und be-

/130/ AE: 91
auftragt mit der Durchfhrung Himmler, unter Ernennung zum Reichskommissar
fr die Festigung deutschen Volkstums. Als Chef der Deutschen Polizei und als
Reichsfhrer SS, hatte er in organisatorischer Hinsicht auáer einem
Verm”genstr„ger keine andere neue diesbezgliche Institution zur Durchfhrung
der ihm von Hitler bertragenen zus„tzlichen Aufgabe n”tig. Die
Regierungsstellen des Generalgouvernements, wie der deutsche(sic) besetzte
polnische Teil nunmehr hieá, waren bereits im Aufbau.
Als Verm”genstr„ger ber das gesamte Verm”gen – bewegliches und
unbewegliches – der im Zuge der Nationalisierung zu Deportierenden, fungierte
die um jene Zeit errichtete Haupttreuhandstelle Ost.
Die Deportationen erfolgten nach dem Generalgouvernement.
Am 30. Oktober erteilte Himmler folgenden Befehl: ,In den Monaten November
und Dezember 1939, sowie in den Monaten Januar und Februar 1940, sind
folgende Umsiedlungen vorzunehmen:
1.) Aus den ehemals polnischen, jetzt reichdeutschen Provinzen und Gebieten, alle
Juden.

2.) Aus der Provinz Danzig-Westpreuáen, alle Kongreápolen

3.) Aus den Provinzen Posen, Sd- u. Ostpreuáen und Ostoberschlesien, eine noch
vorzuschlagende Anzahl besonders feindlicher

/131/ AE: 92
polnischer Bev”lkerung.

4.) Der H”here SS- u. Polizeifhrer Ost (Generalgouvernement), gibt die
Aufnahmem”glichkeiten des Gouvernement fr die Umzusiedelnden bekannt und
zwar getrennt nach Kreishauptmannschaften und gr”áeren St„dten.

5.) Die H”heren SS- u. Polizeifhrer Weichsel, Warthe, Nordost, Sdost und Ost,
bzw. die Inspekteure und Befehlshaber der Sicherheitspolizei, legen gemeinsam
den Umsiedlungsplan fest.

6.) Verantwortlich fr den Abmarsch und fr den Transport ist der H”here SS- u.
Polizeifhrer innerhalb seines Gebietes; verantwortlich fr die Unterbringung im
neuen Wohngebiet ist die polnische Verwaltung bzw. Selbstverwaltung.” [22]

Dies war der erste Deportationsbefehl. Dutzende sollten ihm noch folgen. Im
Zuge dieses Befehles setzten sich die angeschriebenen SS und Polizeigener„le am
8.11.1939 beim Generalgouverneuer in Krakau zu ihrer ersten Beratung
zusammen. Ihre Besprechungspunkte waren die von Himmler befohlene
Unterbringung und Ansiedlung von in das Reich zu nehmenden Volksdeutschen,
aus den Baltenl„ndern und Wolhynien, sowie die Deportierung von Juden und
Polen.
Der General der Polizei Krger, der H”here SS- u. Polizeifhrer Ost
(Generalgouvernement) fhrte denVorsitz; der Generalmajor der Polizei,

/132-133/ AE: 93
SS-Brigadefhrer Streckenhach(?), der Befehlshaber der Sicherheitspolizei im
Generalgouvernement war mit der Zentralplanung der Ansiedlung und der
Deportation im Ostraum beauftragt. Er hatte auch gem„á den ihm erteilten
Weisungen, die Verhandlungen mit der Reichsbahn, zwecks
Zurverfgungstellung von Transportzgen zu verhandeln. Dieser Besprechung
zufolge sollten bis Ende Februar 1940, rund 1 Million Juden und Polen aus den
neuen Ostprovinzen in das Generalgouvernement deportiert werden. Eine Zahl,
welche in der Praxis infolge der auftretenden Schwierigkeiten, in dem gesteckten
Zeitraum auch nicht ann„hernd eingehalten werden konnte.
Heydrich schaltete sich jetzt als Chef der Sicherheitspolizei und des SD,
pers”nlich mit in diese Angelegenheit ein und zergliederte das Gesamtvorhaben in
mehrere Nahpl„ne; er stellte die Zust„ndigkeiten fr Deportation und
Zielstationen im Einzelnen fest.
Aus welchen Orten der Abtransport erfolgt, habe der zust„ndige Inspekteur der
Sicherheitspolizei zu bestimmen, im Auftrage des H”heren SS- u. Polizeifhrers.
Ebenso bestimmt dieser nach Vorschlag der Landr„te, wann und wieviel Personen
aus den einzelnen Kreisen abgeschoben werden.
Der Befehlshaber der Sicherheitspolizei in Krakau hat im Auftrage des H”heren
SS- u. Polizeifhrers die Zielstationen fr die Transporte bekannt zu geben. –
/Einschub von Seite gegenber: Ehrgeiz, Geltungsbedrfnis und Machthunger
feierten in diesen Wochen und Monaten Triumpfe(sic). Jeder der ”rtlichen
Hoheitstr„ger war entschlossen, sein Maximum an Zust„ndigkeit in das Treffen zu
werfen und hieraus diktatorische Rechte abzuleiten. Ein ”rtlicher Befehl jagte den
anderen. – /
Und jetzt ging es los.
Alles strzte sich auf die Arbeit.
Jedem ging es zu langsam.

/134/ AE: 94
/Die ersten 4 Zeilen nachtr„glich hinzugesetzt: Die Zust„ndigkeiten berschnitten
sich oft und die daraus resultierenden Schwierigkeiten wurden nicht beobachtet,
denn jeden der Hoheitstr„ger beselte(sic) ausschlieálich lokaler Egoismus./
Ein heilloses Durcheinander war die Folge.
Falsche Zielbahnh”fe. šberbelegung der Zge. Mangelnde
Nachrichtenbermittlung zwischen Absender und Transportempf„nger.
Kopflosigkeit berall.
Der ganze Fahrplan kam in Unordnung. Die Leidtragenden waren die Ohnedies
von der Deportierung Betroffenen.
___________

Im Dezember 1939 bekam ich Befehl, mich zur Dienstleistung in Berlin, bei dem
Amtchef IV des Reichssicherheitshauptamtes, Mller zur Dienstleistung (sic) zu
melden. Meine Bitte um Abstandnahme von meiner Person zur dienstlichen
Verwendung in Berlin, unter Hinweis darauf, daá meine Familie in Wien lebe und
sich auf eine šbersiedlung nach Prag vorbereite, mir Berlin daher aus diesem
Grunde ungelegen sei, wurde abschl„gig beschieden.
Wird man zum Truppendienst eingezogen, dann hat man sich, ohne mit der
Wimper zu zucken, zu fgen; aber zum Zwecke einer beh”rdlichen Dienstleistung
glaubte ich einen solchen Antrag stellen zu k”nnen. Jedoch der Hinweis auf den
Kriegszustand, lieá meinerseits keine weitere Rekursm”glichkeit mehr zu.
In Berlin war ,auf dem Papier” schon seit Monaten eine Reichszentralstelle fr
jdische Auswanderung gegrndet worden. Ihr Leiter war, gem„á der Verfgung
des Reichsmarschalls

/135/ AE: 95
G”ring, in seiner Eigenschaft als Beauftragter fr den Vierjahresplan, Heydrich.
Zum Gesch„ftsfhrer bestellte Heydrich seinen Amtchef IV, Mller.
Des weiteren hatten noch gem„á G”ring’scher Weisung, einige h”here Beamte
des Innenministeriums, des Ausw„rtigen Amtes und der Dienststelle des
Beauftragten fr den Vierjahresplan, im Ausschuá dieser Reichszentrale t„tig zu
sein.
Ich bekam den Auftrag, nunmehr diese Dienststelle praktisch einzurichten, damit
sie fr den Parteienverkehr funktioniere, sowie gem„á den Weisungen des
Gesch„ftsfhrers, die Dienstgesch„fte zu fhren.
Des weiteren wurde ich mit der Koordinierung der Deportationstransporte betraut.
Die entprechende Verfgung erlieá der Chef der Sicherheitspolizei und des SD
am 21. Dezember 1939.
Meine Amtsbezeichnung war ,Sonderreferent IV R”; das heiát Sonderreferent fr
R„umung im Amte IV des Reichssicherheitshauptamtes. [23] Die Bezeichnung
Sonderreferent erkl„rt sich daraus, daá es ein neues Referat innerhalb des Amtes
IV des Reichssicherheitshauptamtes war, also des Geheimen Staatspolizeiamtes,
und der n„chste etatm„áige Gesch„ftsverteilungsplan erst im Februar 1940 f„llig
war.
Ab dieser Zeit war ich sodann planstellenm„áiger Referent IV D 4, im Amt IV
des Reichssicherheitshauptamtes. Ich hatte also von Anfang an keine anderen
Befugnisse, als jeder der brigen etwa 100 bis 150 Referenten des
Reichssicherheitshauptamtes sie auch hatten.

/136-137/ AE: 96
Nach etwa 1 « j„hriger Unterbrechung hatte ich nun wieder in Berlin t„tig zu
sein.
Schade, ich w„re lieber in den Provinzen geblieben; und am liebsten in einer
m”glichst kleinen Provinzstadt. Aber mein Wille wurde nicht gefragt; ich hatte zu
gehorchen.
Aber wer dachte um die weihnachtliche Zeit des Jahres 1939 schon daran, daá der
Krieg weitergehen wrde. Alles rechnete mit einer Regelung zwischen
Deutschland, Frankreich und England. /1 « Zeilen unleserlich gemacht/
Ich las um jene Zeit ,Kant; die Kritik der praktischen Vernunft”. Das mich
Umgebende fand ich fr mich unpraktisch und von Vernunft war nicht viel zu
spren.
Die Weihnachtsfeiertage verbrachte ich im Kreise meiner Familie. Meine Frau
war ber die Versetzung nach Berlin „rgerlich und erkl„rte mir sehr entschieden,
daá sie keinesfalls nach Berlin zu ziehen gedenke. /1 Zeile unleserlich gemacht
und ersetzt durch von Seite gegenber: und sie hat ihren Willen auch durchgesetzt
und zog nicht in die Reichshauptstadt um. Zwar hatten weder meine Frau, noch
ich das Geringste gegen Berlin und die/ Berliner, im Gegenteil, wir verlebten von
1935 bis 1938 drei volle, glckliche Jahre in den Mauern der Reichshauptstadt,
lernten sie lieben und mit ihr, die Berliner. Aber unser beider Animosit„t gegen
groáe St„dte, entsprang sicherlich den(sic) uns innewohnenden Hang zum
Landleben, denn darin wuchsen wir beide ja auf; meine Frau, als Tochter eines
Bauern, mehr noch als ich; obgleich auch mich tausend Stricke aus die(sic)
Steinhaufen der

/138/ AE: 97
St„dte zog, wo der Blick nicht frei schweifen konnte, wo er dauernd an hundert
mal hundert Ecken anstieá, wo der erdige Taugeruch mit den ersten Strahlen der
aufgehenden Sonne nie hinkam; wo Vogelgezwitscherkonzerte nie stattfanden;
wo man durch die Ordonnanz erst erinnert werden muáte, daá in 15 Minuten
Sonnenuntergang sei und man sich daraufhin in den Wagen setzte, um 10 Minuten
bis zum gewohnten Beobachtungsplatz zu fahren und dann 5 Minuten das
Schaupsiel des glutroten Untergangens der Lebensspenderin genieáen konnte.
Fnf Minuten alleine; Ruhe; stilles Genieáen. – Oder wie war es selbst in Wien.
Ob Winter, ob Sommer, ob es sch”n war oder in Str”men vom Himmel herunter
kam, ich konnte einfach die Kraft nicht aufbringen, mich hinter dem(sic)
Schreibtisch zu setzen, ehvor ich nicht frhmorgens auf dem Kahlenberg gefahren
war, um den angehenden Tag zu schauen.
Ich weiá, meine Kameraden von damals legten es als eine wunderliche Marotte
von mir aus. Sie gew”hnten sich daran.
Als ich noch Feldwebel war und ber keinen Wagen verfgen konnte, als ich
allmorgentlich um Punkt halb acht, die Straáenbahn der Linie 21, von Berlin-Britz
zum Anhalter Bahnhof, eine halbe Stunde

/139/ AE: 98
bentzen muáte, da ging ich eben frh genug von Hause fort, um einige Kilometer
zu Fuá zu gehen. Nicht um des Fuámarsches wegen, aber es war da an einem
S„gewerk eine Fichte gewachsen und diese Fichte inmitten des H„usermeeres, die
tat es mir an. In ihr sah ich den B”hmerwald, die W„lder des Mhlviertlerlandes;
schweigend, grndunkel, rauschend und raunend. Und indem ich mit dieser
Fichte, einem Narren gleich, meine allmorgentliche(sic) Zwiespr„che gehalten
hatte, ward ich froh und innerlich heiter und frei. Gerne opferte ich ihr die
morgendliche Zeit.
Drei lange Jahre sprach ich mit ihr; und sie kannte meinen Kummer, sie kannte
meine Freude und auch mein Leid; meistens jedoch war es Freude. Auch hier
gew”hnten sich meine Kameraden von damals daran, daá ich erst unterwegs auf
die Straáenbahn zustieg, und an diese meine eigenbr”dlerische Gewohnheit.

In dem Prozess gegen mich, hier in Jerusalem frug mich einer der Richter
anl„álich des Kreuzverh”res, ob ich nach dem Kant’schen Imperativ gelebt habe.
Frei konnte ich sagen, jawohl ich habe mich zumindestens bemht nach der
Kant’schen Forderung mein Leben auszurichten, beziehungsweise, nach

/140-142/ AE: 99
ihr zu leben. Ich war zumindestens bemht, stets so zu handeln, daá die
Richtlinien meines Willens, jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen
Gesetzgebung h„tten gelten k”nnen. /weitere anderthalb Seiten unleserlich
gemacht, ersetzt durch Text von Seite gegenber:
Allerdings h„tte ich ab einem bestimmten Zeitpunkt erkannt, daá ich nach dem
mir einsichtsm„áig innewohnenden Sittengesetzt(sic) nicht mehr handeln k”nne,
da ich dazu nicht mehr Herr meiner Handlungsfreiheit war. Ich h„tte danach
handeln máen. Dies stimmt. Es ist in der Theorie auch ganz leicht und sch”n zu
sagen. Aber im wirklichen Leben, k”nnen Umst„nde eintreten, die einen daran
hindern. Eine unbeschr„nkte M”glichkeit zum praktischen Handeln, ist dem
Befehlsempf„nger in Kriegszeiten nur in den selteneren F„llen m”glich. Und nur
in den selteneren F„llen entsprechen Befehle im Kriege dem Prinzip einer
allgemeinen Gesetzgebung; dem mir innewohnenden Sittengesetzt(sic). Und dann
unterhalte man sich einmal w„hrend des Krieges mit einem vorgesetzten SS
General ber die Ethik in diesem Zusammenhang. Er tritt dich in den Hintern!
Aber nicht nur in der SS alleine.
So sieht die Praxis aus.
Als weltfremder Narr wirst du verschrieben und entsprechend der
Kriegsgerichtsordnung behandelt, weil der Gegner ja auch nicht psalmodierend
und hosianasingend einherschreitet.
Man wird im besten Falle auf Fahneneid und Volksnotstand hinweisen und zur
Ordnung gerufen.
Von einem praktischen Handeln also, kann da mangels Befehlsbefugnis seitens
des Befehlsempf„ngers keine Rede mehr sein; was anderes ist seine innere
Einstellung zu dem Geschehen, daá(sic) er als der Kant’schen Forderung
zuwiderlaufend erkennt. Aber solches ist ohne Resultat nach auáen hin./

/143-144/ AE: 100-101
/ganze Seite 143 und die ersten sechseinhalb Zeilen auf Seite 144 unleserlich
gemacht/
-(13)-
W„hrend meiner 1 « j„hrigen Abwesenheit von Berlin, also vom Frhjahr 1938
bis zum Sp„therbst 1939, hatte sich das organisatorische Gefge der
Sicherheitspolizei und des SD, wesentlich ver„ndert.
Die beiden Haupt„mter Sicherheitspolizei und SD, wurden zu einer Zentrale
vereinigt,
/gestrichen, aber noch lesbar: Fortsetzung befindet sich in Arbeit
Adolf Eichmann 12-8-61/

/145/ AE: 101
/noch einmal die Zeilen der vorigen Seite, gestrichen/
Das Reichssicherheitshauptamt bestand nunmehr aus sieben Žmtern; und zwar die
Žmter: ,Personal”, ,Verwaltung”; ,Lebensgebietsm„áige Gegnerbeobachtung”;
Weltanschauliche und Lebensgebietsm„áige Gegnerbek„mpfung” oder kurz
Geheimes Staatspolizeiamt genannt; ,Verbrecherbek„mpfung”, oder
Reichskriminalpolizeiamt; ,Spionage und Gegenspionage – Ausland”, oder
Abwehr genannt und ,Wissenschaftliche Gegnererforschung”. Hauptamtchef war
Heydrich; mein unmittelbarer Vorgesetzte(sic) der Leiter des Geheimen
Staatspolizeiamtes, oder Amt IV, SS-Gruppenfhrer und Generalleutnant der
Polizei Mller.
Die nachgeordneten Instanzen des Reichssicherheitshauptamtes waren im
Reichsgebiet, die Inspekteure der Sicherheitspolizei u. des SD, sowie die
Staatspolizeistellen und die SD-Abschnitte; in den besetzten Gebieten, die
Befehlshaber der Sicherheitspolizei u. des SD und die Kommandeure der Sipo u.
des SD. [24]
Zwei Aufgabengebiete hatte ich also zu bearbeiten, die Auswanderung und die
Koordinierungsangelegenheiten im Hinblick auf die Transporte der befohlenen
R„umung der neuen deutschen Ostprovinzen. Eine T„tigkeit, mit der ich praktisch
am 2. Januar 1940 in Funktion trat.

/146-147/ AE: 102
Fr mich pers”nlich begann nun sehr gegen meinen Willen eine Zeit der
Familientrennung, die erst im Jahre 1952, in Argentinien ihre Beendigung fand.
Natrlich war ich bis 1945 oft und oft ber das Wochenende mit meiner Familie
beisammen, aber was will dies alles besagen.
Am Sylvestertag 1939 fuhr ich von Wien ab, nahm Begráungsaufenthalt bei
meinen Eltern in Linz, dasselbe bei meiner Schwiegermutter auf ihrem Hof in
Sdb”hmen und gedachte in gestreckter Fahrt mit meinem 3,4 Merzedes-Benz
durchzupreschen bis zur Autobahn bei Dresden, und dann war es nur noch ein
Katzensprung von etwa 140 Kilometer, bis Berlin. Aber aus irgendeinem Grunde,
der mir heute nicht mehr sicher /versehentlich gestrichen: in/ Erinnerung ist,
/Zusatz von Seite gegenber: ich glaube, die Schneeketten hatten Schuld,/ kam ich
nur bis zu einem Ort so etwa am Kamm der Berge hinter Aussig. Ich habe keine
Karte hier, es drfte zum Erzgebirge geh”ren, wenn ich mich nicht t„usche.
Dicker Winter; und Žrger im Bauch. Da h„tte ich ja ebensogut noch den
Sylvesterabend mit meiner Frau und meinem Kind gemeinsam feiern k”nnen,
zumal ja jetzt die Stunden des Beisammenseins doch nur noch sehr gez„hlte sein
wrden.
Hoffentlich geht der verdammte Krieg bald aus, dachte ich in meinem Sinne und
verfluchte den Befehl, der mich nun an Berlin band. Ein anst„ndiges Gasthaus
gesucht, Wagen versorgt und dann nichts wie hinein mit dem ,Trkenblut” um
den Žrger hinunter zu splen. ,Trkenblut” war meine beliebte Spezialit„t, so ab
und an. Halb Sekt, halb Rotwein; das Zeug

/148/ AE: 103
verkroch sich gut und gerne hinter die Binde. Die sylvesterliche Stunde schuf
einigen Betrieb in diesem Wirtshaus. Wintersportler, Einheimische und ein SS-
Hauptmann. Zu essen gab es in jener Zeit noch alles, wonach man begehrte, und
die Kche es bieten konnte. Ich philosophierte d”send fr mich alleine, die Nase
tief in’s Glas steckend dahin; den gelinden Jahreswendenrummel lieá ich ohne
groáe Teilnahme meinerseits, nicht mehr als eben noch empfindend, an mir
abprallen. Die n”tige Bettschwere lupfte mich dann in die Federn. –
Es gibt kaum sch”neres an Winterbildern als frostiger Rauhreifmorgen in den
Bergen. Strauch und Baum, H„us’chen und D”rfer, verzuckert. Und die schr„gen
Morgensonnenstrahlen lassen die Myriaden der Eisbrillanten vom schwarzviolett
ber blaustes Blau und Rot wie nie gesehen, bis zum hellsten Gelb dir
entgegenleuchten und da hast du den Wunsch nur zu schauen und nimmer satt zu
werden. Und die unendliche Reinheit der Natur sagt dir mit jedem leuchtenden
Krisall(sic), wie schlecht sein Sch”pfungsprodukt, der Mensch, in Wahrheit in
seinem Handeln doch geworden ist. Nicht daá ich Spezielles am Menschenwerk
damit meine; nicht daá ich selbst mich im besonderen damit bezeichnen will;
nicht besser noch schlechter war auch ich, und bin ich, als die groáe Masse des
Durchschnitts. Aber wenn ich das allgemeine Tun und Wollen der Menschen, –
mich eingeschlossen, –

/149/ AE: 104
bedenke, und sehe die unberhrte Reinheit der Natur, dann berkommt mich oft
ein heiáes und sehnendes Verlangen, nach den Leben, die mir in unendlicher
Manigfaltigkeit noch bevorstehen. Die tausend mal tausend Tode, die wir
organische Seinsformen, zu durchlaufen haben, sie sind nicht schlimmer, als die
tausend mal tausend Geburten, die jeden von uns noch harrend erwarten.
/etwa 3, teilweise berschriebene, Zeilen unleserlich gemacht/ –
Mein Glaube an die G”tter, kam in jener Zeit in arge Bedr„ngnis. Die von ihnen
befohlenen Flammen des 10. November 1938 lieáen mich stutzen. Aber ich hatte
mit der exekutiven T„tigkeit ja nichts zu tun gehabt. Jetzt aber war ich mitten drin.
Ab dem 21. Dezember 1939.
Wenn dem Menschen nachhaltig etwas gegen seinen Strich geht, dann wird er
kr”tig. Und das pl”tzliche Herausreiáen aus dem Kreise der Meinen, ging gegen
mein Wollen. Freilich Hunderttausenden ging es in jener Zeit ebenso. Denn Krieg
war im Lande. Und niemand wurde gefragt ob es ihm passt oder nicht. Auch ich
hatte nur zu gehorchen, aber die Dienstleistung im Geheimen Staatspolizeiamt
war mir l„stig genug. Wie hatten wir im Sicherheitsdienst bisher berheblich auf
die Angeh”rigen der Sicherheitspolizei gesehen, wir dnkten uns besser als jene.
Und jetzt war ich einer derselben. Freilich, auch die Hunderttausende

/150-151/ AE: 105
und sp„ter die Millionen wurden nicht lange gefragt, wo und bei wem sie zu
dienen wnschten. Sie wurden befohlen und hatten ihren Dienst gehorchend zu
schieben.
Einer(sic) der ersten dienstlichen Fragen Mllers, war die Angelegenheit meiner
šbernahme in das Beamtenverh„ltnis.
/zweieinhalb Zeilen unleserlich gemacht, ersetzt durch Text von Seite gegenber:
Nun, ich hatte nichts gegen Beamte oder gegen das Beamtentum im allgemeinen.
Aber wie soll ich das einmal ausdrcken, ohne irgend jemanden ,auf den Schlips
zu treten”. Man muá wissen, daá mein Vorgesetzter ein sogenannter ,Nur-
Beamter” war. Reichskriminalpolizeidirektor. Da kann man nicht gut sagen,
wissen Sie, ich habe kein Interesse an einer šbernahme in den Beamtenstand,
weil ich mir dann vork„me, als wrde ich in eine verstaubte Mottenkiste gesetzt
werden und Ellbogenschoner wrden hinfort meine begerenswertesten(sic)
Weihnachtsgeschenke sein. Und dieser Zustnad wrde dauern, bis ich mein
fnfundsechzigstes Lebensjahr erreicht h„tte und damit reif fr die endliche
Pensionierung geworden w„re. Auf ein solches ,Lebensl„nglich” m”chte ich nicht
gerne eingehen. – Man sollte einen Tiger nicht reizen, denn die Vorsicht ist eine
Tugend. Und ich hatte es an dieser Tugend ohnedies, weiá Gott, oft genug fehlen
lassen. Daher sagte ich, daá ich von mir aus mein diesntliches Verh„ltnis zur
Truppe nicht aufgeben m”chte; zumal nicht jetzt, w„hrend der Kriegszeit. Dies
klang auf alle F„lle gut und gab mir die Hoffnung, aus der
schreibtischgebundenen Beh”rdenluft inees Tages bei gutem Wind und Glck
wieder verschwinden zu k”nnen. Mir ging die Versetzung nach Berlin, sehr gegen
meinen Strich./
Und im Verdruá mit mir selbst verbrachte ich meine Tage. Es gelang damals zu
meiner Freude nicht, mich aus meinem militanten Verh„ltnis zu l”sen und in den
Beamtenstand zu berfhren. Die Grnde lagen wohl darin,d aá ich von der
Personalabteilung des Sicherheitsdienstes nicht freigegeben wurde. So ist es auch
unter anderem mit zu verstehen, daá ich von meinem Ausfhrungsrecht, /fast zwei
Zeilen unleserlich gemacht/ als Referent an einer Beh”rde keinen Gebrauch
machte, sondern mir meine Weisungen stets einholte; ein Recht, daá(sic) mir
zustand und daá ich hinfort fr mich in Anspruch nahm. Daher konnte ich mich
nie irren, so trug ich auch keine Verantwortung, und so erregte ich auch nicht den
Neid jener schon lange dienenden Beamten, die l„ngst schon gerne Referenten
geworden w„ren. –

Nun, die Auswanderung ging den normalen Weg: Zahlenm„áig wurde sie infolge
der Kriegsl„ufte zwar immer geringer.

/152-153/ AE: 106
Dessen ungeachtet ntzte ich jede M”glichkeit, um sie im Rahmen der
bestehenden Verordnungen und Erlaáe zu f”rdern.
Die Deportationsangelegenheiten waren ein einziges groáes Chaos geworden,
durch das niemand mehr durchschaute. Nur Beschwerden kamen; von allen Ecken
und Enden.
/Zusatz von Seite gegenber: Mit einem Wort, ich traf die miserabelsten Zust„nde
an. Jeder hatte so seinen Privatdeportationsplan, nachdem er glaubte, fr seinen
Gaubereich im Sinne des ,Fhrerbefehls” als erster die Vollzugmeldung machen
zu máen.
Die Provinzspitzen der neuen deutschen Ostgebiete kmmerten sich den Teufel
darum, ob solches Vorgehen zu Stockungen und Schwierigkeiten im
Generalgouvernement fhren muáte und daá die deutsche Reichsbahn bei diesem
Durcheinander ihren Fahrplan l„ngst schon nicht mehr einhalten konnte. Und am
meisten hatten darunter und mit Recht, diejenigen zu klagen die da gem„á der
Befehle von h”chster Stelle deportiert wurden./
Meine Aufgabe war es also, jetzt erst einmal durch Koordinierung der Transporte,
diese aufgetretenen Miást„nde abzustellen. /am Rand Ziffer 25/ Sie wurden auch
sehr bald abgestellt, soweit das berhaupt nur m”glich war. Die Durchfhrung der
Transporte, waren nicht der Durchfhrung der Deportation gleichzusetzen.
Hierfr waren gem„á den Himmler- und Heydrich’schen Befehlen, andere
Dienststellen beauftragt. Auch die Planung oblag nicht meinem Referat;
ebensowenig die Leitung der Deportation, sowie die Auswahl der zu
deportierenden Personen, ihre Konzentrierung und ihre Behandlung. Die
Tatsache, daá ich mit der Koordination der Deportationstransporte betraut wurde,
beweist keine besondere Machtvollkommenheit, die mir bertragen wurde,
sondern belegt, daá ich auf ausdrcklichen h”heren Befehl Heydrichs t„tig, und
dem Amtchef IV des Reichssicherheitshauptamtes, unterstellt wurde. /am Rand
Ziffer 26/

Wenn jemand etwas koordinieren soll, dann muá er in der Regel zuerst einmal
alle an den Handlungen Beteiligten, ,unter einen Hut bringen” um ihnen eine
arbeitsm„á9ige Ausrichtung zu geben. Dies tat

/154/ AE: 107
auch ich. Zum 8. Januar 1940 wurden alle an den Transporten beteiligten
Dienststellenvertreter zu einer Besprechung nach Berlin befohlen. An der
grunds„tzlichen, Bestehenden Befehlsgebung durfte nichts ge„ndert werden. Aber
keine Dienststelle konnte durch die neuen Anweisungen, die ich jetzt in
transportm„áiger Hinsicht zu erlassen hatte, knftig ohne vorherige Genehmigung
durch mein Referat, Zge in Gang setzen. Natrlich, Berlin war weit und wenn
ich sage, es konnte niemand mehr ohne Erlaubnis einen Transport durchfhren,
dann war dies zwar auch die Regel, die eben da und dort trotz allem immer mal
wieder durch eine Ausnahme best„tigt wurde. Denn die ”rtlichen Gauleiter und
Reichsstatthalter oder die Oberpr„sidenten der Provinzen, unterstanden nicht den
Befehlen des Reichssicherheitshauptamtes. Im Gegenteil, diese Stellen waren
erlaám„áig sogar berechtigt, den in ihrem Hoheits- oder Befehlsbereich t„tigen
Staatspolizeistellen oder anderen Dienststellen der Sicherheitspolizei und des SD
Weisungen zu erteilen, denen diese nachzukommen hatten. Oft und oft war diese
merkwrdige Regelung eine quelle des Žrgers und der Grund zahlreicher
Unzuk”mmlichkeiten.
Aber es lag mit im Funktionellen des doppelt- und dreifachen Kontrollsystemes.
Aus all diesen šberlegungen heraus befahl Heydrich zu einer Zentralkonferenz
zum 30. 1. 1940, zu der diesmal die ”rtlichen Dienststellenleiter

/155/ AE: 108
und Einheitschefs geladen wurden. Er umriá ihnen das gewaltigste
V”lkerwanderungsprogramm der Neuzeit, und bermittelte die Befehle
Himmlers, welche dieser in seiner Eigenschaft als Reichskommissar fr die
Festigung deutschen Volkstums gab. Wiederholte die bisher schon befohlenen
Zahlen und Personengruppen, erg„nzte diese durch 30.000 Zigeuner und befahl
erstamls die Deportierung von etwa 1000 Juden aus dem Altreichsgebiet; aus
Stettin, nach dem Generalgouvernement.
Genau 14 Tage gab er Zeit; zu diesem Termin muáte diese Deportation beendet
sein. Der Grund hierfr war, daá die ”rtlichen Stellen, von denne ich vorhin
sprach, idese Deportation durchgefhrt wissen wollten, denn dadurch gedachten
sie das lokale Wohnungsnotbel zu l”sen und hatten daher im Einvernehmen mit
Himmler diese Deportation besprochen.
Die Leitung all dieser Unternehmungen, lag bei Stellen, welche meinem Referat
bergeordnet waren. Ich hatte lediglich mit dem Reichverkehrsministerium die
Fahrplanerstellung und was damit zusammenh„ngt zu bearbeiten, nachdem mir
sowohl von den Deportierungsbeh”rden als auch von den Aufnahme„mtern des
Generalgouvernements die hierfr notwendigen Unterlagen eingesandt wurden.
Es ist dies zwar nur ein einziger Satz; aber welche Flle von Schwierigkeiten,
Arbeit und šberredungsknste, Vertr”stungen und Mahnungen zur Geduld,
Appellationen an die Vernunft und auch scharfes Durchgreifen zur šbelabstellung
diese T„tigkeit verlangte, dies alles

/156-157/ AE: 109
zeigt dieser eine Satz nicht an. Ein jeder der ”rtlichen Verantwortlichen wollte als
erster seine Deportationsarbeiten beendet wissen; ohne jede Rcksichtnahme. /am
Rand Ziffer 27/
Er war ein strenger Winter; trotzdem muáten die Deportationen durchgefhrt
werden. Keiner der Befehlsgeber lieá etwa verlauten, diese Vorhaben bis zum
Anbruch des Frhjahrs aufzuschieben; zu einer ahreszeit etwa, welche alleine
schon durch die besseren klimatischen Verh„ltnisse einen groáen Teil vieler
Schwierigkeiten in Fortfall gebracht h„tte. Es ist heute leicht reden, ,der
Eichmann hat die Deportationen durchgefhrt. Er ist der Verantwortliche.”
/Zusatz von Seite gegenber: Im Nachhinein ist es immer leicht das Maul
aufzureiáen und einfach mit Behauptungen irgendwo hinein zu poltern. Dies war
schon zu allen Zeiten in der Geschichte so gewesen. Und h„tten wir gesiegt, dann
h„tten eben jene, die heute von einer federfhrenden Zust„ndigkeit nichts mehr
wissen wollen, noch vernehmlicher ihre Verdienste um die
,Fhrerbefehldurchfhrung” in alle Welt hinausposaunt, als sie dies damals schon
taten. So aber muáte eine neue ,Masche” gefunden werden. Und die hieá:
,Eichmann”; 1 « Jahrzehnte lang. Man sehe sich das Ergebnis, in der Literatur,
kurz in der gesamten Publizistik bis zum Beginn des Kreuzverh”res, dem ich
unterzogen wurde an. Da erst konnte ich zum ersten Male, den verlogenen
Herrschaften in ihre Hinterteile ,treten”, so wie sie es auch verdienten”. Aber es
w„re ein Wunder, wenn meine gerechte Abwehr schon Erfolge zeitigen wrde.
Trotzdem: es ist mir ein Trost aus tiefstem Grunde, denn ,den letzten beiáen
immer die Hunde”./
Ich kann diesen Nichtwissern nur empfehlen, sie m”gen es einmal versuchen, mit
dem Dienstgrad und als Hauptmann, einem Dutzend Generalen und einem
weiteren Dutzend Provinzhoheitstr„gern und hohen Beamten, entgegenzustellen.
Da wrden sie ihre Wunder erleben. Noch dazu in einer Zeit, wo jene sich an das
Blitzkriegstempo gew”hnten. Noch dazu in meiner Stellung als Referent, bar jeder
Sondervollmacht; eben nur als Referent, wie der Name es alleine schon besagt.
Und dies alles, bei einer bewuáten Dezentralisierung der Grundbefehle durch
Himmler. W„re ich damals Himmlers Referent gewesen, dann freilich h„tte ich
ein anderes Durchschlagsverm”gen an den Tag legen k”nnen. So war ich ja nicht
einmal der alleine schaltende Referent eines

/158-159/ AE: 110
der etwa 12-14 Himmler’schen Hauptamtchefs, sondern nur der eines Amtchefs,
welcher seinerseits wieder dem Hauptamtchef unterstellt war. Die Dokumente
zeigen dies in aller Klarheit auf. Aber selbst schon die damaligen
Gesch„ftsverteilungspl„ne zeigen die Richtigkeit meiner Darstellung in aller
Deutlichkeit.
/9 Zeiten gestrichen, noch lesbar: Natrlich nach 1945, wollten gerade die
”rtlichen Stellen und die Zentralinstnzen welche seinerzeit so verbissen die
Zust„ndigkeiten versuchten und diese auf hundersten Besprechungen wie die
L”wen verteidigten, von solche Dingen nichts mehr wissen. Heute schreiben wir
1961; und es ist mir nur ein Trost aus tiefstem Grunde: den Letzten beiáen immer
die Hunde./
/ersetzt durch Text von Seite gegenber: šber den Umfang der Dezentralisation
der exekutiven T„tigkeit gibt ein Fernschreiben, daá(sic) ich am 30. M„rz 1940 an
den Inspekteur der Sicherheitspolizei und das SD nach Posen richten muáte,
beredtes Zeugnis.
,Betrifft: Technisches Vorgehen bei der Aussiedlung der Wolhyniendeutschen.
Verschiebung von etwa 120.000 Polen.
Vorgang;: Ohne.
Ich bitte in einem Bericht das technische Vorgehen und die vorgesehene
Abwicklung der Ansiedlung der Wolhyniendeutschen im Warthegau, in allen
Einzelheiten mitzuteilen.”

Die Voraussetzung dieser Aussiedlung war die von Himmler befohlene
Aussiedlung der Polen. Ich, der ich den Fahrplan mit dem
Reichverkehrsministerium erledigen sollte, kannte nicht einmal ein einzhiges
Detail; und dies im M„rz 1940. –
Daraufhin entschied dann nach Erhalt eines diesbezglichen Aktenvermerkes das
Reichsverkehrsministerium, daá die Reichsbandirektion Posen, auf 48stndigen
Abruf, die notwendigen Zuge zur Verfgung stellt.
Am Rand Ziffer 28/

Im M„rz 1940 wurde wieder einmal eine sachliche und personelle Umsolidierung
des Reichssicherheitshauptamtes, vorgenommen. Ich hatte ab dieser Zeit das
Dezernat innerhalb des Geheimen Staatspolizeiamtes, welches sich mit
Judenangelegenheiten besch„ftigte, mit zu bernehmen, das heiát, es wurde
meinem Referat mit eingegliedert. Nicht daá ich dadurch fr s„mtliche
Judenangelegenheiten des Reichssicherheitshauptamtes zust„ndig geworden w„re,
sondern eben nur fr diejenigen des Amtes IV. Es gab solche

/160/ AE: 111
noch im Amt II, im Amt III und auch im Amt VII, desselben
Reichssicherheitshauptamtes. Ja auch die Žmter V und VI besch„ftigten sich
damit, soferne ihr Aufgabengebiet am Rande damit berhrt wurde.
________

Im Nichtvorhandensein einer jdischen Eigenstaatlichkeit sah ich das Problem
Nummer 1. Nicht bin ich vermessen genug, damit etwa behaupten zu wollen, daá
diese meine ,geniale” Erkenntnis etwa pl”tzlich des šbels Wurzel entdeckt, und
ich damit den Stein der Weisen in’s Rollen gebracht h„tte. Nein, solches ist
akkut(?) und bekannt bereits seit dem achten Jahrzehnt unserer Zeitrechnung und
zog sich durch alle zwanzig Jahrhunderte hindurch.
Aber in tausend und mehr Verhandlungen mit den jdischen Funktion„ren
h”rte ich stets wiederkehrend den Jammer nach eigenem Land. Ob man mir’s
glaubte oder nicht, soll mich nicht st”ren und ist mir egal, aber ich war froh und
tatenlustig, als ich von meinen Vorgesetzten, nach dem polnischen Feldzug, die
Zustimmung bemerken konnte, gem„á meinem Vorschlag den Juden einen der
vier knftigen Distrikte in denen dann das Generalgouvernement unterteilt war,
zum jdischen Siedlungsgebiet freizugeben. Mir schwebte ein Protektoratsstatus
„hnlich dem der Slowakei war; nicht dem von B”hmen und M„hren.

/161/ AE: 112
Es war mir klar, so etwas geht nicht von heute auf morgen, solches muá werden
und braucht seine Zeit. Auáerdem war zerschlagen jedes friedensm„áige
organisatorische Leben in polnischen Landen; dazu kam das Durcheinander der
Himmler’schen V”lkerwanderung vom Osten nach Westen und von West nach
Ost; chaosmehrend durch den Ehrgeiz ”rtlicher Machthaber.
Mein damaliger Vorgesetzter, der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und das SD
in Prag, war von Heydrich mit der Durchfhrung des von mir mit jdisch-
politischen Funktion„ren wie Dr. L”wenherz, Stonfer(?) und Edelstein geborenen
Planes beauftragt worden. Niskr am San, war das vorl„ufige Sprungbrett.
Pionieren gleichend sollten vorl„ufig die ersten zweitausend von hier aus, nach
vorgefaátem Plane, Aufnahmem”glichkeiten fr Nachkommende schaffen.
Und als die ersten Zge ausgeladen waren, Menschen und Material, Handwerker
und Žrzte, Baust„be und Verwaltungsleute, da haute der inzwischen zum
Generalgouverneur bestellte ,Polenfrank”, in das Kontor und machte mit einem
Befehl alles wieder zunichte. Er war mit seiner Gegenvorstellung zu Hitler
gelaufen und dieser schloá sich ihm nunmehr an.
Damit war diese Hoffnung entschwunden, denn

/162-163/ AE: 113
Frank’s politisches Ziel war die Entjudung seines Befehlsbereiches. Der damalige
Befehlshaber der Sicherheitspolizei und das SD in Krakau, mit dem
Zust„ndigkeitsbereich Generalgouvernement teilte mir mit, Frank habe Befehl
gegeben, mich bei Betreten des Generalgouvernements festzunehmen. Abgesehen
von der Unsinnigkeit einer solchen Weisung, denn kein ”rtlicher Befehlshaber der
Sicherheitspolizei konnte einen Referenten des Reichssicherheitshauptamtes
festnahmen, es sei denn er h„tte dazu den Befehl von Mller, dem Chef des Amtes
IV, von Heydrich dem Chef der Sicherheitspolizei u. d. SD, wie Himmler dem
Reichsfhrer SS und Chef der Deutschen Polizei /Zusatz von Seite gegenber:
vom zust„ndigen Milit„rbefehlshaber/ oder von Hitler dem Staatschef und
Reichskanzler; trotzdem: Frank war der ,alleinige Diktator” in seinem
Generalgouvernement.
_________

Kaum war in Compiegne die Unterschriftstinte des Waffenstillstandsvertrages
zwischen Deutschland und Frankreich trocken geworden, gebar ich nach dem
Fiakso von Nisko am San, die Ausgrabung des alten ,Madagaskarprojektes”. Eine
M”glichkeitsverwirklichung war nunmehr gegeben. Jedenfalls arbeitete ich den
Plan einmal aus. Heydrichs Ehrgeiz kam mir hierbei zu statten. M”glich, daá er
sich schon, als Gouverneur dieser Insel sah. Nebenbei, versteht sich; unter
Beibehaltung seiner bisherigen, m„chtigen Stellung.

/164-165/ AE: 114
Ich selbst konnte ja Himmler oder Hitler dieses Projekt nicht zum Vortrage
bringen. /etwas mehr als 1 Zeile unleserlich gemacht/ Und Heydrich’s Verlangen,
seine Finger in auáenpolitische Dinge zu stecken, war allseits bekannt. Auch hier
schwebte mir vor ein Protektorat. Der Anfangsstatus war mir ziemlich belanglos!
Ich hatte diesbezglich auch keinerlei Einfluá. Die Zeit nur konnte Rat und
Endgltiges schaffen. Und nun aber, da Hitler seine Genehmigung zu Madagaskar
erteilte, da fing das Rennen der anderen Stellen des Reiches an. Jeder
beanspruchte ressortbedingte Federfhrung und Primat, an der Bearbeitung dieses
fr ihn neuartigen Falles. Und eh ich mich richtig versah, hatte ich es mit zwanzig
und mehr Referenten zu tun. Und ein jeder hatte sein ,wenn” und sein ,aber”, so
wie seine Vorgesetzten es ihm befahlen. Es kam eine Gemeinschaftsarbeit
zustande, die nicht im Sinne der Anfangsvorstellung lag.
Aber wie gesagt, die Zeit wrde Rat und den entdltigen Status erst schaffen.
Mein diesbezglicher Kummer war nicht sehr groá, denn ich pers”nlich gedachte
die Dinge der Insel an Ort und Stelle zu steuern. Dazu hatte ich mir bereits die
Genehmigung meiner Vorgesetzten erwirkt. Es w„re bestimmt kein
Konzentrationslager geworden. Und sieben Millionen Rinder auf dieser Insel,
waren ein beruhigender Schatz /Zusatz von Seite gegenber: mit einer der
landwirtschaftlichen Ausgangsbasen/, mit dem alleine man schon viel anfangen
konnte. Bis hoch in das Jahr 1941 arbeitete ich an der Realisierung.

/166-167/ AE: 115
Aber der weitere Verlauf des Krieges und die politische Radikalisierung
machten den Plan durch Hitlers Gebot, dann ein Ende. /am Rand Ziffer 29;
weitere anderthalb Zeilen unleserlich gemacht, ersetzt durch Text von Seite
gegenber: mich packt noch heute, wie damals, ein unb„ndiger Zorn, wenn ich an
die verdammte Kopflosigkeit, Starrk”pfigkeit und torheit unserer eigen(sic)
Machthaber von ehemals denke. Aber nicht nur diese alleine waren es.
Natrlich sind meine Projekte von damals fr die Ohren aller Polen und
Franzosen nicht wholklingend. Aber man stelle sich einmal einen dampfkessel
vor, der durch unsinnige Hezmethoden ber den zul„ssigen Atmosph„rendruck
weiter geheizt wird. Es wird immer weitergeschrt; der Kessel wird zerreiáen,
wenn ich keiner um das Ventil kmmert.
Mit dem Heizen hatte ich nichts zu tun. Auch der Dampfkessel unterstand nicht
meiner Kontrolle. Jedes Ministerium hatte hier seine eigenen ,Kesselinspektoren”
und keiner, der da gesagt h„tte, daá es so nciht weiter gehen k”nne. Ich hatte dazu
keine M”glichkeit, denn ich geh”rte nicht zu dem Gremiuzm der ,Inspektoren”.
Ich versuchte mich mit dem Ventil zu besch„ftigen, um eine Ausreichm”glichkeit
zu finden. Ob sie gut oder schlecht war, darber hatte ich keine M”glichkeit zu
befinden. Mir kam es darauf an, eine Explosion zu verhindern. Mochten sich dann
sp„ter Berufenere als ich, mit einer endgltigen Normalisierung befassen. Ein
Provisorium, dies war das Maximum dessen, was ich vorschlagen und ersinnen
konnte. Und auáer den wenigen damaligen jdischen Funktion„ren hatte ich nicht
einen, der heutigen Schreier und Wortverdreher, die mir dabei halfen.
Aber was sage ich: ,halfen”; Schwierigkeiten und Ungelegenheiten hatte man mir
bereitet.
Jawohl, ich scheue mich nicht das Kind beim Namen zu nennen; denn die war die
Tatsache!/ – – – – – – – –

Schon gleich zu Beginn des Jahres 1941 berief die Abteilung Ie des
Reichsministerium des Innern, zu einer wichtigen Besprechung. S„mtliche daran
interessierten Instanzen des Reiches wurden dazu geladen. Im Wesentlichen
handelte es sich um die Eingliederung neu zum Reich gekommener
Personenst„nde, in die Reichsbrgergesetzordnung. Einen ersten diesbezglichen
Vorschlag des Ministerium des Inneren, hatte Hitler verworfen. Einen neuen,
sch„rferen, hatte diese Abteilung nunmehr entworfen. Dieser Verordnungsentwurf
trat dann am 25. Okrober, als 11. Verordnung zum Reichsbrgergesetz, in Kraft.
Er verkndete die Ausbrgerung s„mtlicher Juden bei šberschreitung der
Reichsgrenze, und Einziehung ihres Verm”gens, zugunsten des Reiches. /am
Rand Ziffer 30/
Noch im gleichen Jahre erfolgte ein weiterer einschneidender Schritt; n„mlich die
Kennzeichnung der Juden. Ein Stern aus gelbem Stoff; sichtbar zu tragen. Frank,
der Staatssekret„r fr das Sicherheitswesen in B”hmen und M„hren machte den
Antrag, die Reichskanzlei und das Innenministerium wurden bemht und
Goebbels als Reichs-

/168/ AE: 116
minister fr Volksaufkl„rung und Propaganda erwirkte bei Hitler den Auftrag fr
die Kennzeichnung der Juden, im Reichsgebiet und in B”hmen und M„hren. Am
15. September 1941 trat diese Verordnung in Kraft. Zwei Jahre vorher, am 23.
November, hatte Frank sie fr das Generalgouvernement schon befohlen. /am
Rand Ziffer 31/ ______

-(14)-
Am 21. August 1939 fuhr Ribbentrop nach Moskau um auf Hitlers Befehl, den
Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion zu unterschreiben. Aber am 22. Juni 1941
setzten sich deutsche Divisionen aus ihren Bereitstellungsd„mmen(?) heraus, zum
Angriff gegen die Sowjets in Bewegung. Genau daá(sic), was Hitler in seinem
Buch, der politischen Fhrung des Reiches w„hrend des ersten Weltkrieges
vorwarf, als Fehler; genau dies, tat er nun selbst. Und damit vernichtete er sich
und sein Reich. Auch Bismarck’sche Lehren waren fr ihn diesbezglich ohne
Belang.
Ich weiá es noch heute, wie ich damals mit Kameraden den Pakt mit Ruáland
feierte; mit Bier und mit Wein, so war es der Brauch. Und ich weiá noch heute die
Gefhle, die mich beherrschten, als ich von den Vorbereitungen h”rte, zum Krieg
gegen die Sowjets. Es gab auch in der SS zwei nach auáen nie in Erscheinung
getretene gefhlsm„áige Richtungen. Eine politisch links empfindende und eine
extrem rechts tendierende Ein-

/169-170/ AE: 117
stellung. Meine gefhlsm„áigen politischen Empfindungen, lagen links /Zusatz
von Seite gegenber: das Sozialistische mindestens ebenso betonend wie das
Nationalistische/. Und unsere Meinung damals war, daá er Nationalsozialismus
und der Kommunismus der sozialistischen Sowjetrepubliken eine Art
,Geschwisterkinder” seien. Und es mag auch sein, daá diese Einstellung
besonders dem ”sterreichischen SS-Angeh”rigen lag. Denn seine damaligen
Feinde waren nicht Sozialdemokratie und Kommunismus; dies wurden durch die
”sterreichische Aristokratie genau so bek„mpft wie auch er; diese hatte um jene
Zeit die Fhrungsstellen in den ,Heimwehren” inne und ihre Kampfangsage galt
den Natioanlsozialisten, Sozaildemokraten und Kommunisten, gleichermaáen. Ja,
es gab Zeiten, wo sich die Anh„nger dieser zwei Richtugnen durch Burgfrieden
und gegenseitige Hilfe und Untersttzung im Kampf gegen ihren
Hauptwidersacher, einig waren. Keinesfalls aber sich gegenseitig verrieten und
schlechtestenfalls ,Gewehr bei Fuá” standen, wie man zu sagen pflegte.
Mag sein, daá diese Einstellung der Linkstendenz seinen Anfang in jener Zeit
nahm, wie dem immer auch sei, sie war jedenfalls vorhanden.
Und der 22. Juni 1941 sah uns miámutig und unzufrieden. Aber wir gehorchten,
wie der Eid es befahl.

/171/ AE: 118
/erster Abschnitt gestrichen, noch lesbar: Die ??? bei Minsk und Bialystok waren
l„ngst geschlagen. Die Beuteaufr„umekommandos hatten ihre T„tigkeiten bereits
grndlich beendet. Und nur noch etliche Dutzend halbausgeschlachteten Panzer
standen in den Feldern der ausgeklungenen Schlacht./

Im Herbst des Jahres 1941 teilte mir mein vorgesetzter Amtchef mit, daá ich mich
gem„á Befehl Heydrichs, bei ihm zu melden h„tte.
Wurde man zu Heydrich befohlen, dann war eins gegen tausend zu wetten, daá
vorerst stundenlanges Warten im Vorzimmer einem bevorstand. Der verschobene
Stundenplan des Terminkalenders geh”rte zu den Tagt„glichkeiten des
Vielbesch„ftigten. Žhnlich erging es mir auch mit den h„ufigen Vorsprachen bei
meinem amtchef, wenngleich die Wartezeit hier auch nicht ann„hernd so lang
war, als die, beim Chef der Sicherheitspolizei selbst. Es war klar, Rangh”here
rangierten immer zuerst, wie sp„t sie auch kommen mochten, und sie lange der
dienststellenm„áig Geringere, schon wartete. Genau so war es, wenn Besucher
aus der Ferne pl”tzlich aufkreuzten. Nun, dies war alles verst„ndlich. Und nach
dem Motto: ,Die H„lfte seines Lebens, wartet der Soldat vergebens”, ergab man
sich mit Gleichmut in sein Warteschicksal.
Da mein Verh„ltnis zu den Adjutanten ein kameradschaftlich-freundliches war,
half stets ein Gl„s’chen Wein oder Armagnac ber die

/172/ AE: 119
Langeweile des Wartezimmer hinweg und Haustratsch mit dem Adjutanten
verkrzte die Zeit. Aber alles hat einmal ein Ende. Ich meldete mich gehorsamst,
wie befohlen, zur Stelle.
,Der Fhrer hat die physische Vernichtung der Juden befohlen. Globocnigg(?) hat
vom Reichsfhrer seine diesbezglichen Weisungen erhalten. Er soll demnach
dazu die Panzergr„ben bentzen. Ich m”chte wissen, was er macht und wie weit er
gekommen ist. Fahren Sie zu ihm und berichten Sie mir ber daá(sic), was Sie
gesehen und geh”rt haben.”
Damit war ich entlassen.
Ich muá’te mir erst einmal den Begriff ,physische Vernichtung” ordentlich durch
den Kopf gehen lassen, um die ganze Bedeutung ermessen zu k”nnen. /1 Zeile
unleserlich gemacht/ Etwas Unbekanntes, Neues, Ungewohntes. Bisher
Nichtgeh”rtes, muáte ich verdauen. Ein Blitz aus dem eben noch fr”hlichen
Geplauder mit dem Adjutanten.
Obwohl Heydrich ruhig sprach; nicht das blich Nerv”s-Laute, daá(sic) ihn sonst
auszeichnete. Donnerwetter sagte ich nur, dies ist allerhand. Und mit diesen
Gedanken stieg ich ein Stockwerk h”her, um mich bei Mller zu melden.
Ich teilte ihm den erhaltenen Befehl mit, aber er schien ihn schon zu kennen, denn
seine Bemhrungen galten dem Unterschreiben

/173/ AE: 120
des Marschbefehles, den sein Adjutant fr mich schon ausgestellt hatte.
Ich fuhr los. šble Vorstellungen ber daá(sic), was ich zu sehen bekommen
wrde, im Kopfe. Der einzige Trost war meine Feldflasche, die ich mir mit einem
Liter Rotwein gefllt hatte. Sie war mit braunem Filz berzogen, wie eben
Feldflaschen berzogen zu sein pflegen und nur am Gewicht und am Schwinden
meiner Vermutungsschilder(?), merkte ich, daá ich sie mir irgendwo in einem der
Flecken die ich mit meinem Fahrer druchfuhr, wieder auffllen lassen máte.
So kam ich nach Lublin.
Am n„chsten Tage fuhr ich mit einem Adjutanten Globocniggs zu der Stelle, ber
die ich berichten sollte.
Globocnigg war um jene Zeit SS Brigadefhrer und Generalmajor der Polizei.
Seine Dienststellung war die eines SS- u. Polizeifhrers des Distriktes Lublin im
Generalgouvernement. Er unterstand dem H”heren SS- u. Polizeifhrer im
Generalgouvernement und Staatssekret„r fr das Sicherheitswesen, in der
Regierung des Generalgouverneuer in Krakau, SS Gruppenfhrer und General der
Polizei, Krger. Er und damit seine vier SS- u. Polizeifhrer, waren Himmler
unmittelbar untergeordnet. So viel also zum Personellen.
Nach etwa zwei Stunden Fahrt, es m”gen auch nur anderthalb Stunden gewesen
sein, kamen wir zu einer Waldlichtung, an der zur rechten Straáenseite ein
Bauernh„us’chen stand.

/174/ AE: 121
Dort hielt der Wagen.
/gestrichen: Eichmann Fortsetzung folgt: 15-8-61./
Wir wurden von einem Ordnungspolizisten mit aufgekrempelten Hemd„rmeln,
offenbar bei der Arbeit selbst mit Hand anlegend, empfangen. Die Art seiner
Stiefel und der Schnitt seiner Reithose, deutete auf einen Offizier. Bei der
Vorstellung wuáte ich, daá ich es mit einem Hauptmann der Ordnungspolizei zu
tun hatte. Der Name ist mir in den Nachkriegsjahren lange Zeit entfallen gewesen.
Erst durch die Literatur, erinnnerte ich mich wieder. Sein Name war Wirth.
Meine Vorstellungsbilder, waren traumhaftschrecklich gewesen und die Wirkung
machte sich in innerer und sicher auch „uáerer Beklemmung bemerkbar. Es ging
mir in den letzten Tagen so, wie ich es aus meiner Schulbubenzeit her kannte,
wenn ich ein schlechtes Zeugnis nach Hause zu tragen hatte. Je l„nger der
Heimweg war, desto besser. Also ging ich auf langsamg geschaltet, im
Zeitlupentempo nach Hause und zwecks Zeitstreckung studierte ich s„mtliche
Schaufenster der Gesch„fte, mit doppelter Grndlichkeit, um den Augenblick der
šbergabe meines Zeugnisses, so lange hinauszuz”gern, wie eben noch m”glich.
/Anmerkung der Schreibkraft: denn ein schlechtes Zeugnis wurde mit brutalen
Schl„gen und Demtigungen geahndet/
Zwar konnt ich jetzt meine Schulbuben-

/175/ AE: 122
manieren nicht zur Anwendung bringen. Ich konnte meinem Fahrer nicht sagen,
er solle nur mit Traktorengeschwindigkeit fahren. Er jagte auf guten Straáen mit
seinen achtzig Stundenkilometern und manchesmal auch mehr dahin und auf den
schlechten Fahrstrecken, entsprechend gedrosselt. Heute und gestern versuchte ich
es eben mit Rotwein und ablenkenden Gespr„chen.

Besagter HauptmannWirth also, fhrte uns auf einen kleinen Waldweg zur linken
Seite der Straáe und da standen unter Laubb„umen zwei kleinere Bauernh„user.
Ich kann nich nicht mehr mit Sicherheit erinnern, ob dort im Augenblick unseres
Besuches gearbeitet wurde, aber Wirth erkl„rte uns seinen Auftrag.
Demzufolge hatte er s„mtliche Fenster und Tren hermetisch zu verschlieáen. In
den R„umen wrden nach Arbeitsbeendigung Juden kommen, welche durch die
auspuffgase eines russischen U-Bott-Motors, die in diese R„ume geleitet wrden,
get”tet werden.
Das war alles, was er zu sagen hatte.
Von Panzergr„ben war nichts zu sehen. Juden oder Leichen sah ich keine. Und ich
muá sagen, ich fhlte mich sehr erleichtert; denn das H”ren und Sprechen ist stets
etwas anderes als Tun

/176/ AE: 123
oder Sehen. Dies wird jedermann mir best„tigen. Und das alte
Soldatensprichwort, daá nichts so heiá gegessen wird, als es gekocht wurde,
beruhigte mich doch sehr und ich weiá heute noch, daá mir auf der Rckfahrt in
der Entspannung der Nerven der Rotwein und die Zigaretten besonders
bek”mmlich waren. Denn wenn ich es damals rckschauend betrachtete, was
wurde im Laufe der Jahre nicht schon alles befohlen und dann widerrufen. Ich
nahm das Vergasen einfach nicht ernst. Nach Berlin zurckgekehrt, machte ich
meine Meldung Mller und Heydrich.
Kommentarlos wurde sie zur Kenntnis genommen.
Heydrichs nerv”se Art und sein kurzes milit„risches Verhalten Untergeordneten
gegenber, sein hoher Rang und seine enorme Dienststellung, lieáen keinerlei
pers”nliche Fragestellungen zu.
Anders war es bei Mller. In seiner bajuwarischen, gemtlicheren Art, lieá es
es zu, daá man pers”nliche Anliegen, Frangen und Wnsche jederzeit vorbrignen
konnte, die er auch vom anfang bis zum Ende geduldig anh”rte und nie
unterbrach. Aber selten bekam man darauf eine Antwort. Die Regel war ein
sofortiges Einschwenken auf irgendwelche dienstlichen Obliegenheiten, so, als ob
Wnsche oder Pers”nliches nie Gegenstand des Vortrages gewesen w„ren. Nie
wuáte man, woran

/177/ AE: 129
man war. Das einzige, welches zu Erwarten stand, tat sich kund durch ein ,ja,ja!”,
verbunden mit einem dnnen, v„terlichen L„cheln. Gerade so, als wolle er sagen,
ja mein Lieber, ich verstehe dies alles, aber da k”nnen wir gar nichts machen.
Mller selbst rhrte sich in all den Jahren, in denen ich unter ihm zu arbeiten
hatte, nur ganz selten von seinem Schreibtisch weg; das heiát, er nahm keinen
Urlaub, war fast nie krank und machte selten eine Dienstreise. Er arbeitete bis sp„t
am Abend und selbst dann trug ihm sein Fahrer Aktentaschen, voll von
Arbeitsmaterial in den Wagen, die er in seiner Privatwohnung noch durchnahm.
Es liegen bei den Dokumenten der israelischen Anklage unter anderen, zwei
Fernschreiben vor, die Mller selbst zu sp„ter Stunde des ,Heiligen Abends”,
unterschrieb. Sonntage und Feiertage arbeitete er rastlos durch.
Nicht nur ich, auch andere Zeugen k”nnen bekunden, daá er sich in buchst„blich
alle Vorg„nge, von auch nur einiger Bedeutung, ja selbst Einzelf„lle betreffend,
weisungsgebend pers”nlich einschaltete, sobald sie seine Amtszust„ndigkeit
betrafen. /am Rand Ziffer 32/ Ich selbst war w”chentlich mindestens zweimal bei
ihm zur Rcksprache. Entweder befohlen, oder ich suchte darum nach. Im Laufe
der Zeit wurden die Tage so

/178/ AE: 125
zur Routine, daá man ohne zu bertreiben, von festgesetzten Tagen und Stunden
sprechen konnte. Und wen ich jedesmal nur 25 Akten mitnahm, um mir die
Weisung des Chefs einzuholen – es waren aber meistens mehr – dann kann ich
mir berschlagsm„áig ausrechnen, daá es im Laufe der Jahre zirka 10.000 bis
15.000 Vorg„nge waren, zu denen entweder er selbst die Weisung
beziehungsweise den Befehl gab, was zu veranlassen sei, und den Rest seinerseits
seinem Chef zur Weisungseinholung unterbreitete. Denn Mller selbst war keine
besonders entschluáfreudige Natur. Eher war er der vorsichtige, „ngstliche
Brokrat. Und er verlangte auch von seinen Referenten die sture Einhaltung der
brokratischen Vorschriften. Dies alles wird ebenfalls best„tigt von dem Mann,
der ihn besser kennen muáte als viele andere, jenem SS-Standartenfhrer und
Regierungsdirektor, der gegen Kriegsende eine Zeitlang der papierm„áig amtliche
Vertreter Mllers war und seine diesbezglichen Feststellungen in einer
Zeugenaussage niederlegte.
Eines steht fest, Mller war einer der M„nner, welche stets bestens ber alle
Vorkommnisse unterrichtet waren. Er hatte nicht nur die Funktion als Chef des
Geheimen Staatspolizeiamtes, sondern auch die des Generalgrenzinspekteurs
inne.
——–

/179-180/ AE: 126
Es muá Januar 1942 gewesen sein, daá mir Mller den Befehl gab, nach Kulm
/Schreibung des Namens auf Seite gegenber verdeutlicht/ bei Posen zu fahren
und ihm Bericht ber die dort in Durchfhrung befindlichen T”tungen an Juden,
zu machen.
Ich muá sagen, daá meine Besorgnisse, Furchtbares zu sehen, diesmal nicht so
arge waren, als im vergangenen Herbst. Wenngleich ich in den Berichten, die
innerhalb des Reichssicherheitshauptamtes als Geheimumlauf zirkulierten, viel
und laufend von Erschieáungen im Osten inzwischen gelesen hatte. Aber ich hatte
es nicht angeordnet, ich hatte es nicht zu bearbeiten, ich konnte es auch nicht
beeinflussen oder abstellen; ich konnte es mir nicht einmal als Wirklichkeit so
richtig vorstellen, denn ich hatte es auch noch nie gesehen. Einen Augen- oder
Tatzeugen hattte ich nicht gesprochen. Ich wurde also, im damaligen Warthegau
angekommen, von einem Beamten der dortigen Staatspolizeistelle nach Kulm
gelotst.
Was ich allerdings jetzt dort zu sehen bekam, dies war das Grauen schlechtweg.
/Zusatz von Seite gegenber: Und meine Vorstellung, ich k”nnte „hnlich gut
davonkommen, wie letzten Herbst bei Lublin wurde durch die gr„álichste
Wirklichkeit, die ich je sah, gewandelt./ Ich sah nackte Juden und Jdinnen in
einen geschlossenen Omnibus ohne Fenstern, einsteigen. Die Tren wurden
zugemacht und der Motor angelassen.

/181/ AE: 127
Das Auspuffgas entstr”mte aber nicht in’s Freie, sondern in das Innere des
Wagens, Ein Arzt im weiáen Kittel, machte mich auf ein Guckloch beim
Fahrersitz aufmerksam, wodurch man in das Innere des Wagens sehen konnte und
forderte mich auf, den Vorgang anzusehen.
Das konnte ich nicht mehr. Mir fehlten auch die Worte, meine Reaktion zu diesen
Dingen wieder zu geben, denn es war alles zu Unwirklich. Ich glaube, daá ich
mich selbst in jenem Augenblick gar nicht mehr bewuát unter Kontrolle hatte. Ich
war auch nicht f„hig gewesen, den Befehl Mllers, die Zeit der T”tung zu
stoppen, durchzufhren. Ich hatte darauf vergessen gehabt; und w„re auch
physisch nicht f„hig dazu gewesen. Dann setzte sich dieser Omnibus in
Bewegung. Ich selbst wurde zu einer Art Waldwiese gefahren und als ich dort
ankam, bog auch schon dieser Omnibus ein, er fuhr an eine ausgehobene Grube;
die Tre wurde aufgemacht und heraus purzelten Leichen; in die Grube hinein.
Eine ber die andere. Das war ein schauriges Inferno. Nein, es war ein
Superinferno. Eben sah ich sie noch lebendig. Nun waren sie samt und sonders
tot. Und dann sprang ein Zivilist in die Grube, kontrollierte die Mnder und brach
mit einer Zange die Gold-
/Zusatz: Fortsetzung siehe Seite 128/

/182-184/ AE: 128, a-b
z„hne aus. –
/Siehe Seite 128a und b/ 128a
Wenn ein Mensch pl”tzlich vor eine Sache gestellt wird, die er sich in seiner
Grauenhaftigkeit auch nicht im Ungef„hren vorher hatte ausmalen k”nnen,
trotzdem er mit einigen Worten auf ungeheure Geschehen vorbereitet wird und
sich mit blen Vorstellungsbildern bereits herumzuplagen hatte, dann tritt ein
Zustand ein, der von einem Nichtpsychologen nur sehr schwer wieder gegeben
werden kann.
Ich weiá noch, daá ich mich in die Haut meines Handrckens zwicken muáte, um
festzustellen, daá ich wach bin, daá das, was ich sehe, Wahrheit ist, und daá ich
nicht nur tr„ume.
Ich kann mich erinnern, als man mich an jenem Maiabend in Buenos Aires
berfallen hatte, dreiáig Meter von meiner Wohnung entfernt, Fáe und H„nde
zusammenband und mich mit einem Personenwagen auf eine Quinta brachte, in
ein Pyjama steckte und mich mit den Fáen an ein Bett fesselte, nachdem mir die
Augen verbunden waren; da zwickte ich mich ebenfalls in die Haut meines
Handrckens, um festzustellen was nun eigentlich daá(sic) ist, tr„ume ich, oder
hat sich daá(sic), was ich mir eben einbilde, wirklich zugetragen.
So „hnlich, erging es mir auch damals. Ich selber hatte mit den Dingen nichts zu
tun. Meine mir befohlene Aufgabe war, nur zu sehen und darber zu
128b
berichten. Ich weiá nicht, ob wenn man mit solchen Dingen als Befehlender oder
Ausfhrender zu tun hat ebenfalls solche Art L„hmungserscheinungen oder
Einbildungen Platz greifen, aber mein Realit„tsbewuátsein war irgendwie v”llig
ver„ndert. Es kam eibnem Hin- und herklettern vom noch Denkbaren, zm
Unwirklichen gleich; eine verschobene Welt, in der ich nur Wellen sah, auf denen
sich alles bewegte.
Aber dann f„llt mir pl”tzlich ein, na muát doch mal kontrollieren, ob dies alles
Wahrheit ist; der Zwickschmerz best„tigts dann. Es ist merkwrdig und
erstaunlich, in welche Situationen ein Mensch kommen kann, und frchterliche
Vorstellungskomplexe beherrschten mein Wachsein und verlieáen mich selbst
nicht im Schlafe /anderthalb Zeilen unleserlich gemacht, die folgenden Zeilen in
ver„nderter Schrift/. Ob nicht auch mangelnde Civilcourage mit einer der Grnde
waren, daá man dies alles mitmachen konnte; dies frug mich einer der Richter,
w„hrend des Prozesses gegen mich. Dies ist richtig, und tr„fe auch zu und ich
sagte ihm etwa, Civilcourage habe das deutsche Offizierskorps nicht gekannt. Es
ist wahr; und das Wort selbst besagt es ja f”rmlich schon.
Pflicht; Befehlserfllung; Gehorsam und Treue! Aber Civilcourage kam im
Dienstreglement nirgends vor.
Es ist eigentlich sehr bedauerlich muá ich sagen.

/zurck auf Seite 128/
Ich fuhr nach Berlin.
Ich hatte nur Mller zu berichten. Nach der Meldung sagte ich ihm, ich h„tte nur
eine andere Dienstverwendung, dafr sei ich nicht der richtige Mann. Rein
nervlich halte ich solches nicht aus; das sei keine politische L”sung! Diesmal
antwortete er mir: Der Soldat an der Front kann sich auch nicht aussuchen wo er
gerne k„mpfen m”chte. Er hat doch seine Pflicht zu tun, wo man ihn hinstellt.
________

Kamen mir bislang schon ”fter Bedenken, ob das Tun der G”tter selbst bei gr”áter
Nachsicht noch als G”tterhandeln zu bezeichnen w„re, dann hatte ich als der
Weisheit letzter Schluá mir stets noch sagen k”nnen, mit Ausnahme der Flammen
vom 10. November 1938, hast Du ja noch gar nichts von all dem Greuel gesehen.
Es sind alles Berichte. Teils waren es H”rensagenberichte, teils freilich dienstliche
Berichte. Aber zwischen dem Buchstaben und dem Bild war es eben ein
gewaltiger Unterschied. Besonders dann, wenn man – wie ich – damit ja
dienstlich gar nicht befaát ist. Und auch Mller hatte es nicht befohlen; auch er
h„tte es nicht abzustellen vermocht.
/ca. 1 Zeile durchgestrichen, neu geschrieben/
Jetzt aber diente ich G”tzen; dies wurde mir klar.

/185-186/ AE: 129
/5 Zeilen durchgestrichen, ersetzt durch Text auf Seite gegenber:
Alles daá(sic), fr welches ich mich tats„chlich begeistern konnte, eine L”sung
des Problems auf politischer Basis zu suchen und zu finden, daran mitarbeiten zu
k”nnen, zum Whole beider Parteien, war in mir zerbrochen worden. Von dem
Schaurigen selbst, will ich gar nciht weiter sprechen, denn meine an sich sensible
Natur revoltiert beim Anblick von Leichen und Blut.
Und dabei w„re es ein Leichtes, ein Kinderspiel geradezu gewesen, im
Vergleich zu der jetzt befohlenen Gewaltl”sung, zumindestens ein Provisorium
einer politischen L”sung zu schaffen; es h„tte ja nichts Endgltiges zu sein
brauchen. W„hrend eines Krieges begngt sich jeder oft nur mit einer Teill”sung
der Probleme, wenn es eben nicht anders geht. Der Frieden br„chte schon
automatisch Kl„rendes, Festes.
Wie hatte ich mir, von meiner Warte aus, den Kopf zerbrochen, um nach
Auswegen zu suchen.
Zu eienr solchen Gewaltl”sung aber hatte ich von mir aus wahrhaftig nichts dazu
beigetragen und ich konnte meine H„nde, wie weiland Pontius Pilatus in
Unschuld waschen. Aber wem konnte selbst dieses dienen?
Wer den Tiger reitet, kann jedoch nicht mehr absteigen./
Dabei war mein Vaterland in Not. Der rieg gegen Ruáland und Angland in vollem
Gange. Und am 11. Dezember 1941 hatte Deutschland den USA den Krieg
erkl„rt. Alles unvorstellbar. Der Befehl Mllers: Dort habe ich meine Pflicht zu
tun, wohin ich gestellt wrde. Ein aussuchen gibt es fr den Soldaten nicht. –
Ausweglos; l„ngst schon war ich fr die Dauer des Krieges, gleich den anderen
Angeh”rigen des Sicherheitsdienstes, zur Kriegsdienstleistung /ca. 2 Zeilen
gestrichen/ verpflichtet worden. Da wurde man nicht gefragt; es war eine
Verfgung von Oben!
Vielleicht h„tte ich, wenn ich den Befehl bekommen h„tte, zu t”ten oder T”tungen
zu befehlen, sagen k”nnen: nein, es kann mir niemand befehlen, Zivilisten zu
t”ten, wenn diese sich nicht aktiv gegen die Kriegsgesetze vergangen haben. Aber
ich bekam ja soclhe Befehle nie. Jemand, der in einem Einsatzkommando war und
T”tungsbefehle bekam, der h„tte die M”glichkeit gehabt; ob mit Erfolg oder ohne
bleibt dahingestellt.

/187-188/ AE: 130
Einige wenige F„lle sind nachweisbar, wo es den betreffenden Ansuchenden
gelungen ist, sich von der Befehlsausfhrung entbinden zu lassen. Ich weiá nicht
utner welchen Umst„nden, denn ich h”rte darber, selbst erst in Israel. Aber wie
dem auch sei. Ich saá in Berlin hinter dem Schreibtisch und hatte nichts
diesbezgliches zu befehlen.
Mir fehlte zu einem Ansuchen um Versetzung mit der Hoffnung auf Erfolg jede
entsprechende Untermauerung. Ich hatte es ja eben wieder erlebt gehabt. Genau
wie schon einmal im Sp„therbst 1939. /Zusatz von Seite gegenber:
Ab meiner Versetzung zur Geheimen Staatspolizei unterstnad ich erst recht dem
Zwang.
Žuáerlich durfte ich mich dagegen freilich nicht in Form von Disziplinlosigkeiten
hinreiáen lassen. Innerlich stand ich gegen Zwang und Druck und nahm, den
Rahmen der befohlenen Subordination nicht verlassend, auch in Worten dagegen
Stellung.
Es ist klar, ohne Erfolg; denn mein unmittelbarer Vorgesetzter, dem ich solches
vortrug, stand ja selbst auch unter dem Zwang und Druck. Ja, wahrscheinlich
mehr noch als ich selbst. Denn der Grad seines Wissens an Geheimvorg„ngen,
war sicherlich ungleich gr”áer als meiner. In dem Maá ich die Nutzlosigkeit einer
pers”nlichen Opposition gegen diesen Druck erkannte, in dem Maáe fgte ich
mich, nach dem Prinzip des Gummiballes diesem Zwang, und erkannte ihn
schlieálich als eine Art Gesetzm„áigkeit, der ich mich nicht zu entziehen
vermochte, an. Ich lebte in einem Zustand, in dem man sich mit dem Neuen
schwer zurecht fand, denn es k„mpften in mir die Produkte genossener Erziehung,
mit dem Totalit„tsanspruch der neuen, freiwillig gew„hlten Fhrer. Freilich, im
Augenblick dieser Wahl, ahnte ich nicht ihre umfassenden Forderungen an meine
Gesamtperson; an meine physische und psychische Pers”nlichkeit.
Und so konnte ich schlieálich froh sein, wenn ich mir, alles in allem, doch noch
eine gem„áigte – brgerliche Form und Art, die sich niederschlagsm„áig in
meiner T„tigkeit darbot, bewahrte. Denn ich lebte in einer Umgebung, in der die
Žsthetik der Toleranz dahin schwand, wie der Schnee in der M„rzsonne.
Ich hatte es innerlich dazu gebracht, daá ich (Fortsetzung n„chste Seite im 2.
Drittel)/ nicht einmal fr meinen tagt„glichen Brokram in der Aktenbearbeitung
Entscheidungen zu treffen brauchte. Wegen jedes Detailfalles, stand mir jederzeit
der Weg zu meinem Amtchef offen. Pers”nlichen inneren Belastungen konnte ich
dadurch aus dem Wege gehen. Ich ging diesen Weg seit meiner, gegen meinen
Willen befohlenen Versetzung. Meine diesbezgliche Gepflogenheit war
referatsbekannt und darber hinaus. /anderthalb Zeilen unleserlich gemacht/ Hatte
ihn mein Chef entschieden, dann selbstverst„ndlich traf ich die angeordneten
sicherheitspolizeilichen Vorkehrungen. Dazu war ich ja eidlich verpflichtet.
So gerne ich im Nachrichtendienst t„tig war,
Fortsetzung siehe Seite 131!

/189-190/ AE: 131
so l„stig war mir der exekutive Teil des Polizeidienstes.
So sehr ich die Befehlsgebung der deutschen Reichsregierung aus Sorge um das
Reich, mit stets pessimistischerer Betrachtung beobachtete, egal ob es sich um die
mir unn”tig erscheinenden Serien der Kriegserkl„rungen handelte, oder um
Befehle im Hinblick auf die Judenfrage, mmir blieb in anbetracht meines
Dienstgrades als SS-Oberstleutnant und meiner Dienststellung als Referent, als
Befehlsempf„nger also, nichts anderes brig, als zu gehorchen. Die
Verantwortung hatten die verantwortlichen politischen Fhrungsstellen und die
”rtlichen und sachlichen Befehlsgeber dieser Reisspitzen zu tragen.
Ich war eingespannt, und konnte auf legalem Wege nicht anders marschieren;
gleich tausenden anderen Oberstleutnanten. Mochten die anderen Tun(sic), was
sie glaubten; ich konnte sie nicht hindern; ich hatte es auch nicht zu verantworten.
Meine Aufgabe war es, meinem Fahneneid getreu zu bleiben und wie ich es eben
wieder geh”rt hatte, meine Pflicht dort zu tun, wohin der Befehl mich stelle.
/3 Zeilen unleserlich gemacht, ersetzt durch Text von Seite gegenber:
Aber eines erkannte ich jetzt mit aller Deutlichkeit, daá das ,handeln máen”
nach einem dem Menschen innewohnenden Sittengesetz fr mich schwer, wenn
nicht unm”glich wurde, bedingt durch die Gesetze des Krieges, denen ich
unterworfen war und die mich willen- und wollensm„áig, entgegen meiner
inneren Auffassung, banden und unfrei machten.
Freilich erkannte ich dieses bereits ab der Zeit meiner Versetzung zum Geheimen
Staatspolizeiamt, im sp„therbst 1939; jedoch nicht mit der jetzigen
erschreckenden Deutlichkeit. Denn ich lebte bis zum Herbst 1941 in dem Wahn
einer politischen L”sungsm”glichkeit. Daá solches eine Wahnvorstellung
meinerseits war, dies muáte ich nunmehr erkennen.
Und ich erkannte auch, daá sich die damaligen Fhrer des Reiches um sittliche
Forderungen nicht kmmerten; schon gar nicht um Kantásche Auffassugnen von
den Dingen. Sie scherten sich den Teufel darum. Ihre Einstellung glat alleine nur
noch dem Augenblick und selbst da versagten sie infolge Plan- und
Ideenlosigkeit, und verloren im sinnlosen Hin und Her, jede Initiative des
Handelns auf dem Sektor der Kriegsfhrung.
Aber auch auf der anderen Seite, auf der Seite verschiedener Fhrungsmitglieder
der verschiedenen damaligen Feindseiten, kann man keinesfalls fr sich in
Anspruch nehmen, etwa ethisches Wollen, fr sich gepachtet zu haben.
Die Politik ist und bleibt eine ganz gew”hnliche Hure. (Fortsetzung siehe Seite
131a und b)!

/192/ AE: 131a
Nicht daá ich heute etwa dem verlorenen Kriege nachtrauern wrde. Ich stehe seit
langem ber meiner diesbezglichen Nachkriegseinstellung.
Mein einziges Wollen w„re, Kriege und deren unausbleibliche Folgen,
unm”glich zu machen. Aber wenn ich die Dinge von damals beschreibe, dann
muá ich mich rckversetzend zu ihnen einfinden. Ich muá sie gleichsam noch
einmal erleben und durchleben, damit ich sie hier wiedergeben kann.
Ich stehe auch heute noch auf dem Standpunkt daá der Krieg dem deutschen Volk
ursprnglich aufgezwungen worden ist. Wirtschafts und Konkurrenzneid standen
hier Pate. Ich bin mir aber dessen nicht sicher, daá er unvermeidbar gewesen
w„re, h„tte unsere eigene Regierung ein anderes Verhalten gezeigt. Sicher bin ich
mir hingegen, daá der Krieg seine Ausweitung durch Dummheit und Verkennung
aller Realit„ten seitens unserer eigenen Fhrung erfuhr; dies kommt noch zu allem
brigen dazu. –
Und so teilte sich das deutsche Volk nach und nach in mehrere Gruppen,
zus„tzlich zu denen, welche ohnedies schon bestanden.
Diejenigen, deren Ausrichtung und Einstellung rein trieblich bedingt war; ihre
Problemstellung war einfach und umkompliziert.
Diejenigen, welche „uáerlich wohl mitgingen und eidgetreu den Befehlen
gehorchten; innerlich aber Distanz nahmen, aus Grnden die ich eben schilderte.
Und drittens diejenigen, welche sich nunmehr sowohl innerlich, als auch „uáerlich
distanzierten, ja sabotierten.
/folgende Zeile angefangen, gestrichen/

/193/ AE: 131b
Die Konsequenz dieser Uneinheitlichkeit bei den Befehlsempf„ngern fand
letztlich in einem geringeren Durchstehverm”gen seinen sichtbaren Ausschlag.
Daran „ndert auch nicht die haltung der Zivilbev”lkerung in den Zentren der
Bombenschlachtfelder und nichts der Opfermut einzelner Divisionen und
Armeen; auch nichts „nderte daran die sture eidgetreue Einstellung der
Kriegsmarine und Fliegergeschwader. Es griff allenthalben, nach und nach, eine
Dekonzentration, eine Zerstreuung Platz, als genaues Spiegelbild, des Verhaltens
der Fhrung des Reiches. Sie glaubte in ihrer šberheblichkeit, in Zeiten des
Krieges Maánahmen durchfhren zu k”nnen, die unter normalen Zust„nden
unm”glich gewesen w„ren und bedachte – von allem sonstigen jetzt einmal
absehend – nicht die unausbleiblichen psychologischen Folgen.
Ich geh”rte nicht zu der Gruppe, die sclieálich zu einem ,20. Juli 1944″ fhrte;
ich geh”rte nicht zu der rohesten Gruppe, deren innere und „uáere Einstellung
gleich blieb. Ich z„hlte zu jenen, die „uáerlich gehorchten, nichts taten was sie mit
ihrem geleisteten Eid in Konflikt brachten(sic) und ehrlich und aufrichtig dienten
und ihre befohlene Pflicht erfllten. Durch die innere Einstellung jedoch kam es
zu einer Art Pers”nlichkeitsspaltung; ein Zustand der hinderte. Ein Zustand, der
jeden Schwung und jeden Elan t”ten muáte. Ein Zustand, unter dem der einzelne
mehr litt als er jemals zugeben wollte, oder zugab. Und er bet„ubte sich selbst,
durch ,Pflicht” und ,Eid”; und ,Treue” und ,Ehre”.
/S. /191/ war plaziert gegenber Seite 131a, dort allerdings kein Verweis darauf.
Der gestrichene Abschnitt im unteren Drittel ist teilweise noch lesbar: . in der
bloáen Existenz der Gattung Mensch zu erblicken, besser gesagt, ich zweifelte in
solchen Momenten daran, daá die Natur einen solchen je erwog. Dann aber muáte
ich solche Gedanken wieder verwerfen, denn die Gesetzm„áigkeit der Natur kennt
nicht den Zufall und kennt nicht gewollten Verderb. Wir Menschen sind es
ausschlieálich selbst, die dem Natrlichen in’s Handwerk pfuschen wollen./
/zurck auf Seite 131, nach 3 unleserlich gemachten Zeilen:/
Aber abgesehen davon gleichgltig, was es fr ein Staat ist: Verr„ter und
Befehlsverweigerer, Saboteure und Selbstverstmmler erfahren in Zeiten des
Krieges,

/194/ AE: 132
seitens der Staatsfhrung jene Behandlung, /2 Zeilen unleserlich gemacht/ die auf
Fahneneidbruch steht.
Mir ist auch nicht bekannt geworden, daá sich daran selbst nach 1945 etwas
ge„ndert h„tte und die auch nach diesem Jahre vorgekommenen Verbrechen an
der Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und andere Greuel, sind Leion. Und dies
trotz Magna Carta, UNO und anderen Sicherungsbestimmungen. Menschliche
Unzul„nglichkeit, heute und gestern, wohin man auch sieht. Nichts hat sich
ge„ndert.
Aber nicht die Taten unserer seinerzeitigen Machthaber will ich damit
besch”nigen. Ich diene in dieser Arbeit niemandem; und ich besch”nige nichts.
Wie ich berhaupt durch meine Erfahrung jeden besonderen Obrigkeitsrespekt
verloren habe.
/Abschnitt von 10 Zeilen unleserlich gemacht/
Frwahr, ich schreibe zu niemanden Lob und mir ist es egal, ob meine arbeit
gelesen, egal, ob sie gelobt oder verdammt wird.
/2 Zeilen unleserlich gemacht/
Ich will nur warnen. Und warnende Worte sind weder Honig noch Milch. Sie sind
drr und trocken wie die Dornenbsche der Pampa, oder wie bleichende Knochen
in der Wste.
______________

/195-196/ AE: 133
/auf S. 195 oben steht nur: groáer Absatz!/

Die Leute selbst, die ich an den Stellen der T”tung oder mit
Vorbereitungsarbeiten zu dieser sah, waren durch die Einschaltung der ,Kanzlei
des Fhrers” zur Verfgung gestellt worden.
Der Oberdienstleiter Brack von dieser Kanzlei, dessen Name in einigen
Dokumenten, welche w„hrend des Prozesses gegen mich, auch aufscheint, hatte
diese Angelegenheit mit Himmler selbst direkt geregelt. Er hatte die T”tung der
Geisteskranken durchzufhren gehabt und bot nach Beendigung seiner T„tigkeit
das Personal, welches ihm zur Verfgung stand Himmler an, worauf Brack dieses
Globotnigg zur Verfgung stellte. Wirth war urspr„nglich Beamter der mittleren
gehobenen Laufbahn, an einer Kriminalpolizeistelle im Sdwesten des Reiches.
Ich sah ihn in der Uniform eines Offiziers der Ordnungspolizei und w„hrend des
Prozesse zeigte mir mein Verteitiger(sic) eine Photographie, die ihn als SS-
Sturmbannfhrer wiedergab. Wirth leitete die Vergasungst”tungen im
Befehlsbereich Globocniggs.

In Kulm wiederum, hing in dieser Sache der Gauleiter und Reichsstatthalter
Greiner pers”nlich. Er korrespondierte diesehalb mit Himmler. /am Rand Ziffer
33/ Bothmann, der Leiter der Vergasungsstelle Kulm, kam ebenfalls aus dem
Euthanasiestab Bracks, von der ,Kanzlei des Fhrers”, genau wie Wirth.

/197/ AE: 134
Aber auch das Reichssicherheitshauptamt war den T”tungen durch Auspuffgase
direkt beteiligt, wie dies w„hrend des Prozesses vorgelegte Dokumente
einwandfrei bewiesen haben. Aber es war nicht das Amt IV, welches hier seine
Finger drin hatte, sondern das Amt II. Ein ganzes Bndel an Schriftverkehr liegt
hier vor. Diese Omnibusse wurden fr den vorgesehenen Zweck durch das Amt II,
entsprechend umgebaut und dann zu den Einsatzgruppen nach dem Osten
geschick. Dies besagen die Dokumente mit aller Deutlichkeit.

Es wird mit nie erkl„rlich werden, warum Mller mich mit einer sturen
Gleichf”rmigkeit in jener eit von Ort zu Ort der T”tungen schickte, obgleich er
meine jeweilige Verfassung nach Rckkehr zur Berichterstattung kannte.
Obgleich er wuáte, daá mit eben derselben Sturheit meinerseits die Bitte um
Transferierung kam, obzwar auch ich wuáte, daá mit eben derselben Automatik
nicht darauf eingegangen wurde. Mller hatte sicher mit den Gaswagen pers”nlich
nichts zu tun. Und wen ein zeitweiliger formeller Zwischenvorgesetzter auf dem
Dienstweg zwischen mir zu Mller, mit Namen Hartel, nach 1945 in Nrnberg
sagte, Mller habe ihn nach dem Osten geschickt, um ,hart” zu werden, und als er
Kommandos zum Erschieáen aus pers”nlichen oder nervlichen Grnden nicht
bernehmen konnte, ihm

/198-199/ AE: 135
erkl„rt, er máe eigentlich nicht ,Hartel”, sondern ,Weichel” heiáen, so kann ich
dies nur schwer glauben.
Unter Ausrichtung auf diese Aussage, frug mich der Generalstaatsanwalt im
Kreuzverh”r, ob Mller mich auf Grund meiner Berichterstattung nicht auch statt
,Eichmann” mit ,Weichmann” bezeichnet habe; ich muáte diese Frage verneinen.
Mller hat auch diesen Einsatzgruppen nicht die T”tungsbefehle gegeben; diese
Befehlsgebung nahm Heydrich vor, wie aus den Aussagen der Einheitschefs ganz
klar hervorgeht. Nie gab mir Mller irgendwelche Befehle fr die Kommandos
die zu besuchen er mir befahl. Nichts anderes als zu seiner pers”nlichen
Unterrichtung wurde ich in Marsch gesetzt. Wie gesagt, es wird mir ewig ein
R„tsel bleiben, warum er mich dazu ausersah, wo es Dutzende konstitutionell
robustere Naturen als mich, gab.
/Zusatz von Seite gegenber: Ich will meinen ehemaligen Vorgesetzten weder
entlasten, noch belasten mit Dingen, von denen ich nichts Genaues weiá. Eine
Entlastung ist bei seinen gehabten Zust„ndigkeiten ohnehin nicht m”glich und
eine Belastung berlasse ich den Dokumenten denn da steht alles viel genauer
verzeichnet, so genau, wie es mir nach inzwischen vergangenen rund 20 Jahren,
nicht mehr m”glich ist, die Dinge wieder zu geben./
Aber es hat auch keinen Zweck ber solche Dinge heute nachzudenken;
Geschehenes kann man nicht ungeschehen machen. Ich bekam den Befehl und
hatte die Berichterstattungsreisen anzufhren(?).
Daher schicke ich mich zur Schilderung der n„chsten Inmarschsetzung meiner
Person nach Minsk an.
Es war um dieselbe Zeit, etwa Januar 1942, als ich die Weisung erhielt ihm ber
die Vorg„nge in der genannten

/200/ AE: 136
Stadt zu berichten. Es war bitterkalt und ich trug einen langen, geftterten
Ledermantel und nahm mir die entsprechende Alkoholreserve mit, denn ohne
dieser konnte ich diesen Befehlen nur unter stetigem Sinnieren nachkommen. Der
Alkohol aber schuf einige Bet„ubung. Es ist klar, daá der Grad, nie zur
Trunkenheit heranlangen durfte, denn ich fuhr ja in Uniform mit Fahrer, in einem
Polizeifahrzeug. Aber es ist erstaunlich, welche Alkoholmengen der Mensch bei
aufgepeitschten Nerven braucht, um sie einigermaáen in Rand und Band zu
halten. Freilich w„re Schnaps besser gewesen als Rotwein, aber Schnaps trank ich
nur, wenn Wein nicht erh„ltlich war.
Ich kam an einem Abend an. Und am n„chsten Tag hatte ich mich versp„tet. Die
mir genannte Stunde war l„ngst berschritten, so kam ich erst zur Stelle, als die
letzte Gruppe erschoáen wurde.
Als ich den Exekutionsort anfuhr, knallten die Schtzen in ununterbrochenem
Dauerfeuer in eine Grube vom Ausmaá mehrere groáer Zimmer. Sie schossen mit
Maschinenpistolen. Angekommen sah ich eine jdische Frau mit einem kleinen
Kind in den Armen in der Grube. Ich wollte das Kind herausreiáen, aber da
zerschlug eine Kugel den Kopf des

/201-202/ AE: 137
Kindes. Mein Fahrer wischte mir vom Ledermantel kleine Gehirnstcke. Ich stieg
in meinen Wagen. –
Berlin, sagte ich meinem Fahrer. –
Ich aber trank Schnaps, als sei es Wasser. Ich muáte trinken.
Ich muáte mich bet„uben.
Und ich dachte an meine eigenen Kinder; um jene Zeit hatte ich zwei.
Und ich dachte ber den Unsinn des Lebens nach.
/3 Abschnitte unleserlich gemacht, ersetzt durch Text von Seite gegenber:
Und ich fand keine Ordnung mehr, im Wollen und Willen des Waltens. Es war
unsagbar schwer, in diesem Chaos berhaupt noch an etwas zu glauben./

/203-204/ AE: 138
Und ich stellte mir vor, als sei daá(sic), was die christlichen Konfessionen mit
H”lle bezeichnen, nicht etwas Knftiges, mit dem sie die Menschen verwarnen,
sondern es konnte nur so sein, daá wir uns samt und sonders bereits in dieser
,H”lle” befanden.
/gute 12 Zeilen unleserlich gemacht, ersetzt durch Text von Seite gegenber:
Es war die einzige Erkl„rung.

Glaube und Liebe; Ethik, Žsthetik; die ganze Erziehung; alle Sorge und Hoffnung
legten die Eltern in ihr hinein.
Das denkende Hirn machte sodann den eigenen Versuch der Vorstellungsformung
im Rahmen der passenden M”glichkeit. Es fand dazu untere anderem die Brcke
und Hilfe, in Kant. /6 Zeilen bis Ende der Seite unleserlich gemacht/

/205/ AE: 139
Wie konnte ich all dieses einpassen und in Gleichklang bringen, zu dem was ich
sah? Es war zum verzweifeln.
Aber die šberlegungen gingen noch weiter.
Der Grund meines innneren Anschluáes an die Partei, war das Unrecht. Es war
das Diktat von Versailles. Und jetzt brachten wir selber das Unrecht in vielfacher
Form. Das Oberhaupt des Staates pers”nlich befahl es.
Meine eigenen Gerichtsherren und der h”chste Gerichtsherr der SS- und
Polizeigerichtsbarkeit, befahlen dies alles, und sie befahlen auch mir.
/11 Zeilen unleserlich gemacht/

Und hier versuche nun einer mal Ordnung zu machen und all diese vielen,
divergierenden Komponenten auf eine innerlich beruhigende Resultante zu
bringen. Es ist ein Ding der Unm”gkeit(sic).
/206/ AE: 140
In solche ein inneres Gestrpp brachte einen die damalige Reichsfhrung. Im
Nachhinein ist es fr Dritte immer leicht reden. Aber was h„tten sie selbst in einer
solchen Lage getan?
Ist der Motor eingeschaltet und sind die Wellen gekuppelt, dann máen die R„der
laufen, egal ob der Schlauch, die Seele des Reifens, platzt, egal ob selbst der
Reifen zerfetzt wird, sie máen laufen, und wenn es nur noch auf zerschlagenen
Felgen dahingeht; solange, bis der Motormann anderen Sinnes wird, oder der
Wagen zum Teufel geht.
Mit einem solchen Rade bin auch ich vergleichlich; sind viele vergleichlich. Aus
eigener Kraft kann solch ein Rad nicht abspringen, selbst wenn es merkt daá bei
dem Motormann nicht mehr alles in Ordnung sein kann.
Dies ist das Los der Befehlsempf„nger. Nun ich’s nicht „ndern konnte, tat ich das
einzige, was ich tun konnte. Gehorsam fhrte ich die mir erteilten Befehle aus.
W„re Frieden gewesen, dann w„re es leichter fr mich meine Lage zu „ndern, im
Vergleich zu dem totalit„ren Anspruch des Staates, auf die Person, die er in
Kriegszeit erhebt; gleichgltig, was er befiehlt.
_______________
/207/ AE: 141
-(15)-
Ich muá nun abermals zeitlich wieder etwas zurckschalten, und nocheinmal
das Jahr 1941 beleuchten.
Die von Himmler befohlenen Deportationen erstreckten sich von zeitweiligen
Unterbrechungen abgesehen auch in dieses Jahr hinein. Aus Ostpreuáen, und zwar
aus jenem neu zu dieser Provinz hinzu gekommenen Kreisen, aus dem
Warthegau, ja auch sogar aus Wien.
Ich habe ein Fernschreiben vor mir liegen, welches am 13. Februar 1941 an alle
Staatspolizeistellen auáer Wien ausging, und von mir unterschrieben wurde.
Es heiát darin u.a.:
,Betrifft: Evakuierung der Juden aus Wien in das Generalgouvernement. In
Anbetracht der besonders gelagerten Verh„ltnisse in Wien, hat der Fhrer die
Evakuierung der in Wien ans„áigen Juden angeordnet.
Die Staatspolizeistelle Wien hat (bereits) am 1. Februar 1941, eine Verfgung
erlassen, nach der Juden, die in Wien ihren st„ndigen Wohnsitz haben, das
Gaugebiet Wien nicht verlassen drfen.”

Diese Hitlerverfgung hatte sich gem„á einer Aussage Baldur von Schirachs, des
ehemaligen Gauleiters von Wien, anl„álich einer Vorsprache, die er bei Hitler
hatte, ergeben. Daher auch konnte die Staatspolizeistelle Wien – Gauleiter,
Reichsstatthalter und Oberpr„sidenten hatten gegenber ihren ”rtlichen Stellen
Weisungsrecht – eine

/208/ AE: 142
Sperrverfgung fr ihren Zust„ndigkeitsbereich erlassen, ehvor noch das
Reichssicherheitshauptamt hiermit befaát wurde. /am Rand Ziffer 34/
Aber am 15. M„rz muáten bereits s„mtliche Evakuierungstransporte aus den
eingegliederten deutschen Ostgebieten, bzw. Wien, in das Generalgouvernement
eingestellt werden. Die Operationsabteilungen des deutschen Generalstabes,
wnschten fr ihre Aufmarschpl„ne gegen Ruáland in den Bereitstellungsr„umen,
freie Hand zu haben, und durch keinerlei sonstige Transportbewegungen gest”rt
zu werden.
Mller unterzeichnete den entsprechenden Einstellungsrunderlaá. /am Rand Ziffer
35/

Im Juli 1941 schickte G”ring, in seiner Eigenschaft als Reichsmarschall, als
Beauftragter fr den Vierjahresplan und als Vorsitzender des Ministerrates fr die
Reichsverteitigung(sic), an Heydrich eine Bestallungsurkunde, die ihn
erm„chtigte alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher
und materieller Hinsicht, fr eine Gesamtl”sung der Judenfrage im deutschen
Einfluágebiet in Europa zu treffen. Er wnschte diesbezglich in B„lde einen
Gesamtentwurf vorgelegt zu erhalten. /am Rand Ziffer 36/
Die Bemhungen Heydrichs, den euro„ischen Auftrag zu erhalten, hatte(sic)
insoferne ihre Schwierigkeiten, als sein diesbezglicher Nebenbuhler, der
deutsche

/209-210/ AE: 143 a
Reichsauáenminister, auf diesem Gebiete ohne jeden Zweifel, seine nicht
abzusprechenden federfhrenden Zust„ndigkeiten nachweisen konnte. Es hatte
zwischen Heydrich und Ribbentrop ohnedies schon gengend Miátrauen gegeben,
seit der Madagaskarplan wieder einmal aktuell wurde. /Zusatz von Seite
gegenber: 143a
Obwohl mir aus eigener Erfahrung bekannt ist, wie sehr die Zentralinstanzen
bemht waren, auf ihrem Gebiet auch s„mtliche Zust„ndigkeiten im Falle einer
Madagaskar-Verwirklichung in ihre H„nde zu behalten, so habe ich nie etwas
davon geh”rt, daá der Chef der ,Kanzlei des Fhrers”, Philip Bouhler, zum
gouverneur dieser Insel vorgeschlagen worden w„re, noch daá irgend jemand aus
der Kanzlei des Fhrers, hier unmittelbare diesbezgliche Wnsche oder
Hoffnungen hatte. Es war dieses ausschlieálich ein Kampf zwischen Heydrich
und Ribbentrop. Die anderslautende Darstellung des Oberdienstleiters Brack von
der “Kanzlei des Fhres”, die er im Jahre 1947, in Nrnberg abgab, ist sicherlich
nur aus Verteitigungsgrnden(sic) abgegeben worden. Hingegen weiá ich mit
Sicherheit, daá es insbesonders die ,Kanzlei des Fhrers” war, welche laufend
Versch„rfungspunkte eingebaut wissen wollte und daá sie es war, welche meine
ursrpngliche Madagaskar-Konzeption umkrempelte. Bouhler hat im Mai 1945 in
Zell a/See im Salzburgischen (™sterreich) Selbstmord begangen und Brack wurde
1948 in Landsberg hingerichtet./
Heydrich jedenfalls brachte seine Zust„ndigkeitsrechte fr diese
Madagaskarl”sung durch eine schriftliche Versicherung der hierfr zust„ndigen
Reichsspitze, G”ring, zu erhalten und bekam sie.
Von der diesbezglichen Idee Heydrichs, bis zur vollzogenen Unterschrift,
vergingen Monate. Es ist falsch, annehmen zu wollen, daá derartige Vollmachten
gewissermaáen im Schnellverfahren so zwischen Tr und Angel erledigt wurden.
Heydrich muáte hier erst seinen Boden pr„parieren.
Wochen sp„ter erst, wurde das Madagaskarprojekt durch den deutschen
Botschafter in Paris, Abetz, der neue Vorschl„ge machte, endgltig zu Grabe
getragen. Doch davon soll sp„ter die Rede sein, wenn ich auf Frankreich zu
sprechen komme.
Aber diese G”ring’sche Formulierung paáte auch afu den neuen Pariser
Vorschlag, os daá sie keinerlei Žnderung zu erfahren brauchte.
Offiziell wurde das Madagaskar-Projekt erst Anfang 1942 zu den Akten gelegt.
Im Herbst 1941, genauer gesagt, ab Oktober, wurde das Deportationsprogramm,
welches

/211/ AE: 144
durch die milit„rischen Operationsvorbereitungen zum Feldzug gegen Ruáland
unterbrochen werden muáten, von oben wieder angekurbelt und die
Wiederinangriffnahme befohlen.
Die erste Welle bestand aus zusammen 20.000 Juden aus Berlin, Wien, Prag,
K”ln, Hamburg, rankfurt, Dsseldorf und Luxemburg.
Mein Referat erhielt die Deportierungsst„tten, die Zahlen der aus diesen
Bereichen zu deportierenden uden, und den Termin genannt. Es wurde befohlen
wer deportiert werden muáte und welche Personenkategorien nicht evakuiert
werden durften. Himmler selbst befahl sogar den Umfang des zuzulassenden
Gep„ckes. Als Aufnahmeort hieá es, besetzte russische Gebiete oder
Litzmannstadt; eine Konzession an die fahrplantechnisch zust„ndige Beh”rde,
also an das Reichsverkehrsministerium. Es war dies das erste und auch
gleichzeitig letzte mal, daá eine solche M”glichkeit zugelassen wurde. In alle
Zukunft wurde dann stets nur noch eine einzige Zielstation befohlen.
Denn folgendes trug sich zu:
Kurz ehvor der Befehl zur Vorbereitung zu dieser ersten groáen Judendeportation
– wenn von der Deportation aus Stettin Anfang 1940 abgesehen werden soll –
ergangen war, kam ich aus dem Befehlsbereich Globocnigg, aus Lublin zurck.
Ich sah dort die Vorbereitungen

/212-213/ AE: 145
zur Judent”tung. Ich hatte auch von den Erschieáungen in den besetzten
russischen Gebieten gelesen. Wenngleich ich der Annahme war, daá den Juden
aus dem Reich nicht das gleiche Schicksal zugedacht wurde, – ich glaubte dies aus
dem Inhalt der befohlenen Richtlinien zu entnehmen -, so wuáte ich aber ganz
bestimmt, daá im Groághetto Litzmannstadt, bisher von solchen Dingen
berhaupt noch keine rede war. Also wurden die Fahrpl„ne fr Zielstation
Litzmannstadt zurecht gemacht, und seitens des Reichsverkehrminiseriums
erstellt.
Dem voraus aber muáte die Einverst„ndniserkl„rung des zust„ndigen
Hoheitstr„gers ber Litymannstadt eingeholt werden. Ich verhandelte mit dem
zust„ndigen Mann des Regierungspr„sidenten šbelh”r /Schreibung des Namens
auf Seite gegenber verdeutlicht/. Mit welchen kleinen Tricks ich sein halbes oder
dreiviertel Einverst„ndnis erzielte, weiá ich heute nicht mehr. Es ist wahr, daá ich
den alleine darber verfgenden Regierungspr„sidenten pers”nlich nicht
aufsuchte, da mir seine ablehnende Einstellung, Juden aufnehmen zu wollen,
bekannt war.
Der Fahrplan war fertig; vielleicht war sogar schon ein Zug in das Ghetto
angekommen, ich weiá dies heute auch niciht mehr; da schrieb šbelh”r ein
geharnischtes Fernschreiben an das Reichsinnenministerium und andere
Zentralinstanzen, beschwerte sich ber

/214/ AE: 146
mich, daá ich wie durch ,Roát„uscher oder Zigeunermethoden” berfahren h„tte
und verlangte Einstellung der Transporte und meine Bestrafung.
Die Sache ging bis zu Himmler, nachdem sich auch das Heeresoberkommando
auf Seite des Regierungsprasidenten mit einschaltete, da es fr die
Rstungsindustrie angeblich bangte, welche im Ghetto aufgezogen wurde; sie
verlangten, die Juden sollten nach Warschau transportiert werden. Himmler
schrieb dem Oberkommando, daá es dabei bleibe und Heydrich teilte dem
Regierungspr„sidenten mit, daá die Juden nach Litzmannstadt k„men, und daá
ferner eine Bestrafung meiner Person nicht erwogen werde, da ich Befehl hatte.
Aber wie gesagt, in Zukunft wurde mir nie wieder die Wahl zwischen einigen
Zielstationen berlassen, sondern sie wurden in der knappen milit„rischen Form,
wie das brige auch, befohlen. (am Rand Ziffer 37/

Ende Oktober bereits folgte solch ein n„chster Befehl, n„mlich 50.000 Juden aus
dem Gebiet des Groádeutschen Reiches einschlieálich dem Protektorat B”hmen
und M„hren in die Gegend von Minsk und Riga zu schaffen. Die Akion sollte bis
Ende November abgeschlossen sein. /am Rand Ziffer 38/ Aber einmal begann sie
versp„tet und die Zahl betrug 30.000

/215/ AE: 147
Hier also wurden neben der Anzahl, Deportationsgebiete, und Termin innerhalb
welcher die Deportation durchgefhrt sein muá, auch das Aufnahmegebiet
genauest befohlen. Es war dies die zweite groáe Evakuierungswelle aus dem
eigentlichen Reichsgebiet. Ich habe im Quellenverzeichnis auch ein Dokument
mit angefhrt, welches als Beweisstck der Anklage dem Gericht vorgelegt
wurde, und sich unter anderen mit dieser Deportation befaát, aber ich muá dazu
sagen, daá mich der Inhalt desselben befremdet, so wie ich es schon bemerkte, als
ich die Grndung des Theresienst„dter Ghettos behandelte. Denn erstens zeigt das
Dokument keinen Briefkopf auf, keine Buchnummer, kein Signum, keine
Unterschrift oder Dienstsiegel. Wer es geschrieben hat, ist also nicht ersichtlich.

Bei dieser Gelegenheit komme ich auf ein anderes merkwrdiges Dokument
zu sprechen. Das sogenannte ,Wetzel-Schreiben”. Dr. Wetzel war
Amtsgerichtsrat. Er machte in den Jahren 1941 auf 1942 im Rosenberg’schen
Ostministerium Dienst, in einer juristischen Abteilung. Es existiert ein
Dokumentensatz, der folgendermaáen aussieht:
Eins.) ein handschriftlicher Entwurf
Zwei.) ein maschinengeschriebener Klartext
Drei.) ein maschinengeschriebner Entwurf
Vier.) ein maschinengeschriebenes Schreiben an eine Dienststelle des
Ostministeriums.
Keines der vorgenannte Dokumente tr„gt eine Unterschrift oder Signum.

/216/ AE: 148
Der Briefentwurf, Entwurf und Klartext gehen zurck auf den handschriftlichen
Entwurf. Demzufolge h„tte Dr. Wetzel mit dem Oberdienstleiter Brack von der
,Kanzlei der Fhrers” verhandelt, wegen der Vergasung der Juden. Es steht nicht
so deutlich geschrieben, aber es ist der unmiáverst„ndliche Sinn.
Es sind einige Wortlcken freigelassen, manche Wortreste nur angedeutet. Ich
weiá nciht, wie das Original dieses Entwrufes aussieht, ich hatte nur eine nicht
immer deutliche Ablichtung vor mir. Aber unschwer ist unter dem
Vergr”áerungsglas zu erkennen, daá niemals mein Name und Dienstgrad, sowie
Dienststelle geschrieben sind, wie dies der Klartext dann pl”tzlich verzeichnet.
Ich habe es vor Gericht als ein einwandfreies Falsifikat, wenigstens soweit es
mich betrifft, bezeichnet und die Empfehlung anheimgestellt, das Original oder
die Ablichtung durch einen Fachmann untersuchen zu lassen. Abgesehen davon,
habe ich nie ber solche Dinge verhandelt.
Auf diese Art hatte sich die Literatur in den letzten 1 « Jahrzehnten dieser Sache
angenommen und man konnte dann lesen wie: , Vorschlag Eichmann, Vergasung
der Juden, u.„.m.”
So also kommen M„rchen zustande. /der folgende Satz, einschlieálich einiger
W”rter auf der neuen Seite, unleserlich gemacht/

/217/ AE: 149
Die israelische Polizei hat mir fairerweise diesen handschriftlichen Entwurf
ebenfalls vorgelegt; ohne diesen h„tte ich heute keine M”glichkeit gehabt, die
zwar nicht signierten, gesiegelten oder unterschriebenen Schreiben, welche eben
nur maschinengeschriebene Entwrfe darstellen, zu entkr„ftigen, insoweit es sich
um meine Person handelt. /am Rand Ziffer 39/
Es kann nicht anders sein, als daá irgend jemand, lange ehvor die israelischen
Beh”rden diese Dokumente besaáen – ich nehme an, in den ersten
Nachkriegsjahren – zu solch einer merkwrdigen Handlung schritt.

/die ersten 3 Zeilen des neuen Abschnitts gestrichen, noch lesbar: Heydrich hatte
bekanntlich durch G”ring im Juli 1941 die Vollmacht erhalten, die europ„ische
Judenfrage ,in einer den/

Heydrich hatte von G”ring den Auftrag, alle erforderlichen Vorbereitungen fr
eine Gesamtl”sung der Judenfrage, im deutschen Einfluágebiet in Europa zu
treffen.
Als Auftakt plante er eine Besprechung mit allen Staatssekret„ren, der in Frage
kommenden Zentralinstanzen.
Himmler hatte zwar fr die besetzten russischen Gebiete gem„á des Hitler-
Befehles, den ich aus Heydrichs Munde vernahm, die physische Vernichtung der
Juden bereits seit Monaten anlaufen lassen. Und eben hatte ein Spezialkommando
im Warthegau auch schon damit angefangen. Auch Globocnigg

/218/ AE: 150
bereitete, im Generalgouvernement die Vernichtung der Juden gem„á der
Befehlsgebung Hitler-Himmler, vor.
Der Madagaskarplan war tot. Und am 20. Januar 1942 fand unter Heydrichs
Vorsitz im Geb„ude der ,Internationalen-Kriminalpolizeilichen-Kommission”,
Am Groáen Wannsee bei Berlin die Mehrmals verschobene Besprechung statt.
Ich hatte mit einer Stenotypistin das Protokoll zu erledigen, nachdem ich
schon Wochen vorher, Heydrich, das fr seine Rede ben”tigte zahlenm„áige
Unterlagenmaterial besorgen muáte.
Der Staatssekret„r des Reichsinnenministeriums, Dr. Stuckart, der sonst so
vorsichtige und abw„gende Beamte, ging an diesem vormittag sehr forsch an das
Werk, indem er knapp und formlos erkl„rte, die ,Zwangssterilisierung” und die
gesetzlich noch zu erlassende Anordnung ,Mischehen sind geschieden”, sei die
einzige L”sungsm”glichkeit des Mischehen- und Mischlingsproblems.
Auch Luther vom Ausw„rtigen Amt, der „uáerst aktive Unterstaatssekret„r
Ribbentrops, brachte zu Heydrich(sic) Staunen seine Wunschliste vor, aus der die
Bedenkenlosigkeit des Ausw„rtigen Amtes, Deportationen aus den beeinfluáten
L„ndern Europas durchzufhren, klar hervorging.

/219/ AE: 151
Der Staatssekret„r Bhler trug Sorge, man k”nne bei dieser Gelegenheit das
Generalgouvernement, in dessen Regierung er saá, stiefmtterlich behandeln und
bat darum, mit dem Generalgouvernement zu beginnen. Denn einmal seien die
Juden seines Gebietes als Seuchtr„ger zu bezeichnen und zum anderen stnden
weder arbeitseinsatzm„áige Grnde, noch Transportschwierigkeiten einer
Umsiedlung hindernd im Wege.
Es nahmen ferner teil, der Chef des Rasse- und Siedlungshauptamtes
SS-Gruppenfhrer Hoffmann, Gauleiter Dr. Meyer, der Pr„sident des
Volksgerichtshofes, damals als Staatssekret„r fr das Reichsjustizministerium, Dr.
Freisler, der bevollm„chtigte Vertreter der Parteikanzlei und andere mehr.
Seitens der Polizei waren auáer Heydrich und Mller als Amtchef IV
des Reichssicherheitshauptamtes, noch die Befehlshaber der Sicherheitspolizei
und des SD, Dr. Sch”ngarth nd Dr. Lange vertreten.
Dachte Heydrich, durch eine wohlgesetzte Rede berzeugend wirken und wie die
Praxis es bislang zeigte, gegen allf„llige Bedenken und Vorbehalte Stellung
nehmen zu máen, so konnte auf dieser Konferenz das gerade Gegenteilige
festgestellt werden. In seltener Einmtigkeit und freudiger Zustimmung, forderten
diese Staatssekret„re ein beschleunigtes Durchgreifen. Und es war die
sachbearbeitende, federfhrende Prominenz, welche sich zur Beschluáfassung
hier versammelt hatte. Und ihre Entscheidungen waren endgltig,

/220/ AE: 152
denn sie waren von ihren Ministern und Chefs, bevollm„chtigt, nicht nur
bindendes Einverst„ndnis zu erkl„ren, sondern teilweise sogar, ber von Heydrich
Erhofftes, hinauszugehen. Und es wurde eine offene, unverblmte Sprache
gesprochen.
Wenn ich so, als Protokollant dieser seinerzeitigen Staatssekret„rbesprechung,
hier in Israel erstmalig die Aussagen der verschiedenen an dier Konferenz
teilgenommenen GrӇen studierte, die sie nach 1945, in eben derselben Sache von
sich gaben, und wenn ich ferner die Aussagen ihrer Chefs in jenen Zeiten lese,
dann muá ich nur sagen, daá es ebenfalls zum Staunen ist, wie wenig Mut diese
ehemaligen Befehlsgeber, aufbrachten. Und solchen Kadetten hatte man
Gehorsam bis in den Tod geschworen!
Es waren in Wahrheit doch alles kleine, billige, armselige Geister ohne jeden
Charakter. Geister, denen lediglich das Lametta ihrer hohen Dienstgrade oder die
Durchschlagsm”glichkeit ihrer Dienststellung, in den Tagen ihres Glanzes, das
n”tige Auftreten und die Haltung verlieh. Aber h„tte ich dies alles schon damals
im Herbst 1939 erkannt, es h„tte mir solches ebenso wenig gentzt, wie auch
anderen. Die Zivilisten in den Žmtern, freilich, die

/221-222/ AE: 153
hatten es leichter Der Uniformtr„ger hatte nur zu gehorchen. /am Rand Ziffer 40/
Das Protokoll dieser Konferenz war lang, obgleich ich das Unwesentliche nicht
einmal hatte stenographieren lassen.
Heydrich arbeitete mit seinem Blaustift und lieá zum Schluá nur noch einen
Extrakt gelten; den hatte ich zu bearbeiten und er wrude dann nach weiteren
mancherlei Žnderungen durch Heydrich, an die nichtsicherheitspolizeilichen
Teilnehmer der Konferenz, als ,Geheime Reichssache” zur Absendung gebracht.
Die von Stuckart abgegebenen Erkl„rungen, er pl„diere fr Zwangsscheidung und
Zwangssterilisierung waren neue Tatbest„nde, in einer Sch„rfe, wie sie selbst
Heydrich berraschen muáten. Die Art und Weise der brokratischen Bearbeitung
im Hinblick auf die Detailregelung war noch unklar. Es wurde daher seitens der
Konferenzteilnehmer besprochen, daá in Zeitkrze eine Besprechung der
Sachbearbeiter der zust„ndigen entralinstanzen in den R„umlichkeiten meines
Referates, in der Kurfrstenstraáe 116, stattzufinden habe. Sie h„tte ebenso gut im
Amte II des Reichssicherheitshauptamtes /Zusatz von Seite gegenber: als die fr
juristische Dinge zust„ndige Dienststelle der Sicherheitspolizei – und wie die
okumente es zeigten, sich auch mit Judenangelegenheiten befaáte, die mit
Juristerei kaum oder schon gar ncihts mehr zu tun hatten – / stattfinden k”nnen;
obzwar sie in der Prinz-Albrechtstraáe reichlich wenig Platz hatten. Die
Wannseekonferenz selbst wurde aus diesem Grunde auch nicht in der
Heydrich’schen Zentrale der Albrechtstraáe abgehalten. Auáerdem fanden in
jener Zeit umfangreiche Umbauten im Innern

/223/ AE: 154
des Hauses statt. Es war ja ein Haus mit hundert Winkeln und Ecken, noch aus der
alten Kaiserzeit stammend, und fr einen modernen Beh”rdenapparat kaum noch
geeignet. Den Dienstr„umen der Amtchefs, insonderheit aber denen des Chefs der
Sicherheitspolizei, wurden durch Innenarchitekten der Stil der neuen Zeit
aufgepr„gt. Ich fand ihn sch”n, weil er einfach und sauber war.
Diese Besprechungen h„tten ebenso gut aber auch im Innenministerium oder in
der Parteikanzlei, dem Auw„rtigen Amt, oder selbst wieder am Wannsee
stattfinden k”nnen. Warum Heydrich gerade meine Dienststelle dazu bestimmte,
weiá ich nicht. Aber er bestimmte es jedenfalls so. Denn daá ich sachlich nicht
damit befaát worden bin, zeigt die erste diesbezgliche Sitzung am 6. M„rz 1942.
Weder ich, noch irgendeiner der Angeh”rigen meines Referates, hatte daran
teilgenommen. Das Besprechungsprotokoll mit der Anwesenheitsliste, zeigte dies
deutlich. Der fr diese Fragen zust„ndige Referent im Reichsministerium des
Innern, Regierungsrat Dr. Fledscher erl„uterte im einzelnen die Meinung seines
Staatssekret„rs, bezglich seines am 20. Januar gemachten Vorschlages.
Es war eine reine Angelegenheit der Juristen des Innenministerium, der
Parteikanzlei, des Ausw„rtigen Amtes, der Reichskanzlei, des Rassepolitischen
Amtes der NSDAP, des Rasse und

/224/ AE: 155
Siedlungshauptamtes, des Amtes II des Reichssicherheitshauptamtes, des
Propagandaministeriums und der anderen zentralen Beh”rden.
Diese Besprechung endete mit dem Einverst„ndnis aller Anwesenden, jedoch
Beschláe wurden nicht gefaát, da die Teilnehmer ja nur Referenten, ohne
Entscheidungsbefugnisse waren.
Am 27. Oktober des gleichen Jahres fand eine weitere Besprechung statt, mit
ungef„hr demselben Teilnehmerkreis. Diesmal war auch ich zugegen und mit mir,
einige Herren meines Referates. Auch anl„álich dieser Besprechung wurde
lediglich geredet; gel”st wurde ichts. Die Protokolle zeigen es einwandfrei auf.
Es war und blieb auch jetzt eine Angelegenheit der Juristen. Mein Dezernat hatte
den brokratischen Kram der Protokollerstellung und der Einladung zu besorgen.
Es ist auch ganz klar; Aufgabe der Polizei ist es nicht, Erkenntnisse zu geb„ren,
oder Sterilisationsmaánahmen durchzufhren, auch nit den Gesetzestext im
Hinblick auf Zwangsscheidung zu erbrten. Dies ist Aufgabe der zust„ndigen
Ministerien, der verschiedenen zentralen Beh”rden und Žmter. Niemals aber
Angelegenheit der Polizei.
Auch in dieser Konferenz, /2 Zeilen einschlieálich eines Wortes auf der folgenden
Seite unleserlich gemacht/

/225/ AE: 156
wurden die Ergebnisse der Planung der Staatssekret„re weder ge„ndert, noch
weiterentwickelt.
Das Ergebnis auch dieser Konferenz war nicht die Anordnung der Durchfhrung
der geplanten Maánahmen. Es kam berhaupt nie dazu. Es hatte sich irgendwie
totgelaufen. Auch war ich weder mit der Planung noch mit der Durchfhrung von
Sterilisationsmaánahmen befasst; es wurden auch keine Maánahmen zur
Geburtenverhinderung festgelegt. Das Protokoll selbst l„át darber hinaus
keinerlei Schluá zu, daá beispielsweise ich aktiv an dieser Besprechung
teilgenommen h„tte. /am Rand Ziffer 41/
/anderthalb Zeilen unleserlich gemacht/
Ich lese in Reitlingers ,Endl”sung”, im siebenten Kapitel, auf Seite 195: ,.
Tats„chlich hat sich in diesem Allerheiligsten der Endl”sung – wo nicht einmal
die Gestapo ohne Bewilligung Zutritt hatte – ein Zusammenstoá zwischen den
Zivilisten und der SS zugetragen. Gottfried Boley, der Hans Lammers und die
Reichskanzlei vertrat, erkl„rte in Nrnberg, daá einige der Anwesenden dem
Machtanspruch der Gestapo entgegentraten, besonders als einer von Eichmanns
Bluthunden ausgeplaudert hatte, daá die Gestapo Verzeichnisse der Halbjuden
fhre, um sie des heimlichen Abh”rens von feindlichen Rundfunksendungen und
„hnlicher Dinge beschuldigen zu k”nnen.” (Reitlingers Quellen: Prozess XI No
2419, XI NG 2586-J und No 2419 Affidavit Gottfried Boley)
Ich kann dazu nur sagen,
/226/ AE: 157
daá bei den Besprechungen stets gr”áte Einigkeit herrschte. Bezglich der ersten
Sitzung weiá ich es nicht aus eigener Erfahrung, bestimmt aber im Hinblick auf
die zweite Konferenz. Und man kann es mir auf das Wort glauben, daá wenn es
zu einem Zusammenstoá auf meiner Dienststelle zwischen den beteiligten
Instanzen gekommen w„re, ich das Recht des ,Hausherren” in Anspruch
genommen haben wrde, die Ordnung h„tte ich sicher sofort wieder hergestellt.
Aber nichts, rein gar nichts derartiges passierte.
Und als weiteren Beweis dafr, daá Herr Boley offensichtlich nur ein flotter
Erz„hler war, noch dieses:
Ein Legationsrat vom Ausw„rtigen Amt schrieb an das
Reichssicherheitshauptamt, zu meinen H„nden, oder Vertreter im Amt, am 17.
Februar 1943, also 3 « Monate sp„ter, ich mochte eine listenm„áige Erfassung
der im Deutschen Machtbereich ans„áigen fremden Staatsangeh”rigen ,jdischer
Rasse” vornehmen.
Darauf teilte ich ihm am 24. Februar fernmndldich mit: ,daá es mir nicht
m”glich ist, der vorgetragenen Bitte des Ausw„rtigen Amtes zu entsprechen, da
die listenm„áige Erfassung dieser Personen nicht kriegsentscheidend sei, und ich
daher kein Personal fr diese Arbeiten abstellen kann.”
Am 26. Februar kam ein weiterer Brief des Ausw„rtigen Amtes an meine
Dienstbeh”rde, in der(sic) es u.a. heiát:

/227-228/ AE: 158
,. Die von Ihnen mndlich vorgetragenen Argumente erscheinen daher zur
Begrndung der Ablehnung der vom Ausw„rtigen Amt vorgetragenen Bitte nicht
ausreichend.” /am Rand Ziffer 42/
/ein paar W”rter gestrichen, ersetzt durch Text von Seite gegenber: Das
Ausw„rtige Amt hatte also, wie man sieht das Recht und die Befugnisse/ der
Polizei ohne weiteres solche Auflagen zu machen; und es erhellt dies auch ein
weiteres Schreiben des Ausw„rtigen Amtes vom 27. Februar 1943 an seine
Dienststelle in Brssel mit: ,. Das Ausw„rtige Amt teilt dem
Reichssicherheitshauptamt jeweils mit, wenn gegen die Anwendung der
allgemeinen Judenmaánahmen auf fremde Staatsangeh”rige keine Bedenken
bestehen. Dies ist hinsichtlich der italienischen Juden noch nicht geschehen. Es ist
jedoch nach Ablauf des 31. M„rz hiermit zu rechnen.” /am Rand Ziffer 43/
Ich hatte eigentlich vorgehabt, diese Schreiben des Ausw„rtigen Amtes erst sp„ter
zu behandeln, aber durch die Boley’sche Aussage – auf die ich gleich wieder
zurckkommen werde – nahm ich sie jetzt schon vor und muá damit gleich noch
eine andere Urkunde besprechen, auf die man in anbetracht der Tatsache, daá ich
zehn Jahre in Argentinien lebte, groáe Bedeutung legte. Es ist ein von mir ,im
Auftrage” unterschriebenes Fernschreiben vom 27. Januar 1944, herausgegeben
als Runderlaá, mit der Weisung, alle Juden argentinischer Staatsangeh”rigkeit
festzunehmen und sie in das Interniertenlager Bergen-Belsen (nicht

/229-230/ AE: 159
zu verwechseln mit dem Konzentrationslager Bergen-Belsen) zu berfhren.
Ich weiá nicht, wann Argentinien damals Deutschland den Krieg
erkl„rte, es ist auch v”llig unwichtig, obzwar ich glaube, daá sie diese Maánahme
ausl”ste. Ich habe dazu den Befehl gehabt, eine solche Weisung, ,im Auftrage”
ausgehen zu lassen. Aber was wichtig in diesem Zusammenhang ist, daá solches
auch nicht mein Amtchef, oder der Chef der Sicherheitspolizei und des SD,
anordnen konnte, sondern das Ausw„rtige Amt, wie solches dessen angefhrtes
Schreiben vom 27. Februar 1943, einwandfrei best„tigt. /am Rand Ziffer 44/
/Zusatz von Seite gegenber: Man sieht also, daá es richtig ist, wenn ich sagte, die
Polizei selbst hat nichts zu ,geb„ren”, sondern sie bekam von den Ministerien ihre
Weisungen./
Und um auf die Boley’sche Erz„hlung zurckzukommen: Wenn also dem
Ausw„rtigen Amt solche Schwierigkeiten bereitet werden muáten gezglich der
Anlegung von Listen bestimmter Judenkategorien, dann wird man es mir wohl
glauben, daá wir 3 « Monate vorher, also zur Zeit der Herbstkonferenz ganz
bestimmt keine Verzeichnisse der Halbjuden gehabt haben k”nnen.
Es wurde eben damals in Nrnberg recht viel geschw„tzt, was den Tatsachen
nicht entsprach. /weiterer Zusatz von der Seite gegenber: Der Legationsrat Dr.
Grell best„tigte dies auch noch im Jahre 1961, in einer Zeugenaussage in
Deutschland./ Nun gut, Boley war auch kein Befehlsgeber. Wer will es ihm
verbeln. Dokumente lagen um jene Zeit kaum vor. Also konnte man munter
drauf los reden.

/231-232/ AE: 160
/gleich oben auf der Seite Zusatz von gegenber, Seite 160a:
Richtig ist, daá wenn Einzelerhebungen befohlen wurden, diese auch
polizeilicherseits durchgefhrt wurden. Und wenn solche von besonderer
,Reichswichtigkeit” waren, hatte diese Eruierungst„tigkeit auch vom Referat des
Richssicherheitshauptamtes gefhrt zu werden. Ich erinnere mich noch der vielen
Arbeit, welche ich mit einer ganz besonders geheim zu haltenden
Ermittlungst„tigkeit hatte, n„mlich die Abstammung der ,Di„tk”chin des
Fhrers”, zu bearbeiten. ,Mit gr”áter Beschleunigung unter Beteiligung eines
m”glichst geringsten Personenkreises” so lautete der Befehl.
Das Ende vom Lied war, daá die Di„tk”chin, nach den Nrnbergergesetzen,
,zweiunddreiáigstel” Jdin war.
Das war damals dermaáen aufregend, daá mein Chef s„mtliche in dieser
Angelegenheit angelaufenen Akten, samt Nebenakten von mir verlangte. Ich habe
nie mehr etwas darber geh”rt. Nur das eine, daá Hitler kurz vor seinem Tode
seine ,Di„tk”chin” ehelichte. Es war Eva Braun./
Und weil ich schon dabei bin, Aufkl„rungen zu geben noch dieses: Die
Bemerkung Reitlingers ,. wo nicht einmal die Gestapo ohne besondere
Bewilligung Zutritt hatte…””stammt auch aus Zeugenaussagen aus der Zeit, kurz
nach dem Kriege, wo einige „ngstliche Herren glaubten, sich mit solchen
Hinweisen eine Art Alibi zu verschaffen. Ich kann dazu nur bemerken, daá wenn
Herren wie Boley, einer der ,Teilnehmer von elf Ministerien und
Žmter”(Reitlinger ,Endl”sung” Seite 195) Zutritt hatten, diesen auch alle
Angeh”rigen der Sicherheitspolizei haben muáten, ja darber hinaus kamen ja im
Rahmen des allgemeinen Parteienverkehrs alle m”glichen Personen zu
Vorsprachen und Auskunftseinholung, egal ob es der damalige Pfarrer Grber war,
der heutige Probst zu Berlin, der solches selbst noch w„hrend des Prozesses gegen
mich hier in Israel als Zeuge der Anklage best„tigte, daá er auf meiner
Dienststelle zwecks Interventionen war, oder die hunderte und aberhunderte von
anderen Personen, Juden und Nichtjuden. Ich kann ruhig sagen Tausende m”gen
es in all den Jahren gewesen sein. Von den Reisepaáantragstellern zwecks
auswanderung ganz zu schweigen, denn dieses h”rte im Oktober 1941 auf, weil
Himmler das Verbot der Judenauswanderung erlassen hatte.
Aber man kann sich dieserhalb ja auch beim damaligen evangelischen
Oberkirchenrat oder

/233/ AE: 161
bei dem ,st„ndigen Gesch„ftsfhrer der Fuldaer Bischofskonferenz” erkundigen,
der h„ufig bei mir vorsprach. Er war damals im Bischofsrang. Ferner beweisen
hier als Dokumente vorliegende Gesch„ftsverteilungspl„ne, daá ich ab einer
gewissen Zeit nicht einmal mehr mit meinem Referat alleine in dem
Dienstgeb„ude in der Kurfrstenstraáe untergebracht war, sondern zwei weitere
Referate, mit denen ich nichts zu tun hatte, dort ebenfalls eingewiesen wurden.
/am Rand Ziffer 45/
Also, wie man sieht, es wurde wirklich das Blaue vom Himmel herunter
geschw„tzt; und wollte ich alles, was die Publizistik an derartigem Kohl fr bare
Mnze nahm, aufkl„rend bearbeiten, dann máte ich einige Sekret„re zur
Verfgung haben.
Zu den staatspolizeilichen T„tigkeiten des Amtes IV, des
Reichssicherheitshauptamtes, ganz besonders aber mein Referat betreffend, muá
ich generell feststellen, daá das Erkennen wer zu behandeln ist und was zu
unternehmen ist, nicht seitens des Amtes IV fixiert wurde. Soweit es sich um
Volkstums- oder Rassefragen handelte, waren dies innerhalb der
Sicherheitspolizei und des SD, vornehmlich das Amt III, unter Umst„nden
gegebenenfalls auch das Amt VII; ferner das Rassepolitische Amt der NSDAP,
das Rasse und Siedlungshauptamt, das Reichsinnenministerium das Ausw„rtige

/234/ AE: 162
Amt, die Parteikanzlei, die Reichskanzlei, der Reichsfhrer SS, und viele andere
mehr. Hier wurde alles federfhrend bedacht, besprochen, aufgestellt, genehmigt;
von den Chefs der zentralen Instanzen verabschiedet unter Beteiligung aller daran
interessierten Stellen, um dann als Weisugnen, Richtlinien und Verordnungen,
dem Amte IV des Reichssicherheitshauptamtes, zur polizeilichen Durchfhrung
zugeleitet.
Wie in allen L„ndern, so hatte auch in Deutschland die Polizei diesbezglich nicht
aus sich heraus entscheidend zu bestimmen, sondern sie hatte ihre Weisungen und
Befehle, denen gem„á sie verfahren muáte.
Ich maáe mir mangels Durchschau nicht an, hier fr das ganze Geheime
Staatspolizeiamt zu sprechen; insoweit aber es sich um meine ehemalige T„tigkeit
in diesem Amte handelt, und bezglich des Sektors, den ich zu bearbeiten hatte,
kann ich dies um so bestimmter tun. Etwa eintausendsechshundert Dokumente,
welche mir in Israel vorgelegt wurden, zu denen ich Stellung hame und die zu
einem groáen Teil dem Gericht als Beweisstcke, sowohl seitens der Anklage, als
auch druch die Verteitigung(sic) eingebracht wurden, erh„rten diese meine
Feststellung, ohne jeden Zweifel.

/235/ AE: 163
Im Frhjahr 1942 erhielt ich von meinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem
Generalleutnant der Polizei, Mller den Befehl nach Auschwitz zu fahren und ihm
ber das Vorgehen des Kommandanten des Konzentationslagers Auschwitz,
gegen die Juden, zu berichten. –
H”á, der Kommandant sagte mir, daá er mit Blaus„ure, t”te. Runde Pappfilze
waren mit diesem Giftstoff getr„nkt und wurden in die R„ume geworfen, worin
die Juden versammelt wurden. Dieses Gift wirkte sofort t”tlich.
Die Leichen verbrannte er auf einem Eisenrost, im Freien.
Er fhrte mich zu einer flachen Grube, worin eine groáe Anzahl von Leichen
gerade verbrannt wurden.
Es war ein grauenhaftes Bild, daá(sic) sich mir darbot. Nur durch dem(sic)
Rausch und die gewaltigen Flammen gemildert.
Er bentzte zur Verbrennung irgend ein ™l.
Ich nehme davon Abstand, auch hier wiederum meine damaligen Gedanken und
šberlegungen zu schildern, den(sic) einmal m”chte ich nicht einen allf„lligen
Vorwurf h”ren, daá es im Nachhinein billig w„re, dieserhalb
Konstruktionsversuche zu machen und zum anderen hatten ja meine
Versetzungsgesuche keinerlei Erfolg, so daá mir in diesen Dingen ein
Beweisantreten nicht leicht ist. Wenngleich

/236-237/ AE: 164
mir meine Verteitigung(sic) mitteilte, daá der Zeuge Dr. St”ttel in ™sterreich, sich
dessen gut entseinne, daá ich dauernd um Versetzung zur allgemeinen
Polizeiverwaltung nachsuchte.
So war es auch.
/Weiterer Abschnitt auf Seite gegenber, gestrichen, aber noch lesbar: Und zum
dritten nehme ich an dieser Stelle deswegen jetzt keine weitere Stellung, da ich an
einem anderen Punkt meiner Betrachtungen auf das Grunds„tliche der Sache noch
zu sprechen komme./
Erb„rmlich sind die Unwahrheiten, welche H”á ber mich nach 1945 aussagte.
Aber sie sind als solche, zum Teil durch seine eigenen Aussagen, da er an anderer
Stelle, anders berichtete, leicht zu erkennen, macht man sich die Mhe seine
Aussagen zu studieren, dazu die Literatur und die Dokumente als
Vergleichsmaterial bentzend.
So sagte H”á beispielsweise, ich w„re bereits im Juni 1941, kurz nach dem
Besuch Himmlers in Auschwitz, bei ihm gewesen, und von mir habe er alle
Einzelheiten ber die T”tungsm”glichkeiten erfahren. Er spricht, daá ich ihm ber
das Vergasen mittels Auspuffgase gesprochen habe. Aber daá es eine solche
M”glichkeit berhaupt gibt bzw., eine solche in den K”pfen /mehrfach korrigiert,
schlieálich auf Seite gegenber verdeutlich: einiger/ SS u. Poliezi enerale
schwirtte, erfuhr ich selbst ja zum erstenmal im Sp„therbst 1941, als ich bei dem
damaligen Generalmajor der Polizei Globocnigg war, der dem General der Polizei
und der Waffen SS Krger, unmittelbar unterstellt gewesen ist. Wenn H”á weiter
sagt, daá ich ihm Einzelheiten ber die Deportationspl„ne mitgeteilt h„tte; dann
kann solches

/238-239/ AE: 165
allerfrhestens um den 20. 3. 1942 gewesen sein, denn um diese Zeit genehmigte
der Staatssekret„r Weizs„cker /Schreibung des Namens auf Seite gegenber
verdeutlicht/ im Ausw„rtigen Amt zum ersten mal Deportationen aus Frankreich.
Freilich hatte der deutsche Botschafter in Paris, Abetz, dieserhalb bei Hitler und
Himmler, vorgebohrt gehabt; aber davon erfuhr auch ich erst im Sp„therbst 1941,
zum ersten mal. Der erste Deportationsbefehl aus dem Westen, also aus
Frankreich und Belgien und Holland, grӇere Kontingente betreffend, den
Himmler ber den Amtchef IV erteilte, lag in meinem Referat erst kurz vor dem
Juni 1942 vor.
HӇ hatte die ersten Versuchsvergasungen in Auschwitz aber bereits am 23. Sept.
1941 gemacht, wie aus seinen eigenen Aussagen hervorgeht. Als ich zum ersten
mal nach Auschwitz kam, lief die Vergasung bereits. HӇ verbrannte die Leichen
auf Eisenrosten. Und eben darber was H”á treibt hatte ich Mller ja zu berichten;
dies war ja der Grund, warum er mit den Befehl gab, nach Auschwitz zu fahren.
Nach eigener Aussage hatte HӇ aber mit dem Verbrennen auf Eisenrosten erst im
Sommer 1942 begonnen.
Er erw„hnt dann ferner, ich h„tte ihm gegenber von Erschieáungen im Osten
gesprochen. Solches aber hatte ich

/240/ AE: 166
zum erstenmal im Winter 1941/42 erlebt.
Ich selbst entsinne mich noch, in Auschwitz blhende Blumen in G„rten, gesehen
zu haben. Es muá also Hochfrhjahrszeit gewesen sein.
H”á hat sich um ein ganzes Kalenderjahr, bezglich meines ersten Besuches –
gelinde gesagt – geirrt.
Mller hat mir keinerlei Befehle bergeben, die ich ihm etwa h„tte berbringen
sollen. Auch keine andere Person gab mir solche oder „hnliche anweisungen.
Ich selbst habe ihm nie einen Vorschlag ber die technische Durchfhrung einer
Vergasung gemacht; im Gegenteil, ich war heilfroh, wenn ich von solchen Sachen
nichts h”ren und sehen brauchte.
Ich hatte weiter nichts mit diesen Dingen zu tun, als jene elenden Befehle
auszufhren, die mir mein Chef erteilte, weil er ber alle diese Maánahmen
pr„zise informiert sein wollte.
HӇ unterstand auch nicht dem Reichssicherheitshauptamt, sondern Рwie die
Dokumente es haarscharf beweisen – den SS-Verwaltungs- und
Wirtschaftshauptamt. Er bezog daher auch von dort seine Befehle.
Seine unmittelbaren Vorgesetzten waren der SS-Obergruppenfhrer und

/241-242/ AE: 167
General der Waffen SS, Pohl und der SS-Gruppenfhrer und Generalleutnant der
Waffen SS, Glcks.
Im brigen wurde durch Aussagen von Zeugen, wie auch durch eigene Erkl„rung
des Dr. Sigmund Rascher, Leiter der „rztlichen Experimente der Luftwaffe, einem
englischen Hauptmann Payne-Best gegenber von Rascher zugegeben, daá er die
Gaskammern erfunden habe, und solches in Auschwitz vorlegte.
H„tte ich dieserhalb ach nur im Geringsten mich seinerzeit gewissermaáen
mitarbeitend bemerkbar gemacht, dann w„re es mehr als sicher, daá ich von
vielen anderen Personen diesbezglich in den Prozessen nach 1945, genannt
worden w„re. Es blieb H”á und zum Tiel Wisliceny vorbehalten, sich solcher
unwahrer Behauptungen, auf diesem Gebiete, zu bedienen. /am Rand Ziffer 46/
Dabei bentte H”á zur besseren Glaubwrdigkeit, Untermalungen aus meinem
privaten Leben, beziehungsweise Erl„uterungen ber meine Einstellung,
Charkter(sic) und dergleichen.
Ganz allgemein gesagt, er versuchte hier die Verantwortung fr die Geschehnisse
von dem SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt, dem er angeh”rte, auf die
Diensthstellen des Chers der Sicherheitspolizei und des SD, zu verlagern und
bediente sich hierbei insonderheit meiner Person.
/Zusatz von Seite gegenber: Es ist ein Unfug, ein SS-Hauptamt gegen das andere
ausspielen zu wollen. Natrlich habe ich selbst heute licht reden, denn ich brauche
mich ja nur auf die Unzahl der zur Verfgung stehenden Dokumente berufen.
Heute gewinnt man diesbezglich ein klareres Bild, als in den Jahren 1945 bis
1948/
Es erhebt sich letztlich noch die Frage, warum Mller mich, einen

/243/ AE: 168
seiner Referenten, fr diese Reisen aussuchte und sie nicht selbst unternahm. Nun,
dies mag einmal daran gelegen haben, daá Mller sich kaum von seinem berliner
Bro fortbegab. Er saá wie die Spinne im Netz und die St„rke seiner Stellung
beruhte vor allen Dingen darauf, daá er ber alles und jedes, bestens informiert
war. Zum anderen aber h„tte es wie eine Einmischung des
Reeichssicherheitshauptamtes in die Angelegenheiten des SS-Wirtschafts- und
Verwaltungshauptamtes ausgesehen, h„tte er als Amtchef des RSHA, diese
Fahrten selbst gemacht. –

Die Auswirkungen der Wannseekonferenz, oder wie sie damals amtlich nieá, der
Staatssekret„rbesprechung am Wannsee, auf die besetzten oder beeinfluáten
Gebiete in West-, Sd- und Nordeuropa, schilder der zweite Teil dieser Arbeit.
Aus dem Reichsgebiet ausschlieálich dem Protektorat B”hmen und M„hren,
muáten die Deportationen, gem„á der Himmler’schen Befehlsgebung, jetzt mit
gr”áter Beschleunigung durchgefhrt werden.
Im Generalgouvernement, besorgten dies die ”rtlichen Beh”rden der Regierung
des Generalgouverneurs.
Waren Schwierigkeiten mit dem Reichsverkehrsministerium zu verzeichnen,
daá(sic) infolge Waggonmangel oft nur schwer oder gar-

/244-245/ AE: 169
nicht nachkommen konnte dann setzte Himmler, seinen Feldadjutanten und Chef
des Pers”nlichen Stabes den General der Waffen SS Wolff in Marsch, diese
Angelegenheiten mit dem Staatssekret„r im Reichsverkehrsministerium Dr.
Ganzenmller, zu erledigen.
In einem Schreiben Ganzenmllers an Wolff vom 28. 7. 1942 heiát es:
,Unter Bezugnahme auf unser Ferngespr„ch vom 16. Juli, teile ich Ihnen folgende
Meldung meiner Generaldirektion der Ostbahnen (Gedob /Schreibung auf Seite
gegenber verdeutlicht/) in Krakau zu Ihrer gef„lligen Unterrichtung mit:
Seit dem 22. 7. f„hrt t„glich ein Zug, mit je 5000 Juden von Warschau ber
Malkimia nach Treblinka, auáerdem w”chentlich ein Zug mit 5.000 Juden von
Przemysl nach Belzek. Gedob steht in st„ndiger Fhlung mit dem
Sicherheitsdienst in Krakau. Dieser ist damit einverstanden, daá die Transporte
von Warschau ber Lublin anch Sobibor /Schreibung auf Seite gegenber
verdeutlicht/ (bei Lublin) solange ruhen, wie die Umbauarbeiten auf dieser
Strecke, die Transporte unm”glich machen (ungef„hr Oktober 1942).
Die Zge wurden mit dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei im
Generalgouvernement vereinbart. SS- und Polizeifhrer des Distrikts Lublin, SS-
Brigadefhrer Globocnigg, ist verst„ndigt.”

Darauf antwortete Wolff am 3. August 1942,

/246/ AE: 170
an Ganzenmller:
,Fr Ihr Schreiben vom 28. Juli 1942 danke ich Ihnen – auch im Namen des
Reichsfhrers – herzlich. Mit besonderer Freude habe ich von Ihrer Mitteilung
Kenntnis genommen, daá nun schon seit 14 Tagen t„glich ein Zug mit je 5000
Angeh”rigen des auserw„hlten Volkes nach Treblinka fhrt und wir doch auf
diese Weise in die Lage versetzt sind, diese Bev”lkerungsbewegung in einem
beschleunigtem(sic) Tempo durchzufhren. Ich habe von mir aus mit den
beteiligten Stellen Fhlung aufgenommen, so daá eine reibunslose Durchfhrung
der gesamten Maánahmen gew„hrleistet erscheint. Ich danke Ihnen nochmals fr
die Bemhungen in dieser Angelegenheit und darf Sie gleichzeitig bitten, diesen
Dingen auch weiterhin Ihre Beachtung zu schenken.” /am Rand Ziffer 47/
In Treblinka und Belzek hatte Globocnigg auf Befehl Himmlers und Krgers,
Vergasungslager errichtet. Solche und „hnliche Dokumente waren freilich in den
ersten Zeiten der Nachkriegsprozesse nicht immer gleich zur Hand. Daher konnte
man isch in Nrnberg getrost auf mich ausreden. Heute ist solches nicht mehr
m”glich. Diese beiden Dokumente sind in Himmlers eigenem Kommadostab
aufgefunden worden. Denn das Schreiben Ganzenmllers ist das
Originalschreiben, w„hrend die

/247/ AE: 171
Wolff’sche Antwort darauf ein von diesem signierter Durchschlag des Schreibens
an Ganzenmller ist. –
Alles Grunds„tzliche wurde h”eren Ortes ausgearbeitet; und tauchten selbst bei
untergeordneteren Arbeiten einmal Schwierigkeiten auf, sofort wurden diese von
den Befehlsgebern selbst unmittelbar untereinander, und pers”nlich behoben.
Nur nach 1945, da schob man solches fleiáig auf die seinerzeitigen
Befehlsempf„nger, da atten die ehemaligen Chefs mit solchen Fragen
selbstverst„ndlich gar nichts zu tun, und sie wuáten berhaupt von solchen
Dingen nicht das Geringste. ,Nachher sollte es sich um einen Schimmel und nicht
um einen Rappen gehandelt haben.”
Im M„rz 1942 klate das Reichsverkehrsministerium ber Unzutr„glichkeiten, bei
der Benutzung der ™rtlichen Verkehrmittel, durch Juden. Es befaáte sich mit einer
Neuregelung betreffend der Benutzung der Verkehrsmittel durch Juden, und
beabsichtigte diese den Beh”rden seines Bereiches bekannt zu geben, womit der
Chef der Sicherheitspolizei und des SD, einverstanden war. Es bedeutete dies eine
weitere Einschr„nkung, im Vergleich zu einigen bereits herausgegebenen Erlaáen.
Zur einheitlichen Linienwahrung muáte nunmehr ein allgemeiner
Polizeirunderlaá folgen. Hier hatte mein Dezernat die Wnsche des
Reichsverkehrsministerium und des Reichspostministeriums entgegen-

/248-249/ AE: 172
zu nehmen und Heydrich unterzeichnete dann am 24. M„rz 1942 den
Erg„nzungserlaá. /am Rand Ziffer 48/
/Zusatz von Seite gegenber: šberall im damaligen deutschen Machtbereich
herrschte im Jahre 1942 gewissermaáen Hochbetrieb. Rckschauend k”nnte man
fast in Versuchung geraten zu sagen, es wre wie bei einem Bauern gewesen, der
Grobes Wetter ahnend noch schnell seine Ernte unter Dach und Fach zu bringen,
sich bemht.
Dazu kam der Tod Heydrichs Anfang Juni 1942 als Folge eines Bombenattentates
auf ihn, der die Reichsspitzen in einer bisher ungeahnten Aktivit„t, auf dem
Gebiet der Deportierungen und sonstiger Endl”sungsmaánahmen zeigte.
Hitler, goebbels, Himmler, das ausw„rtige Amt, die Gauleiter, die Staatssekret„re
fr das Sicherheitswesen, die Parteikanzlei und wie die befehlenden Zentralen alle
heiáen haben m”gen, legten eine unerh”rte Durchschlagskraft und ein fanatisches
Wollen, mit pers”nlicher Detailanordnung und laufenden h”chstpers”nlichen
Kontrollen an den Tag. – /

Auf Grund eines Erlaáes Hitlers vom 7. Oktober 1942, dem eine Weisung Hitlers
vom 18. August voranging, wurde Himmler die verantwortliche Fhrung der
Partisanenbek„mpfung im Generalgouvernement bertragen.
Im Zuge der Erledigung dieser Aufgabe erlieá Himmler folgende Anordnung:
,Die Kreishauptmannschaft Zamosc wird zum ersten deutschen Siedlungsbereich
im Generalgouvernement erkl„rt.
Der Bereich soll die neue gesicherte Heimat werden fr
Eins.) Umsiedler aus Bosnien;
Zwei.) Gef„hrdete volksdeutsche Umsiedler aus den besetzten Ostgebieten;
Drei.) Volksdeutsche und Deutschst„mmige aus dem brigen
Generalgouvernement, die zur Behebung ihrer jetzigen Notlage, aus
sicherheitspolizeilichen Grnden in diesen Bereich umgesiedelt werden máen.
Vier.) Sonstige Umsiedlergruppen.
Die Gesamtleitung bei der Durchfhrung dieser Aufgabe liegt in den H„nden
meines Vertreters im Generalgouvernement, des H”heren SS- u. Polizeifhrers im
Generalgouvernement, Staatssekret„r fr das Sicherheitswesen, SS-
Obergruppenfhrer und General der Polizei, Krger,

/250/ AE: 173

in Zusammenarbeit mit meinen Haupt„mtern.
Die notwenigen Aussiedlungen von Polen aus dem Bereich fhrt mein Vertreter
im Generalgouvernement in seiner Eigenschaft als Staatssekret„r fr das
Sicherheitswesen durch.
Am 11. Oktober informiert der Leiter der Umwandererzentralstelle Litzmannstadt,
die in Zamosc eine Nebenstelle gem„á dem Befehl Himmlers eingerichtet hatte
und fr die Dauer ihrer T„tigkeit dem H”heren SS- u. Polizeifhrer im
Generalgouvernement unterstellt war, meinen Vertreter in meinem Referat in
einem Erfahrungsbericht ber die, durch das Rasse- und Siedlungshauptamt
vorgenommene, Einteilung der zu deportierenden Polen in Wertungsgruppen.
Gem„á einem Befehl Himmlers vom 3. Oktober und einem weiteren vom Anfang
November, wurde bestimmt, daá die zur Wertungsgruppe I und II, durch das
Rasse- u. Siedlungshauptamt eingestuften Polen, durch eine Auáenstelle dieses
Hauptamtes in Litzmannstadt zur Eindeutschung zu gelangen haben. Die
arbeitsf„higen Angeh”rigen der Wertungsgruppe III, wurden nach Berlin
verbracht, um dort die in der Rstungsindustrie besch„ftigten Juden abzul”sen
und die arbeitsf„higen Angeh”rigen der Wertungsgruppe IV, wurden in das
Konzentrationslager Auschwitz abbef”rdert. Die zu den Wertungsgruppen IIII
und IV geh”renden Altersgruppen bis zu 14 Jahren und ab 60 Jahre und die
Nichtarbeitsf„higen der Gruppen wurden im Generalgouvernement in sogenannte
,Rentend”rfer” untergebracht und zwar

/251/ AE: 174

in den Distrikten Warschau und Radom. Sie erhielten dort pro Familie Wohnung
und je Famalie(sic) « Hektar Land zugeteilt. Himmler hatte zuerst die
Altersgrenze der zu Evakuierenden von 10 bis 60 Jahre festgelegt, lieá sich aber
dann durch den Amtchef IV des Reichssicherheitshauptamtes Mller, berzeugen,
daá das Alter von 10 auf 14 Jahre hinaufgelegt werden máe.
Das von mir geleitete Referat hatte bei diesen Aktionen den Befehl erhalten fr
die, gem„á den bestehenden Anweisungen nach Berlin und nach auschwitz zu
deportierenden Polen, beim Reichsverkehrsministerium die
Fahrplanangelegenheiten zu erledigen. Durch die ,Rasse- u. Siedlungshaupt-
Wertungsgruppen III und IV, ergaben sich die Zahlen und damit die Anzahl der
Transportzge. Die Bestimmung der zu deportierenden Personengruppen und die
Zielbestimmung der Deportation lag nicht bei meinem Referat, ebensowenig der
Pransport selbst oder die šbergabe. /am Rand Ziffer 49/
Himmler pers”nlich gab, wie blich, so auch hier, bis in Einzelheiten hinab, selbst
Anweisungen, an die in Frage kommenden Beh”rden.
———–
Auf Befehl Heydrichs muáten im M„rz 1942 weitere 55.000 Juden aus dem
Altreich und dem Protektorat B”hmen und M„hren sowie aus der Ostmark
deportiert werden. Es ist ein Dokument der Staatspolizeistelle Dsseldorf ber
eine diesbezglich in meinem Referat stattgefundene Besprechung erhalten
geblieben. Ich hatte Befehl den Besprechungsteil-

/252-253/ AE: 175

nehmern zu er”ffnen, daá SS-Gruppenfhrer Heydrich die Leiter der
Staatspolizeistellen pers”nlich fr die Durchfhrung der Richtlinien
verantwortlich mache.
Des weiteren hatte ich ihnen mitzuteilen: ,Damit einzelnen Stapostellen der
Versuchung, ihnen unbequeme „ltere Juden mit abzuschieben, nicht weiter
ausgesetzt sind, sei zur Beruhigung gesagt, daá diese im Altreich verbleibenden
Juden h”chstwahrscheinlich schon im Laufe dieses Sommers bzw. Herbstes nach
Theresienstadt abgeschoben wrden, daá als Altersghetto vorgesehen sei. Diese
Stadt wrde jetzt ger„umt und es k”nnten vorl„ufig schon 15-20.000 Juden aus
dem Protektorat dorthin bersiedeln. Dies geschieht, um nach auáen das Gsciht zu
wahren”.
/Zusatz von Seite gegenber: Es war eine der von Himmler befohlenen
Tarnungsvorschriften. Und wenn nach 1945 verschieden ,Zeugen” behaupteten,
daá ich es gewesen w„re, der sie ,hinter das Licht” gefhrt habe, so ist dieses
Dokument der schláigste Beweis dafr, daá ich es ganz bestimmt nicht tat,
sondern von mir aus ohneVerschleierung und Tarnung die Dinge so weiter gab,
wie mir dies befohlen wurde./
Der berichtschreibende Beamte der seinerzeitigen Staatspolizeistelle Dsseldorf,
teilte seinem Chef ferner mit daá ,das sogenannte Sonderkonto WS dem Referat
IV B 4 des Reichssicherheitshauptamtes (also meinem Referat) zur Verfgung
stnde, da nach der 11. Verordnung zum Reichsbrgergesetz, das
Reichssicherheitshauptamt an das Verm”gen der Juden nicht mehr heran kann.
Um diesem Fond ausreichend Gelder zur Verfgung zu stellen, wird geboten, die
Juden in n„chster Zeit zu erheblichen ,Spenden” fr das ,Sonderkonto W”
anzuhalten.”
Nun hier hat der damalige Beamte die Angelegenheit – wie man zu sagen pflegte
– ,in den falschen Hals bekommen”.
Auch ich war sehr erstaunt, als man mich

/254/ AE: 176

in Israel nach einem ,Sonderkonto W”, daá(sic) von meinem Referat gefhrt hatte
sein sollen, befragte. Erst die im Laufe der Zeit eingehenden Dokumente, schufen
auch hier Klarheit.
Die 11. Verordnung zum Reichsbrgergesetz wurde auf Betreiben der Abteilung
I, des Reichsministeriums des Inneren im November 1941 erlaáen und machte die
Aberkennung der Staatsangeh”rigkeit der Juden und die Einziehung ihres
Verm”gens zugunsten des Reichsfiskus bekannt. Die Einziehung nahmen die
jeweils zust„ndigen Oberfinanzpr„sidenten vor.
Die jdischen Organisationen unterhielten weiterhin ihre Konten bei ihren
Banken, zur Bestreitung organisationseigener Auslagen.
Nachdem den Juden nun ohnehin ihr Verm”gen enteignet wurde, kamen die
Juristen des Reichssicherheitshauptamtes oder auch irgendwelcher
,Staatsplizeistellen dahinter, daá ,Spenden” fr ihre jdischen Organisationen,
durch den Gesetzgeber nicht verboten waren. Also, wurden sie zu solchen
,Spenden” aufgerufen. Denn hatte der Fiskus einmal das gesamte Verm”gen,
dann ar es schwer und zeitraubend, auf dem Wege der Antragstellung bei den
zust„ndigen Finanzbeh”rden hier wieder Gelder locker zu machen.
Zum Zwecke der Einzahlung solcher Spenden, er”ffneten die jdischen ”rtlichen

/255/ AE: 177

Organisationen dann bei ihren Banken ein ,Sonderkonto W”, von dem diese
Organisationen nach vorheriger Freigabebescheiderteilung durch ihre zust„ndige
Geheime Staatspolizeistelle, Abhebungen vornehmen konnten. Das Geld diente
sodann der Bezahlung der jdischen Funktion„re, sowie der Angestellten und
sonstigen Hilfspersonals, Untersttzung, Krankenbehandlung, alle weiteren
sachlichen Bedrfnisse und auch Bezanhlung der Transportkosten bei der
Deportation. Dies letztere war die eigentliche Veranlaáung, daá den Juristen,
welche auf diese Art ,Gesetzeslcke” draufkamen, seitens der Chefs, diese
Angelegenheit genehmigt wurde. Weder ich pers”nlich, noch sonst jemand
meines Referates hat – wie die Dokumente es einwandfrei beweisen – mit diesem
,Sonderkonto W” etwas zu tun gehabt. /am Rand Ziffer 50/

Auch gegen das dunkelh„utige Volk der Zigeuner, aus nicht gekl„rten fernen
Landen stammend, wurden sicherheitspolizeiliche Aktionen im Rahmen der
,Blutschutzgesetzgebung” durchgefhrt. Ich hatte gem„á Befehl hier den Teil zu
bearbeiten, welcher mir zugewiesen war: Fahrplanerstellung.
Anl„álich der ,Heydrich-Besprechung” vom 30. Januar 1940 bermittelte
Heydrich den mit der Umsiedlung bzw. Deportation beauftragten,
/256/ AE: 172

eingeladenen ”rtlichen Befehlsgebern, den Befehl Himmlers, unter anderem auch
30.000 Zigeuner in das Generalgouvernement zu deportieren. Weder ich och mein
Dezernat war auch hier fr ihre Konzentrierung, noch fr deren Festnahme oder
Einweisung in ein Konzentrationslager zust„ndig.
Nur anl„álich der bereits geschilderten ersten Deportationswelle im Jahre 1941,
als mir zum ersten und gleichzeitig letzten male zwei verschiedene Zielstationen
zur Fahrplanerstellung zur Verfgung standen, ,schickte” ich neben den 20.000
Juden auch 5.000 Zigeuner, statt in Gegenden, von denen ich h”rte oder gelesen
hatte, daá dort vernichtet wrde oder Vorbereitungen hierfr getroffen wrden,
nach Litzmannstadt. Die Beschwerdefhrung des Oberpr„sidenten šbelh”r in
dieser Angelegenheit gegen mich, habe ich bereits geschildert.
Ich war weder fr die Umsiedlung, noch fr die Erfassung verantwortlich. Ich
fhrte auf Befehl des Chefs der Sicherheitspolizei lediglich die Fahrplanm„áigen
Agenden bezglich der Transporte der Zigeuner aus dem Reichgebiet durch.
Der ehemalige Kriminalbeamte Fritz Friedel sagt in seiner schriftlichen Erkl„rung
am 12. Juni 1949, im Gef„hgnis zu Bialystok folgendes:
,Bereits vor 1933, war in Mnchen eine Zentrale fr Zigeuner errichtet worden.

/257/ AE: 179

Von dieser Zentrale war vorgeschrieben, daá s„mtliche Zigeuner listenm„áig zu
erfassen und zu registrieren seien. Beauftragt hiermit waren die damaligen
Landeskriminalpolizeistellen, die Zigeunerkarteien zu fhren hatten. Nach 1933
erging von der Zigeunerzentrale Anordnung, die Zigeuner strenger zu
kontrollieren und in Strafrckf„llen in Konzentrationslager einzuweisen. Dann
erging m. Erinnerung nach im Jahre 1943 von Amt V (Reichskriminalpolizeiamt)
des Reichssicherheitshauptamtes, Berlin, ein Erlaá, demzufolge s„mtliche igeuner
festzunehmen und als asoziale Elemente in ein Konzentrationslager einzuweisen
waren.”
Sowei der Bericht dieses Kriminalbeamten. Nun, im Jahre hat er sich
offensichtlich geirrt, denn es war nicht 1943, sondern wie die Dokumente es
beweisen, im Jahre 1940/41. /am Rand Ziffer 51/

Wie sehr sich die damalige h”chste SS-Fhrung in Detailangelegenheiten
pers”nlich bearbeitend, einh„ngte zeigt ein Schreiben meines Chefs, des Amtchefs
IV, Mller, an den schon erw„hnten General der Waffen SS und Chef des
Pers”nliches Stabes des Reichsfhrers SS, vom 17. Sept. 1942. Dieser hatte
Mller in Evakuierungsangelegenheiten von Juden welche als Arbeiter bei einer
Erlgesellschaft(sic) t„tig waren, telephonisch gesprochen, mit dem Ziel der
Vermeidung einer Arbeitsunterbrechung bei dieser Gesellschaft und daher
Koppelung

/258-259/ AE: 180

der Deportation mit der Zurverfgungstellung von Ersatzkr„ften.
/auf Seite gegenber war Zusatz vorgesehen, gestrichen, aber noch lesbar:
Egal, ob es kleinere Einzelf„lle waren oder ob es sich um Waggonerstellung fr
Hunderttausende handelte, auf alle F„lle zeigten die Herren damals eine
erstaunliche Aktivit„t – eine Aktivit„t, von der manche nach 1945 nichts mehr
wissen wollten, daá sie je von ihnen an den Tag gelegt wurde./

Ich sagte, daá ich mich an die Aufgaben hielt, die durchzufhren gem„á dem
Gesch„ftsverteilungsplan und der Zust„ndigkeitsbegrenzungen, meine mir
befohlene Pflicht war. Stur lehnte ich in all den Jahren alles, was da sonst noch so
herangetragen wurde ab.
Freilich kamen alle m”glichen Stellen mit den ausgefallensten Wnschen und
Antr„gen. Von meinem damaligen Amtchef muá ich sagen, daá er mich – wenn
ich von den Dienstreisen zu den todesfeldern, zu denen er mich schickte, absehe –
im allgemeinen von zus„tzlichen Auftr„gen verschonte /3 Zeilen unleserlich
gemacht/ und darber hinaus Akten, die ich ihm mangels Zust„ndigkeit anl„álich
der Rcksprachen bergab, geduldig und stets ohne Vorwurf, quasi als Irrl„ufer,
auch bernahm. Dies muá ich sachlich und nchtern feststellen. Er hatte fr
brokratische Notwendigkeiten vollstes Verst„ndnis; denn er war der geborene
Brokrat und mich hatte er im Laufe der Jahre dazu gebracht.
Eines Tages, am 16. Nov. 1942 bekomme ich mit dem Posteingang ein Schreiben
des ,Pers”nlichen Stabes des Reichsfhrers SS”, betreffend des Aufbaues einer
Sammlung von Skeletten in der Anatomie Straáburg. Und da

/260/ AE: 181

konnte ich folgendes Merkwrdige lesen:
,Der Reichsfhrer SS hat angeordnet, daá dem Direktor der Anatomie Straáburg,
SS-Hauptsturmfhrer Prof. Dr. Hirt, der zugleich Leiter einer Abteilung des
Institutes fr wherwissenschaftliche Weckforschung im Amt Ahnenerbe ist, fr
seine orschungen alles Notwendige zur Verfgung gestellt wird. Im Auftrage des
Reichsfhrers SS bitte ich deshalb, den Aufbau der geplanten Skelettsammlung zu
erm”glichen. Wegen der Einzelheiten wird sich SS-Obersturmbannfhrer Sievers,
mit Ihnen in Verbindung setzen.”

Eine Woche sp„ter schickt der Pers”nliche Stab an den genannten Sievers eine
Abschrift des vorgenannten Schreibens zur Kenntnisnahme.
Fr so etwas war ich nicht zust„ndig. In den reichlich vorhandenen Dokumenten,
liegt auch keinerlei Reaktion meinerseits vor. Wie schon so oft; man richtete zwar
an mich Schreiben ber Schreiben, aber es findet sich nirgends eine Antwort oder
Stellungnahme meinerseits. Dies bemerkte auch einer der Richter in dem Prozess
gegen mich.
Ich konnte ja gar nichts anderes tun, als – mangels Zust„ndigkeit, – die Akte
meinem Chef zu bergeben. Was er damit machte, entzog sich meiner
Kenntnisnahme.
In den Nrnberger Prozessen, war (Fortsetzung siehe umseitig!)

/261/ AE: 181a

auch ein Tagebuch Sievers, Gegenstand der gerichtlichen Er”rterungen. Da steht
unter dem 28. April 1943: ,Reichssicherheitshauptamt IV B, SS-Sturmbannfhrer
Gnther. Untersuchungen jetzt m”glich.” Dies war Sievers Eintragung ber ein
am gleichen Tage, um 10.45 Uhr gefhrtes Telephongespr„ch mit Gnther. Also
hat es sechs Monate gedauert, bis Mller sich der Sache, ber Gnther entledigte.
Hierzu ist die Zeugenaussage des ehemaligen Regierungsdirektors
Huppenkotlen(?) interessant, der sowohl kurz nach 1945, als auch im Jahre 1961
u.a. sachlich und trocken feststellte, daá es zu Mllers Gepflogenheiten geh”rte,
ber den Kopf des Referenten hinweg, irgend einen Referatsangeh”rigen mit
Sonderauftr„gen zu betrauen. Der so Betraute hatte seinem Referenten gegenber
bezglich eines solchen Sonderauftrages selbstverst„ndlich keine
Berichterstattungspflicht, sondern in der Regel war er Allen gegenber dem zur
Verschwiegenheit verpflichtet, wenn solche Auftr„ge unter ,Geheime
Reichssach” liefen.
Gnther geh”rte zu meinem Referat.
Am 21. Juni 1943 schrieb mich Sievers abermals an. Er nimmt Bezug auf ein
Schreiben meines Referates vom 25. 9. 1942 und wiederholte zwischenzeitliche
pers”nliche Besprechungen und teilte mit, daá die Arbeiten im
Konzentrationslager Auschwitz am 15. 6. 43 wegen der Seuchen-

/262/ AE: 182

gefahr beendet seien. Ein SS-Hauptsturmfhrer Dr. Bruno Beger habe sie
durchgefhrt. Er schreibt weiter: ,Insgesamt 115 Personen, davon 79 Juden, 2
Polen 4 Innerasiaten und 30 Jdinnen sind bearbeitet worden. Diese H„ftlinge
sind z. Zt. Getrennt nach M„nnern und Frauen in je einem Krankenhaus des
Konzentrationslagers Auschwitzuntergebracht und befinden sich in Quarant„ne.
Zur weiteren Bearbeitung der ausgesuchten Personen ist nunmehr eine sofortige
šberweisung an das Konzentrationslager Natzweiler erforderlich, was mit
Rcksicht auf die Seuchengefahr in Auschitz, beschleunigt durdhgefhrt werden
máte. Ein namentliches Verzeichnis der ausgesuchten Personen ist beigefgt.
Es wird gebeten, die entsprechenden Anweisungen zu erteilen.”
Nun, auch dieses Schreiben wurde von mir nicht beantwortet, sondern gem„á der
bestehenden Weisung, als unzust„ndig dem Amtchef bergeben.
Denn es hatte ber Verlegungen einzig und alleine das SS-Wirtschafts- u.
Verwaltungshauptamt zu entscheiden und zwar dessen Amtsgruppe D, n„mlich
die ,Inspektion fr das Konzentrationslagerwesen” unter dem SS-Gruppenfhrer
u. Generalleutnant der Waffen SS, Glcks. Es heiát da u.a. in den Richtlinien
dieser ,Inspektion”: ,Verlegungen in andere Lager, vor allen Dingen in Stufe III
beim Reichssicherheitshauptamt bzw. Reichskriminal-

/263/ AE: 183

polizeiamt zu beantragen, gibt es nicht. Verlegungen werden grunds„tzlich nur
von hier verfgt.”
Also, ein ganz klarer und einwandfreier Fall von Unzust„ndigkeit meinerseits;
und Mller kann m.E. nur das eine getan haben, den Vorgang an Glcks
abzutreten. Anders ist es brokratisch nicht denkbar. Von mir jedenfalls ist auch
auf dieses Schreiben keine Reaktion erfolgt.
Und anl„álich des Prozesses gegen Sievers in Nrnberg erkl„rte dieser: ,ich sagte
schon, daá Himmler, Wirth in Straáburg besucht hat. Ich war bei diesem Besuch
nicht zugegen. Wie mir Hirth dann mitteilte, sollte er sich auf Weisung von
Himmler mit Glcks unmittelbar in Verbindung setzen und sich allenfalls meiner
Vermittlung bedienen, wenn er nicht selbst nach Berlin kommen konnte.”
Sievers wurde nun von seinem Verteitiger(sic) gefragt, ob der Inspektion fr das
Konzentrationslagerwesen, Glcks der Befehl Himmlers schon vor der
Rcksprache Sievers mit Glcks bekannt war. Darauf antwortete er: ,Ja, der
Befehl Himmlers lag bei Glcks bereits vor, als ich auf Bitte Wirth’s mit Glcks
sprach.”
Er wird dann weiter gefragt, warum denn ein derartiges Schreiben an mich noch
notwendig war, wenn Glcks diesen Befehl schon kannte. Es ist dies eine V”llig
klare und logische Frage des Verteitigers(sic). Darauf gab Sievers eine Antwort,
die deutlich

/264/ AE: 184

erkennen l„át, daá der damalige Angeklagte Sievers sich mit allen Mitteln aus der
Affaire, in der er durch seine Ahnerben-Geschichte und gegenst„ndlich durch
seine Schreiben steckte, zu ziehen bestrebt war. Dies ist menschlich verst„ndlich.
Aber es scheiterte eben daran, weil von mir nichts vorlag, infolge der
Nichtbearbeitung bzw. Abgabe der Akten an meinen Vorgesetzten.
Mller und Glcks verhandelten direkt. Beide waren Amtchef; beide waren
Generalleutnant; der eine der Polizei, der andere der Waffen SS.
Nun, ich habe angefangen diese Angelegenheit zu schildern und will zum
Abschluá dieser traurigen Sache noch das Ende beschreiben: Sievers schreibt am
5. Sept. 1944 an den Pers”nlichen Stab des Reichsfhrers SS, zu H„nden von SS-
Standartenfhrer Ministerialrat Dr. Brand: ,Gem„á Vorschlag vom 9. 2. 42 und
dortiger Zustimmung vom 23. 2. 42 wurde durch SS Sturmbannfhrer Prof. Dr.
Hirth die bisher fehlende Skelettsammlung angelegt. Infolge Umfang der damit
verbundenen wissenschaftlichen Arbeit sind Skelettierungsarbeiten noch nicht
abgeschlossen. Hirth erbittet im Hinblick auf etwa erforderlichen Zeitafuwand fr
80 Stck Weisungen, falls mit Bedrohung Straáburg rechnen ist, wegen der
Behandlung der im Leichenkeller der Anatomie befindlichen Sammlung.
Er kann Entfleischung und

/265/ AE: 185

damit Unkenntlichmachung vornehmen, dann allerdings Gesamtarbeit umsonst
und groáer wissenschaftlicher Verlust fr diese einzigartige Sammlung, weil
danach Hominalabgsse nicht mehr m”glich w„ren. Skelettsammlung als solche
nicht auff„llig. Weichteile wrden deklariert, als bei šbernahme Anatomie durch
Franzosen, hinterlassene alte Leichenreste, und zur Verbrennung gegeben. Erbitte
Entscheidung zu folgenden Vorschl„gen:
1.) Sammlung kann erhalten bleiben.
2.) Sammlung ist teilweise aufzul”sen.
3.) Sammlung ist im Ganzen aufzul”sen.
Sievers
SS-Standartenfhrer.”

Ich bin kein Jurist, kenne auch den ganzen Vorgang zu wenig. Aber eines
dokumentiert Sievers durch sein eigenes Fernschreiben hier, daá der Vorschlag
von ihm, bzw. Seinem Amt seinerzeit gemacht wurde, solch eine
Skelettsammlung anzulegen. Und ich stehe auf dem Standpunkt, wenn man schon
so etwas vorschl„gt, dann muá man auch nachher den Mut haben, es
einzugestehen und nicht versuchen, die Sache auf ,kleinere Leute” abzuw„lzen.
Aber ich habe die Wahrnehmung gemacht, daá von wenigen Ausnahmen
abgesehen, mit zunehmender Dienstgradh”he, die Abw„lzungsbereitschaft eine
stets grӇere wird. /am Rand Ziffer 53/

/266-267/ AE: 186

Im Anschluá an das eben Geschilderte, muá ich mich mit einer anderen
makaberen Angelegenheit befassen.
Die Einsatzgruppen im Osten, und die Kommandos der SS- u. Polizeifhrer im
Generalgouvernement, sowie das Kommando welches Himmler mit dem
Reichsstatthalter Greiner im Warthegau angesetzt hatte, hinterlieáen zahlreiche
Massengr„ber. Diese sollten nunmehr im Hinblick auf das Vorw„rtsdr„ngen der
Roten Armee verwischt werden; das heiát die Leichen sollten ausgegraben und
verbrannt werden.
Der SS-Standartenfhrer Blobel /Schreibung des Namens auf Seite gegenber
verdeutlicht/ erhielt dazu den Befehl. Er war bis Ende 1941, Chef eines
Sonderkommandos der Einsatzgruppe C, unter dem Befehl des SS-Brigadefhrers
und Generalmajors der Polizei Dr. Dr. Rasch /Schreibung des Namens auf Seite
gegenber verdeutlicht/, im Bereich der 6. Armee des Generalfeldmarschall von
Reichenau /Schreibung des Namens auf Seite gegenber verdeutlicht/, t„tig. Er
wurde dann gem„á seiner eigenen Aussage nach Berlin strafversetzt und ,erhielt
im Herbst 1942 die Aufgabe als Beauftragter Mllers sich in die besetzten
Ostgebiete zu begeben und die Spuren der Massengr„ber die von den
Hinrichtungen der Einsatzgruppen stammten, zu verwischen. Diese Aufgabe hatte
er bis zum Sommer 1944.” /Abfhrungszeichen gestrichen, šbergang von Zitat zu
Referat unklar/
Diese Angaben habe ich einer eidesstattlichen Erkl„rung Blobels vom 6. Juni
1947, die er in Nrnberg abgab, entnommen. Zu Blobels Kommando geh”rten
etwa 4-6 SS-M„nner, die aus seinem frheren

/268/ AE: 187
Einsatzkommando stammten.
Bis zum Mai 1941 war er Fhrer des SD-Abschnittes fr Dsseldorf. Von Beruf
war er Architekt.
Da er nun Mller unmittelbar unterstellt war, hatte er diesem laufend und direkt
zu berichten, bzw sich bei ihm zu melden. In einem Hause neben der Dienststelle,
in der mein Referat untergebracht war, muáten in einem der Stockwerke gem„á
Befehl des Amtchefs IV fr durchreisende G„ste stets einige freie Zimmer zur
Verfgung gehalten werden. In solchen wohnte Blobel mit seiner Begleitung
dann, wenn er zur Berichterstattung nach Berlin kam. Aus diesem Grunde lieá er
sich auch seine Privatpost an meine Dienstanschrift kommen. Man k”nnte sagen,
daá der Mann meines Referates, welcher die Hausaufsicht fhrte, ihn
wirtschaftlich zu betreuen hatte. Und da dieser Mann neimenaden wirtschaftlich
betreuen durfte, es sei denn, er h„tte von mir, oder meinem Vertreter, dazu den
Befehl erhalten, ist es richtig, wenn es heiát, daá Blobel von meinem Referat
wirtschaftlich betreut wurde. Damit sich keine falsche Auffassung einschleicht,
m”chte ich den Zusatz machen, soweit es sich um die privaten-pers”nlichen
Bedrfnisse, als da sind Wohnung, Privatpost, Lebensmittelmarken, handelt. Dies
war alles.
Schon ein Versuch des Standartenfhrers Blobels, der Hauswache des
Dienstgeb„udes in der Kurfrstenstraáe 116, Befehle zu erteilen,

/269/ AE: 188

fhrte zu einem Zusammenstoá mit ihm und einer dienstlichen Beschwerde
meinerseits, denn kein Referatsfremder durfte der Wache dienstliche Weisungen
geben. Dies war eine allgemein gltige Regel und beweist, daá der
Standartenfhrer Blobel nicht zu meiner Dienststelle geh”rte. Selbstverst„ndlich
konnten die im selben Hause untergebrachten anderen Referenten, dieser
Hauswache Befehle erteilen; aber auch ein solcher war Blobel nicht. W„re mir
dieses Kommando unterstanden, oder auch nur Teile desselben, oder h„tten
Angeh”rige meiner Dienststelle zu diesem Kommando geh”rt, dann h„tte Blobel
diess ganz sicher anl„álich der vielen Verh”re oder w„hrend des Prozesses gegen
ihn, an irgendeiner Stelle zum Ausdruck gebracht. Er war aber nach seinen
eigenen Worten ,Beauftragter des SS-Gruppenfhrers Mller”. Er unterstand
daher ihm direkt und niemanden anderen. /am Rand Ziffer 54/
Es blieb dem Berater fr Judenfragen bei der deutschen Gesandtschaft in der
Slowakei, dem SS-Hauptsturmfhrer Wisliceny vorbehalten, neben seinen
zahlreichen Unwahrheiten, auf welche man sich in Nrnberg geeinigt hatte,
weitere zus„tzliche, ber mich zu erfinden darunter auch die Behauptung, Blobel
w„re mir unterstanden, bzw. ich h„tte ihm sachliche Anweisungen erteilt.
Blobel selbst, fr den solches doch sicherlich eher entlastend gewirkt h„tte, straft
aber Wisliceny Lgen. Es verlohnt sich auch

/270/ AE: 189

nicht, n„her auf das Wisliceny’sche Gerede einzugehen, denn es ist sowohl von
meiner Verteitigung(sic), als auch von mir, im Laufe des Prozesse gegen mich, an
hand der vorliegenden damaligen amtlichen Unterlagen aufgedeckt worden.
Ich finde es auch gar nicht mehr der Mhe wert, weitere diesbezgliche Worte
ber ihn verlieren, denn es charakterisiert ihn zur Genge, was er in einem
mehreren handgeschriebenen Ausfhrungen der seinerzeitigen
mordamerikanischen Besatzungsmacht vorschlug. Er entwickelt dieser darin
seinen Plan, wie man am besten meiner Person habhaft werden k”nnte. Er hatte
mehrere Vermutungen ber meinen damaligen aufenthalt.
Solche Vorschl„ge ausgerechnet von Wisliceny unterbreitet, haben irgendwie
einen Sch”nheitsfehler, ganz bestimmter Art. Schlieálich war er ja einmal mein
vorgesetzter Abteilungsleiter in Judenangelegenheiten, im SD-Hauptamt gewesen.
Er schlug also eine etwa sechs Wochen dauernde Suchaktion unter seiner
Beteiligung vor. W„hrend dieser Zeit sollte meine Frau ber mich verh”rt werden,
meine damaligen Kameraden, die schlieálich auch seine waren, des weiteren alle
meine Verwandten und Bekannten, soweit Wisliceny ber sie Bescheid wuáte.
In ,loyalster Weise” trug er der nordamerianischen Besatzungsmacht seine
diesbezgliche Hilfe beziehungsweise Mitarbeit an und ,er war fr”hlich wie eine
Lerche”, heiát es in einem nordamerikanischen Bericht. /am Rand Ziffer 55/

/271/ AE: 190

-(16)-
Es scheint mir von Bedeutung zu sein, einmal einen ganz bestimmten Teil der
damaligen nationalsozialistischen Terminologie zu streifen. Durch die laufenden
Tarnungsbefehle Himmlers, wurden verschiedene Worte und Begriffe im Laufe
der Zeit so vieldeutig, das daá (sic) z.B. was mit den Insassen eines
Transportzuges wirklich geschah nur die Stelle mit absoluter Sicherheit wuáte, die
solche Transportzge an der Zielstation zu bernehmen hatte.
Die Befehle, was tats„chlich zu geschehen habe, gingen von den Befehlsgebern
direkt an die durchfhrende Stelle.
Natrlich kannte man die Einstellung der Befehlsgebung in genereller Hinsicht,
soweit man an den Gesamtarbeiten irgendwie mit eingespannt war.
Ich sprach von ,man”. Damit sind alle Zentralbeh”rden in Berlin und alle
Beh”rden der mittleren Instanzen, soweit sie an den Deportations- und sonstigen
sicherheitspolizeilichen Arbeiten mittelbar oder unmittelbar, federfhrend oder
auch nur am Rande mitbeteiligt, eingeschaltet waren, zu verstehen.
Aber genau gewuát, was beispielsweise mit dem Transport aus dort und dort,
geschah, oder geschehen wird, ob die Transportteilnehmer get”tet wurden, ob sie
in einem Konzentrationslager verbleiben, oder ob sie zur Arbeitsleistung in eine
der Rstungsindustrien kamen, alles dieses wuáten diese Stellen nicht. Auch ich
selbst

/272/ AE: 191

habe solches nie und zu keiner Stunde gewuát. Es war auch von mir in keinerlei
Weise abh„ngig oder zu beeinfluáen. Genau so wenig, wie ich oder andere Stellen
solches im Hinblick auf die Deportationsbefehlsgebung h„tten tun k”nnen.
Dies alles hatten sich die Befehlsgeber ausschlieálich selbst vorbehalten.
Solche Worte der Tarnung waren unter anderen
,Sonderbehandlung”;
,Abwanderung nach dem Osten”;
,Arbeitseinsatzverbringung nach dem Osten”;
,Evakuierung nach dem Osten”;
,Endl”sung der Judenfrage” usf.
Niemand auáer der Letzstelle(sic), wuáte, ob die wahre Bedeutung des Wortes in
Anwendung gebracht wurde, oder ob Himmler, oder das SS-Wirtschafts- und
Verwaltungshauptamt (Inspektion fr das Konzentrationslagerwesen) oder der
Chef der Sicherheitspolizei – dieser jedoch auch nur in selteneren F„llen – in
Abweichung der genannten Wortgebilde, hierfr, der Letzstelle(sic) das Wort
,t”ten”, befahl.
Himmler befahl dem Chef der Sicherheitspolizei ein bestimmtes Kontigent, aus
einem bestimmten Territorium, innerhalb eines bestimmten Zeitraumes, nach
einem bestimmten Zielort zu deportieren. Und das SS-Verwaltungs- u.
Wirtschaftshauptamt erhielt von ihm Befehl, was mit den Deportierten zu
geschehen hat.
Dies ergibt sich eindeutig aus den Dokumenten.

/273/ AE: 192

Schon das Wort ,Sonderbehandlung”, ganz allgemein als ,t”ten” aufgefaát, hat in
Wirklichkeit die verschiedensten Definitionen, beziehungsweise
Auslegem”glichkeiten gehabt.
So zum Beispiel anl„álich der von Hitler und Himmler befohlenen
Polendeportation; hier verstand man unter ,Sonderbehandlung” folgendes:
Das Rasse und Siedlungshauptamt erkannte, wer zu den von diesem Amt
aufgestellten Wertungsgruppen I bis IV einzuordnen sei. Himmler oder sein
jeweils ”rtlicher Vertreter, der H”here SS- und Polizeifhrer, entschied, was mit
den einzelnen Wertungsgruppen zu geschehen habe; n„mlich,
Eins.) zum Arbeitseinsatz in das Reich;
Zwei.) zur Deportation aus den neuen Ostgebieten in das Generalgouvernement;
Drei.) Aufteilung in Rentendrfer im Generalgouvernement.
Vier.) In das Konzentrationslager Auschwitz, oder
Fnf.) Eindeutschungsf„hig.

Dies alles fiel unter dem(sic) Begriff ,Sonderbehandlung”.
Es sind noch Vordrucke, bzw. Formulare des Rasse- u. Siedlungshauptamtes
erhalten geblieben, in denen es heiát:
,Betrifft: ,Sonderbehandlung” – (Name) Bezug: Erlaá des Reichsfhres SS-S IV
D 2 … Hierdurch erfllt der Obengenannte
/274/ AE: 193

in rassischer Hinsicht die Voraussetzungen, die an einzudeutschende
Fremdv”lkische gestellt werden máen. Er gilt als eindeutschungsf„hig.”

Ein anderes Formblattbeispiel:
,Betrifft: ,Sonderbehandlung” – (Name)
Hierdurch erfllt der Obengenannte in rassischer Hinsicht nicht die
Voraussetzungen, die an einzudeutschende Fremdv”lkische gestellt werden
máen. Er gilt als nicht eindeutschungsf„hig. /am Rand Ziffer 56/

Es ergib sich zweifelsfrei, daá das Wort ,Sonderbehandlung” in solchen F„llen,
mit ,T”tung” nicht das Geringste zu tun hat. Das Wort wurde hier ohne
Zweideutigkeit, also ohne eine Tarnungsabsicht, fr eine auáergew”hnliche
Behanldung einer Personengruppe gew„hlt, die nach einer Befehlsgebung
Himmlers, in verschiedene Kategorien eingeteilt wurde; gleichgltig ob
,eindeutschungsf„hig” oder nicht,wurde diese Musterung als ,Sonderbehandlung”
bezeichnet.

Wenn ich solches heute schreibe, dann ist es mir als spr„ch ich vom Geschehen
aus fernen, unwirklichen Welten. Ja, der Mensch kann es in seiner Torheit zu ganz
unwahrscheinlichen šberheblichkeitsleistungen bringen. –

/275/ AE: 194

Ein anderes Beispiel, aus den Richtlinien des Chefs der Sicherheitspolizei u. des
SD, nach denen die sogenannten Kriegsdelikte zu bearbeiten waren. Sie stammen
vom 26. Sept. 1939, und es heiát da:

,Sonderbehandlung” (Exekution)
. Sonderbehandlungen werden grunds„tzlich bei II A bearbeitet, mit Ausnahme
von F„llen, der Sonderbehandlung gegen Geistliche, Theologen und
Bibelforscher, fr die II B zust„ndig ist.” /am Rand Ziffer 57/

Hier also heiát ,Sonderbehandlung”” ganz einwandfrei ,t”ten”. Solche F„lle
entschied – die Richtlinien weisen ausdrcklich darauf hin – Himmler pers”nlich.

Zwei weitere Beispiele:
,Betrifft: ,Sonderbehandlung” von Juden.
Bezug: Bericht v. 6. 5. 42 – II B 2
Der Reichsfhrer SS- und Chef der Deutshcen Polizei aht angeordnet, daá die in
vorstehenden genannten Bericht n„her bezeichneten Juden (es folgen sieben
Namen) im Ghetto Neuhof, in Gegenwart ihrer Rassegenossen aufzuh„ngen sind.”

,Betrifft: ,Sonderbehandlung” von Juden.
Bezug: Bericht v. 27. 3. 42 – II B 2
Auf Anordnung des Reichsfhrers SS

/276/ AE: 195

und Chef der Deutschen Polizei, ist die von dort gegen die Juden (es folgen vier
Namen) vorgeschlagene Sonderbehandlung, druchzufhren.”

In beiden F„llen handelte es sich um Fernschreiben des
Reichssicherheitshauptamtes an eine Staatspolizeistelle, die den Antrag auf
Sonderbehandlung stellte. Das Reichssicherheitshauptamt war in disen F„llen
nichts anderes, als die Stelle, welche solche Antr„ge befehlsgem„á an Himmler
weiter zu leiten hatte und seine jeweilige Anordnung an die antragstellende
Beh”rde durchgab.
Auch hier ist ganz einwandfrei unter ,Sonderbehandlung”, t”ten zu verstehen.
/am Rand Ziffer 58/

Die Deportationstransporte liefen unter dem Betreff wie: ,Endl”sung der
Judenfrage”, ,Sonderbehandlung”, ,Evakuierung nach dem Osten”, so wie es
befohlen wurde. Alle par(sic) Monate kamen diesbezglich neue Weisungen.
Sie gingen nach Auschwitz, dem Generalgouvernement, nach Riga
oder in den Warthegau. Hier war ,Sonderbehandlung”, ,Endl”sung”,
,Evakuierung” usf. nicht gleich zu setzen dem Worte ,t”ten”, denn es erfolgte
sowohl Arbeitseinsatz, als auch T”tung.
Himmler selbst befaáte sich ganz pers”nlich mit der Tarnung.

/277/ AE: 196

Einen Bericht des Inspekteurs fr Statistik, Dr. Korherr, ber den zahlenm„áigen
Stand der Judenangelegenheiten in Europa, ber Deportationen,
Sterblichkeitsziffern und Auswanderungszahlen vom Frhjahr 1943, best„tigt
Himmler im April desgleichen Jahres an den Chef der Sicherheitspolizei mit den
Worten, daá er diesen Bericht aus Tarnungsgrnden fr sp„tere Zeiten fr gut
halte; im brigen wnsche er daá nach dem Osten evakuiert werde, was berhaupt
nur menschenm”glich ist. Er verlangte nur noch Berichte mit zwei Zahlen, die
ihm jeden Monat vorzulegen seien: Zahl der in dem Berichtsmonat deportierten
Juden und die Zahl der in den einzelnen L„ndern noch vorhandenen Juden.

-(17)-
Als eine der Folgen des Todes Heydrichs, den eine gegen ihn geschleuderte
Bombe am 29. Mai 1942 in einem Vorort von Prag traf, wurde das Dorf Lidice in
B”hmen, dem Erdboden gleich gemacht; seine Beowhner wurden entweder
erschoáen oder deportiert.
Etwa hundert Kinder aus diesem Dorf wurden gem„á einem Befehl des H”heren
SS- u. Polizeifhrers fr B”hmen und M„hren, Generalleutnant der Polizei, K. H.
Frank, durch das Rasse und Siedlungshauptamt, Nebenstelle Prag, zur
Umwandererzentralstelle nach Litzmannstadt, deportiert.

/278/ AE: 197

Diese Kinder hatte man in Eindeutschungsf„hige und Nichteindeutschungsf„hige
unterteilt. Die ersteren wurden in das Kinderheim ,Brocken” berfhrt und
bezglich der nichteindeutschungsf„higen Kinder schrieb der damalige Leiter der
litzmannst„dter Umwandererzentralstelle an alle m”glichen Dienststellen, mit der
Bitte um Weisung, was mit diesen zu geschehen habe.
Auch mein Referat schrieb er an.
Mein Dezernat war fr cechische Angelegenheiten nicht zust„ndig. Trotzdem
hatte Gnther der ,St„ndige Vertreter” von mir, aus einem Grunde, den ich
mangels jedweder Zust„ndigkeit nicht einzusehen vermag und ihn auch nicht
erkl„ren kann, der Umwandererzentrale geantwortet, daá die
nicheindeutschungsf„higen(sic) Kinder, an die Staatspolizeistelle Litzmannstadt
zu bergeben seien, die weiteres veranlaáen werde.

Die Anklage beschuldigte mich nun, ich h„tte diese Kinder der Sonderbehandlung
zufhren lassen und sie seien get”tet worden.
Es ist eine jener aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen gegen mich,
denn ich habe mit der gesamten Angelegenheit berhaupt nichts zu tun gehabt.
Weder mit der Deportation, noch mit irgend einer Weisung, was mit den Kindern
geschehen soll.
Die Kinder sollten auch gar nicht get”tet

/279/ AE: 198

werden und wurden auch nicht get”tet. Sie sollten gem„á dem Wissen des
damaligen SS-Obersturmbannfhrer Krumeg(?), dem Leiter der
Umwandererzentrale in Litzmannstadt, laut seiner Zeugenaussage vom 6. Juni
1961, einem Polentransport in das Generalgouvernement angeschlossen werden.
Und nach einer eidesstattlichen Erkl„rung der Frau Waltraut Elise Freiberg,
welche vor dem Notar Dr. Kurt Merling in Bremen am 21. Juni 1961, abgegeben
wurde, befanden sich noch am 20. Januar 1945 in einem Heim in Puschkau
(ehem. Gen. Gouv.), etwa dreiáig Kinder aus Lidice.
Fr die mir seitens der Anklage vorgeworfenen Handlungen, hat die
anklagebeh”rde keine Beweise erbringen k”nnen. /am Rand Ziffer 59/

Abgesehen davon, daá ich mich selbstverst„nldich meiner Haut zu wehren gehabt
habe, wenn mir Dinge zur Last gelegt werden, mit denen ich nichts zu tun hatte,
ist es ein erschtterndes Bild und unsagbar traurig,wenn man so sieht welches
Unheil die Ausgeburt des Krieges ber die Menschheit bringt. Alle, die gesamte
Kriegsgreuel ist im h”chsten Maáe besch„mend; auch ich sch„me mich ber alle
Maáen, egal ob ich damit zu tun hatte oder nicht.

/280/ AE: 199

Es wird allm„lig(sic) wirklich Zeit, daá dem Menschen endlich der Schutz gegen
machtlsterne Ehrgeizlinge zuteil wird, der solches Geschehen unm”glich macht;
denn deren akute Gef„hrlichkeit ist im Zeitalter der nuklearen
Maáenvernichtungsmittel gr”áer denn je. Und bei Fortdauer des jetzigen
Zustandes ist die Zukunft der Menschheit unheilschwanger, jederzeit bereit neuen
gewaltsamen Tod, neue Tr„nen und neues Leid zu geb„ren und damit neuen
Grabeshauch ber die Menschheit zu bringen.
Und die das Leid zu tragen haben, werden genau wie bisher die Unbeteiligten,
und letzten Endes ebenso die Befehlsempf„nger sein und bleiben.
Und wenn wir Jetzigen schon zu beschr„nkt waren, eine Žnderung
herbeizufhren, dann sollten unsere Kinder aus unserem Unverstand die Lehren
ziehen und den Schritt zur Anpassung, an die menschlichen Wnsche tun. Es w„re
ein Schritt nach vorw„rts; wir Alten gingen auf dem Gebiet des menschlichen
Zusammenlebens, h”chstens einem solchen zurck. Uns hat der Mut dazu
offenbar gefehlt. Die Jugend der V”lker muá sich einig werden. Die
organisatorischen Erstvoraussetzungen bestehen ja in Form der tausende von
Jugendverb„nde.
Setzt Euch zusammen und werdet eins! Dann schafft den
Eigenstaatlichkeitsgedanken mit den partikularistischen Hoheitsrechten

/281-282/ AE: 200

und den gesamten politischen Anhang ab. Schafft Euch statt dessen eine zentral
regierende K”rperschaft, zum Nutzen und Wohle aller V”lker der Erde.
/Zusatz von Seite gegenber:
Eine solche K”rperschaft mit allen notwendigen bernationalen
Regierungsvollmachten auszustatten, bedarf selbstverst„ndlihc einer
šberwindung instanzieller und ideeller Hemmungen. Auch sind die
Zust„ndigkeitsverlagerungen, mit gewissen Anfangsschwierigkeiten zweifelsohne
verbunden.
Aber zugegeben, Mord und Vernichtungsbefehle m”gen unter Aufwand
geringerer Hemmungen und Schwierigkeiten seitens der Staatsfhrung erteilt
werden k”nnen, so bleibt immer noch die Frage offen, ob es sich nicht lohnt,
selbst allergrӇte Schwierigkeiten, egal welcher Natur, dann in Kauf zu nehmen
und an ihrer Bereinigung zu arbeiten, wenn dadurch Friede, Freude und Glck
unter die Menschen gebracht werden kann.
Bisher h”rte man stets von Blut, Schweiá und Tr„nen./
Und wenn eine solche Renaissance das m„nnliche Geschlecht nicht schafft, er
w„re m”glich, denn es hat leider auf diesem Gebiete nur Unheil gebracht, dann
sollen die Frauen es versuchen. Denn sie sind in Wahrheit die Erhalter und
Bewahrer des Lebens. Man kann zu ihrem K”nnen auf diesem Gebiete jedenfalls
mehr Vertrauen haben, als zu den abgentzten diesbezglichen Knsten der
M„nner.
Es heiát, die Frauen lieáen sich von den Gefhlen leiten, wohingegen wir M„nner
uns den Vernunftsstandpunkt zu eigen machen wáten. Abgesehen davon, daá ich
von einer Vernunft auf dem Gebiete der Politik ohnedies bis jetzt nichts gemerkt
habe, frage ich mich, was etwa dagegen spr„che, wenn weibliche
Gefhlsbestimmtheit, einmal den m„nnlichen Unvernunftsstandpunkt auf diesem
Gebiete abl”sen wrde. Schlechter und schlimmer kann es niemals werden;
hingegen h„tte die Menschheit die Aussicht, daá es sehr wahrscheinlich besser
wrde.

/283/ AE: 201

Da habe ich vor mir wieder solch ein Beispiel m„nnlicher ,Vernunft” liegen. Es
ist ein Schreiben des Chefs des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes, an
Himmler, vom April 1944.

,Reichsfhrer!
Ich bersende hierbei eine Karte des Reichsgebietes mit dem
Generalgouvernement, den Ostlanden und den Niederlanden, in welchem nach
dem Stand vom 31. 3. 1944, alle Konzentrations- und Arbeitslager eingezeichnet
sind.
Es bestehen jetzt:
Im Reichsgebiet —————– 13 Konzentrationslager
Im Generalgouvernement ——- 3 – –
Im Ostland ———————— 3 – –
In den Niederlanden ———— 1 – –
__________
Total 20 Konzentrationslager

Auáerdem werden folgende Arbeitslager unterhalten:
Im Reichsgebiet —————– 130 Arbeitslager
Im Generalgouvernement —— 3 – –
Im Ostland ———————— 30 – –
In den Niederlanden ————- 2 – –
__________
Total 165 Arbeitslager

Zu Eickes Zeiten gab es insgesamt 6 Lager; jetzt 185!
Heil Hitler!
Gez. Pohl
SS-Obergruppenfhrer und
General der Waffen SS.”
/am Rand Ziffer 60/

/284-285/ AE: 202

Bei dem genannten Eicke, handelt es sich um den Vorg„nger von Glcks, dem
Inspekteur fr das Konzentrationslagerwesen. Im Jahre 1941, bekam der SS-
Gruppenfhrer und Generalleutnant der Waffen SS, Eicke, Befehl, eine
Fronteinheit zu bernehmen. ,Eickes-Zeiten” h”rten demnach 1941 auf. Ab dieser
Zeit, bis zum April 1944, wurden 179 Konzentrations- und Arbeitslager neu
errichtet.

Ulrich von Hutten /Schreibung des Namens auf Seite gegenber verdeutlicht/, wo
sind deine Tage!
Wahrlich, es ist wirklich keine Lust mehr zu leben. Es ist mir unglaublich und
erklingt mir unwahrscheinlich, daá ich selbst mitten drinn in all disem Geschehen
stand.
Wenn solche Zust„nde wenigstens mit dem Jahre 1945 aufgeh”rt h„tten zu
bestehen; aber wieviele Konzentrationslager mag es wohl heute geben?

-(18)-
/ Bemerkung auf Seite gegenber:
Falls die auf Seite 202 bis 204 von -Anfangszeichen- bis -Endzeichen-
geschrieben(sic) Zeilen besser in Fortfall kommen sollen, dann bittte streichen./
šber eines freue ich mich, daá es mir ein Schicksal erm”glicht hat, ber all solche
Dinge noch frei und frank reden und nicht etwa vom H”rensagen, sondern
erlebnisbedingt, aus eigener Anschauung heraus, diese Dinge niederschreiben zu
k”nnen.
Aus keiner pers”nlichen Verbitterung heraus, kommen meine Worte, denn ich
habe gelernt ich selbst zu erkennen und in dem Maáe ich mich erkannte, sah ich
auch

/286/ AE: 203

die Fehler, welche ich machte.
Kant setzte dieses Selbsterkennen zur Vorbedingung meiner Grundhaltung, zu
meinem praktischen Bewuátsein; und auch Sokrates, jener Weise der Antike,
macht dieses Selbsterkennen zu etwas Prim„ren, zu einer zu stellenden
Voraussetzung schlechtweg, fr alle meine ausrichtung auf die ethischen Werte.
Aber was ntzt mir in der Praxis die ganze Selbsterkenntnis und alle sch”nen
Lehren verstorbener und lebender Weisen, wenn die jewielige Staatsknute mich
unter Vormundschaft stellt.

Als Schler gr”hlten wir vor etwa vierzig Jahren, zum Leidwesen unserer
Professoren,

,Ihr Leut vernehmt die Moritat,
Die sich einst zugetragen hat;
Er war vor rund zwotausend Jahr,
Islauverhar, Islauverhar.

Da war in Griechenland zu seh’n,
Die wundersch”ne Stadt Athen;
Dort lebt zur Zeit des Perikles,
Sokrates, Sokrates.

Auf Markt und Straáen blieb er steh’n,
Wo Mann und Weib vorber geh’n;
Sprach jeden an O anthrope,
Gnothise, gnothise.

/287-288/ AE: 204

Die Gendarmerievon Athen
Fand dieses Treiben gar nicht sch”n;
Drum packt ihn eines Tag’s am Arm,
Ein Gendarm, ein Gendarm.

Der schleppt auf das Disterichon,
Den altersschwachen Mann davon;
Und dorten sprach der Staatsanwalt,
Macht’s ihn kalt, macht’s ihn kalt.

In einer finsteren Kerkernacht.
Da ward er endlich umgebracht;
Mit einem Becher Schierlingssaft,
Ekelhaft, ekelhaft.”

Ja, auch dieser Weise muáte sein Leben der menschlichen Unvernunft und
Einsichtslosigkeit hingeben.
Auch er vermochte sich gegen die Staatsgewalt nicht anders durchzusetzen, als
durch seinen Opfertod.
Die von seinen Freunden erwirkte Fluchtm”glichkeit ausschlagend, verwieá(sic)
er auf die gesetzlichen Bestimmungen; er empfahl ihnen, nach seinem Tode den
G”ttern einen Hahn zu opfern und trank den Becher aus. Soweit die Geschichte,
wie sie auf uns kam. Ich war kein Sokrates; ich war auch kein Giordano Bruno.
/Zusatz von Seite gegenber: Und selbst einem Geist von dem Format eines Platon
gelang es nicht, den tyrannen Dionysios von seiner staatspolitischen Linie
abzubringen und statt dieser, platon’sche Staatsfhrungsvorstellungen zu
praktizieren./

-(19)-
Auf Weisung des deutschen Reichsauáenministers von Ribbentrop, fand am 3. u.
4. April 1944 in Krummhbel, eine Arbeitstagung der Judenreferenten der
deutschen Missionen

/289-290/ AE: 205

in Europa statt. Sie wurde beschickt von zwei Gesandten, zehn Doktoren, einigen
Legationsr„ten, Konsulen, Regierungsr„ten und anderen. Der Gesandte Prof. Dr.
Six bergab nach der Begráung, den Vorsitz an den Gesandten Schleier
/Schreibung des Namens auf Seite gegenber verdeutlicht/. Dieser sprach nun in
seinem Er”ffnungsreferat ber ,Aufgaben und Ziele der antijdischen
Auslandsaktion”. Ihm schloá sich Dr. Six ber ,Die politische Struktur des
Weltjudentums” an. Es folgte weiter ein Vortrag des Legationsrates Dr. von
Thadden /Schreibung des Namens auf Seite gegenber verdeutlicht/:
,Judenpolitische Lage in Europa, šbersicht ber den Stand der antijdischen
Exekutivmaánahmen”.

Der Gesandte Dr. Six stellte fest, daá das Judentum in Europa seine biologische
und gleichzeitig seine politische Rolle ausgespielt habe; die physische
Beseitigung des Ostjudentums entziehe dem Judentum die biologischen Reserven.
Nicht nur in Deutschland, auch international, máe die Judenfrage zu einer
L”sung gebracht werden.

Der Legationsrat von Thadden schloá seine Ausfhrungen an die Vertreter der
Missionen mit der Bitte der Unterdrckung jeder, auch antijdisch getarnten
Propaganda, die geeignet ist, die deutschen Exekutivmaánahmen zu hemmen oder
zu behindern. Ferner, Vorbereitung des Verst„ndnisses in allen V”lkern, fár
Exekutivmaánahmen gegen das Judentum. Des weiteren laufende
Berichterstattung ber die M”glichkeit, auf diplomatischen

/291/ AE: 206

Wegen, versch„rfte Maánahmen gegen das Judentum in den einzelnen L„ndern
zur Durchfhrung zu bringen. Und letzlich(sic), laufende Berichterstattung ber
Anzeichen fr Gegenaktionen des Weltjudentums, damit rechtzeitig Gegenminen
gelegt werden k”nnen.
Es wurde davon Abstand genommen, die von dem Referenten vorgetragenen
Einzelheiten ber den Stand der Exekutivmaánahmen in den einzelnen L„ndern,
in das Protokoll aufzunehmen, da dieselben geheim zu halten seien.
Es folgten schlieálich noch etwa zwanzig weitere Referate, welche von den
einzelnen Tagunsteilnehmern gehalten wurden. /am Rand Ziffer 61/

Diese Dokumente sind mir – ich geh”rte nicht zu den Tagungsteilnehmern – mit
den anderen Unterlagen aus jener Zeit, hier in Israel vorgelegt worden und waren
ebenfalls Gegenstand der Er”rterungen w„hrend des Prozesses.

Ja, wenn ich gleichzeitig dazu die Zeugenaussage von Prof. Dr. Six, die er im
Jahre 1961 in Deutschland gemacht hat, lese und dazu die Zeugenaussagen des
ehemaligen Legationsrates Dr. von Thadden, aus den Jahren kurz nach dem
Waffenstillstand von 1945, dazu ferner einige der hier in Israel gegenst„ndlichen
Unterlagen aus der Korrespondenz Dr. Six mit dem Fhrer des damaligen SD-
Oberabschnittes Donau und

/292/ AE: 207

andere, dann muá ich schon sagen: merkwrdig; sehr merkwrdig ist dies alles. –

Ich hatte mit dem Legationsrat Dr. von Thadden in den Jahren bis 1945, sehr viel,
man k”nnte sagen, laufend zu tun gehabt. Denn er war eine Zeitlang Referent im
Ausw„rtigen Amt gewesen. Ein lebhafter Aktenverkehr verband ber unsere
unmittelbaren Vorgesetzten, sein Referat mit dem meinen. Hunderte solcher
Dokumente liegen heute noch vor.
Pers”nlich war Herr von Thadden eine liebenswerte Erscheinung; gem„áigt,
ruhig, brokratisch-trocken. Nur eines verstehe ich nicht, wie er frank und frei in
Nrnberg behaupten konnte, er habe von den T”tungen berhaupt nichts gewuát,
er máe schon sagen, daá der SS-Obersturmbannfhrer Eichmann, ihn nach Strich
und Faden belogen habe und wie er jetzt feststellen máe, sogar sehr geschickt.
Dabei hatte er aber im April 1944 ber eben dieselben Angelegenheiten so
Eindeutiges vorzutragen gehabt, daá dasselbe nicht einmal in das Protokoll der
Tagung Aufnahme finden konnte.
Es ist mir bekannt, daá Lgen gerne und Vorzugsweise entstehen, wenn man
gefragt wird. Und nach 1945 wurde sehr viel gefragt. Ich trage Herrn von
Thadden auch pers”nlich nichts nach.
Ich stelle nur fest, durch solches und Žhnliches, hat sich dann zwangsl„ufig

/293/ AE: 208

ber meine Person eine Vorstellung herauskristallisiert, als sei ich in Wahrheit der
treibende und mit hauptverantwortliche Faktor an den Maánahmen gegen die
Juden gewesen. Eine Vorstellung, die allerdings anl„álich des Prozesses gegen
mich erschttert wurde, und von vielen Uneingeweihten staunend zur Kenntnis
genommen werden muáte, kurz eine Annahme, welche Schiffbruch erlitt.
Es sind solche Vorstellungen, die sich da breit machen konnten, die Folge, daá ich
bei manchen der seinerzeit in Nrnberg in Haft Gehaltenen, gewissermaáen zum
,deus ex machina” avancierte. In ihrer Misere hatten sie pl”tzlich erkannt, daá,
indem sie alles auf mich abladen – weil ich ja nicht erreichbar war – sich ihre
eigene damalige Situation nur verbessern konnte.

Prof. Dr. Six war eine Zeitlang im SD-Hauptamt mein Vorgesetzter gewesen,
wenn ich von einem zwischen mir und ihm noch eingeschalteten Abteilungsleiter
und einem Hauptabteilungsleiter, absehen will. Er war auáerdem um jene Zeit
Dekan der ,Auslandswissenschaftlichen Fakult„t der Universit„t zu Verlin”; aber
dies sagte ich ja schon einmal. Dr. Six war „uáerst scharfsinnig und intelligent;
ihm ein ,X fr ein U” vorzumachen, war unm”glich. Wenn ich von meiner ,nach
1945er Warte aus” die Dinge so recht besehe, dann muá ich sagen, daá das
,Auslandswissenschaftliche” der Krumhbler Konferenz, es best„tigt,

/294/ AE: 209

daá es mit seiner Intelligenz eigentlich so recht betrachtet auch nicht recht viel
weiter bestellt sein konnte, als bei mir. Denn sie hat uns beiden einen gar argen
Streich gespielt kommt mir vor. Freilich, um keinerlei Miáverst„ndnis
aufkommen zu lassen, verfgte ich nur ber jenen ,Hausgebrauchsgrad” an
Intelligenz, der mir eben so zukam; mich dieserhalb mit einem ehemaligen Dekan
messen zu weolln, erscheint mir frivol. Dieses beeile ich mich hinzu zu setzen.
Und ich h„tte das ganze Kapitel ,Intelligenz” kaum berhrt, h„tte Dr. Six dieses
nicht in seiner Zeugenaussage im Jahre 1961, von sich aus angeschnitten. Aber
wie dem immer auch sei, ich denke, wir h„tten beide besser daran getan, uns mit
anderen Dingen zu besch„ftigen, als mit der damaligen ,Weltanschauung”. Und
ich meine dies nicht im Hinblick auf den heutigen wirtschaftlichen Status, mit
dem man gewissermaáen als Folgeerscheinung vorlieb nehmen muá – obzwar ich
mich bezglich meiner „uáeren Lage in den letzten zehn Jahren in Argentinien
keinesfalls beklagen m”chte, was mir umso leichter f„llt, da ich pers”nlich
ohnedies nie ein besonderes Verh„ltnis zum Geld oder Geldeswert gehabt habe –
sondern ich denke bei der Vergleichsziehung zwischen damals und heute, an
einen ethischen Gewinn, den man in einem direkt proportionalen Verh„ltnis zu
den inzwischen erreichten Lebensjahren h„tte fr sich buchen k”nnen, h„tte man
nicht teils aus eigener Torheit, teils umst„ndebedingt, ein jahrelanges ,geistiges
Vacuum” zu durchlaufen gehabt.

/295-296/ AE: 210

Aber auch Dr. Six trage ich pers”nlich nichts nach; ich mochte ihn als Mensch, in
der Zeit, da er mein Vorgesetzter war, gerne leiden.
Die Zeugenaussage von Prof. Dr. Six, bezglich des Versuchenk”nnens, sich von
Einsatzgruppen zu distanzieren, beziehungsweise davon los zu kommen, unter
Hinweis darauf, daá es ihm selbst ja auch gelungen sei, hat den
Generalstaatsanwalt veranlaát, in dem Verfahren gegen mich, darauf Bezug zu
nehmen.
Auch die Aussage des Herrn Von dem Bachzelewski – ehemals General der
Polizei – daá die M”glichkeiten gegeben waren, sich einem Auftrag durch
Versetzungsgesuch zu entziehen, geht meines Erachtens, soweit es meine Person
betrifft, an den(sic) Kern der Sache vorbei.
Ich kennen Hernn Von den Bach-Zelewski nicht pers”nlich, ich habe aber ber
ihn stets nur Gutes und Lobenswertes, als Mensch, geh”rt.
Ich denke nun, daá mir beide Herren recht geben, wenn ich sage, daá es ein
gewaltiger Unterschied ist, wenn sich ein General der Polizei oder ein Amtchef im
Reichssicherheitshauptamt von etwas zurckziehen will, oder ob einer ihrer
Referenten bei ihnen mit solch einem Ansuchen vorstellig wird.
/Gestrichenes ersetzt durch Zusatz von Seite gegenber: Versetzungsgesuche, die
konnte man freilich machen, da hinderte einem(sic) niemand daran, aber ich
denke und da braucht/ man kein Wort mehr darber zu verlieren, weil solche eben
abschl„gig beschieden wurden. Besonders dann, wenn der betreffende Referent ja
ohnehin keiner Einsatzgruppe angeh”rt, niemanden

/297/ AE: 211
zu t”ten hat, keine Befehle dazu zu geben braucht, ja nicht einmal die
Deportationsbefehle von sich aus anzuordnen hat. Wenn solch ein Referent
beispielsweise im Reichssicherheitshaupamt, hinter dem Schreibtisch seinen
Dienst macht – und trotzdem um Versetzung einkommt – oder wenn er nach
Ungarn zum Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD versetzt wird und
damit sowohl diesem, als damit auch dem H”heren SS- u. Polizeifhrer, der
gleichzeitig sein Gerichtsherr ist, unterstellt wird. Oder wenn sich ein Referent
von einem Oberabschnitt zu einem Unterabschnitt, sagen wir zum Beispiel nach
Linz a/Donau, versetzen lassen will. Da heiát es bei negativem Ausgang des
Ansuchens doch nur ,gehorchen und weiterdienen”. Denn die Antworten lauten
doch dann jedesmal ungef„hr so: ,Was wollen Sie denn, Sie haben doch nichts
weiter als Ihre verwaltungsm„áige aktenarbeit zu erledigen. Kein Mensch verlangt
von Ihnen, daá Sie t”ten sollen oder Befehle dazu geben. Auáerdem leben wir
inmitten eines der gewaltigsten Kriege. Da haben auch Sie Ihre Pflicht zu erfllen;
und zwar dort, wo Sie hingestellt werden. Es kann sich w„hrend eines Krieges
niemand aussuchen, wo er gerne zu k„mpfen wnscht.”
Genau solches h”rte man dann.
Stimmt es meine Herren? Hand auf’s Herz! Ich will fr mich dadurch gar nichts
erreichen; auáerdem ist die Beweisaufnahme in dem
/298/ AE: 212

Prozess gegen mich l„ngst abgeschlossen.
Es soll lediglich der Wahrheit dienen; und dem ein oder anderen kleinen
Dienstgrad von ehemals, die M”glichkeit geben, sich darauf berufen zu k”nnen.
Ich denke und dies kann mir niemand verwehren, dabei in erster Linie an meine
eigenen Referatsangeh”rigen von damals.
Ich kann diese Betrachtungen abrunden, mit einer Erkl„rung, welche Prof. Dr. Six
anl„álich seiner Zeugenaussage im Jahre 1961 abgab, in der es u.a. heiát, daá
schlieálich fr jeden von uns noch die M”glichkeit bestand, sich zu erschieáen,
falls dem Ansuchen um Versetzung, nicht stattgegeben wurde. Dieses stimmt!
Ich habe es offenbar bersehen, mich zur richtigen Zeit zu erschieáen; bueno und
in logischer Auslegung dieser Alternative, habe ich eben heute die Konsequenzen
zu tragen.

Dr. Six hatte es fr sich erreicht, von einer Einsatzgruppe weg zu kommen. Er
hatte es wie gesagt als einer der sieben Amtchefs des Reichssicherheitshauptamtes
auch leichter. Er tauschte seinen Platz in der Sicherheitspolizei mit dem eines
Gesandten im Ausw„rtigen Amt. Aber trotzdem sieht er sich im April 1944, als
einer der Maágeblichen, auf der Krummhbler Konferenz wieder.
(Fortsetzung siehe Seite 215)!

/299-300/ AE: 213-214

/Die beiden Bl„tter sind nicht beschrieben, mit groáen Xen versehen; das erste
davon tr„gt recht oben den Vermerk: Nummer existiert nicht –
schr„g ber die Seite steht: Irrtmlich ausgelassen, durch einen Zusatz welchen
ich sp„ter einbaute./
/301/ AE: 215

Nicht er war der Initiator, sondern sein Reichsauáenminister dies ist klar, und geht
aus den Dokumenten hervor. Aber auch er hatte selbst als Gesandter, zu
gehorchen und daá(sic) zu machen, was ihm angeordnet wurde.
Um wievieles mehr an Gehorsam hatte ein Referent zu leisten. –
Himmler hatte im Oktober 1943 vor seinen SS-Gruppenfhrern, also vor seinen
SS-Gener„len, in Posen eine Rede gehalten. Unter anderen Punkten, behandelte er
das Kapitel ,Gehorsam”.
Er fhrte aus:
,Gehorsam wird im soldatischen Leben morgens, mittags, und abends gefordert
und geleistet. Der kleine Mann gehorcht auch immer oder meistens. Gehorcht er
nicht, so wird er eingesperrt.
Schwieriger ist die Frage des Gehorsams bei den h”heren Wurdentr„gern in Staat,
Partei und Wehrmacht, auch hie und da in der SS. Ich m”chte hier etwas klar und
deutlich aussprechen:
Daá der kleine Mann gehorchen muá, ist selbstverst„ndlich. Noch
selbstverst„ndlicher ist es, daá alle hohen Fhrer der SS, also das ganze
Gruppenfhrer-Korps, vorbilder des bedingungslosen Gehorsams sind. ——– In
dem Augenblick aber, in dem der betreffende Vorgesetzte oder der Reichsfhrer
SS – das kommt ja fr das Gruppenfhrer-Korps in den meisten F„llen in Frage –

/302/ AE: 216

oder gar der Fhrer entschieden und den Befehl gegeben hat, ist er auch
durchzufhren, nicht nur dem Wort und dem Buchstaben nach, sondern dem
Sinne nach. Wer den Befehl ausfhrt, hat dies zu tun als getreuer Walter, als
getreuer Vertreter der befehlsgebenden Gewalt. Wenn Sie zuerst glaubten, dies
w„re richtig und jenes w„re nicht richtig oder sogar falsch, dann gibt es zwei
M”glichkeiten.
Wenn einer glaubt, er k”nne die Befolgung eines Befehles nicht verantworten,
dann hat er das ehrlich zu melden: ich kann es nicht verantworten, ich bitte mich
davon zu entbinden. Dann wird wohl in den meisten F„llen der Befehl kommen:
Sie haben das doch durchzufhren.
Oder man denkt: der ist mit den Nerven fertig, der ist schwach. Dann kann man
sagen: Gut, gehen Sie in Pension. Befehle máen aber heilig sein.”
/am Rand Ziffer 62/

Das h”rt sich nun ganz sch”n an. Aber wenn man bedenkt, daá es sich ja hier um
SS-Gener„le handelt, auf welche Himmler diese, seine Worte mnzte, dann sieht
es schon anders aus. Bezglich der kleineren Dienstgrade heiát es ja auch: er hat
zu gehorchen; wenn nicht: einsperren. Ja, es ist eben genau daá(sic), was ich
sagte: unsere damaligen Chefs hatten es in dieser Hinsicht einfacher. Auáerdem
ist

/303-304/ AE: 217

es eine alte milit„rische Erfahrung, seit Generationen: je weiter dienstgradm„áig
herunter, desto rcksichtsloser und strenger, ,wird mit ihnen Schlitten gefahren”.
——-
/weiterer Abschnitt von 6 Zeilen unleserlich gemacht/

-(20)-
Der Mensch unserer Tage insonderheit der Stadtmensch lebte und lebt in der Hast
und der Hetzjagd, im tagt„glichen Kampf um seine Existenz. Diese Arbeiterei und
Plackerei, der er zur Versorgung seiner selbst und der seiner Angeh”rigen
unterworfen wurde /Zusatz von Seite gegenber: oft genug unter Umst„nden, die
ihn rein nervlich bis an den Rand des gerade noch Ertr„glichen treiben,/ ist zur
eigentlichen Inhaltsflle seines Daseins geworden. Und mit zunehmender Dichte
der Erdbev”lkerung wird dieser Daseinskampf in zunehmendem Maáe
rcksichtsloser und brutaler.
Er l„át ihm zur Sammlung geister(?) Werte, an denen er sich innerlich aufrichten
k”nnte stets weniger Zeit und Muáe. Ja, darber hinaus wird es ihm, infolge
seines abgek„mpften Zustandes in physischer und psychischer Hinsicht, stets
schwerer, berhaupt noch ein Interesse fr eine solche Wertesammlung,
aufzubringen. Dafr wird an Stelle solcher Verlangen ein potenzierter Egoismus,
verbunden

/305/ AE: 218

mit einer pessimistischen Grundeinstellung zu den Dingen des Daseins, und wenn
er es je noch bedenken sollte, zu den dingen berhaupt, allwaltend.
Eine auf dieses Milieu abgestimmte staatliche oder prarteiliche
Propaganda, wird hier stets ihre Erfolge zeitigen.
In Deutschland beispielsweise vegetierte zur Zeit des Werdens der
,Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei” ein Millionarbeitslosenheer,
mehr schlecht als recht, dahin.
Die verschiedenen politischen Str”mungen mit ihren demagogischen
Aufrufen, werden dem Individuum mittels einer psychologisch spezialisierten
Propagandamaschinerie aufgedr„ngt, und beeinfluát schlieálich dessen sittliche
Grundhaltung durch Richtungsabdr„ngung in das von Partei oder Staat
gewnschte Denken und Tun.
Die ursprngliche Verschiedenheit der Gesinnung, den Einzelcharakteren
entsprechend, wird in eine Norm gebracht, wird ausgerichtet; soll gleichgeschaltet
werden. Damit aber geht die Voraussetzung einer individuellen Gesinnungsethik
verloren und an seine Stelle tritt eine staatliche oder parteiliche ,Massenethik”,
besonderer Eigenart.
Das Individuum kann jetzt allenfalls wohl noch unterscheiden und
entscheiden, was wertvoll und was gem„á seiner Einstellung und seinem
Empfinden nach den allgemein gltigen sittlichen

/306/ AE: 219

Werten zuwiderl„uft, aber er kann dem eigenen Denkresultat oder seinem eigenen
Empfinden dann keinen sichtbaren Ausdruck mehr verleihen, wenn der
Totalit„tsanspruch einmal staatlich-exekutiven Charakter angenommen hat, ohne
pers”nliche, leibliche Gefahr auf sich zu nehmen; ja, selbst solch ein Opfer wird
keine Žnderung des befohlenen Allgemeinzustandes herbeifhren.

/2 Zeilen unleserlich gemacht/
Der Handlungsfreiheit kann nur noch in jenen Bahnen Ausdruck verliehen
werden, deren Richtung und Ziele der Staatsfhrung genehm ist. Und anstatt daá
die menschlichen Triebwerte im Hinblick auf ein gedeihliches Zusammenleben
der Menschen untereinander, zugunsten der moralischen Werte eine Unterordnung
erfahren, ist es gerade umgekehrt. Mit eine der Konsequenzen ist dann schlieálich,
daá an Stelle der gebotenen Rcksichtnahme auf die Interessen und Rechte
anderer V”lker, das Recht gesetzt wird, welches dem eigenen Volke alleine
ntzen soll, ohne Beachtung der Lebensnotwendigkeiten und des Lebens anderer
Gemeinschaften, ja sogar auf Kosten dieser.
Solange dieser Zustand nicht ge„ndert wird, gibt es unbarmherzig weiterhin
Katastrophen im V”lkerleben, so sicher wie das Amen in der Kirche. Und der
Parlamentarismus verstecke sich nicht hinter der Tr”stung, daá solches doch nur
in

/307/ AE: 220

totalit„ren Staaten m”glich w„re und das(sic) diese alleine die ausl”senden
Ursachen w„ren. Die geschichte gibt darauf ganz eindeutige Auskunft.
__.__

/1 Abschnitt von 9 Zeilen unleserlich gemacht; danach dieselben drei
Abschluázeilen wie unten, gestrichen/

Des Schicksals Walten stellte mich in’s Sein, in’s Leben: als Mensch.
Und ihm entschwinde ich, gleich der Reise eines Wanderers in der Nacht.
Ein jeder hat auf diesem Gleise vieles, daá(sic) Schmerzen und auch Kummer
macht.
Ende des Teiles I
Adolf Eichmann
6 – 9 – 61
/308-309/ AE: 221

/die erste Seite ist leer, auf die Rckseite des Blattes sind etliche dreistellige
Zahlen gekritzelt, offenbar Seitenberechnungen des ersten Manuskriptteiles/

/310/

Quellen zum Teil I
/1/ Dok. 1182
/2/ Dok. 1451 (T 107)
/3/ Dok. 5
/4/ Dok. 1168
/5/ Dok. 2, 38
/6/ Dok. 462 (T 110)
/7/ Dok. 77
/8/ Dok. 505 (T 115)
/9/ Dok. 1508
/10/ Dok. 1512, 1516, 1515 /daneben notiert, gestrichen: Dazu die L”wenherz-
Aktennotitzen, es sind deren glaublich 30. Aber die Nummern (Staatsanwalt No)
fehlen mir. Man muá sie hier einsetzen. Aber nur die vor 1945 von ihm
geschriebenen./
Dok. 1139
Dok. 1129 bis 1138
Dok. 1139, 1140

/11/ Dok. 1169
/12/ Dok. 1139
/13/ Dok. 1571 (N 33)
/14/ Dok. 1171, 1176 /daneben notiert gestrichen: und die L”wenherz-
Aktennotitzen, (diejenigen, welche vor 1945 geschrieben wurden.)/

/15/ Dok 91
Dok 108 /gestrichen, noch lesbar: Ich weiá nicht auswendig, ob es genau
No 91 oder 61 ist. Bitte nachsehen./
Dok. 784.
/16/ Dok. 1129.
/17/ Dok. 296.
/18/ Dok. 1193,
/19/ Dok 889, 1236, /gestrichen: 1557/ 541, 172 (Seite 7),
/20/ Dok. 192, 1181, 1557,
/21/ Dok. 1194, 1058, 550, 855, 1197.
/22/ Dok. 1397, 1396, 1087,
/23/ Dok. 1398,

/311/

Quellenverzeichnis zum Teil I.
(Fortsetzung)

/24/ Dok. 1588, 36, 51, 554, 921.
/25/ Dok. 1399
/26/ Dok. 1398
/27/ Dok. 1485, 468, 1405, 1403, 1485, 14, 1458, 1488, 1461, 1400,
/28/ Dok. 1486, 1487
/29/ Dok. 172
/30/ Dok. 728, 738
/31/ Dok. 503, 197, 1064, 948, 1027
/32/ Dok. 874,

/33/ Dok. Poliakow ,schwarz” Seite 197 (Poliakov Dok. No 246)

/34/ Dok. IMT XIV, S. 467 (Aussage Schirach’s vor dem Intern. Milit.
Tribunal)
Dok. IMT XIV, S. 560
Dok. 1634
Dok. 1462, 1407, 1408.

/35/ Dok. 1395
/36/ Dok. 461
/37/ Dok. 1247, 1248, 1545, 1544, 1446, 504, 1193, 406, 1197, 42
/38/ Dok. IMT XXIII Seite 534, PS-3921
Dok. 1193 (Seite 2), 138, 139.

/39/ Dok. hat Dr. Servatius. Wetzel’sches Handschreiben, samt den Entwrfen
und Klartext. Die Nummern habe ich nicht; máen besorgt werden, da die Sache
wichtig und interessant ist.

/312/

/40/ 946, 890, 1101, 465, 947, 74, 597.
/41/ 841, 842, 876, 446, 877, 1206, 106, 878
/42/ 174
/43/ 701
/44/ 389
/45/ 1588, 36, 51
/46/ ,Der Kommandant von Auschwitz”
,Captain Payne-Best, the ?? Incident, London 1950, S. 186 u. 227.”
,Die Zeugenaussagen des SS-Richters Morgan, in Nrnberg”
Wdie Zeugenaussagen H”á in Nrnberg und in Polen”
,Filip Friedmann, This was Oswiccim”
,Bayle, Croix Gammee contre Cadmee(?)”

/47/ Dok. 1253
Dok. 1537

/48/ Dok. 1174
/49/ Dok. 285, 1411, 1412, 287, 286, 1413, 289, 284,
/50/ Dok. 119, 728, 738, 739, 187, 1175
/gestrichen, noch lesbar: (Die Dokumente ,Sonderkonto W” máen noch
angefhrt werden. Ich kenne die Nummern nicht!)/

/51/ Dok. 1505, 468 (Seite 4 u 6), 1248
/52/ Dok. 1498,
/53/ Dok. 46, 913 (Seite 4), 175 (Seite 2) 912 (Seite 5775/76) 914, 874.
/54/ Dok. 843

/313/ AE: 4

/55/ Dok. 773, 6, 29, 500, 235, 129, 395
/56/ Poliakov (rot) Seite 301 u. 302
/57/ Dok. 410
/58/ Dok. 1254, 1255
/59/ Dok. 865, 866, 867, 868, 869, 936, 937, 938, 939, Dok. N 19., und Aussage
Krumez Antsgericht Frankfurt a/Main v. 6. 6. 1961.

/60/ Dok. 558
/61/ Dok. 168, 506; Zeugenaussagen: Six 1961 in Deutschland
v. Thadden 1945-1948 in Nrnberg
und 1961 in Deutschland
/62/ Dok. 150

/314/
G”tzen Teil II.
Inhalt
Quellenverzeichnis …………. 20 Seiten
Teil II. (Seite 1 – 193 und 2 Seiten (1a, 1b.) als ,Eingang”
(unterteilt in 15 Abschnitte)
194 Seiten (einhundertneunzig und sechs als laufende Blattzahl.
Adolf Eichmann /Unterschrift/
6 – 9 – 61

/315/

II. Teil

/316/
AE 1A = 1a,
Teil II
– 1 –
Wenn in den letzten 15 Jahren, Publizisten in Wort oder Schrift, sich mit meiner
Person besch„ftigten, dann kann man beim Studium der Ver”ffentlichungen die
Wahrnehmung machen, daá es hier zum Beispiel heiát: ja, eine Beteiligung
Eichmann’s an den Massakern im Osten behaupten zu wollen, erscheint wohl
abwegig, aber er war der Verantwortliche fr die L”sung der Judenfrage in allen
von Deutschland besetzten oder beeinfluáten brigen Gebieten Europas.
Nun, nachdem ich darauf in den Mittelpunkt solcher Beschreibungen gestellt
wurde, ist es fr mich nicht ganz einfach, gerade ber das Kapitel West- Nord-
Sd und Sdosteuropa zu sprechen, ohne bei schier jedem Satz in die pers”nliche
Verteidigungsstellung zu gehen. Solches aber langweilt. Auf der anderen Seite
aber, scheint es doch auch wieder selbstverst„ndlich, daá jemand, der fr etwas
nicht verantwortlich war, also nicht der Drahtzieher, Initiator oder der Befehlende
war, wohl aber dessen beschuldigt wird, daá sich ein solcher also, gegen falsche
Beschuldigungen zur Wehr setzt; denn sonst erg„be es ja ein falsches Bild. Ich
habe daher die beste und zugleich einfachste L”sung gefunden, in

/317/
AE 1B 1b
der Form, als ich glaube, daá es hier fr die Erziehung eines objektiven Bildes das
Beste ist, weitgehend die damaligen amtlichen Dokumente selbst, mit ihren
eigenen Worten sprechen zu lassen. Dadurch wird erreicht, daá selbst jede
m”gliche Unterstellung etwa, ich sei mit “Aalgl„tte oder Doppelzngigkeit” an
die Beschreibung der Materie herangegangen, von vorneherein verunm”glicht
wird. Eine solche Betrachungsweise, die ich mit pers”nlichen Erinnerungen und
Meinungen illustriere, scheint mir ein recht wahrheitsgetreues und anschauliches
Bild zu vermitteln, just daá, was der Leser ja wissen will, n„mlich: was war denn
nun wirklich damals das. Was ist wahr und was ist Geflunker. Und der Leser
selbst wird es sein, der sich abschlieáend eom klares Urteil ber das Tats„chliche
an dem Geschehen bilden kann.

/318/
AE 1
I
II. Teil
– 2 –
A. Frankreich
Am 21. Juni 1940 wurde in dem historischen Spreisewagen der “Internationalen
Schlafwagengesellschaft” in Campiegna der Waffenstillstand zwischen
Deutschland und Frankreich vereinbart.
Am 3. Aug. 1940 teilt der damalige ReichsauáenministerJoachim von Ribbentrop,
dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Berlins, folgendes mit. (1) Hitler
habe gem„á seinem Vorschlag den bisherigen Gesandten, Abetz, zum Botschafter
ernannt und ihm fr Frankreich u.a. folgende Aufgaben bertragen:
One.) Beratung der milit„rischen Stellen in politischen Fragen.
Two.) St„ndiger Kontakt mit der Vichy-Regierung und ihren Beauftragten im
besetzten Gebiet.
Three.) Beratung der Geheimen Feldpolizei und Geheimen Staatspolizei bei der
Beschlagnahme politisch wichtiger Dokumente.
Four.) Sicherstellung und Erfassung des ”ffentlichen Kunstbesitzes, ferner des
privaten und vor allem jdischen Kunstbesitzes auf Grund besonderer hierzu
erteilter Weisungen.
Ferner hatte Hitler ausdrcklich angeordnet, daá ausschlieálich Botschafter Abetz
fr die Behandlung aller politischen Fragen im besetzten und unbesetzten

/319/
/gegenber S. 2/

Bemerkung fr die Zensur:
Diese schriftstellerische Arbeit kann nicht mit der Waage der Rechtsparagraphen
gewogen werden. (Unterschriftskrzel)

/320/
AE 2
Frankreich verantwortlich ist.
Weiter teilt Ribbentrop mit, daá der Botschafter die Weisungen zur Durchfhrung
seiner Aufgaben von ihm erhalte und ihm ausschlieálich hierfr verantwortlich
sei.
Dies war eine Bestellung mit ungeheuren Vollmachten: Und so nimmt es nicht
Wunder, daá Abetz bereits in einer Besprechung am 17. Aug. 1940 anregt, die
Milit„rverwaltung in Frankreich m”ge anordnen, daá mit sofortiger Wirkung
keine Juden mehr in das besetzte Frankreich hereingelangen. Ferner verlangte er
die Vorbereitung zur Entfernung aller Juden aus dem besetzten Gebiet und
schlieálich die Prfung, ob das jdische Verm”gen im betzten Gebiet enteignet
werden kann. (2)
Der Chef der Milit„rverwaltung im besetzten Frankreich hatte diese
Angelegenheiten nun von der brokratisch-administrativen Seite aus zu
bearbeiten.
Um die gleiche Zeit hat das Ausw„rtige Amt in Berlin, den Pers”nlichen Stab des
Reichsfhreres SS, um Stellungnahme zu der Anfrage Abetz, ber antisemitische
Maánahmen, die als Grundlage dienen k”nnten, sp„ter auch die Juden aus dem
nichtbesetzten Frankreich zu entfernen. (3)
Und am 20. Sept. 1940, beeilte sich Heydrich unter dem Briefkopf “Der Reichs-
/321/
AE 3
Fhrer SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern,
Aktenzeichen 5-IVD6-776/40 gRs.”, dem Anfrager, SA Standartenfhrer,
Gesandten Luther, die Antwort zu geben.
Er habe keinerlei Bedenken gegen die Durchfhrung der von Abetz geplanten
Maánahmen und sei auch mit deren Erledigung durch die franz”sischen Beh”rden
einverstanden.
Abetz aber ging bereits einen Schritt weiter als wie es bisher gesehen hatten, denn
er verlangte die Meldepflicht der im besetzten Gebiet ans„áigen Juden, die
Kenntlichmachung der jdischen Gesch„fte und die Einsetzung von Treuh„nder
fr jdische Verm”gschaften, deren Besitzer geflohen waren. (4)
Eine entsprechende Einschaltung der in Frankreich stationierten deutschen
Sicherheitspolizei aber – so meinte Heydrich – sei empfehlenswert.
Und am 1. Oktober 1940 ergeht ein weiterer Vorschlag von Abetz in 19 facher
Ausfertigung, an die verschiedensten Zentralbeh”rden, indem er in Zukunft fr
das besagte Gebiet Frankreich, Kollektivausbrgerungsverfahren fr n„her
genannte jdische Personengruppem durchgefhrt wissen will. Er meint
abschlieáend, daá diese angeregt Maánahme nur als erster Schritt zur L”sung des
Gesamtproblems anzusehen sei. (5)

/322/
AE 4
Die franz”sische Regierung in Vichy hatte inzwischen in der Person von Xavier
Vallat, einen “Kommissar fr Judenfragen” ernannt. Dieser sprach am 3. April
1941 in der deutschen Botschaft in Paris vor. Abetz berichtete an das Ausw„rtige
Amt, wie folgt:
“Damit in einer sp„teren Stufe “auch die alteingesessenen” durch die gleichen
Maánahmen wie die ausl„ndischen und neu naturalisierten Juden erfaát werden
k”nnen, ist schon jetzt ein Gesetz notwendig, daá den franz”sischen
Judenkommissar erm„chtigt, “alteingesessene” Juden, die gegen die spezialen und
nationalen Interessen der franz”sischen Nation verstoáen haben, zu
“ausl„ndischen” zu erkl„ren.”
Er habe Xavier Vallat geraten, seiner Regierung in Vichy, ein solches Gesetz
vorzuschlagen. (6)
Bereits am 4. Okt. 1940 hatte die franz”sische Regierung ein Vichy einen eigenen
Judenstatut erlassen, in dem u.a. die Unterbringung jdischer Ausl„nder in
besonderen Konzentrationslagern vergesehen war; und mit Erlaá IVD6-229/40 v.
30 Okt. 1940 des Reichsfhrers SS-Chef der Sicherheitspolizei u. des SD, wurde
die Errichtung besonderer Konzentrationslager fr die Juden deutscher,
”sterreichischer, ?loslowatischer und polnischer Staatsangeh”rigkeit,angeordnet.
Dieses teilte der Beauftragte des Chefs der

/323/
AE 5
Sicherheitspolizei u. des SD, fr Belgien und Frankreich, mit dem Sitz Paris, Dr.
Knochen, dem Chef der Milit„rverwaltung Frankreich, am 28. Jan. 1941, mit. (7)
Ich habe hier an Hand der Dokumente einen kurzen Abriá des legislativen
Fundamentes, welches zur Behandlung der Judenfrage in Frankreich geschaffen
wurde, aufgezeigt. Weder ich, noch mein Dezernat trat bisher dabei in
Erscheinung. Es wurde durch andere Dienststellen bearbeitet. Der in meinem
Referat kurze Zeit dienstlich t„tig gewesene SS-Hauptsturmfhrer Dannecker,
wurde gem„á Befehl meines Amtschefs seiner T„tigkeit im
Reichssicherheitshauptamt enthoben und als Refernt dem Beauftragten des Chefs
der Sicherheitspolizei, nach Paris versetzt.
Inzwischen war gem„á einer Anordnung G”rings die Auswanderung von Juden
aus dem Raum des ,Groádeutschen Reiches”, auch w„hrend des Krieges, im
Rahmen der gegebenen M”glichkeiten, verst„rkt durchzufhren. Und da um jene
Zeit nur ungengende Ausreisem”glichkeiten, besser gesagt,
Einwanderungsbewilligungen, zur Verfgung standen, wrde eine Auswanderung
von Juden aus Belgien und Frankreich, diese wenigen M”glichkeiten weiterhin
schm„hlern. Daher sei eine Auswanderung aus diesen Gebieten zu verhindern.

/324/
AE 6
Abschlieáend wird auf die zweifellos kommende Endl”sung der Judenfrage
hingewiesen. Dies wurde am 20. Maai 1941, allen Staatspolizeistellen, den
Beh”rden in Frankreich, den SD-Dienststellen, sowie dem Ausw„rtigen Amt in
Berlin, mitgeteilt. Ein Sachbearbeiter von mir hatte dieses Schreiben, gem„á eines
Disposition meines Amtschefs om Reichsicherheitshauptamt, aufgesetzt; ich hatte
dem Sachbearbeiter (IVB4b) die Richtpunkte des Chefs diktiert.
Mein damaliger mir unmittelbar vorgesetzter Chef, der SS-Gruppenfhrer und
Generalleutnant, der Polizei Heinrich Mller, muá einige Tage krank oder
dienstlich unterwegs gewesen sein Рeine Tatsache, welche zu den allergrӇten
Rarit„ten z„hlte – denn sein damaliger Vertreter Schellenberg, unterschrieb diesen
Runderlaá. Jener Schellenberg, der dann sp„ter nach der Ausbootung von Canaris,
zu unumschr„nkten Herren der Deutschen Spionage und Contraspionage, kurz
,Abwehr” genannt, werden sollte. (8)

Ich schnitt eben das Wort ,Endl”sung der Judenfrage” am. Um jene Zeit war
gem„á meiner Erinnerung, unter diesem Begriff der bereits unter meiner
Mitwirkung fertiggestellte ,Madagaskarplan” noch zu verstehen, der diesen
,Betreff” fhrte und ber den an anderer Stelle dieser Arbeit

/325/
AE 7
ausfhrlicher berichtet ist. Die nun folgenden Zeilen, werden zeigen, wie dieser
Plan – abgesehen von der sp„teren milit„rischen und politischen Lage, durch
welche er berholt wurde – torpediert worden ist.
Ein Legationrat Dr. Zeitschel war in Paris zur Betreuung der dort befindlichen
Diplomaten angestellt worden. Dies teilte Abetz dem Milit„rbefehlshaber in Paris
mit. Dieser Dr. Zeitschel machte am 22. Aug. 1941, eine Aufzeichnung fr den
Botschafter Abetz. In dieser heiát es, daá die fortschreitende Eroberung und
Besetzung der weiten Ostgebiete, das Judenproblem in ganz Europa in krzester
Zeit zu einer engltigen, befriedigenden L”sung bringen k”nnte. Man máte dort
ein besonderes Territorium fr sie abgrenzen. Durch einfache milit„rische Befehle
k”nnten die Juden der besetzten Gebiete wie Holland, Belgien, Luxemburg,
Norwegen, Jugoslawien, Griechenland, in Massentransporten in das neue
Territorium abtransportiert werden und den brigen Staaten nahegelegt werden,
dem Beispiel zu folgen. Der Madagaskarplan sei zwar an sich nicht schlecht,
drfte aber auf unberwindliche Transportschwierigkeiten stoáen, da die
Welttonnarge zu anderen Dingen wichtiger gebraucht wrde, als groáe Mengen
von Juden auf den Weltmeeren spazieren zu fahren. Ganz abgesehen davon, daá
ein Transport von

/326/
AE 8
1e Millionen jahrelang dauern wrde.
Er schl„gt dem Botschafter Abetz nun vor, diese Angelegenheit dem
Reichsauáenminister vorzutragen, damit dieser sich mit dem bereits ernannten
Minister fr die Ostgebiete, Rosenberg, und dem Reichsfhrer SS Himmler
zusammensetze, um die ganze Sache in dem von ihm vorgeschlagenen Sinn zu
prfen.
Das Transportproblem der Juden in die Ostgebiete wrde selbst w„hrend des
Krieges durchzufhren sein.
Er bitte weiter, bei dieser Gelegenheit auch besonders zu betonen, daá in
Frankreich nicht gengend Lager zu Interniereung zur Verfgung stnden und
man sich infolgedessen mit allen m”glichen Gesetzen und sonstigen Vorschriften
durchhelfen máe, die doch im Ganzen gesehen, nur vorbergehende und nicht
duchrgreifende Maánahmen seien.
Schlieálich schl„gt er Abetz vor, dieses Problem auch dem gerade jetzt fr
Judenfragen sehr empf„nglichen Reichsmarschall G”ring, nahezubringen, da er
sicher in seiner augenblicklichen Einstellung und nach seinen Erfahrungen des
Ostfeldzuges, eine starke Sttze in der Durchfhrung der entwickelten Idee sein
k”nnte.
Soweit Dr. Zeitschel.
Nun, dies muáten freudige Kl„nge in den Ohren des Reichsauáenministers von

/327/
AE 9
Ribbentrop gewesen sein. Behaglich war ihm sicherlich nicht zu Mute bei dem
Gedanken einer federfhrenden Einschaltung des aktiven Heydrich mit seinen
auáenpolitischen Ambitionen; im Falle Madagskar. Schlimm genug fr Ribbentop
war schon, daá ausgerechnet Heydrich mit dem Posten eines ,Stellvertretenden
Reichsprotektors” fr B”hmen und M„hren betraut wurde. Und Heydrichs
Machthunger war grenzenlos. Dabei war Heydrich schlau, raffiniert und in seinem
Sinne, von einer architekten„hnlichen Konstruktosit„t beselt; sehr im Gegensatz
zu Ribbentrop. Jedenfalls muá Abetz auf willige und freudige Aufnahme gestoáen
sein, denn kurze Zeit sp„ter, oder war es zur selben Zeit fiel der Madagaskarplan
als integrale L”sung.
Und fr Frankreich selbst hatte Abetz, anl„álich seiner Anwesenheit im
Hauptquartier die Genehmigung Himmlers erhalten, daá schon jetzt alle in den in
Frankreich befindlichen Konzentrationslagern einsitzenden Juden nach dem Osten
deportiert werden k”nnen, sobald dies die Transportmittel zulassen.
Dieses Ergebnis teilt Dr. Zeitschel am 8. Oktober 1941 dem Beauftragten des
Chefs der Sicherheitspolizei und des SD fr Belgien und Frankreich, zu H„nden
Danneckers, mit. (F„lschlicherweise heiát es in dem Dokument
,Obersturmbannfhrer

/328/
AE 10
Dannecker. Ich kann versichern, daá Dannecker nie ber den Dienstgrad eine SS-
Hauptsturmfhrers (Hauptmann) hinauskam und die den Dienstgrad eines SS-
Obersturmbannfhrers (Oberstleutnant) innehatte).
Er bittet, nachdem es ihm also gelungen sei in deser Richtung die prinzipielle
Einwilligung Himmlers zu erreichen, nicht locker zu lasen und alle paar Wochen
einen Bericht nach Berlin loszulassen, mit der dringenden Bitte, baldm”glichst die
Juden vom besetzten Frankreich abzuschieben. (9)
Damit also war die Befehlsgebung zur Deprotation von Juden aus Frankreich
erreicht. Die Polizei bekam die entsprechenden Weisungen und hatte zu
gehorchen. Was h„tte es beispielsweise gentzt, wenn ein Einzelner etwa h„tte
verlauten lassen, nein, ich will nicht. Die SS- u. Polizeigerichtsbarkeit w„re
eingeschritten und an seine Stelle h„tte ein anderer die Arbeit weiter zu fhren
gehabt.
Der Milit„rbefehlshaber in Paris dr„ngelte, der Botschafter dr„ngelte und dieses
Dr„ngeln hatte der Beauftragte des Chefs der Sicherheitspolizei u. des SD
entgegenzunehmen. Denn Himmler hatte genehmigt.
Sobald es die Transportmittel zulassen.

/329/
AE 11
Wann lassen sie es zu?
Paris bedr„ngte das Reichssicherheitshauptmat. Mein Chef, der Amtschef des
Amtes IV, befahl die Verhandlungsaufnahme mit dem zust„ndigen Dezernat des
Reichsverkehrsministeriums. Der Reichsfhrer SS, Himmler, und der Chef der
Sicherheitspolizei u. des SD, Heydrich, bestimmten den Personenkreis,
bestimmten die Ausnahmen, bestimmten die Zielstation im Osten, bestimmten die
Gep„ckkilogrammgrenze; alles im Einvernehmen mit dem Ausw„rtigen Amt und
anderen, politischen Zentralinstanzen, unter Angleichung an die erster
Deportierungswellen von Juden aus dem Altreichsgebiet, ™sterreich und dem
Protektorat B”hmen und M„hen, im Herbst 1941.
Kein Dezernent im Reichsverkehrsministerium h„tte sagen k”nnen, wir haben
keine Zge, die Transportlage erlaubt es nicht. Alles zusammen war ein
brokratisches R„derwerk, in dem ein R„dchen ein das andere greift.
Die Triebr„der der Hauptwellen waren im Falle Frankreich, Dr. Zeitschel, Abetz
und Ribbentrop; ferner Himmler und Heydrich.
Es ist keine Theorie.
Die Dokumente beweisen es.

/330/
AE 12
Die Deportationen aus Frankreich liefen an.
Am 23. Oktober 1941 befahl Himmler in seiner Eigenschaft als Reichsfhrer SS
und Chef der Deutschen Polizei, die Einstellung, besser gesagt, die Verhinderung
der Auswanderung von Juden mit sofortiger Wirkung. Die Evakuierungsaktionen
hatten davon unberhrt zu bleiben. (10)
Die Deportation wurde jedoch um die Wende des Jahres 1941/42, infolge des
Weihnachtsurlauberverkehrs noch einmal verschoben. Dies teilte der Amtchef IV
des Reichssicherheitshauptamtes, SS Gruppenfhrer und Generalleutnant der
Polizei, Mller, am Heiligen Abend des Jahres 1941 um 23 Uhr dem Beauftragten
des C.d.S. fr Frankreich und Belgien mit. /10 Zeilen gestrichen, unleserlich/ (11)
Am 28.2.1942 bekam ich Befehl, der Dienststelle Paris auf deren Anfrage vom
27.2.1942, mitzuteilen, daá

/331/
AE 13
tausend Juden sofort nach Beendigung einer im Augenblick im Gang befindlichen
Fahrplanbesprechung deportiert werden k”nnen. (12)
Aber es gab offenbar immer noch Schwierigkeiten, denn die Brokratie aller
L„nder arbeitet eben in einem brokratischen Tempo. Befehlsgem„á hatte ich fr
den 4.3.42 eine Judenreferenten-Besprechung in Berlin, abzuberaumen gehabt. In
dieser hatte der zust„ndige Referent des Beauftragten des Chefs der Sipo u. des
SD in Paris, neuerlich auf die Dringlichkeit einer sofortigen Deportierung
hingewiesen. Auftragsgem„á hatte ich ihm eine Abnahme fr den Monat M„rz
1942 zuzusagen (13) /2 gestrichene Zeilen/ und bekanntzugeben, daá
vorbehaltlich der endgltigen Entscheidung durch Heydrich, schon jetzt mit der
franz”sischen Regierung in Verhandlungen wegen Abschubs von fnftausen
Juden nach dem Osten eingetreten werden k”nne. Weisungsgem„á habe es sich
dabei zun„chst um m„nnliche, arbeitsf„hige Juden, nicht ber 55 Jahre alt zu
handeln. Ferner sei dafr zu sorgen, daá die Juden franz”sischer
Staatsangeh”rigkeit, vor dem Abschub oder sp„testens am Tage der Deportation
ihre Staatsange-

/332/
AE 14
h”rigkeit verlieren, und die Verm”gensabwicklung máe gleichfalls erledigt sein.
(14)
Hier spuckte die von der Abteilung I des Reichsinnenministeriums ausgekochte
11. Verordnung zum Reichsbrgerschaftsgesetze, in den K”pfen meiner
Vorgesetzten herum.
Als Deportierungsbeginn war gem„á Fahrplanregelung durch das
Reichsverkehrsministerium der 23.3.1942 vorgesehen. (15)
Nachdem durch die Initiative des Staatssekret„rs fr das Sicherheitswesen in
B”hmen und M„hren, Ritt. Frank und dem Reichsminster fr Volksaufkl„rung
und Propaganda Dr. Goebbels die Kennzeichnungspflicht fr Juden fr das Gebiet
des ,Groádeutschen Reiches einschlieálich B”hmen und M„hren” bei Hitler
erwirkt war, gingen die Stellen der besetzten Gebiete daran, nunmehr auch die
Juden dieser Gebiete der Kennzeichnungspflicht zu unterwerfen.
Der Milit„rbefehlhaber in Frankreich erlieá die vom Ausw„rtigen Amt, Berlin,
genemigte Verordnung am 7. Juni 1942. Gleichzeitig damit erfolgte seitens des
H”heren SS- u. Polizeifhrers in Frankreich, dem Vertreter Himmlers fr dieses
Gebiet, SS-Brigadefhrer und Generalmajor der Polizei Oberg

/333/
fr Juden ein Verbot, ”ffentliche Einrichtungen zu betreten und an ”ffentlichen
Veranstaltungen teilzunehmen.
/Der H”here SS- u. Polizeifhrer war gem„á einem Befehl Hitlers, einzusetzen
und war noch nicht lange Zeit im Amte gewesen.Doch versprach man sich seitens
des Milit„rbefehlshabers, wie auch seitens der Stellen der ”rtlichen
Sicherheitspolizei durch diese neue Regelung eine gnstige Auswirkung im
Hinblick auf die Endl”sung der Judenfrage – gestrichen/. (16)

/334/AE 15
II
Ich sagte schon, daá der Beginn der Deportierung aus Frankreich zum 23.3.1942
vorgesehn war und im wesentlichen auch eingehalten werden muáte. Sehr
aufschluáreich in diesem Zusammenhang ist ein Fernschreiben des Chefs des
deutschen Sicherheitspolizei fr Frankreich, Dr. Knochen, an mein Referat vom
20.3.1942, worin er mir mitteilt, daá der Milit„rbefehlshaber endgltig mitgeteilt
habe, daá er seinerseits keine Bewachungsmanschaften fr die Deportierung der
ersten tausend Juden aus CampiŠgne, bzw. Drancy, stellen k”nne. Er bittet daher
mit dem deutschen Oberkommando des Heeres diese Frage der
Transportbegleitmannschaften zu regeln, da dieses ja auch den Befehl zu
Inhaftierung und Deportierung dieser Juden ber das Hauptquartier Hitlers erwirkt
habe. Als Transportabgang wurde jetzt der 28.3.1942 genant. (17)
Es ergibt sich daraus, daá neben Dr. Zeitschel – Botschafter Abetz –
Reichsauáenminister v. Ribbentrop auch das Oberkommando des Heeres, fr den
Beginn, bzw. Das Anlaufen der Deportierungen aus Frankreich, verantwortlich
ist.
Freilich muáte letzten Endes das Ausw„rtige Amt seine Zustimmung zu solchen
Deportierungen aus dem Ausland geben; zwar war es in diesem Falle eine
lediglich formelle brokratische Notwendigkeit, da ja sein Chef pers”nlich, also
Ribbentrop, das Einverst„ndnis dazu gegeben hatte. (18)
/335/
AE 16
Am 26. Jan. 1942 teilte Himmler dem Inspekteur fr das
Konzentrationslagerwesen, dem damaligen Generalmajor der Waffen SS Gl„cks,
mit, daá er sich darauf einzurichten h„tte 100.000 m„nnliche und 50.000
weibliche Juden in den Konzentrationslagern aufzunehmen. Groáe wirtschaftliche
Vorhaben seien in n„chster Zukunft zu verwirklichen. Sein Chef der Gegeral der
Waffen SS, Pohl, wrde ihn im einzelnen unterrichten. (19) Und am 1. Februar
1942, schuf Himmler innerhalb der Konzentrationslagerleitung, eine straffere
organisatorische Fhrung. Er ernannte Pohl zum Hauptamtchef des Wirtschafts-
und Verwaltungshauptamtes, dem Glcks als Chef der Inspektion, als Chef der
Amtsgruppe D, unterstellt war. (20)
Befehlsgem„á muáte ich fr den 11.6.1942 wieder einmal eine Besprechung in
Berlin anberaumen, zu der ich die Judenreferenten aus Paris, Brssel und Den
Haag, auf dem Diesntweg, zu laden ahtte. Glcks hartte inzwischen
Aufnahmevorbereitungen in Auschwitz getroffen und Himmler befahl die
Deportation von 100.000 Juden aus Frankreich, 15.000 aus den Niederlanden und
10.000 aus Belgien.
Gem„á Himmlers Weisung war Grundbedingung, daá die Juden zwischen 16 und
40 Jahre alt sind, wobei er 10 % nichtarbeits-

/336/AE 17
f„hige Juden tolerierte. Ab 13.7. 1942 sollten diese Transporte gefahren werden
und zwar w”chentlich deren drei. (21)
Als Himmler diesen Befehl seinem Chef der Sicherheitspolizei u. des SD erteilte
lebte dieser noch. Aber am 29. Mai 1942 wurde er durch eine Bombe, verletzt.
Sieben Tage sp„ter erlag er seinen Verwundungen.
Heydrich war tot. Himmler selbst bernahm die Leitung seines
Reichssicherheitshauptamtes und sollte sie bis anfang Januar 1943 beibehalten.
Erst um diese Zeit wurde Dr. Kaltenbrunner zum Nachfolger Heydrichs in sein
Amt eingefhrt.
Der Tod Heydrichs l”ste allenthalben versch„rfte Aktionen auch gegen die Juden
aus. Himmler befahl nunmehr, in Abweichung seines ursprnglichen Befehles,
s„mtliche Juden, ohne Rcksicht auf Altersgrenzen und Geschlecht zu
deportieren. Und zwar sobald als m”glich; sowohl aus dem besetzten, als auch aus
dem unbesetzten Teil Frankreichs. Ich selbst wurde auf Befehl meines Amtchefs
Mller nach Paris in Marsch gesetzt, um diesen Himmler-Befehl zu berbringen.
(22)
Der von Dannecker am 1.7.1942, nach seinen Notitzen von ihm in Paris
abdiktierte Vermerk, weist zwar eine Reihe von brokratischen Unm”glichkeiten
und M„ngeln auf, so

/337/ AE 18
beispielsweise der ,Kopf” (RSHA = Reichssicherheitshauptamt, IV B4, in
Verbindung mit dem Ort ,Paris” gibt es nicht). Der Vermerk ist weder beglaubigt
noch gesiegelt. Es ist werder meine, noch Danneckers Unterschrift.
Jedoch sinngem„á erkl„re ich ihn als ungef„hr richtig wiedergegeben.

L„ngst schon war Dr. Knochen in Paris zum SS-Standartenfhrer und Oberst der
Polizei bef”rdert worden und seine Dienststellung war die eines Befehlshabers der
Sicherheitspolizei und des SD, in Frankreich. Nach dem Himmler Befehl,
s„mtliche Juden aus Frankreich zu deportieren, wurden seitens der ”rtlichen
Stellen in Paris die Kontakte mit den franz”sischen Stellen aufgenommen
insenderheit mit dem franz”sischen Polizeichef Darquier de Pellepoix und dessen
Vertreter Laguay. Mit dem Chef der Judenkartei in der Pr„fektur Paris, Direktor
Tulard; ferner mit dem Vertreter des Pr„fekten Seine, Direktor Garnier; dem
Direktor der antijdischen Polizei Schweblin u.a.m. (23)
Das Unausbleibliche nach einer solch scharfen Befehlsgebung von h”chster
Stelle, trat ein.
Die Deportationen begannen im groáen Stil.

/338/AE 19
Am 10.7.1942 teilte Paris meinem Dezernat mit, daá 4000 jdische Kinder bei der
Verhaftungswelle auftreten wrden und verlangte dringende Fernschriftliche
Entscheidung darber, ob die Kinder der abzutransportierenden staatenlosen
Juden,vom 10. Transport ab, mit abgeschoben werden k”nnen. Elf Tage sp„ter
erhielt ich seitens meines Vorgesetzten Befehl, Paris mitzuteilen, daá, sobald der
Abtransport in das Generalgouvernement wieder m”glich ist, diese Kinder
deportiert werden máen.
Ich hatte um jene Zeit selbst drei kleine Kinder. Mehr m”chte ich hier an dieser
stelle nicht sagen. (24)

Und wieder einmal muáte ich zu einer Arbeitstagung an die Judensachbearbeiter
des Auslandes, Einladungen ergehen lassen, und zwar fr den 28.8.1942. Der
Grund hierfr war Himmlers Befehl den Abschub der staatenlosen Juden bis Ende
des Kalenderjahres 1942 abzuschlieáen und als Endtermin fr die Deportation der
brigen Juden hatte er Juni 1943 angeordnet.
In diesem Zusammenhang ist eine der berchtigten Rademacherischen
handschriftlichen Notitzen auf einem solchen Ladungsschreiben an den SS-
Hauptsturmfhrer Richter, Bukarest,

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– welche ber das Ausw„rtige Amt zu leiten waren – bemerkenswert.
Er schreibt hier, daá siche die Tagung mit technischen Fragen der Lagerfhrung
besch„ftige und fast ausschlieálich aus zwei Besichtigungen von Lagern bestnde.
Die Phantasiererei des Legationsrates Rademacher vom Ausw„rtigen Amt
best„tigt am deutschsten ein Vermerk, den ein SS-Unersturmfhrer Ahnert, fr
seine Vorgesetzten in Paris gefertigt hat und worin er die Besprechungspunkte
geanu schildert. Der Vermerk datiert vom 1. Sept. 1942. Die einzige Stelle,
welche etwas mit ,Lagern” zu tun haben k”nnte, ist jener Punkt, indem es heiát,
daá ich die Tagungsteilnehmer ersuchte, ,den Ankauf der durch den Befehlshaber
der Sicherheitspolizei Den Haag, bestekkten Baracken sofort vorzunehmen. Das
Lager soll in Ruáland errichtet werden. Der Abtransport der Baracken k”nne so
vorgenommen werden, daá von jedem Transportzug 3 – 5 Baracken mitgefhrt
werden.” Ich habe hier einen Befehl meiner Vorgesetzten weiter gegeben.
Offenbar h”rte Rademacher irgend etwas und reimte sich eine Notitz nach seiner
Art, zusammen. (25)

/340 – 341/ AE 21
Himmler schrieb im Dezember 1942 an meinen Amtchef Mller: ,Ich ordne an,
daá von den jetzt in Frankreich noch vorhandenen Juden øebenso von den
ungarischen und rum„nischen Judenø /Einfgung von Seite 340/ alle diejenigen,
die einfluáreiche Verwandte in Amerika haben, in einem Sonderlager zusammen
zu fassen sind. Dort sollen sie zwar arbeiten, jedoch unter Bedingungen, daá sie
gesund sind und am Leben bleibem. Diese Art von Juden sind fr uns wertvolle
Geiseln. Ich stelle mir hierunter eine Zahl von rund 10.000 vor.” (26)

So aber war der bisherige Ablauf in Frankreich. Jeder dr„ngte, und jedermann in
den verschiedenen Zentralinstanzen, so er mir eine eingermaáen einfluáreiche
Stellung innehatte, wollte seine ,Lauterkeit als nationalsozialistischer
Amtsstelleninhaber” durch Antreiben und Vorschl„ge im Hinblick auf ,L”sung
der Judenfrage” unter Beweis stellen.
Den Druck, der dann von oben kam, muáte die Polizei aushalten. Sie wurde
einfach befallen; ihr wurden Termine gestellt. Allen ging es zu langsam; alles
fand die verzapfte polizeiliche Brokratie fr zu langatmig. Die Polizei, welche
den gesamten Mist, der in den Zentralnstanzen zusammengebraut wurde, dann
durchzufhren hatte. Aber so war es und so wird es wohl auch /immer –
gestrichen/ bleiben. Daher sage ich,

/342/ AE 22
daá der Polizeidienst, zumal den Dienst in einer politischen Plozei, das
Schlimmste ist, womit einem das Schicksal strafen kann. Es ntzt auch gar nichts,
wenn man etwa sagen wrde, daá wenn jedermann seine Finger aus einer
politischen Polizei lieáe, es eben keine gebe. Solange es den Befehl gibt, in
Verbindung nit dem herrschenden System im Zusammenleben der V”lker,
solange wird es auch politische Polizeien geben. Trotz Cartas, UNO, nur trotz Tod
und Teufel.

Nun, ich will nicht jetzt fortfahren zu schildern, wie die Dinge weiter liefen.
Zuvor nur noch dies: w„re ich anstatt Befehlsempf„nger, Befehlsgeber gewesen,
w„re ich anstatt Adolf Eichmann, nun sagen wir einmal nur Dr. Zeitschel, dann
wrde ich nicht in der Lage sein, auch nur eine Zeile aus dem ganzen grausigen
Geschehen zu berichten; denn bei jedem Wort máte ich die Anklage h”ren ,Du
bist der Schuldige”. Und die Feder wrd sich in meiner Hand streuben. Aber ich
habe, /Zeile gestrichen/, weder solche noch „hnliche Vorschl„ge gemacht. Daher
kann ich jenes, was geschah auch berichten. Dies fiel mir gewissermaáen so
nebenbei gerade ein. Und wenn gleich solche Gedanken eingentlich in ein anderes
Kapitel dieser Arbeit geh”rten, so nahm ich mir trotzdem nicht die Mhe, es

/343/ AE 23
sorgsam abw„gend an seine, eigentlichen Platz festzunageln, de der Meinung, daá
wer dies alles lesen will, ohnedies von selbst an diese Stelle kommt.
Es ist ein Vermerk der Beamten der Dienststelle das Befehlshabers der
Sicherheitspolizei u. des SD, Paris, vom 9.9.1942, erhalten geblieben. In diesem
lesen wir: ,Nach dem vom Reichsfhrer SS vertraulich bekannt gegebenen Plan
sollen die von Deutschland besetzten Gebiete bereits bis zur Mitte des Jahres 1943
judenfrei sein.” (27)
Und der nunmehrige Unterstaatssekret„t im Ausw„rtgen Amt zu Berlin, Luther
informiert am 24. 9.1942 seinen Staatssekret„r v. Weizs„cker, daá ihm der
Reichsauáenminister eben telephonisch die /folgende – gestrichen/ Weisung
erteilt habe, daá die Evakuierungen der Juden aus den verschiedensten L„ndern
Europas m”glichst zu beschleunigen seien. Luther hatte Ribbentrop kurz ber die
im Gange befindlichen Judendeportationen aus der Slovakei, Kroatien, Rum„nien
und den besetzten Gebieten Vortrag gehalten. Der Reichsauáenminister – so f„hrt
Luther in seiner Dienstnotitz fort -, habe angeordnet, daá das Ausw„rtige Amt
nunmehr an die bulgarische, an die