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10th Anniversary of
Marcel Callo´s Beatification
Beatified October 4, 1987 (The Vatican)
* December 6, 1921 (Rennes, France)
+ March 19, 1945 (KZ Mauthausen-Gusen)
PREDIGT von Bischof Maximilian Aichern OSB (Linz)
am Sonntag, 5. Oktober 1997
in der Stiftskirche von St. Florian
zum 10-Jahres-Gedenken der Seligsprechung des Märtyrers von Mauthausen
Marcel Callo (Rennes)
Lesung: 2 Kor 6,4-10; Evangelium: Mt 10, 28-33
Liebe Schwestern und Brüder!
Die Gedenkfeiern zur Seligsprechung des jungen Arbeiterapostels und
Märtyrers unserer Zeit, Marcel Callo, vor genau 10 Jahren, fanden gestern
an jenen Orten statt, wo er unter furchtbaren Verhältnissen gearbeitet und
gelitten hat, wo er am 19. März an Kälte, an Hunger, an Schmerzen und an
der unmenschlichen Behandlung gestorben ist.
Gemeinsam mit Marcel Callo ehren wir aber auch viele andere Märtyrer
aus verschiedenen Nationen in Mauthausen mit ihm mit.
Wenn wir das Leben und Sterben Marcels verstehen wollen, wenn wir die
unvorstellbare Brutalität und Unmenschlichkeit, die in unserer Zeit und
mitten unter uns geschah, aber auch die vielen Beispiele der
Hilfsbereitschaft, des Mutmachens und er Menschlichkeit ernst nehmen,
dürfen wir uns an den Stätten der Zwangsarbeit, an den Gefängnissen
und an Konzentrationslagern wie in Zella Mehlis, Gotha, Flossenbürg,
Gusen und Mauthausen nicht vorbeidrücken.
Diese Orte, in denen für viele Menschen die Hölle war, sind aber nicht
Endstationen, wie sie es auch nicht für Marcel Callo und die vielen
anderen Opfer nationalsozialistischer Unmenschlichkeit waren.
Die Worte der Lesung aus dem 2. Korintherbrief hören sich fast wie
eine Biographie Callos an: "Wir erweisen uns als Gottes Diener, in
Bedrängnis, Not, unter Schlägen, in Gefängnissen, bei Verfolgungen, unter
der Last der Arbeit, in durchwachten Nächten, durch Fasten, durch Güte,
durch heiligen Geist, durch wahre Liebe" . Wir sind wie Sterbende - schreibt
Paulus - " und seht wir leben. Uns wird Leid zugefügt und doch sind wir
jederzeit fröhlich; wir sind arm und machen doch viele reich, wir haben
nichts und haben doch alles."
Es hat zeichenhafte Bedeutung, dass wir den abschliessenden Festgottesdienst
hier in der barocken Stiftskirche von St. Florian feiern, wo die christliche
Kunst versucht hat, uns eine Ahnung von der himmlischen Glorie zu vermitteln.
Gleichzeitig werden damit die Parallelen zwischen den frühen christlichen
Märtyrern unserer Heimat, Florian und Christen von Lorch, und den
Glaubenszeugen unserer Zeit deutlich.
Lorch-Enns und Mauthausen sind ja nur durch die Donau getrennt.
Von all diesen Märtyrern gilt das Wort Jesu im eben gehörten Evangelium:
Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten. Gott ist mit euch und
sorgt für euch. Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde
auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Marcel Callos Leben
und Wirken war durch eine grosse Christusverbundenheit geprägt.
Sein Glaube an Jesus Christus hat ihn bewogen, als Missionar mit den
hunderttausenden französischen Zwangsarbeitern nach Deutschland zu gehen.
Sie hat ihm die Kraft zum Widerstand, zum Durchhalten in härtesten
Situationen gegeben.
"Christus half mir" , schreibt er in einem seiner fast 200 Briefe
an seine Familie, seine Braut und seine Freunde. "Er half mir, mich
aufzuraffen. Er regte mich an, mich mit meinen Kameraden zu beschäftigen.
Da kam mir die Lebensfreude zurück."
Marcel sah sein Leben als Nachfolge Christi. Mit ihm erträgt man alles,
heisst es in einem Brief aus dem Gothaer Gefängnis. "Wie dankbar bin
ich Christus, dass ER mir den Weg, auf dem ich mich gegenwärtig befinde,
durch sein Beispiel vorgezeichnet hat" .
Für diesen kraftgebenden Christusglauben haben wir ein eindrucksvolles
Zeichen hier bei uns. Es ist jenes Blumenkreuz, vor dem in einer
Gefängniszelle von Gotha Marcel und 11 Mithäftlinge regelmässig gebetet
haben. Der Gärtner Fernand Morin hatte es heimlich gebunden. Er konnte es
später aus dem Gefängnis retten und hat es mit vielen Mühen wieder
zusammengesetzt. Ich möchte diesen Zeitzeugen bitten, uns kurz zu erzählen,
was dieses Kreuz für sie bedeutete: (Bericht von Fernand Morin und
Übersetzung ins Deutsche). Dieses mit Marcel Callo so eng verbundene
Blumenkreuz hat manche Gemeinsamkeiten mit einer Erntekrone, die wir
hier vom Erntedankfest der Pfarre St.Florian sehen.
Es erinnert daran, dass das Leiden und Sterben in den Konzentrationslagern
und anderen Orten des Schreckens in früherer Zeit wie heute nicht
vergeblich ist, dass der Tod dem gesäten Weizenkorn ähnlich ist, das neues
Leben hervorbringt, dass wie bei Jesus dem Kreuz die Auferstehung folgt.
Wenn wir in dieser Eucharistiefeier den Tod unseres Herrn verkünden und
seine Auferstehung preisen, so ist darin auch der Tod und die Auferstehung
von Marcel Callo und seiner vielen Gefährtinnen und Gefährten hineingenommen.
Wir danken Gott, dass wir Zeitgenossen solcher Menschen sein dürfen, dass
er uns seine Liebe und Hingabe im Beispiel der Heiligen und Seligen, aber
auch vieler anderer immer neu vor Augen stellt und auch uns zur Nachfolge
Jesu einlädt.
Wir haben am Beginn der Eucharistiefeier beeindruckende Zeugnisse gehört,
was Marcel Callo für unser Christsein bedeutet. Ich erinnere mich sehr gut
an die Stunden in Rom vor 10 Jahren, an die vielen Vertreter der
Arbeiterjugend und Arbeiterbewegung, an die Bischöfe aus aller Welt, die
an der Bischofssynode über die Sendung der Laien teilnahmen, und dann bei
der Seligsprechung Marcel Callos durch Papst Johannes Paul II. mitfeierten,
unter ihnen Kardinal Gouyon und Erzbischof Jullien von Rennes, aber auch
der leibliche Bruder des Seligen Abbe Jean Callo, seine leiblichen
Schwestern, seine Braut Marguarite und viele Freunde.
Marcel Callo ist wirklich ein Heiliger unserer Zeit. Er war - ganz im Sinn
von Cardijn - als Arbeiter ein Apostel der Arbeitswelt.
Die vielen Publikationen über ihn, die nach ihm benannten Zentren und die
vielen Wallfahrten zu den Stätten seines Wirkens und Leidens zeigen, wie
sehr er als Vorbild und Helfer angenommen und geliebt wird. Auch wir
beten mit Vertrauen: Seliger Marcel, bitte für uns.