The Nizkor Project: Remembering the Holocaust (Shoah)

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.... Hitler betrachtete die neue Ausgabenwirtschaft und die versteckte 
Inflation als radikal wirksames Mittel der Vermoegensumschichtung und des 
Wechsels der regierenden Personenkreise. Moeglich, dass ihm die 
Zusammenhaenge nicht rational klar waren. Aber mit dem ihm eigenen 
Instinkt und so etwas wie einer Art Bauernschlauheit witterte er offenbar 
etwas Richtiges. Hitler misstraute jedem, der ihm mit volkswirtschaftlichen 
Lehren kommen wollte. Er glaubt, dass man ihn duepieren will und er macht 
aus seiner Verachtung ueber diese Art von Wissenschaft keinen Hehl. Er 
durchschaut nicht, aber er fuehlt, dass aus einer im Grunde einfachen 
Angelegenheit ein kompliziertes Wesen gemacht wird. ..... 

pp.97/98. Rauschning, Gespraeche

Hitler sah meine innere Ablehnung. Er wurde kameradschaftlich..... 

p.100. Rauschning, Gespraeche

Deutschland war aus dem Voelkerbund ausgetreten. Ich hatte diese 
denkwuerdige Wendung in Genf erlebt.... Auf der Rueckreise suchte ich in 
Berlin Hitler auf.... Ich fand ihn glaenzender Laune. Alles an ihm federte 
vor Spannung und Taetigkeitsdrang. 

p.101. Rauschning, Gespraeche

Hitler steigerte sich in eine Beredsamkeit hinein, die, Zeit und Ort 
vergessend, immer neue Probleme beruehrte und ohne Punkt und Komma wie 
eine koerperliche Ausschweifung wirkte. 

pp.103/104. Rauschning, Gespraeche

"Die Demokratie ist ein Gift, das jeden Volkskoerper zersetzt.... Es ist 
gerade wie mit der Syphilis. Als diese Krankheit zum erstenmal, aus Amerika 
eingefuehrt, in Europa auftrat....." Hitler verlor sich in weitschweifigen 
Ausfuehrungen ueber die vermeintliche Geschichte der Syphilis. Er schien 
den Gegenstand unseres Gespraeches vergessen zu haben. ....Er dozierte und 
ich hatte den Eindruck, dass er an ein ihm besonders gelaeufiges und ihn 
viel beschaeftigendes Thema geraten war. 

pp.104/105. Rauschning, Gespraeche

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Mit einer so ungeheuerlichen Selbstgefaelligkeit erging sich Hitler in 
Plaenen, die umso erstaunlicher waren, als ihnen jede Voraussetzung zur 
Realisierung zu fehlen schien. Diese Plaene waren Wahnsinn 1934, und sie 
stehen vielleicht vor der Verwirklichung 1940. Es ist kein Wunder, dass 
ein Mann, der so vieles von seinen Phantasien verwirklichen konnte, 
trunken ist vor Groessenwahn und dem Gefuehl der Gottaehnlichkeit. 

p.118. Rauschning, Gespraeche

...Mir kam damals noch nicht in den Sinn, dass Hitler vielleicht ueberhaupt 
keine festen politischen Ziele haben koennte, sondern sich von guenstigen 
Gelegenheiten hochschaukeln liess, bereit alles preiszugeben, was er bisher 
verfochten hatte, nur um seine Macht zu vergroessern. Vielleicht war, was 
er ueber Russland sagte, nur improvisiert, um etwas zu reden, um sich eine 
Bedeutung zu geben. Er is immer Schauspieler. Er greift soeben Gehoertes 
auf und weiss es so zu verwenden, dass es dem Zuhoerer als alter geistiger 
Besitz Hitlers erscheinen muss. Vielleicht hat Hitler einem Besucher nach 
mir genau das Gegenteil von dem gesagt, was er mir als das Ergebnis tiefer 
politischer Ueberlegungen hinstellte. Die Hitler'sche Politik ist eine 
ruecksichtslose Gelegenheitspolitik, die mit ungeheuerlicher 
Ruecksichtslosigkeit alles ueber Bord wirft, was ihr noch soeben als fester 
Grundsatz galt. Hier setzt sich Hitlers Vergangenheit immer wieder durch, 
seine Vergangenheit als bezahlter politischer Agent, der bereit war, jedem 
sich bietenden Vorteil zu folgen.... Zweierlei zeichnete diesen ganzen 
politischen Betrieb aus: eine unvorstellbare Verlogenheit und eine 
geradezu entwaffnende Naivitaet, sich an nichts Versprochenes oder eben 
Gesagtes zu erinnern..... Die Mehrzahl dieser nationalsozialistischen 
Maenner verlieren buchstaeblich wie hysterische Frauen das Gedaechtnis 
fuer das, an das sie sich nicht mehr zu erinnern wuenschen. Es ist mir -- 
und ich glaube allen, die mit Hitler zu tun hatten -- haufig geschehen, 
dass, wenn man sich auf ein frueheres Wort von ihm bezog, man erstaunt 
angesehen wurde oder wohl schroffe Ablehnung erfuhr, so etwas habe er 
nie gesagt. 

pp.127/8. Rauschning, Gespraeche

Im Fruehjahr 1934 fand in Berlin.... eine Besprechung..... statt.... "Meine 
Herren" sprach uns Hitler an, nachdem jeder einzelne vorgestellt war und 
ihm 'in die Augen blicken durfte'....." 

pp.135/36. Rauschning, Gespraeche

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Hitler verstand es, sich der Gedankenrichtung der meist jungen Leute 
anzupassen. Sie gluehten auch vor Begeisterung und sprachen nachher von 
dem ihr Leben fuer alle Zeit bestimmenden Erlebnis.... 

p.137. Rauschning, Gespraeche

"Adolf ist gemein," schimpfte er (Roehm). "Er verraet uns alle. Er geht nur 
noch mit Reaktionaeren um. Seine alten Genossen sind ihm zu schlecht. Da 
holt er sich diese ostpreussischen Generaele heran. Das sind jetzt seine 
Vertrauten .... Adolf wird ein feiner Gent. Er hat sich einen Frack 
zugelegt...... Adolf ist bei mir in die Schule gegangen. Was er von 
militaerischen Dingen weiss, hat er von mir. ....Aber der Adolf ist und 
bleibt ein Zivilmensch, ein 'Kuenstler', ein Spinner. 'Lasst's mir mei 
Ruah,' denkt er. Am liebsten taet er heute schon in den Bergen sitzen und 
den lieben Gott spielen." 

pp.144. Rauschning, Gespraeche

"....Aber der Hitler tut mich vertroesten. Er will den Dingen seinen Lauf 
lassen. Hernach erhofft er sich ein Himmelswunder. Das ist der echte Adolf. 
Er will die fertige Armee erben. Er will sie von den Fachmaennern 
zurechtschustern lassen..... Hernach will er sie nationalsozialistisch 
machen, sagt er.... 

pp.144. Rauschning, Gespraeche

Er hatte offenbar die Opposition seiner Umgebung aufgenommen und sich 
selbst zu ihrem radikalen Sprecher gemacht, eine banale Taktik, die er 
liebte und die ihm immer wieder laestige Einwaende vom Halse brachte..... 

pp.150. Rauschning, Gespraeche

(Nach dem 30. Juni 1934)
Sie hatten alle nur eine Hoffnung gehabt, dass dieser schwarzstraehnige 
Mann mit der haesslichen Stirne, der sich in den Zaehnen herumstocherte, 
wenn man ihm Vortrag hielt, der einen in seiner brutalen Art anbruellte, 
der nicht zuhoeren konnte, der immer nur dozierte -- dass sie endlich 
von diesem Menschen befreit sein wuerden.... (Sie sind die Beamten des 
Auswaertigen Amtes. Anm. d. Res.) 

p.157. Rauschning, Gespraeche

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(Nach dem 30. Juni 1934)
Hitler hat mit der ihm eigenen intuitiven Art die Entschlusslosigkeit 
seiner buergerlichen Gegner sofort gespuert. Aber zunaechst machte auch er 
nicht den Eindruck des Siegers. Mit gedunsenen, verzerrten Zuegen sass er 
mir gegenueber, als ich ihm Vortrag hielt. Seine Augen waren erloschen, 
er sah mich nicht an. Er spielte mit seinen Fingern. Ich hatte nicht den 
Eindruck, dass er mir zuhoerte. Aber schliesslich entschied er, nach ein 
paar Rueckfragen, dann doch in dem von mir vorgeschlagenen Sinn. Waehrend
der ganzen Zeit hatte ich den Eindruck, dass Ekel, Ueberdruss und 
Verachtung in ihm herumstritten, und dass er mit seinen Gedanken ganz wo 
anders war. Nachdem er uns verabschiedet hatte, rief er Forster und mich 
noch einmal zurueck. "Kommen Sie, Rauschning," sagte er, wie ploetzlich 
aufwachend, in einem frischeren Ton, "kommen Sie, ich moechte Sie noch 
etwas fragen," zu Forster. ....Aber es zeigte sich bald, dass er nur 
nicht allein sein wollte.... Forster berichtete.... Hitler versuchte sein 
Interesse durch ein paar Bemerkungen zu zeigen. Aber ich merkte, dass er 
ueberhaupt nicht zuhoerte. Sein Blick war ausdruckslos, starr in die Weite 
gerichtet. Dann sah er auf den Boden. Forster hatte mit einer Frage 
geendet. Es kam keine Antwort. Eine Pause trat ein. Hitler stand auf. 
Er begann auf und ab zu gehen.... Der Schreibtisch stand in der Ecke. Von 
der Eingangstuer war es ein weiter Weg. Hitler ging von der Tuer zum 
Schreibtisch, die Haende auf dem Ruecken gefaltet. Ich hatte gehoert, er 
sollte nur noch stundenweise schlafen koennen, nach dem blutigen Ereignis. 
Nachts irrte er ruhelos umher. Schlafmittel halfen nicht, oder er nahm sie 
nicht, aus Furcht vergiftet zu werden. Mit Weinkraempfen sollter er aus 
dem kurzen Schlaf aufwachen. Er haette sich wiederholt erbrochen. Mit 
Schuettelfrost habe er in Decken gehuellt im Sessel gesessen. Er haette 
sich fuer vergiftet gehalten. Einmal wollte er alles erleuchtet und 
Menschen, viel Menschen um sich haben; im gleichen Augenblick haette er 
wieder niemanden sehen wollen; haette er Furcht vor seinen intimsten 
Vertrauten gehabt. Der einzige, den er noch um sich geduldet habe, sei 
Hess. Vor Buch, dem Henker, habe er einen wahren Abscheu. Aber er wage 
es ihm nicht zu zeigen. Er fuerchte ihn. Uebrigens haetten ihm im 
letzten Augenblick die Nerven versagt. Alles sei schliesslich ohne sein 
Wissen, auf seinen Namen hin geschehen. Er habe lange Zeit nicht die 
ganze schreckliche Wahrheit gewusst. Er wisse auch heute noch nicht den 
ganzen Umfang der Exekutionen. 

pp.159/160. Rauschning, Gespraeche

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...."Ich muss mir sagen lassen, dass die Dinge schlimmer stehen, als 
zur Zeit der Bruening und Papen. Ich muss mir ein Ultimatum stellen 
lassen. Von diesen Feiglingen und erbaermlichen Kreaturen," schrie er, 
"Ich, ich!" "Aber Sie irren sich, fuhr er ruhiger fort, "ich bin nicht 
am Ende, wie sie meinen. Sie irren sich alle. Sie unterschaetzen mich. 
Weil ich von unten komme, aus der "Hefe des Volkes". Weil ich keine 
Bildung habe, weil ich mich nicht zu benehmen weiss, wie es in ihren 
Spatzenhirnen als richtig gilt. Wenn ich einer von ihnen waere, dann 
waere ich etwa der grosse Mann; heute schon. Aber ich brauche sie nicht, 
um mir von ihnen meine geschichtliche Groesse bestaetigen zu lassen..... 

p.161. Rauschning, Gespraeche

Auf solche Weise machte sich Hitler Mut. Er entliess uns. Er war wie ein 
Mensch, der sich soeben eine Morphiumspritze gegeben hatte. 

p.162. Rauschning, Gespraeche

Hitler hat sich uebrigens nie mit dem Detail von Fragen abgegeben, mit zwei 
Ausnahmen: der Aussenpolitik und der Wehrmacht. Das, was man die 
Beherrschung einer Materie nennt, war ihm vollkommen gleichgueltig. Er 
wurde ungeduldig, wenn man ihm mit Detailproblemen kam. Er hatte eine 
grosse Abneigung vor reinen "Fachmaennern" und hielt auf ihr Urteil gar 
nichts. Er betrachtete Fachmaenner nur als Handlanger, als Pinselwascher 
und Farbenreiber, um in der Begriffswelt seines Malergewerbes zu bleiben. 

p.172. Rauschning, Gespraeche

....Eine Entscheidung ueber diese oder jene Richtung war von ihm nicht zu 
erlangen. Es war nicht das erstemal, dass er, wenn Schwierigkeiten 
auftauchten, alles beiseite schob, was er soeben noch geplant hatte, und 
sich auch gar nicht weiter darum bekuemmerte, was fuer ein Truemmerhaufen 
zurueckblieb. Er sprang fuer seine Person aus allen belaestigenden 
Schwierigkeiten heraus, und wollte dann ueberhaupt nicht mehr erinnert 
werden. Die Gabe zu vereinfachen, das war es, was er auch hier wieder als 
seine besondere Faehigkeit hinstellte, die ihn seiner Umgebung 
ueberlegen machte. 

p.174. Rauschning, Gespraeche


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