The Nizkor Project: Remembering the Holocaust (Shoah)

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Die Wiener Hungerjahre und anscheinend ebenfalls die Gasvergiftung haben 
den Magen angegriffen; er klagt 1928 ueber ein Magenleiden und vermeidet 
schwere Fleischspeisen, ist aber kein absoluter Vegetarier, liebt 
Suessigkeiten in grossen Mengen, die Wiener Mehlspeisen der Stiefschwester 
Angela werden hochgeschaetzt.  Alkohol trank er bis 1923, seitdem meidet 
er ihn.  Ein Gesetz gegen Alkoholmissbrauch hat er 1928 trotzdem scharf 
bekaempft, weil "nur der Jude den Vorteil davon haette"; in Wahrheit, 
weil es unpopulaer war.  Die Versammlungserfolge in Muenchen waeren ohne 
Bier unmoeglich gewesen.

   Der Augenhunger und das Amuesierbeduerfnis sind fast krankhaft.  Zwei- 
ja dreimaliger Kinobesuch taeglich waren vor der Machtergreifung nicht 
selten;  seitdem laesst er sich die Filme in der Reichskanzlei vorfuehren.  
Dass es pornographische Filme seinen, wird von Kundigen bestritten und 
ist auch unwahrscheinlich.  Eine Zeit lang schaetzte er den Komiker Felix 
Bressart; er sagte: "Schade, das der Bressart ein Jud ist!"
 
  Eine Zeit lang konnte man an Hand der deutschen Presse verfolgen, wie 
erfolgreich der Kanzler Hitler der Arbeit aus dem Wege ging.  Da wurden Tag 
fuer Tag diese Baustelle der Reichsautobahn besichtigt, jene Fuehrerschule 
eingeweiht, unvermutet ein Lager der Hitler-Jugend aufgesucht, und das Ende 
war der Flug nach Berchtesgaden.  Schliesslich verbot der Stellvertreter 
Rudolf Hess die Veroeffentlichung von Berichten ueber den Aufenthalt des 
Fuehrers, die nicht von der Reichskanzlei autorisiert seien.  Aber fuer 
diese Reichskanzlei wird in Bad Reichenhall ein eigenes Gebaeude errichtet 
und im nahen Ainring ein Privatflugplatz fuer Hitler angelegt; er zwingt 
sich nicht nach Berlin, wo die Faeden der Geschaefte zusammenlaufen; nein, 
er zwingt die Reichsregierung an den Fuss des Obersalzberges.

   Seine Disziplinlosigkeit steigert sich zuweilen zu Anfaellen von 
Gestoertheit.  Schon als junger Mensch hatter er in Beratung bei Ludendorff 
mit den Fingern auf den Tisch getrommelt und war dann fast ohne 
Entschuldigung davongestuerzt.  Jetzt ist es noch viel schlimmer.  Im 
Fruehjahr 1932, ein Jahr vor der Machtergreifung, haelt er vor dem Verband 
bayrischer Industrieller einen Vortrag.

Heiden, Konrad: Adolf Hitler. 1936.  pp.346,347.

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Die Atmosphaere ist hier noch unguenstiger als bei den Rheinlaendern in 
Duesseldorf; die Bayern kennen Hitler schon von 1923 her und schaetzen ihn 
nicht; ihr Fuehrer Dr. Kuhle, einst Hitlers Geldgeber, hasst ihn geradezu.  
Hitler spuert die Feindseligkeit, vergebens laesst er hier seinen Witz vom 
"groessten Wirtschaftsfuehrer" los; er stockt, sieht auf den Tisch, 
Schweigen alles sieht sich verbluefft an.  Peinliche Minute.  Ploetzlich 
dreht sich Hitler auf dem Absatz um und geht ohne ein Wort an die Tuer. 
... da kommt Rudolf Hess, der seinen Fuehrer hinausbegleitet hat, verlegen 
zurueck: die Herren moechten entschuldigen, Herr Hitler koenne seinen 
Vortrag nicht fortsetzen, er werde zu einer dringenden Besprechung erwartet.

   Unglaubliche Szene.  Aber sie hat sich buchstaeblich ein Jahr spaeter 
wiederholt.  Diesmal sollte Hitler, bereits Reichskanzler, vor dem 
Reichsverband der Deutschen Presse sprechen.  Wieder sind, wie bei den 
Industriellen, Gegner da; das scheint ihn zu stoeren.  Wieder setzt er 
an, verliert ploetzlich den Faden.  Schweigt einige Zeit und verlaesst 
dann wortlos den Saal.  Bestuerzt bittet Walther Funk die Kollegen um 
Entschuldigung, der Herr Reichskanzler habe sich leider entfernen muessen.

   Seine ganze Lebens und Arbeitsweise widerlegt die kitschige Legende 
von der Schlichtheit und Anspruchslosigkeit des Fuehrers.  Er nimmt nicht 
an Festbanketten teil?  Er entbindet sich von dieser laestigen 
Verpflichtung, ueber die Stresemann stoehnte und der er schliesslich erlag.  
Er verzichtet auf sein Kanzlergehalt?  Er war bis zur Machtergreifung 
finanziell beteilligt an allen nationalsozialistischen Zeitungen; seitdem 
ist das Buch "Mein Kampf", Preis sieben Mark zwanzig fuer die einbaendige 
Ausgabe, in zwei Millionen Exemplaren ins deutsche Volk hineingepresst 
worden; Gliederungen der Deutschen Arbeitsfront haben es an ihre Mitglieder 
verschenkt.  Er bewohnt kein Schloss, weil der Aufenthalt in einem maessig 
grossen Landhause viel behaglicher ist; er verzichtet auf Alkohol, schweres 
Fleisch und Tabak, weil er sie nicht vertraegt.  An seinem 
fuenfundvierzigsten Geburtstag entzog er sich allen laermenden Ehrungen 
durch einen Ausflug mit nicht weniger als sechs Automobilen; der 
"Illustrierte Beobachter" brachte zwei Seiten Photographien.

Heiden, Konrad: Adolf Hitler. 1936.  pp.347,348.

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Reiche Leute pflegen selten drei Schnitzel auf einmal zu essen.  Man 
kann den nicht beduerfnislos nennen, der jeden Augenblick seinen 
Geluesten nachgibt; die Gelueste Adolf Hitlers sind Reisen, Kino und 
Theater und Spazierengehen auf dem Obersalzberg.  Die deutsche 
Oeffentlichkeit ist fortgesetzt Zeuge.  Man braucht ihm nun keinen 
Vorwurf daraus zu machen, dass er sich den Kleinkram vom Leibe und den 
Kopf klar haelt.  Aber so, wie er bestimmtes notwendiges Wissen, z.B. in 
wirtschaftlichen Fragen aus Bequemlichkeit nie erworben hat, so verzichtet 
er auch aus Bequemlichkeit auf jene Genuesse, die in Wahrheit nur laestige 
gesellschaftliche Verpflichtungen sind und den meisten Maennern irgendwie 
von ihren Frauene aufgenoetigt werden.  Er bricht ploetzlich eine 
Sitzung ab, um sich von einer versteckten Loge aus, bequem hineingeraekelt, 
die "Fledermaus" anzuhoeren; das ist eine vernuenftige Entspannung, aber 
man soll darum auch nicht behaupten, dass er aus Bescheidenheit das 
gepanzerte Frackhemd und das Angestarrtwerden in der Prunkloge vermeidet.

   Der kleine Junge, dem "gaehnend uebel" wurde bei dem Gedanken, als 
"unfreier Mann" im Buero zu sitzen, hat sein Ziel erreicht, wie noch selten 
einer.  Wenn ich erst gross bin, mache ich den ganzen Tag, was ich will -- 
diesen Knabenwunsch hat Adolf Hitler sich wie wenige Menschen erfuellt.

   Diese tief zerrissenen, gegen sich selbst schwache und misstrauische 
Natur hat trozdem eine ungeheure Leistung vollbracht.  Adolf Hitler hat das 
deutsche Volk unterworfen und jene Macht erworben, die das beruhigendste 
und niederschlagendste Mittel fuer alle Zweifel ist.... Hitlers letztes 
Ziel ist die persoenliche Erhoehung.  Wann ist er sich dieses Ziels zuerst 
bewusst geworden?  Schon im Schuetzengraben wurde ihm klar, dass er etwas 
koenne, was andere nicht koennen.  Damals stellte er sich den Weg wohl 
noch ungefaehr so vor, dass ein Mann, wie er berufen sei, dem deutschen 
Kaiser das deutsche Volk zu bringen; damit wird praktisch schon das 
Hoechste erstrebt.  1921 lernt er Ludendorff kennen....
....

   Hitler erklaert Ludendorff bescheiden, er wolle ja nicht regieren, 
sondern nur der "Trommler sein; im Stillen weiss er wohl schon, wieviel 
staerker ein Trommler sein kann, als ein General.  Dann sagt er, weil man 
ihn wegen einer Pruegelei zu Gefaengnis verurteilt hat, bitter, so wie ihn 
habe auch vor zweitausend Jahren der Poebel Jerusalems einen zur 
Richtstaette geschleift.  Aber gleich wird er wieder bescheiden; seinem 
Bibliographen Schott erklaert er: "Wir sind ja alle ganz kleine 
Johannes-Naturen. 

 Ich warte auf den Christus".

   Noch ist Hitler gegen Ludendorff wenigstens aeusserlich fuegsam.  Aber 
schon ist sein Spiel mit dem General klarer Betrug an diesem.  Schon geht 
er bewusst den steilen Fuerstenhoehen entgegen.  Ein Jahr spaeter ruft er, 
neben Ludendorff stehend, seinen

 Richtern zu:

Heiden, Konrad: Adolf Hitler. 1936.  pp.348,349, 350.

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  Nehmen Sie die Ueberzeugung hin, dass ich die Erringung eines 
Ministerpostens nicht als erstrebenswert ansehe.  Ich halte es eines 
grossen Mannes nicht fuer wuerdig, seinen Namen der Geschichte nur dadurch 
ueberliefern zu wollen, dass er Minister wird. 

   Was mir vor Augen stand, das war vom ersten Tage tausendmal mehr; ich 
wollte der Zerbrecher des Marxismus werden.  Ich werde die Aufgabe loesen, 
und wenn ich sie loese, dann waere der Titel eines Ministers fuer mich 
eine Laecherlichkeit.  Als ich zum ersten Mal vor Richard Wagners Grab 
stand, da quoll mir das Herz ueber vor Stolz, dass hier ein Mann ruht, der 
es sich verbeten hat, hinaufzuschreiben: Hier ruht Geheimrat Musikdirektor 
Exzellenz Baron Richard von Wagner.  Ich war stolz darauf, dass dieser 
Mann und so viele Maenner der deutschen Geschichte sich damit begnuegten, 
ihren Namen der Nachwelt zu ueberliefern, nicht ihren Titel.  Nicht aus 
Bescheidenheit wollte ich "Trommler" sein.  Das ist das Hoechste, das 
andere ist eine Kleinigkeit."

   Hier hat er es laut und deutlich gesagt, dass er selbst sich fuer 
einen Grossen haelt; fuer einen "Marathonlaeufer der Geschichte", wie er 
einmal in trueber Stunde es ausdrueckt; denn "je groesser die Werke eines 
Menschen fuer die Zukunft sind, umso schwerer ist auch der Kampf und um 
so seltener der Erfolg.... der Lorbeerkranz der Gegenwart beruehrt nur 
[unreadable] die Schlaefen des sterbenden Helden."  An die Spitze dieser 
tragisch Grossen stellt er merkwuerdigerweise Friedrich den Grossen, Martin 
Luther und Richard Wagner, drei Maenner also, die sich ueber Mangel an 
aeusseren Erfolg wirklich nicht beklagen konnten.  Bismarck steht ein wenig 
abseits: er ist mit seiner nuechternen Definition der Politik als "Kunst 
des Moeglichen" nach Hitlers Meinung "etwas bescheiden".

   Koennte ein Beichtvater diesen Adolf Hitler einmal am innersten Gewissen 
packen und ihn fragen: wer ihn, dies schwache Gefaess, diesen steilen Weg 
habe gehen heissen, so wuerde er ohne Zaudern antworten: der Allmaechtige.  
Er glaubt an das Goettliche, doch sicher nicht an den Gott der Kirche.  
Gottesdiensten bleibt er fern.  Die Beguenstigung des Neuheidentums durch 
die staatlichen Gewalten in Deutschland, der kulturelle Einfluss Rosenbergs, 
die Bedraengung der Kirche gehen auf ihn zurueck.  Zwar hat er vernuenftige 
Worte gegen die Maenner gefunden, die die Partei mit religioesen 
Streitigkeiten behelligen; er hat deutlich genug erklaert, dass er sich nicht 
zum religioesen Reformator berufen fuehle.  Aber er selbst findet nun einmal 
keine Befriedigung im Glauben seiner katholischen Kirche.  Als Soldat hat 
er noch die Kommunion empfangen, als Reichskanzler den Festgottesdienst zur 
Reichtagseroeffnung

Heiden, Konrad: Adolf Hitler. 1936.  pp.350,351.

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bruesk geschnitten.  So entspricht die neuheidnische Bewegung vielleicht 
nicht ganz seinen politischen Grundsaetzen, aber sicherlich seinem 
persoenlichen Gefuehl.  Er hat ein sehr persoenliches Verhaeltnis zum 
Jenseitigen und glaubt an eine besondere Leitung durch das Schiksal.  Von 
guten Freunden hat er sich das Horoskop stellen lassen, und als er 
oeffentlich im September 1932 gegen Hindenburg polemisierte, lautete das 
so: Mein grosser Gegenspieler Reichspraesident von Hindenburg ist heute 85 
Jahre alt. 

 Ich bin 43 und fuehle mich ganz gesund.  Mir wird auch nichts passieren, 
denn ich fuehle deutlich fuer welch grosse Aufgaben mich die Vorsehung 
ausersehen hat.  Bis ich einmal 85 Jahre alt bin, lebt Herr von Hindenburg 
schon lange nicht mehr."

   Im engeren Kreis hat er einmal zwei Geschichten erzaehlt, die ihm das 
Anzeichen eines persoenlichen hoeheren Schutzes sind"

   In einer mitteldeutschen Stadt, in der er sprechen sollte, wollten 
politische Gegner ihn ueberfallen.  Er kam mit dem Wagen; durch ein 
Missverstaendnis wurde er nicht auf dem abgesperrten Wege zum 
Versammlungslokal geleitet, sondern geradewegs in einen Stadtteil, der von 
gegnerischen Massen besetzt war.  Der Wagen fuhr auf eine Bruecke zu, vor 
der die Gegner sich in dichten Haufen draengten.  Umkehren vor den Augen 
des Feindes war nicht mehr moeglich, das Aeusserste schien zu drohen.  In 
diesem Augenblick sieht Hitler, wie die Menge sich auf ein Individium 
stuerzt, das mit ihm selbst eine gewisse Aehnlichkeit hat.  Man haelt 
diesen Menschen offenbar fuer Hitler, schleppt ihn zum Brueckengelaender 
und wirft ihn ins Wasser.  Hitler selbst entkommt in der allgemeinen 
Verwirrung.

   Die Geschichte ist hier so berichtet, wie ein ernster und glaubwuerdiger 
Zeuge sie von Hitler persoenlich gehoert hat.  Demselben Gewaehrsmann 
berichtet er: "Ich sass im Felde mit mehreren Kameraden beim Essen.  
Ploetzlich befahl mir die innere Stimme:

 Stehe auf und setze Dich auf den Platz dort!  Ich gehorchte, der Platz 
war ungefaehr zwanzig Meter entfernt.  Kaum war ich da, schlug die Granate 
unter meine Kameraden, keiner entkam."

   Ein ganz triebhafter Mensch glaubt an Berufung und Stimmen.  Ein 
Inkonsequenter ziert sich mit formaler Logik.  Ein tief Unzuverlaessiger 
spielt sich und der Welt uebermenschliche Treue vor.

   Hitler gleicht dem Negerkoenig, der sich von einem Europaer portraetieren 
liesse und gern als Weisser gemalt sein wollte.

Heiden, Konrad: Adolf Hitler. 1936.  pp.351,352.

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