The Nizkor Project: Remembering the Holocaust (Shoah)

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an Hitler, namentlich in den frueheren Jahren, fallen der korrekte weiche 
Kragen und der korrekte Schlips, das korrekte zweireihige Sakko, auch der 
korrekte braune Mantel und die korrekten langen Hosen dermassen auf, dass 
der erste Eindruck nur der eines korrekten unbedeutenden Herrn ist.  Die 
einzige "Note" ist ein Stock, spaeter eine Hundepeitsche aus Nilpferdhaut, 
Waffe gegen etwaige Ueberfaelle.  Eine zeitlang war die Umgebung empoert, 
weil er keinen Anstoss daran nahm, zum Cutaway braune Halbschuhe zu 
tragen.  Spaeter schluepft er immer haeufiger in die Uniform der Bewegung; 
auch hier traegt er stets das Kleid des unbekannten SA-Manns, wie sonst 
das des unbekannten Durchschnittsbuergers.  Die Propaganda nennt das 
Schlichtheit; es ist tatsaechlich nur die Furcht, mit einer 
Besonderheit etwas falsch zu machen.

   Den Mangel an Originalitaet offenbart auch sein Verhaeltnis zur Kunst.  
Es gibt hier einige Erzeugnisse von ihm, die sehr bekannt sind.  Zwar die 
Zeichnungen und Aquarelle aus der Wiener Zeit und aus dem Kriege verdienen 
nichts als Vergessenheit.  Eine der verbreitesten Kunstschoepfungen der 
ganzen Welt dagegen ist das von Hitler entworfene Parteiabzeichen.  Dies 
Abzeichen, das das Hakenkreuz sichtbar machen soll, schlaegt es geradezu 
tot. ...

   ... warum diese SA-Standarte jedoch von einer ringfoermigen goldenen 
Wurst gekroent ist, die ein zweites Hakenkreuz umschliesst und oben einen 
flatternden Vogel traegt, ist das Geheimnis des Kuenstlers Hitler, dem 
offenbar nur die verbrauchtesten Ornamente in der verbrauchtesten 
Zusammenstellung, und zwar gerade leider am falschen Platz, einfallen.  
Offenbar hat er an roemische und napoleonische Feldzeichen gedacht.  
Ueberhaupt liebt er die Latinitaet; siehe den Kopf des "Voelkischen 
Beobachters"!

   Einen Zug zum Groessenwahn haben seine bis jetzt bekannt gewordenen 
Bauprojekte und Bauausfuehrungen.  ....Die Anlage des Parteitagsgelaendes 
in Nuernberg, gleichfalls von ihm stark beeinflusst, ist eine politische 
Offenbarung: rueckhaltloser Aufbau der Volksmasse als Staffage, 
ausschliessliche Gestaltung des Raumes als Feld und Buehne fuer den 
Fuehrer.  In der dominierenden Architektur scheint ueberhaupt seine 
Staerke zu liegen.

   Am ungeheuerlichsten und traurigsten sucht er die Monumentalitaet 
und trifft den Durchschnitt in seinem Stil.  Dieses nach dem Lineal 
geschnittene Pappdeckel

Heiden, Konrad: Adolf Hitler. 1936.  pp.337,338,339.

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Deutsch ist nicht einfach schlecht, sondern verraeterisch schlecht.  Man 
soll nicht schreiben, wie man spricht, denn das gaebe auf dem Papier einen 
faseligen Wortschwall; aber man soll so schreiben, wie man mit 
Konzentration sprechen wuerde.  So aber, wie Adolf Hitler schreibt, hat 
noch nie ein Mensch gesprochen, er selbst schon gar nicht. ...

   In seinem Stil stoesst eine grosse natuerliche Sprechlust dauernd an 
die Angst, etwas Unpassendes zu sagen.  Die "parlamentarischen 
Gaenseriche", die "Tintenritter" und "enthoernten Siegfriede" klingen 
unbefangen und kraeftig wenn er dazwischen ruft "wahrhaftiger Gott!" oder 
mit "am Ende vielleicht doch auch" herumtastet, dann hoert man einen, der 
ehrlich und vielleicht etwas unsicher seine Meinung sagt.  Aber dann 
fluechtet er ploetzlich wieder unter die schuetzende Autoritaet der 
Substantive, die oft genug aus vergewaltigten Verben und Adjektiven 
unnoetig zusammengekuenstelt sind.

   Er hat geringes Vertrauen zum normalen sprachlichen Ausdruck; liebt es 
nicht, eine Sache einfach zu benennen.  Wo es geht, verdoppelt er.  Zu 
Beginn von "Mein Kampf" soll ein Satz mit "nein" anfangen, aber er 
schreibt, obwohl niemand widerspricht, aufgeregt: "nein, nein!".  ...
.....die Worte sind bei ihm billig, er gibt sie in Masse; fuehlt 
offenbar, dass er fuer einen Gedanken nicht den praezisen Ausdruck trifft 
und stellt darum mehrere Ausdruecke zur Auswahl.  Im tiefsten Grunde 
glaubt er den eigenen Worten nicht.

Heiden, Konrad: Adolf Hitler. 1936.  pp.339,340,341.

   Immer wieder muss man bedenken, dass seine Wuerde etwas Angenommenes, 
und Zuegellosigkeit seine Natur ist.  Der Tag wird ohne Hemmung verbracht; 
er findet sich morgens nicht aus dem Bett und abends nicht hinein.

   Sein Staatssekretaer Funk hat der Oeffentlichkeit in einem Interview 
mitteilen wollen, dass Adolf Hitler "Tag fuer Tag, ja fast Stunde um Stunde 
mit letzter Anstrengung das Hoechstmass seiner seelischen und geistigen 
Kraefte fuer die deutsche Revolution ausnutze".  Aber er liess doch 
einfliessen, dieser "genialste unserer Zeitgenossen" beginne erst um 10 
Uhr mit der Arbeit, naemlich dem ersten Referentenvortrag.  Diesen Vortrag 
halten die Staatssekretaere Lammers und Funk; sie melden Besuche an, lesen 
wichtige Post vor und berichten ueber den Inhalt der Zeitungen.

Heiden, Konrad: Adolf Hitler. 1936.  p.341.

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"Wenn die Zeit ausreicht, so wendet sich die Aussprache den fuer den 
laufenden Tag bevorstehenden Beratungen oder auch grundsaetzlichen 
Eroerterungen ueber politische, wirtschaftliche und andere Fragen zu."  
Die beruehmten Monologe Adolf Hitlers, die behutsamen Korrekturen seines 
Lehrers Funk!  Dann Besuche.  Um zwei Uhr wird gegessen; ein fast 
taeglicher Tischgast ist, wenn Hitler sich in Berlin aufhelt, Dr. Goebbels, 
ferner Rudolf Hess.  Selbstverstaendlich das persoenliche Gefolge: Otto 
Dietrich und Ernst Hanfstaengl, genannt Hugin oder Munin nach den beiden 
Raben, die auf Wotans Schulter sitzen und ihm Weisheit zufluestern; ferner 
der Adjutant Brueckner und der Leibgardist Schaub.  Manchmal sind mehr 
als zwanzig Menschen da.  Selten ist Goering dabei.

   Nachmittags, wenn man nicht gerade reist, wieder Besprechungen.  Die 
eigentlichen Kabinettssitzungen unter Vorsitz des Kanzlers sind selten; 
die sachlichen Arbeitssitzungen der Kabinettsausschuesse finden ohne 
Hitler statt.  Dieser liebt mehr die formlosen "Chefbesprechungen", d.h. 
Gruppenbildung innerhalb des Kabinetts, wozu er sehr geschickt bald diesen, 
bald jenen heranholt.  Wenn dieser Berliner Tag zu Ende geht, notiert 
vielleicht Goebbels in sein Tagebuch: "Spaet abends kommt noch der 
Fuehrer.  Musik gemacht, dann bis tief in die Nacht hinein diskutiert.  
Das tiefe fachmaennische Wissen des Fuehrers auf fast jedem Gebiet ist 
einfach fabelhaft".  Funk findet seinen Fuehrer dagegen bei der Lekture 
"meist historischer und politischer Schriften und Buecher".

   Was fuer Buecher?  Man hat ihn laecherlich machen wollen, weil er 
Indianerromane von Karl May lese.  Gewiss ist er ein Halgbebildeter... 
Aber auch die schwuelstig geschriebenen, schon grammatisch fast 
ungeniessbaren politischen Schriften Richard Wagners gehoeren zu seiner 
Lieblingslektuere.

   Die Vorliebe, ja geistige Hoerigkeit Hitlers Richard Wagner gegenueber 
ist aeusserst aufschlussreich. ....... Hier fuehlt Hitler sich maechtig 
angesprochen.  Die Meistersinger, uebrigens Wagners leichteste Oper, had 
er nach Goebbels Zeugnis mehr als hundertmal gehoert.

   Eines Tages fragte er am Stammtisch: "Habt Ihr die Erinnerungen von 
Trotzki gelesen?"  Antwort: ja, ein scheussliches Buch, Memoiren des 
Satans.  Hitler: "Scheusslich?  Glaenzend!  Was fuer ein Kopf; ich habe 
viel daraus gelernt".

   Den "Untergang des Abendlandes" von Oswald Spengler hat er aufmerksam 
studiert und dann schroff abgelehnt.

Heiden, Konrad: Adolf Hitler. 1936.  pp.341,342,343.


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Er will kein Spenglerscher Caesar sein.  Spengler verachtet die Masse; 
auch Hitler verhoehnt die "Majoritaet von Dummheit, Feigheit und 
Besserwissen".  Aber mag Hitler mit einem gelehrten Mann wie Spengler 
diskutieren; der Fuehrer, selbst ein Kind der Masse, wird 
Massenverachtung keinem gestatten, der sich nicht auf Massenbeherrschung 
versteht. .....  im Sommer 1933, nachdem der Sieg errungen war, hatte 
Spengler in Bayreuth eine zweistuendige Aussprache unter vier Augen mit 
Hitler.  Seine Enttaeuschung war ungeheuer.

Heiden, Konrad: Adolf Hitler. 1936.  p.343.

   Das Verhaeltnis Adolf Hitlers zum Geist ist nun einmal nicht 
befriedigend.  Er hat in "Mein Kampf" den kulturellen Fragen im engeren 
Sinne mehr als hundert Seiten gewidmet; sie sind das weitaus schwaechste des 
verworrenen, in einzelnen Teilen doch interessanten Buches. .....Bei aller 
Bereitwilligkeit, Hitler auch hinter seinen ungelenken Ausdruecken zu 
verstehen, schaelt man als die praktischste seiner Forderungen die nach 
Kuerzung des wissenschaftlichen Unterrichts in der Schule heraus, damit 
mehr Zeit fuer Boxen bleibe -- den Sport, den er vor allen hochschaetzt.  
Trotzdem plaediert er mehr fuer humanistischen Unterricht, anscheinend 
ohne sich klar zu sein, dass weder die roemische Geschichte, die "beste 
Lehrmeisterin fuer alle Zeiten", noch "das hellenische Kulturideal in 
seiner vorbildlichen Schoenheit" sich geistig so mit der linken Hand 
"allgemein, in grossen Zuegen" erarbeiten lassen.  Sein Hauptziel in der 
Erziehung ist die Erzeugung "fanatischer, ja hysterischer Leidenschaft" 
fuer die eigene Nation.

   Es ist schwerlich ein Zufall, dass die Begegnungen Hitlers mit den 
Vertretern des deutschen Geistes meist nicht sehr eindrucksvoll verlaufen.  
Bei der Eroeffnung der Reichskulturkammer in der Berliner Philharmonie im 
Jahre 1934 wird ein Zusammentreffen mit dem Dichter Gerhart Hauptmann 
arrangiert.  Der Schauspieler Carl Zander uebernimmt die Vorstellung.  
Wenn Gerhart Hauptmann Huld und Leutseligkeit erwartet hat, wird er 
enttaeuscht.  Hitler ergreift Hauptmanns Hand, sieht ihm starr ins Auge, 
nicht unfreundlich, auch nicht liebenswuerdig, etwa, als wolle er sagen:  
Aha, Gerhart Hauptmann -- du hast zu unseren Gegnern gehoert; nun kommst 
du zu uns; gut, weil du immerhin Gerhart Hauptmann bist, akzeptiere ich 
das, aber mehr ist nicht zu sagen.... die Umstehenden wollen gezaehlt 
haben, dass Haendedruck und Blick genau siebzehn Sekunden gedauert haben, 
dann geht Hitler weiter.  Kein Wort zu Deutschlands immerhin groesstem 
lebenden Dramatiker.

Heiden, Konrad: Adolf Hitler. 1936.  pp.344,345.

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Spengler hat Hitler den Gefallen getan, ihn einen "Handelnden" zu nennen, 
aber er spuert wohl, dass er mehr ein Gruebelnder und Getriebener, 
bisweilen dann sich Ueberstuerzender ist.  Ein Mann der seine Entschluesse 
nicht im hellen Tageslicht fasst, sondern in einsamer Nachtstunde, wo er 
bis in den grauenden Morgen hinein nach Goebbels Zeugnis seine 
Denkschriften diktiert und am beginnenden Morgen nach Funks Bericht das 
Lager aufsucht.  Dann kaut er wochen- und monatelang an Plaenen herum, 
spricht von ihnen zu keinem Menschen; eines Tages wird die Welt mit 
einem "blitzschnellen Entschluss" ueberrascht.  Einer seiner 
hemmungslosesten Bewunderer, Dr. Robert Ley, erzaehlt einmal:

   "Die ueberragende Genialitaet unseres Fuehrers erkennen Sie in 
folgendem Beispiel: Wir hatten -- es war im Mai 1933 -- den ganzen Tag 
mit den Leitern der Deutschen Arbeitsfront zusammengesessen und ueber den 
geplanten staendischen Aufbau beraten.  Gegen Abend kam der Fuehrer und 
fragte, wie weit wir seien.  Ich antwortete: Mein Fuehrer, ich muss 
bekennen, dass die Frage sehr schwierig ist.  Da laechelte der Fuehrer 
und sagte: Das habe ich mir gedacht; nun, ich will euch jetzt sagen, wie 
ich mir die Sache denke.  Und dann hielt der Fuehrer uns einen 
einstuendigen meisterhaften Vortrag, in dem alle Probleme geradezu genial 
geloest waren.  Als er fertig war, sagte ich: Mein Fuehrer, hier sitzen 
doch viele Maenner, die sich mit diesen Fragen jahrelang beschaeftigt 
haben; es ist erstaunlich, wie Sie als Nichtfachmann ein Problem loesen 
koennen, mit dem wir alle nicht fertig werden.  Da ging wieder ein Laecheln 
ueber das Gesicht des Fuehrers, und er antwortete:  "Das will ich euch 
erklaeren.  In den Kampfjahren der Bewegung habe ich viele Naechte lang 
wachgelegen und ueber diese Frage nachgedacht, weil ich wusste, wir werden 
sie sofort in Angriff nehmen muessen".  Das Resultat dieses Nachdenkens 
war der sofortige Abbruch des staendischen Aufbaus, die Zerstoerung der 
Gewerkschaften und die Einsetzung von staatlichen "Treuhaendern der Arbeit".

   Dieser Gruebler und Zauderer ist aber keine Schlafmuetze.  Im 
Gegenteil, er ist voll scharfen Welthungers; sehen, immer wieder sehen und 
abgelenkt werden, ist ihm Beduerfnis.  Seine beiden groessten 
Leidenschaften sind Auto und Kino; das Auge verlangt Nahrung.  Sport 
treibt er ueberhaupt nicht.  Die Maessigkeit in gewissen Genuessen ist 
koerperlich bedingt.  Die Empfindlichkeit der Atemwege -- das Lungenleiden der Jugend, die spaetere Gasvergiftung -- verbietet das Rauchen.

Heiden, Konrad: Adolf Hitler. 1936.  pp.345,346.

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