The Nizkor Project: Remembering the Holocaust (Shoah)

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Date: Sun, 27 Oct 1996 10:47:25 -0600
To: Sara 
From: werner@ddg.com (Werner Uhrig)
Subject: 827-835.text

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Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa 1937.
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   Vor einigen Jahren liess Rudolf Hess sich in Harlaching bei
Muenchen eine Villa bauen.  Hitler kam und besichtigte.  Hess begann
zu schwarmen; es sei immer sein Traum gewesen, in solchem Hause
zwischen Wald und Feld das Alter zu verbringen; hier mit dem Blick
auf die Alpen, seine Tage zu beschliessen.
   Darauf Hitler, strafenden Tones -- und in seinen Worten war vielleicht
nicht alles ganz ehrlich, sondern ein Stueck nur nationaler Komment,
sogenannter guter Ton unter Maennern, jedenfalls aber das, was unter
Freunden als wahre Gesinnung ohne Trug zu gelten hat:
   "Aber nein, Hess, sterben wollen wir doch ganz wo anders!"
   Hess riss sich zusammen und erwiderte: "Jawohl, mein Fuehrer."

Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.p.189.




   Eine sehr bekannte deutsche Schauspielerin sollte vor einiger
Zeit von einer grossen Filmgessellschaft engagiert werden.  Man legte
ihr nahe: wenn sie den Kontrakt haben wolle, moege sie einwilligen,
zwei- bis dreimal in der Woche den Fuehrer und Reichskanzler bis
gegen drei Uhr nachts Gesellschaft zu leisten.
   Es war ein durchaus ehrbares Angebot: die Dame sollte an einer
der menschenreichen Gesellschaften teilnehmen, die dem Kanzler in
bunten Haufen seine schlaflosen Naechte durchwachen helfen.  In der
Tat kann Hitler nicht schlafen und zwar seit zwei Jahren nicht.
Schon den Kameraden der fruehen Zeit fiel das auf; wenn er sie durch
klare und ausfuehrliche Analyse einer politischen Lage, durch eine
schnelle Entscheidung verbluefft hatte, getand er zuweilen: er habe
die ganze Nacht wach gelegen und nachgedacht.  Der Staatssekretaer
Funk hat geschildert, wie er die Naechte durchlese, angeblich
historische Schriften, tatsaechlich Kriminalromane.  Goebbels hat in
einer Rede berichtet: er kommt selbst nach zwei schweren Arbeitstagen
mit dem Flugzeug abends in Berlin an, will nachts um ein Uhr uebermuedet
zu Bett gehen und wird ploetzlich telephonisch in die Reichskanzlei zu
Hitler gerufen. "Um zwei Uhr nachts sass er noch frisch mitten in der
Arbeit allein in seiner Wohnung und liess sich nahezu zwei Stunden
Vortrag ueber den Bau der Reichsautobahn halten.  "Was bestimmt noch
bis zum naechsten Tag und dann noch viele Tage Zeit gehabt haette;
Hitler konnte eben nicht schlafen, und sein todmueder Minister musste
ihn bis vier Uhr morgens von einer seiner Liebhabereien unterhalten.
Derselbe Goebbels schildert einen Besuch auf dem Obersalzberg:
"Jede Nacht bis morgens sechs bis sieben Uhr sah man den Lichtschein
aus seinem Fenster fallen.  Der Fuehrer diktierte die grossen Reden,
die er einige Tage spaeter auf dem Kongress (1934) hielt."
   Hitlers naechtliche Gesellschaften in seiner Berliner Privatwohnung
in der Reichskanzlei sind fuer einen nicht einmal allzu beschraenkten
Kreis fast ein oeffentlicher Treffpunkt.  Zuerst wird ausserordentlich
lange getafelt, oft mehrere Stunden; dann wird musiziert, der Freund
Hanfstengl produziert sich auf dem Fluegel, das Lied an den Abendstern
aus Wagners Tannhaeuser gehoert zu Hitlers Lieblingsmelodien.

Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.pp.190.191.



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   Seine persoenliche Liebenswuerdigkeit in privatem Verkehr wird
geruehmt, doch ebenso seine unbeschraenkte Aufnahmefaehigkeit fuer
Schmeicheleien; dass er groesser sei als Napoleon oder Friedrich der
Grosse, darf man ihm mit ruhiger Sachlichkeit ins Gesicht sagen; sofern
es nur mit Ernst und dem Hinzufuegen, man wolle nicht schmeicheln, geschieht.
Schon Roehm hat in seiner Lebensbeschreibung auf die Schmeichlergesellschaft
um Hitler gewettert.  Einer der ruecksichtslosesten Ausnutzer dieser
Schwaeche, Goebbels, hat seine Briefe an den Fuehrer drucken lassen, in
denen er ihm schlicht bezeugt: "Vor dem Muenchener Gerichtshof wuchsen Sie
fuer uns in die letzte menschliche Groesse.  So Grosses ist in Deutschland
seit Bismarck nicht mehr gesagt worden."  Die noch dickeren Schmeicheleien
des sogenannten Tagebuches wurden frueher erwaehnt.  Wie alle innerlich
Unsicheren ist Hitler ein Spiegelmensch, der sich gern vor dem Spiegel
beobachtet und auch vor ihm seine Reden einstudiert, bis auf die Hand-
bewegungen.
   Der engere Personenkreis um ihn hat sich zusammengezogen und ihn noch
einsamer gelassen.  Die Schwester Angela, Mutter der toten Nichte Geli,
seit jenem trueben Fall in der Naehe des Bruders bedrueckt, hat ihn nunmehr
verlassen und im Februar 1936 den Professor Martin Hammitzsch in Dresden
geheiratet.  Eine Freundin in Muenchen, Fraeulein B., von Beruf Photographin,
luxurioes erst in einer Wohnung an der Widenmayerstrasse, spaeter im eigenen
Haus im Vorort Bogenhausen untergebracht, ist keine Gefaehrtin.  In seiner
Vereinsamung sind ihm Kinder fast die liebste Gesellschaft, und wieder weiss
Goebbels mit seinen kleinen Toechtern diesen Hang zu nutzen; wie denn ueber-
haupt die Familie des Propagandaministers dem Fuehrer und Reichskanzler,
solange er in Berlin ist, eine Art privater Haeuslichkeit bietet.  Schon ist
es auch bei anderen zur Regel politischer Klugheit geworden, seine Kinder dem
Kanzler ins Haus zu senden; Neurath, der Aussenminister, und Eltz-Ruebenach,
der fruehere Verkehrsminister, wissen es.

Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.pp.191.192.




   Sieben Freunde.  Sieben Stuetzen, Ergaenzungen und Ausfuellungen
einer sehr lueckenhaften Persoenlichkeit.
   Rudolf Hess ist gewissermassen der einzige Mensch in all diesem
Menschenstoff, mit dem dieser Tyrann wider Willen hantieren muss.  Der
einsame Weg des Fuehrers durch jubelnde Menschenmauern hinauf zur Macht
hat den Menschen Hitler in immer tiefere Verduesterung gefuehrt; einer
der wenigen Menschen, und unter den Kameraden vorderer Reihe wohl der
einzige, der ihn ueberhaupt zuteil wurde, ist Hess.  Er ist Hitler
weder als Geist, noch als Naturell gewachsen, und hat sich in der Partei
nicht so weit frei geschwommen, dass er den Halt am Fuehrer entbehren
koennte; seine Staerke liegt nicht in seiner Tauglichkeit, sondern in
seiner Zuverlaessigkeit.

Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.p.198.



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   Schwarz, der sachliche Kassenhueter, ist in dieser Partei der Aufgeregten
oder Verkommenen der Normale an hervorragender Stelle.  Er repraesentiert in
der Reichsleitung der Partei ein Stueck jenes deutschen Volkes, das der Gegen-
stand aller politischen Arbeit ist.  Die Partei samt ihres Fuehrers moechte
maechtig, gefaehrlich und zu allem faehig sein, dieser Kassierrer machte sie
serioes.
   In Max Amann scheinen sich alle Instinkte auszutoben, zu denen Hitler sich
nicht bekennen will.  Er hat den Mut,offen etwas fuer sich zu wollen; er kann
es sich leisten, weil er zugleich etwas fuer Hitler will.  Wenn der Fuehrer
den Wunsch nach Geldverdienen nicht aeussern darf, so darf Amann sich eine
Ehre daraus machen, dass er fuer Hitler Geld verdient.  Amann, samt seinem
Stil und seinen Methoden, stellt dar: Adolf Hitler, wenn er Kaufmann waere.
   Roehm war die ruhige und gleichmaessige Kraft, die Hitler nie besass und
deren er stets bedurfte.  Ihre gemeinsame Laufbahn ist ein staendiges An-
und Wegpendeln gewesen; und nicht Roehm war es, der schwankte.  Auch war nicht
er es, der den letzten heftigen Zusammenprall wollte;  vielleicht kann man
sagen, dass seine gleichmaessige Kraft, dem Begleiter seit Jahren immer mehr
irritierend wie ein Magnet den Schlag auf sich gezogen hat.
   Der Brief an Himmler ist an einen Mann gerichtet, der aus durchschnittlichen
Begabungen eine Hoechstleistung herausgeholt hat.  In keiner Weise genial oder
originell, hat er, nachahmend und aufgreifend, gute Anregungen und vorzuegliches
Material tadellos verarbeitet, alles richtig gemacht, und nichts versaeumt; eine
Leistung, die in jeder Beziehung das Gegenteil einer Hitlerischen Leistung ist.
SS und Gestapo scheinen die Ochrana, den Intelligence Service oder die GPU an
Ideenreichtum und Verschlagenheit nicht zu erreichen; dafuer sind sie das
Hoechste an korrekter Organisation, was gedacht werden kann.
   Goebbels ist von allen sieben der einzige, der ueber die gesellschaftliche
Sphaere hinausragt und diesen mit einer Welt verbindet, in der man sich nicht
langweilt.  Er hat Geschmack an Schoenheiten des Lebens, zu denen Hitler heimlich
Lust hat; zugleich verzehrt ihn der Ergeiz nach Erfolgen, fuer die er selbst
zwar Talent genug , aber nur Hitler die Kraft besitzt.  In merkwuerdiger Wechsel-
beziehung ergaenzen sie einander, waehrend Hitler auf dem Gipfel der Macht durch
menschliche Armut ungluecklich ist, sieht Goebbels auf dem hoechsten Kamm
persoenlicher Erfolge sich durch Mangel an wirklicher Macht gedemuetigt.
   In Rosenberg schliesslich trifft Hitler auf einen Kameraden, der bei groesserer
intellektueller Schaerfe noch grausamer in der Seele verduestert ist.  Sind es bei
Hitler Hemmungen aus der Jugendzeit, so scheint bei Rosenberg der Widerspruch
zwischen politischem Bekenntniss und persoenlicher Wahrheit noch tiefer zu liegen.
Gegen ihn sind vor einiger Zeit praezisierte Beschuldigungen erhoben worden, die
sich zum Teil auf seine Abstammung, zum Teil auf sein Vorleben beziehen.  Sie
sind dem Inhalt nach nicht neu und innerhalb der Partei schon frueher von Goering
und Hanfstaengl ausgesprochen worden.  Danach hat Rosenberg einen, wenn auch schmalen
Tropfen juedischen Blutes in den Adern;  auserdem lettisches, mongolisches und
franzoesisches.  Von seinen Gegnern in der Partei ist Rosenberg der Spionage fuer
Frankreich bezichtigt worden; dies wird dahin berichtigt, dass der Vorwurf einen
inzwischen verstorbenen Bruder treffe, der mit Alfred Rosenberg in Verbindung
gestanden habe.  Dass die Familie in verschiedener Hinsicht erblich belastet ist,
wird, auch wenn die dafuer angefuehrten Einzelheiten nicht beruecksichtigt, durch
Aussehen und Verhalten Rosenbergs glaubhaft gemacht.

Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.pp.199.200.



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Ein Mischling und erblich Belasteter als Verteidiger von reiner Rasse und
Erbgesundheit ist kein schlechter Gefaehrte fuer den Fuehrer, der sich aus dem
Obdachlosenasyl den Weg bis an die Spitze der Elite der Nation erkaempft hat.

   Unter den sieben Freunden fehlt Goering.... So sehr Goering in den Kreis
der Exaltierten um Hitler passt, so schwierig ist das menschliche Verhaeltnis
zwischen ihnen.  Goering, ein Lebensbejaher und Lebensgeniesser, durchschaut
nicht nur, wie die anderen, die Kuenstelei in Hitlers scheinbarer Schlichtheit;
er laesst es auch merken, dass er den wahren Grund, naemlich Mangel an
Forschheit, erkennt.  Im keineswegs engeren Kreis hat er seinen Fuehrer einen
Hampelmann genannt, und das vor den Ohren des Auslandes, naemlich im Fruehjahr
1933 in Rom; Hitler wiederum hat seinen in Seide und Sternen glaenzenden
Ministerpraesidenten mehrmals oeffentlich zurechtweisen lassen, meist durch
den Mund des gekraenkten und beiseitegedraengten Goebbels.

   An Ratlosigkeit und Unzufriedenheit Hitler vergleichbar, jagt er
nicht wie dieser nach den Ehren, sondern nach den Genuessen des Lebens;
er will nicht gelten, sondern haben.  Hitler ist durch seine politischen
Erfolge in die, Goering in der Gesellschaft aufgestiegen;  jener wollte
hinein, um seine Bestaetigung zu haben, dieser wollte hinauf, weil es
angenehm war und er ein Recht dazu fuehlte, wie alle anderen seiner Stufe.
An Lebensgier und Energie sind beide gleich; aber der Fuehrer hat seine Kraft
benutzt, die Lust am Leben in sich zu verkrueppeln, der Paladin, sie zu
befriedigen.
   So besteht eine Fremdheit zwischen beiden, die von Zeit zu Zeit immer
wieder wie eine Feindseeligkeit ausbricht.

   Aus seiner Abneigung fuer die Persoenlichkeit des Mannes, in dem er doch
seinen wichtigsten Mitarbeiter sieht, macht Hitler kaum einen Hehl.  In
wenigstens andeutender Art selbst vor Fremden nicht.  Einer Tischnachbarin
schwaermte er vom Vegetarismus und sagte, er hoffe zuversichtlich, dass alle
Voelker noch so weit kommen werden, sich nicht von toten Tieren zu naehren.
Unbegreiflich, fuhr er fort, sei ihm Goering und seine Leidenschaft fuer das
Toeten von Tieren.  In seinem Hause hielt Goering lange Zeit einen zahmen
Loewen; dieser Loewe habe im, Hitler, einmal die Tatzen auf die Schultern
gelegt, was ihm einen ziemlichen Schrecken eingejagt habe.  Goering habe ihn
dann beruhigt; aber -- und nun geraet er noch nachtraeglich in Empoerung --
wohin koenne dieser Unfug noch fuehren, wenn etwa der Loewe sich einmal auf
eins der kleinen Kinder von Goebbels stuerzen wuerde.  Vergebens hat Goering
versucht, seinen Fuehrer mit dem Jagdwesen auszusoehnen.  Im staatlichen
Jagdrevier der Schorfheide, das er zu seiner Privatjagd gemacht hat, lies er
Ende 1933 ein Holzhaus bauen und hielt dieses in seiner Einfachheit fuer
Hitler angemessen; er schenkte es ihm also.  Aber Hitler hat das Haus nie
betreten, und darauf geschah etwas Merkwuerdiges: das verschmaehte Haus
brannte im Februar 1934 ab.

Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.pp.200.201.202,203.



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  Ein ohnmaechtiges, aus eigener Kraft und auf natuerliche Art nicht
befriedigtes Verlangen nach Menschen trieb ihn zu den Massen, und von
den Massen findet er den Weg zu den Menschen nicht zurueck...
...Alle Zeugnisse, auch die spaeterer Bewunderer, berichten von der
voelligen Isolierung des jungen Menschen; und sie war nicht nur voellig,
sondern auch gewollt.  Er hat sich vor der eigenen Familie verkrochen
und galt ihr als verschollen; im Obdachlosen-Asyl, im Maennerheim enstand
um ihn -- aus dem Bericht des Gefaehrten Hanisch geht es hervor -- eine
leere Zone, durch die er zu den Leidensgefaehrten nicht durchdrang.  Im
Felde galt er als Sonderling, und in der jungen "Deutchen Arbeiterpartei"
wusste man nichts von dem Privatleben des Fuehrers; fragte man ihn, wurde
er zornig.  Ein wirklicher Freund, Joseph Berchthold, hat aus jener Zeit
erzaehlt, wie wenig die Parteigenossen mit Hitler ausserhalb der politischen
Arbeit zusammenkamen.
   Doch nicht wie andern Sonderlingen gelingt es ihm, sich eine private
geistige Welt aufzubauen; etwa -- die notwendige Verstandesgaben waeren
reichlich da -- einen echten Bildungsvorrat anzulegen und zu neuen
Erkenntnissen vorzuschreiten.  Dabei hat er eine starke Besitzfreude
merkwuerdigerweise gerade an Buechern.  "Sie wuerden sich wundern" sagte
einmal ein Mann seines naeheren Umgangs, "wenn sie die herrliche Bibliothek
Hitlers saehen; ganze Waende voll der schoensten Buecher, und alle nicht
gelesen."
   Eine Art Angst vor Erkenntnis und vor geistiger Auseinandersetzung selbst
mit dem bedruckten Papier hemmt ihn.  Ein polnischer Journalist, Kazinierz
Smogorzewski, wagte ihn zu fragen: "Welche von den grossen Geistern der
Vergangenheit haben einen ausschlagenden Einfluss in intellektueller Hinsicht
auf Ew. Exzellenz ausgeuebt?"  Darauf die klassische und fuer Hitler wahrhaft
bezeichnende Antwort:
   "Es ist schwer, die Zahl jener Geister aufzuzaehlen, die zu jeder grossen
Idee schon in der Vergangenheit befruchtende Beitraege geleistet haben.
Unser ganzes Anschauungsbild entsteht zu ueberwaeltigendem Teil aus den
Resultaten geistiger Arbeit der Vergangenheit und zu einem kleineren Teil
auf Grundlage eigener Erkenntnisse.  Das Entscheidende ist nur, das einem
von den grossen Geistern frueherer Zeiten ueberlieferte Gedankengut vernuenftig
und zweckmaessig zu ordnen und die sich daraus ergebenden logischen Konsequenzen
zu ziehen.  Denn was nutzen alle Erkenntnisse, wenn man nicht den Mut besitzt,
sich ihrer zu bedienen?  Indem wir aus einer Unmenge geistiger und wissen-
schaftlicher Ideen und Erkenntnisse die praktischen und politischen Folgen
ziehen, haben wir die vollkommen steril gewordene Traegheit ueberwunden und
unserm nationalen Leben damit einen neuen und, wie ich ueberzeugt bin,
entscheidenden Aufschwung gegeben."

   In seinen Reden aus fuenfzehn Jahren findet sich kein klassisches Zitat;
in "Mein Kampf" auch nicht.

  Jedoch der Mut, sich offen zur Barbarei und Unbildung zu bekennen, fehlt
ihm trotzdem; er wird immer Dank dafuer verlangen, dass er die europaeische
Kultur verteidige.

   Zwei miteinander ursaechlich verbundene Zuege kennzeichnen den geistigen
Menschen Hitler; Besessenheit vom Zweck und Angst vor dem Geist.  Geist ist
jenes Reich des Gedanken, in dem der Mensch die Ideen nicht verwendet, sondern
sich vor ihnen verantwortet.

Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.pp.205.206.207.



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   Dies ist Hitlers unheimliche und nicht nachahmenswuerdige Staerke:
sein aus dem Kern kommender Mangel an Liebe und Bindung, in der oberen
Schicht verdeckt, doch nicht ausgewogen durch einen dicken Schaum von
ruehrseeligkeit, Mitleid mit sich selbst und unbefriedigtem, weil nicht
zum Zurueckspenden faehigen Verlangen nach dem Mitmenschen.  Die Natur
hat ihn nach Faehigkeit und Trieb als einen der staerksten Egoisten und
Menschenbenuetzer konstruiert, aber seiner Substanz nicht die Haerte
mitgegeben, eine solche Berufung ohne Schmerz zu ertragen.  So ist seine
Existenz ausgespannt zwischen Handlungen von philosophisch reiner Bestialitaet
und Gefuehlen von ruehrender, ja bejammernswuerdiger Menschlichkeit.
   Er benuetzt zum Beispiel Menschen, um Buecher zu ersetzen; sind seine
Antworten im Gespraech nicht befriedigend, so ist er dafuer ein Kuenstler
der Frage.  Er liebt Gespraeche, aus denen er lernen kann, und versteht es
meisterhaft, aus anderen alles fuer ihn wesentliche Wissen herauszuholen.
Ein Schweizer Gelehrter besucht ihn und muss ein stundenlanges Verhoer ueber
das Funktionieren der Demokratie in seinem Lande ueber sich ergehen lassen;
er geht weg mit dem Gefuehl, ausserordentlich scharfsinnig und zielbewusst
ausgeschoepft worden zu sein.  Mitglieder deutscher Botschaften im Ausland
werden nach Einzelheiten in England und Frankreich gefragt, an die sie nie
gedacht haben; wie gross die Zahl gewisser Laeden in bestimmten Strassen
ist, was und nach welchen Grundsaetzen dort verkauft wird, zu welcher
sozialen Schicht die Kunden gehoeren; und wenn der arme Attache nicht antworten
kann, erhaelt er den freundschaftlichen Rat, die Bedeutung solcher Dinge in
Zukunft besser zu wuerdigen.  Belehren oder sich belehren lassen ist die Art
seines Gespraechs; klaerende Rede und Gegenrede verwirrt ihn.  Er will sich
geistig bereichern oder sich durchsetzen und hat keinen Sinn fuer Eroerterung
einer Sache um ihrer selbst willen.
   Die andere Form seiner Unterhaltung ist der Monolog, der haemmernde Vortrag;
werbend, bisweilen flehend und dadurch wenig ueberzeugend, wo die Zustimmung
des andern Teils nicht sicher ist; voll strahlender und hinreissender Gewissheit,
wenn er an seiner Autoritaet ueber den Partner nicht zweifeln braucht.  In vielen
Gespraechen mit Hugenberg, Schleicher, Papen und Hindenburg hat er schlecht
abgeschnitten; sei es, dass er in der Diskussion nicht standhielt, sei es, dass
er endlos und langweilig redete.  Und dennoch bekunden Personen gleicher Art, ja
zum Teil ebendieselben Personen, dass spaeter der zum Reichskanzler gewordene
unter vier Augen eine fast raetselhafte Ueberzeugungskraft auf sie ausuebte;
dass sie bisweilen zu ihm gingen mit dem Entschluss zu energischem Widerspruch
und ihn verliessen mit dem stillschweigenden Gestaendnis, er habe eben doch recht.

Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.pp.207.208.209.



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   Am 9. November 1936 sagte er in einer geschlossenen Veranstaltung alter
Kameraden zu Muenchen: er habe frueher an die Schlauheit und Verschlagenheit
der Juden geglaubt; das sei ein Irrtum gewesen.  Die Juden seien das duemmste
Volk der Welt.  Der Redepassus wurde im Druck gestrichen.  Fuerchtete er die
Juden einst, weil sie das raffinierteste, spaeter aber, obwohl sie das duemmste
Volk der Welt sind, so laesst ein solcher Widerspruch von dem ganzen Zentral-
gedanken seiner Politik wenig mehr uebrig als ein starkes Schlagwort und
vielleicht ein triebhaftes Gefuehl, das seine Kraft aus tieferen, aber auch
trueberen Quellen schoepft als aus reiner Ueberzeugung.

Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.p.212.




   Der Fuehrer ist der demiurgische Mechaniker, hoch auf der Suggestionsmaschine
ueber der Gefolgsmaschine.  Der Mensch Adolf Hitler ist arm.  Naechtliche
Besuche -- wahrscheinlich illegal und mit falschen Papieren -- bei den Graebern
der Eltern in Loonding oder dem der toten Nichte und Freundin Geli Raubal in
Wien; menschenscheues, einsames Umherirren in der Weihnachtsnacht; tage- und
manchmal wochenlang bruetende Versunkenheit auf dem Obersalzberg; Stocken aller
Geschaefte und Entschluesse; das ganze friedlose Hin und Her zwischen Toben und
Weinen, Hocken und Fliehen, Streicheln und Wuergen lassen deutlich ermessen, was
private Beobachtung zur Gewissheit macht: dass der Menschenbezwinger Adolf Hitler
privat einer der ungluecklichsten Menschen ist.
   Im Februar 1937 besuchten ihn ehemalige Kriegsteilnehmer verschiedener
Laender in seinem Haus Berghof auf dem Obersalzberg.  Der franzoesischen
Delegation machte er Komplimente wegen der Pariser Weltausstellung.  Das Unter-
nehmen interessierte ihn sehr, als ehemaliger Architekt verfolge er seinen
Fortgang, und er bedaure nur, dass er es nicht selbst sehen koenne.  Einer der
Franzosen meinte: warum eigentlich nicht?  Man werde sich sehr freuen, den Herrn
Fuehrer in Paris zu empfangen.  Hitler laechelte truebseelig und sagte: "Erst
nach meinem Ruecktritt."

Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.pp.2123.214.




   Hier liegt das Geheimnis der Erscheinung Hitlers zutage.
   Wir konnten sein Handeln durch siebzehn Jahre verfolgen, die Konsequenz
in der Unzuverlaessigkeit fast bewundern.  Die aktenkundigen und historischen
denkwuerdiger Faelle wurden in erheblicher Zahl aneinander gereiht: die
interne Personen, --Partei--, und Kabinettsgeschichte koennte sie verzehn- und
verhundertfachen.  Die Starrheit des Fuehrers in den Methoden und seiner
Unzuverlaessigkeit in den Sachen erbittern die Gemueter der Gehilfen zu
jahrelangem stillen Grimm und zeichnen die Geschichte der Bewegung mit einer
kaum jemals abreisenden Kette von grossen und kleinen Explosionen.

Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.p.233.




00010834.GIF  (page 8)

   Wer hat sich nicht schon alles beschwert, dass auf Hitler kein Verlass sei.

Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.p.233.




   Ueber dem Haustor dieses Mannes auf dem Obersalzberg steht der Spruch:
   "Meine Ehre heisst Treue."
   Dieser Widerspruch zwischen Wort und Tat ist das tiefste und doch so
offenkundige Geheimnis seiner Faszination.


Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.p.234.




   Er selbst kennt sich wohl.  Dem General Grafen v.d. Goltz sagte er:
"Ich bin der grosse Idealist, Demagoge und Agitator."  Der General steckte
dies Gestaendnis in das Schlusskapitel seines 1936 veroeffentlichen Buches,
beachtet haben es wohl wenige.

Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.p.235.




00010835.GIF  (page 9)

   Ein oesterreichischer Politiker sah ihn zufaellig vor dem Braunen Haus in
Muenchen in den Wagen steigen; dabei wandte er sich um und gab einem Begleiter
mit tiefer, kraeftiger Stimme einen kurzen, inhaltlich uebrigens belanglosen
Befehl.  Die wenigen bedeutungslosen Worte machten auf den Oesterreicher einen
tiefen Eindruck; er brachte sie nicht mehr aus dem Gedaechtnis und stand, wie
er bekannte, infolge dieses unwesentlichen Satzes monatelang unter dem Banne
der Persoenlichkeit Hitlers.

Heiden, Konrad: Ein Mann gegen Europa. 1937.p.210.

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