Die Entwicklung der Gaswagen beim Mord an den Juden 415
die "Vorschläge für eine Schnellentladevorrichtung" allein für Saurer-Pahrzeuge
gedacht waren. Da auch Pläne fur eine solche Vorrichtung nur für diesen Fahrzeugtyp
entworfen wurden - sie sollte nachträglich bei den im Einsatz befindlichen Wagen
eingebaut werden [91] -, ist davon auszugehen, daß sich der gesamte Auftrag über
dreißig Fahrgestelle ausschließlich auf Saurer-Wagen bezog.
Bekräftigt werden diese Überlegungen durch das Schreiben Beckers an Rauff
vom 16.Mai 1942. Dort heißt es: "Während die Wagen der ersten Serie auch bei nicht
allzu schlechter Wetterlage eingesetzt werden können, liegen die Wagen der zweiten
Serie (Saurer) bei Regenwetter vollkommen fest."[92]
Es fällt auf, daß Becker eine Trennung zwischen zwei Serien von Wagen vor-
nimmt; außerdem ist die Bezeichnung "Saurer" für die Wagen der zweiten Serie nur
dann möglich, wenn alle Fahrzeuge dieser Serie gleichen Typs waren. Somit gab das
Referat II D 3a Ende 1941 an Firma Gaubschat den Auftrag sowie dreißig Saurer-
Fahrgestelle mit Aufbauten zu versehen, von denen bereits im April zwanzig ausge-
liefert waren [93]. Laut Quellen und Zeugen kamen Gaswagen der Marke Saurer erst
ab Januar 1942 zum Einsatz [94], also später als die kleinen Wagen. Berücksichtigt man
die notwendige Umbauzeit [95], kann der Auftrag 1737 nicht vor Dezember 1941
erteilt worden sein. Beckers Trennung bezieht sich somit nicht nur auf die Größe der
Wagen, sondern auch auf den Zeitpunkt ihrer Herstellung und ihres Einsatzes.
Das bedeutet, daß am Anfang sechs kleinere Gaswagen hergerichtet und einge-
setzt wurden, daß man aber schon im Dezember 1941 dazu übergegangen ist, nur
noch großräumige Fahrzeuge, Marke Saurer, herzurichten, erstens weil beabsichtigt
war, jedes Sonderkommando der einzelnen Einsatzgruppen mit mindestens einem
Gaswagen auszustatten [96], und zweitens um die Vergasungskapazität zu steigern.
Daß dieser Aspekt im Vordergrund stand, zeigt der Aktenvermerk vom 27.April
1942, in dem mehrere Möglichkeiten erörtert werden ("Kippvorrichtung des
Kastenaufbaues", "Kippbarmachung des Bodenrostes", "Aus- und einfahrbarer Rost"),
um eine schnellere Entladung des "Ladegutes" (vergaste Personen) zu erreichen [97].
Auch als sich herausstellte, daß die großen Wagen nicht bei jedem Wetter geländetauglich
waren, wurde nicht daran gedacht, kleine Fahrzeuge wie am Anfang einzusetzen, sondern
der Aufbau sollte nur geringfügig verkürzt werden [98].
Außer für technische Fragen war das Referat II D 3a auch für den Einsatz der
Fahrzeuge der Sicherheitspolizei und somit auch der Gaswagen zuständig.
Dafür spricht nicht nur der Aufgabenbereich des Referats, sondern auch die Tätigkeit von
--
91. Aktenvermerkvom 5.6. 1942 (Anm.4).
•
92. Vgl. Anm. 86.
93. Das ergibt sich aus dem Schreiben der Firma Gaubschat
an Rauff vom 14.5. 1942 (Anm.3).
94. Vgl. die Schreiben vom 9. und 15.6. 1942 sowie den Bericht Beckers vom 16.5. 1942,
IMT-Dok.501-PS. Zu den Zeugenaussagen vgl. NS-Massentötung, S.87 ff.
95. Siehe Anm.62.
96. Aussage A. Beckers vom 28.1. 1960 (Anm.17), Bl.44.
97. Siehe Anm.3.
98. Aktenvermerk vom 5.6. 1942 (Anm.4).
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