Die Entwicklung der Gaswagen beim Mord an den Juden 411
dem Kastenaufbau Gasproben entnommen wurden. Der Chemiker Leiding,
Mitarbeiter des KTI, sagte dazu aus:
"lch bin mal in diesen Wagen mit einer Gasmaske gestiegen, mit dem Auftrage,
laufend Luftproben zu entnehmen. Diese Luftproben sind dann im Labor analysiert
worden."[52] Weshalb diese Analysen notwendig waren, erfährt man aus
der Aussage Widmanns vom 12.Januar 1960:
"Der Sinn der Analyse war übrigens festzustellen, innerhalb welcher Zeit der
CO-Gehalt im Wagen 1% erreicht hat. Bei diesem CO-Gehalt tritt in kurzer Zeit
tiefe Bewußtlosigkeit und dann der Tod ein. (3. Stadium der CO-Vergiftung.) Man
wollte erreichen, daß das erste und zweite Stadium der CO-Vergiftung nicht erst
eintrat. Das erste Stadium ist Benommenheit und Übelkeit, das zweite Stadium
Erregungszustände."[53]
Kurze Zeit danach fand eine Probevergasung im Konzentrationslager
Sachsenhausen statt (das KTI hatte dort eine Werkstatt), an der außer Heess und
den beiden Chemikern Leiding und Hoffmann noch SS-Offiziere teilnahmen.
Widmann war daran nicht beteiligt [54]. Laut Krausnick und Wilhelm hat er sich um
den 3.November in Kiew aufgehalten [55]. Die Probevergasung in Sachsenhausen
muß demnach zu diesem Zeitpunkt stattgefunden haben. Zu den Vorgängen in
Sachsenhausen sagte Leiding aus:
"Welchem Zweck der Wagen dienen sollte, aus dem die Luftprobe entnommen
wurde, habe ich erst einige Zeit später erfahren. Ich wurde eines Tages
aufgeforden, mit nach Sachsenhausen zu fahren ... und dort stand ein Wagen,
der dem gleich war oder ähnelte, welchen ich im Hof des Reichskriminalpolizeiamtes
gesehen habe ... Die Zahl der Männer, die den Wagen bestiegen, mag vielleicht 30
betragen haben . . . Die Leichen hatten, wie von uns Chemikern festgestellt
wurde, das rosarote Aussehen, wie es für Menschen typisch ist, die an einer
Kohlenoxydvergiftung gestorben sind."[56]
Über die erfolgreiche Probevergasung informierte Heess nicht nur Pradel [57],
sondern verfaßte zusammen mit Widmann darüber einen Bericht, den dieser
vermutlich zu Heydrich brachte [58]. Damit war der Prototyp des Gaswagens
geschaffen und erprobt. Die restlichen bei der Firma Gaubschat in Auftrag
gegebenen Fahrzeuge wurden nun auch zu Gaswagen umgebaut.
--
52. Aussage vom 6.2. 1959, StA Stuttgart Az.13 Js 328/60 [ZSL, Az.439
AR-Z 18 a/1960, Bl.39]. Diese Analyse wird auch von Widmann bezeugt (Anm.14).
53. Aussage Widmanns vom 12.1. 1960 ebenda; vgl auch IMT-Dok 501-PS vom 16.5.42.
54. Das sagten übereinstimmend Leiding, Hoffmann und Widmann aus.
55. Siehe Krausnick/Wilhelm, S.544f. Die Zeugenaussagen nennen als Zeitpunkt
des Versuchs Anfang November 1941.
56. Aussage vom 6.2. 1959 (Anm.52), Bl.40. Hoffmann schildert den Vorgang ähnlich;
Aussage vom 27.1. 1959,StA Hannover, Az. 2 Js 299/60 [ZSL, Az.415 AR-Z 220/59, Bl.95ff.].
57. Siehe Urteil gegen Pradel, Bl.427.
58. Aussage von E.Freiwald, Angestellte beim KTI, vom 3.9.1959 und W.Schade vom 12.2. 1959,
StA Hannover, Az.2 Js 299/60 [ZSL. Az.415 AR-Z 220/59, Bl.68 f. und 181].
59. Siehe Anm.44.
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