Die Entwicklung der Gaswagen beim Mord an den Juden 407
Ausgehend vom Zeitpunkt des ersten Einsatzes ist damit zu rechnen, daß
"Kaisers-Kaffee"-Wagen ab Ende 1939 bis Mitte 1940 hergerichtet wurden, und zwar
unter Mitwirkung der Kanzlei des Führers und des RSHA.
Am 15. und 16.August 1941 war Himmler in Baranowitschi und Minsk [28] und beobachtete
eine Erschießungsaktion im Bereich der Einsatzgruppe B [29]. Der anwesende Höhere SS-
und Polizeiführer Rußland Mitte, von dem Bach-Zelewski, berichtete später, Himmler sei
dabei sichtbar bewegt gewesen [30]. Danach habe Himmler eine Heilanstalt für Geisteskranke
besucht und anschließend den FÜhrer der Einsatzgruppe B, Nebe, angewiesen, nach
Wegen zu suchen, um das Leiden dieser Menschen so schnell wie möglich zu beenden,
da er nach den Erfahrungen bei der Erschießung zu dem Schluß gekommen sei, "daß
Erschießen doch nicht die humanste Art" sei [32]. Darüber sollte er "einen Bericht"
einreichen. Himmler wandte sich an Nebe, da das KTI, das dem Amt V unterstand, sich
schon bei der Erprobung von Tötungsverfahren im Rahmen der "Euthanasie"
ausgezeichnet hatte, so daß jetzt auf seine Erfahrung zurückgegriffen werden konnte.
Nebe war zugleich Chef des Amtes V im RSHA. In dieser Eigenschaft ließ er Anfang
September Widmann mit Sprengstoff und zwei Metallschläuchen nach Minsk kommen[33].
Widmann hatte diesen Auftrag mit seinem direkten Vorgesetzten Heess besprochen.
Daraus geht hervor, daß außer der Belastung der Erschießungskommandos ein weiterer
Grund fur die nachfolgenden Experimente vorlag
"Es ist mit Heess auch über die Anwendung von Gas zur Tötung der Geisteskran-
ken gesprochen worden, insbesondere darüber, daß der Transport von CO-Flaschen
nach Rußland unmöglich sei."[34]
Die CO-Flaschen wären notwendig gewesen, wenn man "Kaisers-Kaffee"-Wagen
--
28. Diensttagebuch Bach-Zelewskis, Bundesarchiv Sign. R20/45b, Kopie ZSL,
Findmittelschrank Nr.37. Demnach war Himmler am 30.7.1941 in Baranowitschi und am
15./ 16. August in Baranowitschi und Minsk. Am 15.August wurde Bach hinzugezogen so
daß Himmlers Beobachtung der Erschießung wohl am ehesten auf diesen Tag zu
datieren ist. Vgl. dazu auch die Aussage der russischen Ärztin N.N. Akimova, die von
einem Besuch Himmlers in einer Heilanstalt im August 1941 spricht;
bei A.Ebbinghaus/G.Preissler, Die Ermordung psychisch kranker Menschen in der
Sowjetunion. Dokumentation, in: Aussonderung und Tod. Die klinische Hinrichtung der
Unbrauchbaren Berlin 1985, S.188.
29. Zur Einsatzgruppe B: H.Krausnick/H.-H.Wilhelm, Die Truppe des Weltannschauungskrieges.
Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938-1942, Stuttgart 1982 S.179ff.
30. Aussage Bach-Zelewskis in: Aufbau (New York) 23.8.46, S.2. Vgl. dazu die ähnlichen
Ausführungen von Karl Wolff, Adjutant Himmlers, der auch anwesend war, StA München,
Az.10 a Js 39/60 Anklageschrift [ZSL, Az. Sammelakte 137, Bl.140ff.]. Dort auch
weitere Zeugen für den Vorfall.
31. Ebenda. Vgl. die Aussage von N. N. Akimova (Anm.28).
32. Aussage Bach-Zeleswskis (Anm.30). Vgl. dazu auch die Aussage des Chemikers H.Hoffmann
vom 27.1.59, StA Düsseldorf, 8 Js 7212/59 [ZSL, Az.439 AR-Z 18a/60, Bl.28.].
33. Aussage von A.Widmann vom 11.1.1960 (Anm.14), Bl.45ff.; A. Bauer, Fahrer beim KTI,
Aussage vom 17.3.1960, H. Schmidt, Mitarbeiter beim KTI, StA Bremen, Az.6 Js 3/60
[ZSL, Az.202 AR-Z 152/59 Bl.135; 201].
34. Aussage A.Widmanns vom 11.1.1960 (Anm.14),Bl.46.
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